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Schlaglichter des Kriegsdiskurses

 

Eine kleine Inventarauswahl zum öffentlichen Sprachgebrauch im Frühjahr 2022

von Felix Tripps, Friedemann Vogel und der Forschungsgruppe »Diskursmonitor«

Spätestens seit dem Angriff und Einmarsch Russlands in der Ukraine dominiert der Krieg auch die bundesdeutschen Debatten und schlägt sich im Sprachgebrauch nieder. Die folgende Inventarisierung von diskursprägenden Wortfeldern, Schlagwörtern und Topoi bildet lediglich einen kleinen Ausschnitt des Geschehens ab und fokussiert vor allem jene Phänomene, die über allgemeine Kriegsdiskurse hinaus in der aktuellen Auseinandersetzung eine besondere Rolle einnehmen. Die Sammlung stammt aus kontinuierlichen Beobachtungen und Diskussionen in der Forschungsgruppe »Diskursmonitor und Diskursintervention« (https://diskursmonitor.de), die sich seit 2019 um die Erfassung, Systematisierung und Dokumentation von strategischen Kommunikationspraktiken bemüht. Eine systematische Erhebung und korpusbasierte Auswertung sprachlicher, visueller und audiovisueller Zeichen im und um den Krieg stehen noch aus.

Neben der Übersicht über einige diskursprägende Schlagworte, Wortfelder und Topoi bietet die untenstehende Liste auch jeweils eine kurze Beschreibung bzw. Einordnung aus diskursanalytischer Perspektive. Dabei geht es nicht um eine inhaltliche Bewertung der jeweils aufgerufenen Deutungsmuster, sondern um die Beschreibung der Funktionsweise der jeweiligen Ausdrücke in ihrem im Diskurs beobachtbaren regelhaften Gebrauch.

#PutinsKrieg vs. #Russlandkrise: Benennungskonkurrenz (Hashtags) und damit einhergehender semantischer Kampf um die Perspektivierung des Agenten, vor allem zu Kriegsbeginn und in den ersten Kriegswochen (Februar-März 2022).

#unfassbar: Hashtag zum Ausdruck von emotionaler Betroffenheit durch die sich überschlagenden Ereignisse.

Abschreckung: Ausdruck, der häufig in Argumentationsmustern verwendet wird, die die militärische Aufrüstung und Mobilmachung in Europa befürworten. Die Demonstration militärischer Schlagkraft und Einsatzbereitschaft auf der Seite des Westens würde Russland von einer weiteren Ausweitung des Konfliktes abhalten. Dieser Topos ist das Gegenstück zur Argumentation, militärische Aufrüstung sowie Mobilmachung hätte eine provozierende Wirkung auf die russische Seite und würde die Gefahr einer Eskalation des militärischen Konfliktes durch Russland erhöhen (siehe eskalieren).

Atombombe: Schlagwort-Gebrauch des Ausdrucks zur Abschreckung des Gegners (z.B. durch das Andeuten von Bereitschaft, Atombomben einzusetzen). Findet sich analog dazu auch in Argumentationen, die unter den Gefahren-Topos fallen (eine Einmischung westlicher Staaten in den Krieg könne Russland zum Einsatz von Atomwaffen treiben).

Besuch (in Kiew): Der Besuch der Ukraine bzw. der Hauptstadt Kiew durch hochrangige PolitikerInnen gilt im Diskurs als Demonstration und Beleg für Solidarität mit dem Land; sich ›verzögernde‹, ›abgesagte‹ oder ›ungebetene‹ Besuche (wie im Falle von Olaf Scholz) wurden tendenziell moralisch sanktioniert. Besuche werden medial inszeniert und dienen zur Profilierung der Besuchenden.

Brücke (Erdgas, Kohleverstromung usw.): Alternatives Schlagwort zu Brückentechnologie und Indikator für den Topos, nicht-regenerative Energieressourcen (trotz Klimakrise) vorübergehend weiter zu nutzen; in den 2000er Jahren mit Bezug auf den Zeitpunkt, zu dem regenerative Energieressourcen in der Breite zur Verfügung stünden, aktuell mit Bezug auf die Dauer des Krieges und für die Dauer von (drohender) Energieknappheit.

Bucha / Butscha: Ortsname, der im gegenwärtigen Diskurs pars pro toto für die Tatsache russischer Kriegsverbrechen und Amoralität steht; der Name ist zugleich zentraler argumentativer Bezugspunkt für die Durchsetzung militärischer Aufrüstung westlicher Staaten sowie zur Delegitimierung von Forderungen nach Friedensverhandlungen mit Russland.

David gegen Goliath: Kollektivsymbol, das metaphorisch für asymmetrische Konflikte verwendet wird. Durch den Gebrauch werden den Kriegsparteien bestimmte Attribute zugeschrieben. Russland als die ›eindeutig überlegene‹ und ›angsteinflößende‹ Streitmacht, der sich die Ukraine als ›eigentlich hoffnungslos unterlegener‹ und ›moralisch unterstützenswerter‹ Gegner entgegenstellt und aufgrund seiner ›mutigen‹ und ›cleveren‹ Art zu kämpfen aber unerwartete Siegchancen hat. Dieses Bild kann im Diskurs zur Heroisierung der ukrainischen Seite beitragen.

Defensivwaffen: (Euphemistisches) Schlagwort in der Debatte darüber, ob Deutschland die Ukraine mit Waffenlieferungen unterstützen soll. Durch den Ausdruck wird der Aspekt der (moralisch legitimen) Selbstverteidigung akzentuiert. Er trägt zu einer vereindeutigenden Angreifer-Verteidiger-Schematisierung bei. Außerdem suggeriert die Unterscheidung verschiedener Waffentypen, die Lieferung von Defensivwaffen sei eine weniger gravierende Einmischung in das Kriegsgeschehen und moralisch leichter zu rechtfertigen als die Lieferung von Offensivwaffen oder sogenannten schweren Waffen. Der Ausdruck wurde musterhaft gebraucht, um öffentliche Zustimmung für Waffenlieferungen von Deutschland an die Ukraine zu befördern und gleichzeitig die Rolle Deutschlands als indirekte Konfliktpartei zu relativieren. Siehe auch Waffen, schwere.

Demokratie, wehrhafte: Hochwert- und Fahnenwort zur Legitimierung militärischer Aktivitäten der Eigengruppe gegen erklärte Mitglieder (Staaten, Gruppen, Personen) einer Feindgruppe.

Diplomatie: Gegenschlagwort zu Stigmawörtern wie Kriegstreiberei u.a.; initialisiert die Forderung nach (mehr) Verhandlungsbemühungen zwischen Russland, Ukraine und Dritten; zeitweise im Diskurs ›kontaminiert‹ mit Verweis auf eine ›Nichtverhandlungsfähigkeit‹ von Putin und/oder an Voraussetzungen geknüpft (z.B. militärischer Druck auf Russland).

Diskriminierung (von Russen in Deutschland): Vor allem zu Beginn des Krieges vermehrt Meldungen über verbale oder tätliche Angriffe gegen ›russisch-stämmige‹ oder russisch-sprechende MitbürgerInnen oder Geschäfte in Deutschland.

Doomscrolling: Schlagwort für als Belastung empfundenes, exzessives und auch Hilflosigkeit signalisierendes Konsumieren negativer Nachrichten; v.a. zu Kriegsbeginn oft thematisiert bzw. wiederaufgegriffen.

Energiesparen / Spritsparen gegen Putin (sowohl affirmativ als auch sarkastisch: Frieren gegen Putin bzw. für die Ukraine): Schlagwort verbunden mit dem moralischen Appell, bestimmte als ›russisch‹ semantisierte Energieressourcen (insb. Öl und Gas) einzusparen und damit auch ›drohendem‹ Energiemangel entgegenzuwirken. Ähnliche Verwendungen: »Fahrradfahren ärgert Putin« (WDR); »Putins Angriffskrieg gegen die #Ukraine – finanziert von unseren Öl-Importen – Was jetzt hilft: Runter vom Gas und Sprit sparen!« (Campact). In affirmativer Verwendung kollektivieren diese Formeln (gedanklich-konzeptuell) auch eine Kriegsbeteiligung: sie insinuieren, jeder könne mitmachen, einen eigenen Teil dazu beitragen und ›mitkämpfen‹ etc.

eskalieren: Verb in transitivem Gebrauch, tendenziell als Kritik an Waffenlieferungen an die Ukraine oder ausgedehnte Sanktionen gegen Russland, verbunden mit dem Vorwurf des Inkaufnehmens oder gar Provozierens einer ›Gewaltspirale‹. Siehe auch Atombombe.

Experten / Expertinnen: Der Ausdruck steht für den ausgeprägten Einsatz des Autoritätstopos im mediopolitischen Diskurs, nach dem wesentliche politische Einschätzungen und Entscheidungen durch ExpertInnenmeinungen legitimiert werden (müssen). Im fortgeschrittenen Kriegsdiskurs zeigt sich allerdings eine ähnliche Entwicklung wie schon zuvor im Pandemiediskurs: von der absoluten, unhinterfragten Geltung des Expertenstatus (Pandemie: v.a. Akteure aus den Bereichen Virologie und Epidemiologie; im Kriegsdiskurs: v.a. Mitglieder in Transatlantiker-Think-Tanks und Akteure aus den Bereichen Militärstrategie und Politikwissenschaft) hin zu einem Konflikt um die legitime Zurechnung des Expertenstatus (Expertenstreit), im hiesigen Kriegsdiskurs vor allem als Rivalität zwischen PolitikwissenschaftlerInnen, OstexpertInnen (LandeskundlerInnen), KonfliktforscherInnen u.a.

Flüchtlinge, gute vs. schlechte: Metadiskursives Schlagwort zur kritischen Benennung von Doppelstandards im Umgang mit Flüchtlingen unterschiedlicher Herkunft (v.a. aus Syrien/Afghanistan vs. Ukraine).

Freiheit: Aktualisiertes (Dauer-)Hochwert- und Fahnenwort in der Freund-Feind-Schematisierung ›freiheitliche Ukraine/Westen‹ vs. ›unfreies, diktatorisches Russland‹ (vgl. z.B. Paul Ronzheimers Kommentar in der Bild mit dem Titel »Europas Freiheit wird in der Ukraine verteidigt«).

Freiheitsenergien: Appellatives Fahnenwort zur Bezeichnung von regenerativen Energien (bzw. dazugehörigen Technologien), eingebracht von Finanzminister Christian Lindner am 20.04.2022 zur Legitimierung der Regierungspolitik sowie vermutlich auch zur Immunisierung gegen mögliche Kritik von FDP-Anhängern an einem (scheinbaren) Paradigmenwechsel der FDP; siehe auch Freiheit.

Gewinnen / nicht gewinnen / nicht verlieren: Semantischer Kampf um die Bezeichnung des Ziels der Ukraine bzw. des Ziels westlicher Unterstützung gegen Russland; während konservative Regierungen (wie die Großbritanniens) und Parteien dafür plädieren, die Ukraine müsse gegen Russland gewinnen, lehnen Sozialdemokraten und Liberale dieses Ziel ab mit Verweis auf die Gefahr eines möglichen neuen Weltkriegs. Russland dürfe – so das Fahnensyntagma von Bundeskanzler Scholz – nicht gewinnen bzw. die Ukraine den Krieg nicht verlieren.

Hacking / Hacktivismus: Schlagwort, üblicherweise von Politik und Medien pejorativ gebraucht zur Kriminalisierung von ›IT-Manipulation‹ und Gruppen wie Anonymous; in den ersten Wochen des Krieges wurden mit dem Schlagwort allerdings in affirmativer Weise IT-Angriffe auf russische Infrastruktur bezeichnet und Gruppen wie Anonymous (deren Authentizität aber immer unprüfbar bleibt) zumindest vorübergehend in ihrem Image rehabilitiert.

Held: Achtungstitel von Politik und Presse für den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj; die Heroisierung wird auch grafisch visualisiert etwa durch Montagen des Präsidenten als Marvel-Comic-Held (populäre Fiction-Serie); siehe auch David gegen Goliath.

Hitler: Mit fortschreitendem Kriegsverlauf nehmen Vergleiche zwischen russischen und nationalsozialistischen Kriegsaktivitäten (und -verbrechen) sowie Putin-Hitler-Vergleiche zu; sie sind oft Teil von Argumentationsketten zur Stützung von Forderungen nach einem stärkerem (militärischen) Eingreifen europäischer Staaten in den Krieg.

Influencer / Influencerin: Generelle Bezeichnung für populäre Internet-Akteure mit großer Reichweite; im Kriegskontext stehen InfluencerInnen teilweise in der Kritik, als PropagandistInnen im Dienste Russlands aktiv zu sein. Siehe auch Experten /Expertinnen.

Interessenausgleich: Fahnenwort von KritikerInnen der Waffenlieferungen bzw. BefürworterInnen einer diplomatischen Lösung unter Berücksichtigung von russischen Sicherheitsinteressen bzw. Einflusssphären.

Kiew vs. Kyjiw: Benennungskonkurrenz bei der Bezeichnung der ukrainischen Hauptstadt mit Blick auf unterschiedliche Ableitungen aus dem Russischen (dann als ›kolonialistisch‹ konnotiert: Kiew) oder dem Ukrainischen (als ›moralisch korrekte‹, also sich solidarisierende Schreibung, weil aus dem Ukrainischen abgeleitet).

Konfliktparteien als Quelle: Nach zunehmender Kritik an der unmarkierten Übernahme von Äußerungen von Kriegsparteien werden bei Berichten über Kriegsverläufe bei der ARD und anderen öffentlichen Medienanstalten Disclaimer in der genannten oder ähnlichen Form eingesetzt, um auf den Mangel an Informationsprüfung hinzuweisen (was die Redaktionen allerdings nicht davon abhält, die ungeprüften Informationen zu verteilen).

Krankheit (Putins): Der Ausdruck findet sich häufig im Zusammengang mit der psychiatrischen Pathologisierung des Verhalten Putins; zeitweise gab es in der deutschen Medienberichterstattung viel Spekulation um eine psychische Erkrankung Putins, zuletzt auch vermehrt Spekulationen bzgl. seiner physischen Gesundheit (z.B. Krebserkrankung als Handlungsmotivation). Die Pathologisierung Putins delegitimiert seine Weltdeutung und birgt außerdem das Potenzial, seine Machtposition nach innen zu schwächen.

Kriegsmüdigkeit: Stigmawort – nach Übersetzung des tatsächlich gebrauchten Ausdrucks Fatigue wurde K. in Presseartikeln der Außenministerin zugeschrieben (25.05.2022) – zur Diskreditierung einer Situation bzw. von Personengruppen als ›unzureichend gegen den russischen Angriff motiviert‹ bzw. als Appell für ›mehr Engagement gegen den Feind‹.

Kriegstreiber: Stigmaausdruck (Feindbegriff) zur Diskreditierung von Diskursakteuren, die sich für die militärische Unterstützung der Ukraine im Krieg gegen Russland einsetzen.

Kriegsverbrechen: Sowohl Analysebegriff aus dem Kriegsrecht als auch operativer Kampfbegriff in der mediopolitischen Debatte zur Legitimierung höherer (militärischer) Einsätze bzw. stärkerer Sanktionen gegen Russland.

Memes: Die einfachen Text-Bild-Collagen mit oft humorvollem (auch zynischem, ironischem) Kommentar eines Sachverhalts oder einer Person(engruppe) sind in sozialen Medien seit einigen Jahren sehr beliebt; im Kriegsdiskurs werden sie nicht nur von engagierten Privatpersonen, sondern auch von professionalisierten (v.a. ukrainischen, aber auch russischen) Propaganda-Accounts gezielt zur Selbstheroisierung bzw. Feindkonstruktion eingesetzt.

Nazi / Entnazifizierung: In den ersten Kriegswochen nutzte die russische Führung das Schlagwort der Entnazifizierung als Argumentationstopos zur Legitimierung des militärischen Angriffs auf die Ukraine. Inzwischen ist der offizielle Gebrauch dieses Schlagworts stark zurückgegangen; im öffentlichen Diskurs (z.B. auf Social Media) finden sich aber auch aktuell noch zahlreiche Belege für die Verwendung des Schlagworts als Stigma- bzw. Kontaminationsausdruck zur Diskreditierung der ukrainischen Führung (z.B. #Naziukraine auf Twitter). Diese Deutung steht der Heroisierung der ukrainischen Seite (siehe hierzu Held, David gegen Goliath) diametral gegenüber. Ein besonders deutliches Beispiel hierfür ist der Deutungskampf um das ukrainische Asow-Regiment. Dessen Kämpfer werden von ukrainischer Seite als Nationalhelden des Widerstandes gefeiert, wohingegen die russische Führung mit Bezug zu dem zum Zeitpunkt seiner Gründung bestehenden rechtsextremen Hintergrund eine Deutung des Regiments als faschistische Kampftruppe propagiert.

Ordnung, neue (auch: Neue Weltordnung bzw. alte Ordnung in Trümmern): Fahnenwort insb. von BefürworterInnen (zur Legitimierung) einer neuen militärischen Infrastruktur in Deutschland, Europa und Nato; siehe auch Zeitenwende.

Propaganda: Der Ausdruck wird sowohl als sachorientierter Analysebegriff zur Beschreibung einer Kommunikationstechnik sowie als Unwertwort zur Diskreditierung eines Akteurs gebraucht. Im operativen Gebrauch als Unwertwort wird er zumeist im Sinne des Vorwurfs verwendet, eine Konfliktpartei betreibe die gezielte Beeinflussung des Denkens, Fühlens und Handelns von Menschen durch eine illegitime Auswahl, Zuspitzung und Emotionalisierung der kommunizierten Information. Dieser Vorwurf suggeriert eine vermeintliche Dichotomie aus ›Propaganda‹ auf der einen und ›sachlicher Information‹ auf der anderen Seite und blendet aus, dass in Kriegszeiten üblicherweise alle Parteien Formen der strategischen Kommunikation zur Verhaltensbeeinflussung einsetzen.

Regime Change: Analysebegriff in der Politikwissenschaft und politischer Kampfbegriff, unter anderem als erklärtes strategisches Ziel gebraucht von US-Präsident Biden mit Blick auf Russland.

Sicherheitsarchitektur: Analytisch gebraucht bezeichnet der Begriff Strukturen, Möglichkeiten und Grenzen unterschiedlichster Verteidigungs- und Angriffstechniken eines Kollektivs; als Kampfbegriff wird der Ausdruck als Teil eines Argumentationsmusters verwendet, wonach gegenwärtige oder kommende Bedrohungsszenarien einen Auf- und Ausbau von militärischen Möglichkeiten (insb. Waffensysteme, Spezialeinheiten usw.) notwendig machten.

Singularität: Schlagwort zur Auszeichnung der Shoa als einzigartiges Ereignis (Verbrechen), das jeden Vergleich mit anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit diskursiv tabuisiert; sichtbar wurde der Ausdruck infolge von Vergleichen von Kriegsereignissen und -verbrechen in der Ukraine mit den Verbrechen der Nazis durch Präsident Selenskyj am 20.03.2022 vor der Knesset, ein Vergleich, der insb. in der ausländischen Presse auf Ablehnung stieß.

Sofapazifisten / Pazifismus: Stigmaausdruck (Feindbegriff) zur Diskreditierung von Diskursakteuren als ›weltfremd‹ und ›verantwortungslos‹ bis ›ängstlich‹, wenn sie für diplomatische Lösungen und Verhandlungen mit Russland plädieren.

Solidarität: Hochwertwort, das im polarisierten Kriegsdiskurs vornehmlich von Diskursakteuren eingesetzt wird, um sich selbst (symbolisch) dem Freundeslager der Ukraine zuzuordnen. Die Inanspruchnahme des Prädikats dient tendenziell zur Immunisierung von politischen Entscheidungen (z.B. Waffenlieferungen) gegen Kritik; wer entsprechende Maßnahmen infragestellt, gilt dann als ›unsolidarisch‹.

Spezialoperation (vs. Krieg vs. Angriffskrieg vs. Vernichtungskrieg): Euphemistischer Ausdruck im semantischen Kampf um die Benennung des militärischen Angriffs Russlands auf die Ukraine, der vor allem von der russischen Führung verwendet wird. Durch den Ausdruck sollen bestimmte konzeptuelle Aspekte des kriegerischen Angriffs Russlands diskursiv ausgeklammert werden, die in den konkurrierenden Benennungen anderer DiskursteilnehmerInnen wie Angriffskrieg oder Vernichtungskrieg akzentuiert werden (z.B. ›Waffengewalt‹, ›Angriff‹, ›großes Ausmaß‹, ›Zerstörung‹ u.ä.). Die Begriffsstrategie ähnelt anderen Euphemismen zur Vermeidung des Ausdrucks Krieg und seiner negativen Konnotationen wie Kampfeinsatz oder Stabilisierungseinsatz (vgl. den Benennungskampf im Falle des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan 2009).

Staaten, unfreundliche / feindliche: Im Mai 2022 setzte die russische Regierung als Reaktion auf die zahlreichen wirtschaftlichen Sanktionen knapp 50 Staaten auf eine offizielle Liste unfreundlicher Staaten. Auf diese Weise verschärfte Russland die diskursive Polarisierung von staatlichen Beziehungen im Sinne einer binären Freund-Feind-Zuordnung, die auch als diskursive Legitimationsquelle für politisch-wirtschaftliche Maßnahmen gegen ebendiese unfreundlichen Staaten dient.

TikTok-War: Schlagwort, das sich vor allem in englischsprachiger Medienberichterstattung zum Ukraine-Krieg findet und mit dem prägnant auf den Sachverhalt referiert wird, dass dem Online-Videoportal und sozialen Netzwerk TikTok bzgl. der medialen Vermittlung und Rezeption des Kriegsgeschehens eine zentrale Rolle zukommt. Die einfache Zugänglichkeit und Verwendungsmöglichkeit der Plattform für ProduzentInnen wie RezipientInnen via Smartphone, ihr Fokus auf kurze Videoclips sowie ihre große Beliebtheit machen TikTok zu einem idealen Medium für niedrigschwellige Kriegsberichterstattung, strategische Kommunikation und Propaganda. Da mit jedem Krieg immer auch ein Informations- und Deutungskrieg einhergeht, überrascht es nicht, dass die zum jeweiligen Zeitpunkt weit verbreiteten (und leicht zugänglichen) Kanäle der Informationsvermittlung die Berichterstattung sowie strategische Kommunikation (bis hin zur Propaganda) des Konfliktes prägen (vgl. etwa den Bericht im Telegraph vom 25.02.2022, https://www.telegraph.co.uk/world-news/2022/02/25/russians-ukrainians-fight-swipes-first-tiktok-war/).

-troll / Russen- / Putin-: Stigma- bzw. Kontaminationsausdruck zur Diskreditierung von Diskursakteuren; Feindbegriff; oft verbunden mit dem Vorwurf, im Dienste Putins propagandistisch zu kommunizieren.

Verlust / zurückdrängen / zurückerobern u.ä.: Die tagesaktuelle Kriegsberichterstattung ist geprägt von einem breiten Wortfeld, das Veränderungen und Verschiebungen des Grenzgeschehens nicht nur wiedergibt, sondern auch mitkonstituiert: im hiesigen Diskurs sind die Berichte zum Frontverlauf vor allem Bezugspunkt bei der (De-)Legitimierung von militärischer Unterstützung (insb. Waffenlieferungen) für die Ukraine, der Aufgabe von besetzten Gebieten und von Diplomatieappellen.

-versteher/-kuschler, Putin-/Russen-: Stigma- bzw. Kontaminationsausdruck zur Diskreditierung von Diskursakteuren; Feindbegriff; richtet sich mit weitem Skopus gegen Positionen, die zum Beispiel für einen Interessensausgleich mit Russland plädieren und/oder auf andere, den ›russischen Angriff relativierende‹ Mitursachen (z.B. Nato-Osterweiterung) verweisen.

Waffen, schwere: Vor allem politisch gebrauchtes Schlagwort ohne Legaldefinition, mit dem im Zusammenhang mit der militärischen Unterstützung der Ukraine zwischen verschiedenen Kategorien von Waffen unterschieden wird. Die zum Teil hitzig geführte politische Debatte darüber, ob Deutschland Waffen in ein Kriegsgebiet liefern soll, kann mithilfe dieser Unterscheidung differenzierter geführt werden als eine Ja-Nein-Frage. Die zugrundeliegende Annahme hierbei ist, dass die Lieferung nicht-schwerer Waffen an die Ukraine ein weniger gravierender Eingriff in den Krieg sei als die Unterstützung mit sogenannten schweren Waffen. Während die Bundesregierung in den ersten Kriegsmonaten die Lieferung sog. schwerer Waffen an die Ukraine noch ablehnte, scheint dies – zumindest diskursiv – nunmehr der Fall zu sein (vgl. auch Defensivwaffen).

Waffenlieferung: Polarisierender Schlüssel- und Kampfbegriff in der Frage, wie auf die russische Invasion angemessen zu reagieren sei; zugleich zwischenzeitlich auch diskursiver Angelpunkt der binären Vorstellung von Beteiligung am Krieg: ›wer liefert‹, beteilige sich am Krieg, wer ›nicht liefert‹, sei außen vor. Siehe auch Defensivwaffen.

Weckruf: Ausdruck zur Deutung von Sachverhalten oder Ereignissen als so einschneidend und/oder eindeutig, dass aus ihnen eine ›klare‹ (und oft als ›alternativlos‹ behauptete) Handlungsanweisung folgt. Damit geht einher, dass konkurrierende Deutungsangebote als ›nicht mehr tragbar‹ konstituiert werden. Siehe auch Zeitenwende.

Weltkrieg: Der Ausdruck wird häufig in Argumentationsmustern verwendet, die eine militärische Unterstützung der Ukraine durch NATO-Staaten ablehnen, da diese zu einer Eskalation des Kriegsgeschehens führen würde und die Gefahr eines »3. Weltkriegs« erhöhe (Gefahren-Topos).

Werte, westliche: Hochwert- und Fahnenwort, den Diskurs moralisierend (Diskriminierung zwischen ›guten, richtigen‹ westlichen Werten versus ›moralisch zu verurteilendes Russland‹); die ›Füllung‹ bleibt in der Regel unklar, als Präsupposition den RezipientInnen überlassen oder wird mit ebenso abstrakten Hochwertwörtern wie Demokratie, Freiheit u.ä. kontextualisiert.

Whataboutism: Generell Stigmaausdruck zur Tabuisierung von Vergleichen verbunden mit dem Vorwurf eines ›Ablenkungsverhaltens‹ (Themenverschiebung); im aktuellen Kriegsdiskurs vor allem als Abwehr- und Desavouierungsstrategie eingesetzt bei Hinweisen auf imperialistische Kriege an anderer Stelle oder auf strategische Interessen von NATO und USA.

Z: Das einem ›Z‹ ähnelnde Zeichen, auf russische Militärfahrzeuge aufgemalt oder -gesprayt, sorgt in Politik und Medien zu Kriegsbeginn für Spekulation über dessen Bedeutung. Bis heute ist nicht geklärt, ob es sich dabei (und bei anderen Zeichen) um Abkürzungen für Herkunfts- und Zielangaben oder für propagandistische Losungen handelt. Im Kriegsverlauf wird vor allem das ‹Z› zum propagandistischen Identifikationssymbol in russischen Medien (z.B.: als Helden-Symbol stilisiert; russische TalkshowmoderatorInnen tragen das Symbol, in Werbesendungen formieren sich Menschengruppen zu einem Z, um ihre Solidarität mit der russischen Armee zu demonstrieren u.ä.).

Zäsur: siehe Zeitenwende.

Zeitenwende: Mit dem Ausdruck sollen politische Entscheidungen – wie etwa massiv steigende Wehretats – als unvermeidliche Folgen einer sich verändernden Welt gedeutet und somit gegen Kritik immunisiert werden. Widerspruch sowie alternative Forderungen werden dadurch diskursiv erschwert bzw. als ›nicht mehr zu der veränderten Welt passend‹ delegitimiert.

Zensur: Der Ausdruck ist generell verbunden mit dem Vorwurf, Medien und Behörden seien in ihrer Handlungsfreiheit bei der Informationsbeschaffung und Berichterstattung behindert. Im westlichen Kriegsdiskurs kodiert er nahezu ausschließlich die Unterdrückung westlicher Medien in Russland (Einschränkung russischer Medien in Deutschland wird dagegen als ›Schutz der Bevölkerung vor Fake-News und Propaganda‹ begründet; die politisch motivierte Kriminalisierung von Journalisten wie Julian Assange wird tendenziell von westlichen Regierungen überwiegend ignoriert), während russische Akteure ihren Kriegseinsatz u.a. mit der Unterdrückung russischer Medien und Kultur in der Ukraine legitimieren.

Stand: 29.06.2022

Der Diskursmonitor ist eine gemeinschaftlich erarbeitete Online-Plattform zur Aufklärung und Dokumentation von strategischer Kommunikation. Er liefert Informationen zu der Frage, wie mit Sprache, Bildern und Medien politische Interessen verfolgt werden.

diskursmonitor.de

Dieser Artikel stammt aus dem gemeinsamen Sonderheft „Für eine andere Zeitenwende!“  – eine Gemeinschaftsproduktion der Zeitschrift kulturrevolution und des DISS-Journals aus dem Juli 2022.  Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

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