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Solidarischer Patriotismus vs. autoritärer Liberalismus

 

Anmerkungen zu zwei Neuerscheinungen auf dem rechten Büchermarkt

Von Helmut Kellershohn

1. Die 2020 erschienenen Bücher von Markus Krall („Die bürgerliche Revolution. Wie wir unsere Freiheit und unsere Werte erhalten“, Verlag Langenmüller) und Benjamin Kaiser („Solidarischer Patriotismus. Die soziale Frage von rechts“, Verlag Antaios) bilden zwei markante Pole in der innerrechten Debatte um Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Sie führen die Debatte fort, die zwischen Götz Kubitschek (Institut für Staatspolitik)1 und André F. Lichtschlag (Zeitschrift „eigentümlich frei“) bereits 2017 stattgefunden hat (vgl. Kellershohn 2019, 129-133).

Der Sache nach erinnert die Auseinandersetzung an Herbert Marcuses Versuch von 1934 („Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung“), die damaligen Repräsentanten des Neoliberalismus und der Konservativen Revolution resp. des NS („heroisch-völkischer Realismus“) gegenüber zu stellen und den dialektischen Zusammenhang dieser Positionen „auf dem Boden derselben Gesellschaftsordnung“ (Marcuse) herauszuarbeiten. Insofern wiederholt sich hier (zwischen Krall und Kaiser) unter veränderten historischen Bedingungen eine weltanschauliche Gemengelage, die es zu dechiffrieren gilt.

2. In Kurzform lässt sich Kaisers Versuch über „solidarischen Patriotismus“, gewissermaßen eine Neuauflage von Hans Zehrers „Rechts oder links? Die Verwirrung der Begriffe“ (1931), wie folgt zusammenfassen:

2.1 Kaiser argumentiert teils in Andeutungen, teils explizit vom Standpunkt einer völkischen Weltanschauung („volksverbundene Sicht“). Die klarsten Ausführungen diesbezüglich finden sich im Abschnitt 5.3, in dem er das Volk (im Sinne von ethnos) als „Subjekt der Geschichte“ (240) bezeichnet. Kaiser legt Wert auf eine moderatere Auslegung des Homogenitätsprinzips, fordert aber – gegenüber Einwanderern – die „Anerkennung der Hegemonie der aufnehmenden (Mehrheits-)Gemeinschaft“ (241).

2.2 Kaiser gibt vor, antikapitalistisch zu argumentieren. Erstens diagnostiziert er einen „klassenpolitischen“ Gegensatz zwischen den „Mittelschichten“ und den globalistischen Eliten (234) und reformuliert damit den gängigen populistischen Antagonismus als eine Art Klassenauseinandersetzung. Die Bestimmung der Mittelschichten ist freilich theoretisch haltlos, weil er qualitativ Unterschiedliches zusammenwirft: Lohnarbeiter, einfache Warenproduzenten (Kleinbürgertum) und mittlere Bourgeoisie (mit „einem Dutzend oder hunderten Mitarbeitern“, 234). Er konstruiert also eine Interessenkoalition, die er dann mit dem „Volk“ identifiziert. Zweitens reduziert er seinen Antikapitalismus auf ein Plädoyer für eine „gehegte“ oder „gesteuerte soziale Marktwirtschaft“, der er den ‚bösen‘ Kapitalismus der international operierenden Großkonzernen gegenüberstellt.

Die analytische Trennung von Marktwirtschaft und Kapitalismus ist ebenfalls theoretisch haltlos,2 aber symptomatisch sowohl für völkische Antikapitalisten als auch für neoliberale Apologeten des Antimonopolismus (vgl. dazu die Studie von Hermann Turley3).

2.3 Mit der jungkonservativen Strömung der Neuen Rechten teilt Kaiser zunächst eine grundsätzlich etatistische Orientierung (Primat der Politik). Des Öfteren bezieht er sich auf Carl Schmitt, auf dessen Begriff des Politischen und auf dessen Parlamentarismuskritik (vgl. der Staat als „Beute“, Thor von Waldstein 2008), ohne freilich dessen Haltung in wirtschaftspolitischen Fragen zu übernehmen.

Die Steuerung der Marktwirtschaft und diesbezügliche Interventionen sind Sache des Staates, womit er sowohl gegen ein rechtslibertäres Staatsverständnis als auch gegen den neo(national)liberalen Kurs der Jungen Freiheitabgrenzt. In der Wahl der Mittel (von Seiten des Staates) geht Kaiser weiter als Kubitschek, der 2017 die Verstaatlichung der Infrastruktur einforderte. Nunmehr verlangt Kaiser (bei grundsätzlicher Anerkennung der freien Konkurrenz) die Verstaatlichung auch der Schlüsselindustrien und die „Entflechtung der monopolistischen Strukturen“ (272).

2.4 Etatistische Orientierung bedeutet für Kaiser nicht die umstandslose Bejahung der gegenwärtigen Staatsform. „Unter Berücksichtigung des weite Spielräume offerierenden Grundgesetzes und bundesdeutscher Gesetzessammlungen“ (273, vgl. 283) strebt er einen „schrittweise[n] Bau des neuen deutschen Staates“ (273) an, also einen „Neubau“ (Spengler) oder „Umbau des Staates“ (269). Diesbezüglich referiert er auf de Benoist und dessen Konzept einer „organischen Demokratie“, die „von unten nach oben“ aufgebaut sein soll. Stichworte sind: lokale Autonomie, partizipative Demokratie, Leben in Vereinen und Gemeinschaften, Subsidiaritätsprinzip (230). Als Experimentierfeld („Musterregion“) gilt ihm Ostdeutschland (vgl. 273ff.). Das wirtschaftspolitische Gegenstück dazu ist Felix Menzels Idee des „nachbarschaftlichen Wirtschaftens“ mit der Präferenz für „regionale Wirtschaftskreisläufe“ (273). Ähnlichkeiten mit dem NPD-Konzept einer „raumorientierten Volkswirtschaft“ (ursprünglich entwickelt von Per Lennart Aae) liegen auf der Hand (vgl. dazu Kellershohn 2013, Botsch/Kopke 2019).4

2.5 Das Ziel des Umbaus – gleichbedeutend mit einer Lösung der sozialen Frage von rechts – definiert Kaiser wie folgt: „‘Solidarischer Patriotismus‘ strebt nach einem konstruktiven, zukunftsfähigen Verständnis einer gehegten sozialen Marktwirtschaft im Zeichen einer solidarischen und patriotisch rückgebundenen Leistungsgemeinschaft.“ (10) In der „volksverbundenen“ Sichtweise Kaisers ist die „Leistungsgemeinschaft“ (ein Begriff, der auch im NS-Sprachgebrauch gängig war) synonym zu lesen mit „Volksgemeinschaft“5 und diese wiederum mit der „Gemeinschaft“ der sog. Leistungsträger, der „Mittelschichten“ (s.o.), die sich sowohl gegen „genuin kapitalistische[s] Profitstreben, mühelose[s] Einkommen (!), ökonomische[ ] Renten“ (267) abgrenzen als auch gegen Leistungs-„Verweigerer“ in den ‚unteren Schichten‘. Letzteres spricht Kaiser nicht offen aus. Vielmehr liegt die Betonung auf der Abgrenzung gegen „Masseneinwanderung“, die mit einem Sozialstaat „auf Dauer unvereinbar“ sei. Sozialstaatlichkeit und Solidarität seien an eine „relative ethnische Homogenität“ (266) gebunden. Andererseits entwickelt Kaiser bezogen auf die Leistungs-/Volksgemeinschaft die Idee einer völkischen Verteilungsgerechtigkeit, wonach „Einkommens- und Vermögensunterschiede“ nicht „ein gesundes (?) Maß“6 überschreiten und „an reale Unterschiede bei erbrachter Leistung, Dienstbereitschaft und Fleiß gekoppelt sein“ sollten (266). Erstrebenswert sei eine „relative soziale Homogenität“.

Wo aber heute Kapitalanhäufung ohne Leistung auskommt, muß sie härter besteuert werden“ (267) – womit er galant Profite, Zinsen und Dividenden wieder in die Leistungs-/Volksgemeinschaft eingemeindet. Folgerichtig spricht Kaiser von „Mischformen des Wirtschaftens“ (284), die die von ihm gewünschte soziale Marktwirtschaft auszeichnen soll.

2.6 Kaiser verfolgt mit seinem Buch ein strategisches Anliegen, mit dem er sein Konzept einer „Mosaik-Rechten“ weiter ausbaut bzw. dessen Grenzen genauer umreißt. Erklärter Feind (metapolitisch gesehen) sind ihm die rechtslibertären Marktfundamentalisten, Vaterlands- und Staatsverächter: „Hayek steht hier pars pro toto für einen Personenzusammenhang marktliberaler Gesinnung, deren wichtigste Ideologiebausteine weder im Bereich nationaler noch im Bereich sozialer Fragen mit rechten Standpunkten unterschiedlichster Verortung vereinbar sind“ (241, vgl. 283).

In zweiter Linie ist ihm der Einfluss dieser Kräfte auf die Neokonservativen und selbst den jungkonservativen Neo(national)liberalismus der Jungen Freiheit ein Dorn im Auge, nicht zu vergessen der Meuthen-Flügel der AfD. Auf der linken Seite des politischen Spektrums entdeckt er eine Menge herunterliberalisierter Linker („Mehrheits-Linke“), die im Grunde genommen eine Art (negative) ‚Querfront‘ mit liberalen Rechten bildeten: „Globale Grenzenlosigkeit, offene Märkte, das Individuum als Maßstab des Denkens, Überwindung des Gemeinschaftsdenkens usw.: Hier treffen sich also postmoderne Linke, libertäre Reaktion, neokonservative ‚Rechte‘, liberale Utopisten als Anverwandte (nicht: Wesensgleiche).“ (255) Diese ‚Querfront‘ sei, so Kaiser, aber nur der „metapolitische‘ Gegner. Tatsächlich seien diese Kräfte nur der „verlängerte Arm der globalen Elite“, des eigentlichen Gegners und Hauptfeinds. Diese sei die „neue Klasse ökonomisch und politisch Herrschender in zahlreichen Ländern der Welt“ (255).

Das ist der entscheidende Antagonismus, mit Felix Menzel gesprochen: Globalkapitalismus vs. authentischer Populismus, wobei sich letzterer aus einem sozialen, ‚linken‘ Element (Kapitalismuskritik, soweit brauchbar) und einem rechten, völkischen Element zusammensetzen sollte. Der solidarische Patriotismus ist eine „Synthese“, die bereits 1931 Hans Zehrer und der TAT-Kreis als „nationalen Sozialismus“ bezeichneten. Genau in diese Fußstapfen tritt Kaiser, allerdings weniger im Sinne von Zehrers „Querfront“, sondern eher im Sinne eines Drieu La Rochelle, wenn dieser Vordenker eines europäischen, faschistischen ‚Sozialismus‘ in den 1930er Jahren eine „linke Politik mit rechten Menschen“ einfordert.

3. Herbert Marcuse notierte 1934 zur Grundlage des Liberalismus: „[…] die freie Verfügung des individuellen Wirtschaftssubjekts über das Privateigentum und die staatlich-rechtliche garantierte Sicherheit dieser Verfügung. Alle ökonomischen und sozialen Forderungen des Liberalismus sind wandelbar um dieses eine stabile Zentrum – wandelbar bis zur Selbstaufhebung.“ (Marcuse 1967, 44) Dieser chamäleonhafte Zug des Liberalismus lässt sich an vielen historischen Beispielen nachweisen. Ludwig von Mises etwa, dessen Schrift „Liberalismus“ (1927)7 Marcuse zitiert, begrüßte den italienischen „Faszismus (sic!) und alle ähnlichen Diktaturbestrebungen“, weil sie „für den Augenblick die europäische Gesittung“ vor dem marxistischen Sozialismus gerettet hätten: „Das Verdienst, das sich der Faszismus damit erworben hat, wird in der Geschichte ewig fortleben.“ (v. Mises 2006, 45)8

Die Parole „Freiheit oder Sozialismus“ macht sich auch Markus Krall zu eigen, obgleich er von dem ewigen Verdienst des Faschismus heute nichts mehr wissen will, sondern den „nationalen Sozialismus“ nach dem Vorbild Hans-Hermann Hoppes totalitarismustheoretisch in dieselbe ‚Schublade‘ einordnet wie den Kommunismus oder den bürgerlich-liberalen Interventions- und Sozialstaat (vgl. Hoppe 2018, 361-374). Sein Buch „D!e Bürgerliche Revolution“ ist eine einzige Philippika für eine „Gegenrevolution“ gegen die liberale Verfasstheit der demokratischen Institutionen, gegen Sozialliberalismus und gegen den „beinharte[n] Sozialismus“ (12).

Sicherlich: Krall argumentiert nicht explizit völkisch – auch wenn es diesbezüglich Anklänge gibt, die auch Kaiser begrüßen würde9 – und vermeidet antikapitalistische Töne, aber er trennt den ökonomischen Liberalismus ganz im Sinne Ludwig v. Mises‘ und Hayeks von kultureller und politischer Liberalität. Er will die Rückkehr zur klassischen Leitidee des ökonomischen Liberalismus, zum „Besitzindividualismus“ (MacPherson) und zu einer „Eigentümermarktgesellschaft“, in der das „Sondereigentum an Produktionsmitteln“ (v. Mises) absolut dominieren würde.

Um dies durchzusetzen, bedarf es einer Attacke auf den gegenwärtigen Staat. In diesem Punkt gibt es durchaus einige Gemeinsamkeiten mit dem Projekt des Staatsumbaus, das wir schon von Kaiser her kennen. Krall gibt sich alle Mühe, die Institutionen der Demokratie zu delegitimieren, z.B. den Parlamentarismus (Stichwort: adverse Selektion) oder die Gewaltenteilung, die seiner Meinung nach gar nicht existiert.

Dieser Delegitimierungsversuch ist eingebettet in eine Jeremiade über das Versagen der Eliten in Politik, Medien und Kirchen (!), womit denn auch dem populistischen Antagonismus Volk – Elite Rechnung getragen wird – „Volk“ verstanden als die bürgerlichen „Leistungsträger“. Gegen die Herrschaft der verantwortungslose Eliten setzt nun Krall seine „bürgerliche Revolution“ und verbindet damit konkrete Operationen, die, um dem Staats- und Elitenversagen ein Ende zu bereiten, auf Maßnahmen zielen, wie z.B. die Verweigerung des Wahlrechts für bestimmte Bevölkerungsgruppen (Transferempfänger!) oder die Überantwortung der politischen Entscheidungsprozesse an eine plebiszitäre Präsidialmacht oder gar einen Monarchen.10 Insgesamt soll durch den Staatsumbau die Funktion des Staates darauf reduziert werden, die „Eigentümermarktgesellschaft“ durch eine entsprechende Rechtsordnung und autoritäre Sanktionsgewalt abzusichern.

Die Aufgabe eines solchen ‚Mini‘-Staates bestünde darin, das autonom verstandene Marktgeschehen und das Eigentum vor Eingriffen jedweder Art zu schützen. Das wäre dann freilich ein Staat, den auch Kaiser nicht will. Kralls Staatsverständnis entpuppt sich als ein Konstrukt, das Hermann Heller – in der Auseinandersetzung mit Carl Schmitt – als „autoritären Liberalismus“, als Kombination von ökonomischen Liberalismus und autoritärem Staatsverständnis, gekennzeichnet hat (vgl. Heller 1971).

Ergänzt wird diese Kombination, worauf Krall sehr viel Wert legt, durch einen ausgesprochen rigiden kulturellen Konservatismus,11 ein Punkt, in dem es auch gewisse Überschneidungen mit Kaiser gibt. Krall interpretiert Hayek als einen „konservative[n] Liberalen“ (12), womit er zum Ausdruck bringen will, dass der freie Markt, der sich im Sinne Hayeks als spontane, nicht konstruierte Ordnung in einem evolutionären Prozess etabliert hat, nicht ohne entsprechende „Traditionen und Werte“, die der „freien Marktwirtschaft zur Entfaltung und zum Erfolg verhelfen“ und sich ebenfalls evolutionär herausgebildet haben, existieren kann. (Vgl. dazu näher Ptak 2007, 41-50)

Daher sei ein „Wertkonservatismus […] konstitutiver Bestandteil liberalen Gedankenguts“ (13). Insbesondere der „Kulturmarxismus der Frankfurter Schule“, aus der Sicht Kralls die neueste Variante des ‚verderblichen‘ Sozialismus, wird in diesem Zusammenhang heftig angegriffen. Die Frankfurter Schule und ihr folgend die 68er seien schuld an einer „Werteerosion, die die Werte von Freiheit, Familie und Eigentum“ abgeschafft hätten. „Hedonismus und Sexualisierung der Gesellschaft plus die Entfremdung der Menschen vom Leistungsgedanken durch einen überbordenden Sozialstaat“ (108) hätten dafür die Grundlage geschaffen.

Des Weiteren beklagt er die linke Religionskritik und die Dämonisierung des Christentums, wo doch die Religion und speziell die „christlich-jüdisch inspirierte Aufklärung“ (sic!) die Grundlage des freiheitlichen Wertegerüsts gebildet hätten. Dieser letzte Punkt ist deswegen von besonderer Bedeutung, weil er quasi-religiös die „Eigentümermarktgesellschaft“ zu einem ‚Allerheiligsten‘ überhöht und den Antagonismus Freiheit/Sozialismus in den moralischen Antagonismus von Gut/Böse übersetzt.

Strategisch gesehen setzt Krall auf die große Krise („Crash“), eine „epochale[ ]
Wirtschaftskrise“, verursacht durch „wirtschaftliche Ungleichgewichte“, die wiederum auf eine auf „Umverteilung ausgerichtete Geldpolitik“ (20) zurückzuführen seien. Die Übeltäter sitzen in Brüssel und in der EZB („Manipulationsnullzins“) und auf Seiten der durch die Nullzinspolitik alimentierten nationalen Regierungen. „Da der Nullzins ineffiziente, unproduktive und schlechte Unternehmen als unsichtbare Subvention künstlich am Leben erhält, fließen immer mehr Ressourcen in unproduktive und schlechte Verwendungen“ (34). Das Produktivitätswachstum wird abgewürgt (35). „Die Wachstumskräfte erlahmen, und die wirtschaftliche Krise ist die unausweichliche Folge.“ (35)

Um auf diese Situation, die für eine „bürgerliche Revolution“ die objektiven Bedingungen schaffen würde, vorbereitet zu sein, entwickelt Krall ein metapolitisches Konzept, das sich am Vorbild der „demokratischen Bürgerbeteiligung“ (?) in den USA orientiert. Im Zentrum steht das „Konzept der politischen Denkfabrik(158), die als „Katalysator politischer Veränderung“ dienen soll: Erstens geht es um die Erringung der intellektuellen Denkführerschaft (Thought Leadership), zweitens um die der Meinungsführerschaft (Opinion Leadership), und drittens – darauf aufbauend – soll dann die Regierungsverantwortung (Exekutive Leadership) übernommen werden, mit dem Ziel, den Staatsumbau einzuleiten, in dessen Zentrum eine neue Verfassung stehen soll.

Dieses neue Grundgesetz würde (gegenüber dem alten) von allenfreiheitsfeindlichen Elementen“ (auf
grund falscher Kompromisse
mit dem Sozialismus oder mangelnder Voraussicht) gereinigt sein. Es wäre die Grundlage für die „Republik der Freiheit“.

Literatur

Becker, Andrea/Eberhardt, Simon/Kellershohn, Helmut (Hg.) 2019: Zwischen Neoliberalismus und völkischem ‚Antikapitalismus‘. Sozial- und wirtschaftspolitische Konzepte und Debatten innerhalb der AfD und der Neuen Rechten, Münster.

Botsch, Gideon/Kopke, Christoph 2019: Zwischen „Raumorientierter Volkswirtschaft“ und „Antikapitalismus-Kampagne“, in: Becker/Eber
hardt/Kellershohn (Hg.) a.a.O., 72-89.

Chamayou, Grégoire 2019: Die unregierbare Gesellschaft. Eine Genealogie des autoritären Liberalismus, Berlin.

Heller, Hermann 1971: Autoritärer Liberalismus [zuerst 1933], in: Ders: Gesammelte Schriften, Bd. 2, Leiden, 643-653.

Hoppe, Hans Hermann 2018: Demokratie. Der Gott, der keiner ist. Monarchie, Demokratie und natürliche Ordnung [zuerst 2001], 5. Auflage, Waltrop und Leipzig, 361-374.

Kellershohn, Helmut 2013: Der völkische Nationalismus der NPD. Grundzüge der NPD-Programmatik, in: Ders. (Hg.): Die ‚Deutsche Stimme‘ der ‚Jungen Freiheit‘. Lesarten des völkische Nationalismus in zentralen Publikationen der extremen Rechten, Münster, 30-52.

Kellershohn, Helmut 2019: Mit Marx für einen ‚Antikapitalismus‘ von rechts? Über das wundersame Interesse neurechter Vordenker an Marx, in: Becker/Eberhardt/Kellershohn (Hg.) a.a.O., 128-147.

Marcuse, Herbert 1967: Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung [zuerst 1934], in: Abendroth, Wolfgang (Hg.): Faschismus und Kapitalismus. Theorien über die sozialen Ursprünge und die Funktion des Faschismus, Frankfurt/M., 39-74.

Ptak, Ralf 2007: Grundlagen des Neoliberalismus, in: Butterwegge, Christoph/Lösch, Bettina/Ders.: Kritik des Neoliberalismus, Wiesbaden.

Schobert, Alfred 2009: Wurzeln finden, Reich erneuern oder: Wie Alain de Benoist mit carl Schmitt der „Dampfwalze der Globalisierung“ trotzen will, in: Ders.: Analysen und Essays. Extreme Rechte – Geschichtspolitik – Poststrukturalismus, hrsg. von Dietzsch, Martin/Jäger, Siegfried/Zuckermann, Moshe, Münster, 37-60.

Waldstein, Thor von 2008: Der Beutewert des Staates. Carl Schmitt und der Parlamentarismus, Graz.

Zehrer, Hans 1931: Rechts oder Links? Die Verwirrung der Begriffe, in: DIE TAT H. 7, 505-559.

 

1 Kaiser ist Mitarbeiter des Instituts für Staatspolitik.

2 Die Nicht-Trennung kreidet Kaiser Marx als Fehler an. Neben vielen anderen ökonomietheoretischen Schnitzern (z.B. die Rede vom „Wertschöpfer“ Markt, 283) zeigt diese Kritik, dass es mit Kaisers Marxrezeption nicht allzu weit her ist. Auch Schumpeters Unterscheidung von „Kapitalist“ und „Unternehmer“ wird von Kaiser in sein theoretisches Korsett eingebaut (284).

3 Die Studie von Turley ist bereits 1961 in der Schriftenreihe des DDR-Instituts für Wirtschaftswissenschaften erschienen: „Neoliberale Monopoltheorie und ‚Antimonopolismus‘“ und trotz aller ML-Verrenkungen lesenswert.

4 Zu Kaisers Konzept eines „ostdeutschen Regionalismus“ vgl. S. 279f. Zur europapolitischen Dimension dieser an de Benoist angelehnten Konzepte vgl. Till-Lucas Wessels im Verlag Antaios 2019 erschienenes Bändchen „europaradikal. Konzepte einer europäischen Zukunft“ (kaplaken Bd. 58). Zu de Benoist immer noch wichtig Schobert 2009, 37-60.

5 Der Begriff „Volksgemeinschaft“ ist an sich keine Erfindung des NS, sondern in der politischen Mitte der Weimarer Republik häufig im Gebrauch gewesen. Vgl. dazu die materialreiche Arbeit von Jörn Retterath: „Was ist das Volk?“ Volks- und Gemeinschaftskonzepte der politischen Mitte in Deutschland 1917-1924, Berlin/Boston 2016.

6 Kaiser schwebt bei den Einkommen ein Verhältnis von Maximal- und Minimalgehältern im Bereich von 1:10 (nach Sombart) oder 1:15 (nach Wagenknecht) vor (43). Zu den Vermögensrelationen äußert er sich nicht.

7 Neu veröffentlicht (mit einem Vorwort von Hans-Hermann Hoppe) von der Friedrich-Naumann-Stiftung im Academia Verlag 2006 (4. Auflage) als Band 1 in der Reihe „Klassiker der Freiheit“!

8 An diese These vom Faschismus als „Notbehelf des Augenblicks“ knüpfte Hayek bei seinem Besuch in Chile 1981 an. In einem Interview mit der Tageszeitung El Mercurio äußert er sich zum Problem der Diktatur: „Nun, ich würde sagen, dass ich ganz und gar gegen Diktaturen als langfristige Einrichtungen bin. Aber eine Diktatur kann während einer Übergangszeit ein notwendiges System sein. Es ist manchmal notwendig für ein Land, für eine gewisse Zeit über eine Form diktatorischer Macht zu verfügen. Wie sie verstehen werden, ist es einem Diktator möglich, liberal zu regieren. Und ebenso möglich ist, dass eine Demokratie mit einem völligen Mangel an Liberalismus regiert. Persönlich ziehe ich einen liberalen Diktator einer demokratischen Regierung ohne Liberalismus vor.“ (zit. nach Chamayou 2019, 286)

9 Krall argumentiert widersprüchlich: einerseits lehnt er ein „kollektivistische[s] Konzept[ ] ab, Gemeinschaft gilt ihm als „Summe der Individuen und ihrer Handlungen“ (215); andererseits baut er eine Brücke zu einem identitären Verständnis von Kultur, die „die Genesis eines Volkes“ reflektiere. Kultur sei „durch die Geschichte gestiftete Identität“ (217). Daran knüpfen dann Invektiven gegen Multikulturalismus („Einheitsbrei“), Islam und Migration an.

10 Auch Hans-Hermann Hoppe plädiert zur Not für eine Monarchie, versteht sich aber eigentlich als „Anarchokapitalist“, der eine reine Privatrechtsordnung und damit einen „Nullstaat“ bevorzugt. Hoppe ist Mitherausgeber der Zeitschrift eigentümlich frei, in der auch Krall publiziert.

11 Die Krall‘ sche Mischung von ökonomischem Liberalismus, autoritärem Mini-Staat und kulturellem Konservatismus (Wertkonservatismus) erinnert an den US-amerikanische Paläolibertarismus rund um das Ludwig von Mises Institute of Alabama.

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines vom Ministerium für Kultur & Wissenschaft NRW geförderten und in das Netzwerk CoRE-NRW eingebundenen Projekts zur Neuen Rechten.

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 40 vom November 2020. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

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