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Eine wohlwollende, aber eindeutige Kritik postkolonialer Erinnerungstheorie

 

Rezension von Stefan Vennmann

Sznaider, Natan, 2022: Fluchtpunkte der Erinnerung.

Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus

München: Hanser

256 Seiten, 24,00 Euro.

ISBN: 978-3-446-27296-5

Natan Sznaiders Buch tastet sich primär fragend vor, ob und wenn ja in welchem Verhältnis sich Holocaust und Kolonialismus sowie die Erinnerung an diese historischen Verbrechen zusammendenken lassen können und sollten, aber auch wo theoretischen Grenzen der Überschneidung liegen. Was vor dem Hintergrund der Grabenkämpfe zwischen antisemitismuskritischer Holocaustforschung und postkolonialer Theorie im Zuge der ‚Mbembe-Debatte‘ und des sogenannten ‚Historikerstreit 2.0‘ zunächst wie ein zahnloser Vermittlungsversuch wirkt, an dessen Ende die Erkenntnis steht, man müsse historische Gewaltverbrechen in ihrer eigenen Logik begreifen, ohne sie gegeneinander auszuspielen, ist bei genauerem Hinsehen tiefgründiger. Zwar wohlwollend formuliert, ist das von Sznaider entwickelte Konzept der Fluchtpunkte der Erinnerung vor allem eine Kritik der ‚multidirektionalen Erinnerung‘ (Michael Rothberg), der Vorstellung, man müsse Holocaust und Kolonialismus als miteinander verschlungene Phänomene betrachten, müsse in der Erinnerung an das eine auch notwendig das andere mitberücksichtigen. Sznaider hingegen betont vor allem die Parallelität der Verbrechen und entwickelt diese Perspektive aus einem besonderen ideengeschichtlichen Zugang. Darüber hinaus ist vor allem Sznaiders starkes Bekenntnis zur Singularität der Shoah, zum Zionismus als jüdischer Emanzipationsbewegung und zur Souveränität des Staates Israel hervorzuheben – allerdings ohne einer Erinnerung an und Verantwortung für die europäischen Kolonialverbrechen die besondere Notwendigkeit abzusprechen.

Ausgehend von der Wissenssoziologie Karl Mannheims (36) steht vor allem Hannah Arendt als zentrale Ideengeberin im Mittelpunkt. Immer wieder auf sie zurückkommend, interpretiert Sznaider Arendts durchaus ambivalente Position zum jüdischen Staat als spezifisch ‚jüdischen Blick‘ auf Nationalsozialismus und Kolonialismus gleichermaßen, ohne damit zu behaupten, Arendt werfe beides uneingeschränkt in denselben Topf. Der starke Bezug auf Arendt klärt auch darüber auf, warum Sznaiders Versuch auf den Begriff der Fluchtpunkte gebracht wird. In der Flucht vor Gewalt, die neben Arendt auch viele andere im Buch auftauchende Protagonisten auf die ein oder andere Weise erleiden mussten, spiegelt sich die partikulare Erfahrung, die für die Praxis des Erinnerns zentral ist (111).

Eine wohlwollende, aber eindeutige Position…

Mit Blick ins Inhaltsverzeichnis ließe sich darauf schließen, dass Sznaider eine eher ideengeschichtlich ausgerichtete Studie verfasst hat, in der die unterschiedlichen Positionen jüdischer und postkolonialer Denkerinnen und Denker dargestellt werden. Die im Anschluss an Arendt formulierte „Unterscheidung zwischen jüdischer und nicht-jüdischer Erfahrung“ (70) zeugt aber von mehr. Sie ist nicht nur von historischer, sondern auch von systematischer Relevanz und leitet das Buch in seiner Erkenntnis, eine adäquate Theorie der Erinnerung an historische Verbrechen müsse ein Denken der Parallelität partikularer Erfahrungen einfangen und die Verbrechen zugleich in einen universalgeschichtlichen Kontext einordnen, partikular und universell zugleich zu betrachten. Dies bedeute aber in keinem Fall, eines der Verbrechen zu bagatellisieren, Grabenkämpfe auszutragen, in denen über den vermeintlich wichtigeren, ursprünglicheren und notwendigeren Opferstatus entschieden wird. In der gegenwärtigen Debatte erkennt Sznaider diese Tendenz – wenn auch auf beiden Seiten existierend – eher auf Seiten der postkolonialen Argumentation, die die Partikularität der jüdischen Erfahrung als ‚weiße‘ und damit nicht als ‚unterdrückte Erfahrung‘ konstruiert. Die Vehemenz, mit der die partikulare jüdische Erfahrung als gleichwertige Opfererfahrung mit fast „religiösem Eifer“ (85) abgewehrt wird, führt Sznaider auf ein antizionistisches Ressentiment innerhalb des Postkolonialismus zurück, das offensichtlich antisemitische Züge annimmt (52).

An dieser Stelle wird deutlich, dass es sich nicht nur um eine ideengeschichtliche Studie handelt, denn Sznaider versucht den theoretischen Spagat zwischen Holocaust und Kolonialismus in besonderer Weise zu leisten. Er stellt dar, dass sich mit Frantz Fanon, dem wohl wichtigsten Theoretiker des antikolonialen Kampfes, der Zionismus als antikoloniales Emanzipationsprojekt verstehen lässt (104). Diese Interpretationsmöglichkeit seitens der postkolonialen Theorie zu übersehen oder wissentlich zu ignorieren, weil eine theoretische Begründung des Zionismus als antikolonialem Kampf durch einen zentralen Denker des Postkolonialismus politisch unerwünscht ist, ist für Sznaider unzulässig, inkonsistent und zeugt von einem Partikularismus, der nicht bereit ist, zugleich universell gedacht zu werden.

Demgegenüber verweist er – und das ist eines der theoretisch stärksten Argumente im Buch, das nach einer tiefergreifenden Betrachtung verlangt – auf eine Strukturähnlichkeit der antikolonialen, selbstbestimmten Kämpfe der Opfer von nationalsozialistischer und kolonialistischer Gewalt zum Zweck der „Menschwerdung und Wiederaneignung der Würde“ (108). Sie werden parallel geführt unter je bestimmten historischen Bedingungen, in denen unterschiedliche Opfer aus ihren je unterschiedlichen kollektiven Beweggründen mit Gewalt für ihre kollektive Selbstbestimmung gegen Aggressoren aufbegehren.

Als Denker, mit dem sich Fanons antikoloniale Theorie als auch für den Zionismus fruchtbar erweitern ließe und der die in der postkolonialen Theorie ebenso dominante wie stereotype Vorstellung ‚weißer Juden‘ herausfordert, führt Sznaider den eher unbekannten Albert Memmi an. Memmi passt in kein Schwarz-Weiß-Schema, steht als Jude und Araber für Zionismus und Antikolonialismus und repräsentiert als Opfer des Wütens der Nazis in Nordafrika und der Kolonialgewalt die „Spannung zwischen dem Universalen und dem Partikularen“ (123) beider Erfahrungen.

Aus der mit Fanon gedachten und an Memmi konkretisierten Parallelität der antikolonialen Kämpfe, die je auf partikulare historische Vorbedingungen zurückgeführt werden müssen, entwickelt Sznaider eine Kritik des multidirektionalen Erinnerns. Auch wenn diese auf den ersten Blick so wirkt, handelt es sich nicht um einen Versuch, jüdische und postkoloniale Perspektiven auf die Erinnerung an Holocaust und Kolonialismus als zwei Seiten derselben Medaille zu verstehen. Sznaiders Fluchtpunktperspektive steht nicht für einen simplen Dualismus des Erinnerns.

Die Linien der Erinnerung an Holocaust und Kolonialismus laufen parallel, sind scheinbar nah, und doch treffen sie sich vielleicht in der Wahrnehmung der Beobachter. Es sind parallele Beschreibungen aus bestimmten Perspektiven. Gemeinsame Beschreibungen von Holocaust und Kolonialismus sind daher möglich, können so artikuliert werden, um Zusammenhänge im Bewusstsein herzustellen, die tatsächlich existieren oder auch nicht. Kausalitäten können nur deklariert, aber sicher nicht bewiesen werden.“ (163)

Sznaider ist allerdings nicht naiv anzunehmen, dass dies in der wissenschaftlich-politisierten Praxis anerkannt wird. Zwar ließe sich kritisch anmerken, dass Sznaider die holocaustrelativierende Idee einer ‚Europäisierung Hitlers‘ bei Aimé Césaire (128) ebenso wie die eindeutig antisemitische Dämonisierung Israels, die Täter-Opfer-Umkehr und die Behauptung von israelischer Apartheit bei Edward Said nicht deutlich genug als antisemitisch kennzeichnet (146). Allerdings ist die Problematik dieser Positionen derart hinreichend bekannt (170f.), sodass die antikolonial-zionistische und antisemitismuskritische Stoßrichtung von Sznaiders Buch eine detaillierte Kritik solcher Abwege auch nicht wirklich nötig hat, sondern der Verweis genügt.

… mit einem vielleicht zu seichten Ende

Das Buch zeichnet sich durch die überzeugende Ein- und Zusammenführung bisher in der Debatte der theoretischen Grundlagen einer „globalen Moralität“ (182) der Erinnerungspolitik nicht relevanten Figuren aus. Theoretisch ausgearbeitet ist die Perspektive der Fluchtpunkte dabei allerdings nicht. Zwar ist die ihr konzeptionell zugrundeliegende Partikularität der Erfahrung, die Parallelität und moralische Nicht-Konkurrenz der Opfererinnerungen ideengeschichtlich gut begründet und unterstützt die Notwendigkeit, dass eine Postkolonialisierung der deutschen Erinnerung als Element historischer Verantwortungsübernahme politisch relevant ist.

Auch wenn Sznaider immer wieder dafür argumentiert, dass die jeweiligen Verbrechen ihrem spezifischen Charakter – und das scheint zu heißen: im Kontext ihrer konkreten historisch-gesellschaftlichen Bedingtheit – nach analysiert werden müssen und das postkoloniale Beharren einer „universalisierte[n] Schuld im europäischen Kontext“ (183) von konkreter Verantwortungsübernahme eher ablenken würde, liest sich das finale Plädoyer wieder versöhnlicher, als es seine emanzipatorisch-zionistische Interpretation der postkolonialen Theorie erfordern würde: Die je partikularen Erinnerungen an Holocaust und Kolonialismus müssen parallel gedacht werden, ohne moralische Überlegenheitsansprüche und die gegenseitige Delegitimierung der Kämpfe der Opfer beendet werden.

In wohlwollender Anerkennung der Leistung postkolonialen Theorie (167ff.) erscheint aber vor dem Hintergrund der ideengeschichtlichen Rekonstruktion das „postkolonialistische Erinnerungsmoment […] [als] eine radikale Vereinnahmung der jüdischen Katastrophe, die sich aber gleichzeitig als fortschrittlich und frei von ethnischen Bindungen versteht“ (191). Um eine solche Vereinnahmung zu verhindern und einen neuen Raum für den gemeinsamen Kampf der Opfer kollektiver Gewalt für „transnationale Solidaritäten und Verantwortungen zu schaffen“ (213), dürfe der Opferstatus nicht aus einer Meta-Erzählung des ‚Schreckens der Moderne‘ abgeleitet werden. Vielmehr müsse nach der Begründung einer neuen „Ethik des Nie Wieder“ (214, Herv. i. O.) gesucht werden. Was das allerdings im Detail praktisch wie theoretisch bedeutet, wird nicht ausgeführt, sondern bleibt Aufgabe weiteren Nachdenkens. Und für dieses Nachdenken liefert das Buch einiges an Hinweisen und Denkanstößen, die es noch detaillierter zu reflektieren gelte.

Stefan Vennmann promoviert an der Universität Duisburg-Essen und ist Mitarbeiter im AK Antiziganismus im DISS.

Diese Rezension stammt aus dem DISS-Journal#44 aus dem November 2022. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

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