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Tragische Einzelfälle?

 

Wie Medien über Gewalt gegen Frauen berichten.

Rezension von Louisa Brand

Christine E. Meltzer: Tragische Einzelfälle? Wie Medien über Gewalt gegen Frauen berichten. Frankfurt a.M.: Otto Brenner Stiftung, 2021.
Online verfügbar: https://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_data/stiftung/02_Wissenschaftsportal/03_Publikationen/AP47_Tragische_Einzelfaelle.pdf

Die Kommunikationswissenschaftlerin Christine E. Meltzer hat sich für die Otto Brenner Stiftung systematisch damit beschäftigt, wie die Medien über Gewalt an Frauen berichten und dafür die Berichterstattung von Januar 2015 bis Juni 2019 ausgewertet. Mit einer quantitativen Inhaltsanalyse hat sie sich auf insgesamt 3.489 Artikel aus den Printmedien bezogen. Einen breiten Querschnitt boten drei Boulevardzeitschriften sowie zehn regionale und vier überregionale Zeitungen. Um Muster in der Berichterstattung aufzuzeigen, bezog sie sich bei der Analyse auf Kernelemente wie die Art des Verbrechens, Attribute von Opfern und Tätern, deren Nationalität und den Fokus der Berichterstattung. Ihr Hauptaugenmerk galt physischer Gewalt, deren Androhung und Nötigung sowie Stalking von Frauen und Mädchen in Deutschland. Um herauszufinden, ob sich die Berichterstattung mit der Realität deckt, betrachtete Meltzer auch die Daten der jährlichen Kriminalstatistik.

Meltzer geht davon aus, dass Gewalt an Frauen immer noch ein großes Tabuthema ist und die Menschen deshalb deutlich mehr dafür sensibilisiert werden sollten, insbesondere wenn es um sexualisierte Gewalt gehe und um solche, die sich innerhalb einer (Ex-) Partnerschaft ereigne. Wie mit Gewalt an Frauen umgegangen werde, hinge von der gesellschaftlichen Einstellung ab. Medien könnten Einfluss auf deren Wahrnehmung haben und dazu beitragen, dass Gewalt an Frauen in der Politik thematisiert würde. Problematisch sei nach ihrer Einschätzung, dass die Medien und die Journalisten scheinbar verkennen, dass sie mit ihrer Arbeit eine Wirkung erzielen und sie die Wahrnehmung der Gesellschaft beeinflussen könnten. Deshalb stünde die Frage im Raum, ob die Medien die Gewalt an Frauen als ein gesellschaftliches Problem oder als Einzelfälle darstellen.

Der Zeitverlauf zeige eine deutliche Sensibilisierung für das Thema. Ließe man die Entwicklung des Strafrechts einmal Revue passieren, könne auch dort festgestellt werden, dass bereits 1993 Gewalt an Frauen als ein menschenrechtliches Problem anerkannt wurde. Bewegungen wie #MeToo hätten dazu beigetragen, dass die Stimmen der Frauen lauter wurden, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden sind, und dies solle honoriert werden, indem die Medien und auch die strafrechtliche Verfolgung ihnen entgegenkommen. Begriffe wie Familientragödie oder Ehedrama finden sich laut Meltzer immer noch in Artikeln, jedoch habe dies abgenommen.

Der Begriff Femizid sei in Deutschland deshalb nicht anerkannt, weil er einen zu großen Spielraum für Interpretationen lassen würde. Auch von misogyner Gewalt werde selten gesprochen. Die Medien anderer Länder sprächen das Thema Gewalt gegen Frauen hingegen mit aussagekräftigen Schlagwörtern an und der Gesellschaft sei die Bedeutsamkeit bewusst. Ein Schritt in die richtige Richtung könnte sein, einen geeigneten Begriff in Deutschland zu etablieren. Aber auch in Bezug auf die Ausdrucksweise müssten Journalist*innen weiterhin besser geschult werden, um diesen Spagat zwischen korrekter Aufklärung, Opferschutz und Nutzen der medialen Wirkung besser bewerkstelligen zu können. Auch einer genaueren Differenzierung bei den Gewalttaten gegen Frauen könnte ein bedeutender Effekt zugeschrieben werden. Vor allem, weil sexualisierte Gewalt und (ex-) partnerschaftliche Gewalt inzwischen rechtliche Berücksichtigung gefunden haben, sollten die Leser*innen der Zeitungen besser verstehen können, dass Gewalt gegen Frauen nicht immer gleichbehandelt werden könne und sollte.

Sehr bezeichnend findet Meltzer, dass die meisten Medien viel mehr die männlichen Täter in den Fokus nehmen und den Opfern wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird. Außerdem vergleicht Meltzer die jährlich erscheinenden Kriminalstatistiken mit den untersuchten Printmedien, wodurch eine Verzerrung der Wirklichkeit deutlich werde, die Stereotype erzeugen kann. Bestimmte Indikatoren könnten dazu führen, dass über eine Tat mehr berichtet werde, genauso auch sogenannte Schlüsselereignisse. Obwohl bei weniger als einem Prozent der Gewalttaten das Opfer am Ende stirbt, werde hauptsächlich über solche Fälle berichtet. Natürlich müsse ein Ereignis, über das die Medien berichten, von einem gewissen öffentlichen Interesse sein. Diese Art der Berichterstattung, in der die Gewalt gegen Frauen als ein Ereignis dargestellt werde, verkenne jedoch den oftmals langen Leidensweg. Die Gewaltspirale innerhalb einer Beziehung oder einer vergangenen Beziehung sowie der Blick auf die Vorgeschichte und Alltagsgewalt werde von dem Endpunkt der Gewalt, über den berichtet werde, verdeckt. Wenn die Medien weiterhin ihr Hauptaugenmerk auf die Täter legten, komme es nicht zu einem wachsenden Opferschutz. Es sei jedoch wichtig, den Opfern das Schamgefühl zu nehmen und ihnen zu signalisieren, dass sie nicht selbst Schuld an dem haben, was sie erleben mussten.

Ein falsches Bild würden die Medien oft auch in Bezug auf die Tat vermitteln. Wenn von besonders spektakulären oder brutalen Fällen berichtet werde, mache dies den Anschein, dass es sich um Affekttaten handele. Bei sexualisierter Gewalt, vor allem in einer (Ex-) Partnerschaft, sei dem eskalierenden Gewaltakt aber meistens ein sehr langer Leidensweg vorangegangen. Ähnlich problematisch sei die Berichterstattung über nichtdeutsche Täter. Es werde eher vereinzelt von Taten berichtet, die von einem Deutschen begangen wurden. Taten, die von Nichtdeutschen begangen werden, würden als ein viel größeres Problem dargestellt. Die Medien würden somit den Eindruck vermitteln, dass es sich bei sexualisierten Gewalttaten, begangen von Deutschen, um Einzelfälle handele. Sobald es sich um Täter mit Migrationshintergrund oder ausländische Täter handele würde jedoch der Eindruck vermittelt, dass sexualisierte Gewalt ein gesellschaftliches und strukturelles Problem sei, wodurch eine Ethnisierung von Sexismus nahegelegt werde.

Viel zu selten gehe es um die Strukturen hinter den Taten, Hilfsangebote und politische Forderungen. Meltzer kritisiert ebenfalls, dass Taten gegenüber Frauen mit Behinderung oder Fluchterfahrung, sowie gegenüber älteren Frauen kaum thematisiert würden, obwohl sie einem höheren Risiko ausgesetzt seien. Es herrsche ein starkes Ungleichgewicht zwischen realer und berichteter Gewalt. Eine repräsentative Studie habe ermittelt, dass jede vierte bis dritte Frau mit Behinderung schon einmal sexualisierte Gewalt erfahren habe. Solche Informationen würden in der Presse oftmals ausgelassen. Meltzer kritisiert die deutschen Medien, die nicht ausreichend und nicht ausgewogen über dieses wichtige Thema zu berichten scheinen, wodurch das Ausmaß der Gewalt, wie wir es heutzutage vorfinden, nicht deutlich würde.

Aus diskurstheoretischer Sicht ist gegenüber der Studie von Meltzer anzumerken, dass ihre Annahme einer verzerrten Wahrnehmung der Medien leicht als intentionale Manipulation missverstanden werden kann. Geht man hingegen von Effekten des Mediendiskurses aus, könnte dies für die weitere Forschung über sexualisierte Gewalt an Frauen insofern bedeutsam sein, weil damit ihr Stellenwert in den herrschenden Diskursen herausgearbeitet werden kann.

Insgesamt deutet die Studie von Meltzer in meinen Augen an, dass wir noch lange nicht an dem Punkt sind an dem ein angemessener Umgang mit der Thematik möglich ist. Geprägt von zu viel Scham und Angst werden sowohl Opfer als auch Angehörige

mit einer zu großen Last allein gelassen. Insofern sind die Erkenntnisse der Studie von Meltzer ein Muss für jede Frauenrechtlerin und eigentlich ein Muss für jede*n. Die Ergebnisse bieten Anlass für weitere Forschungen und zeigen Stellen auf, an denen für einen besseren Umgang mit der Thematik angesetzt werden kann.

Louisa Brand studiert Soziologie an der Universität Duisburg-Essen und hat sich während ihres Praktikums im DISS mit den Studienergebnissen von Christine E. Meltzer beschäftigt.

 

 

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 42 vom November 2021. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

 

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