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„Mythos Mitte“ und die Klassenfrage

 

Kadritzke, Ulf 2019
Jenseits von „Mitte und Maß“. Eine Vergegenwärtigung der Klassenfrage,
in: Vester, Michael/ Kadritzke, Ulf/ Graf, Jakob
Klassen – Fraktionen – Milieus
Beiträge zur Klassenanalyse (1)
Manuskripte – Neue Folge der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin, 68-88.

Rezension von Wolfgang Kastrup

Ulf Kadritzke, in diesem Jahr verstorbener Soziologe, war bis 2008 Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Sein Text Jenseits von „Mitte und Maß“. Eine Vergegenwärtigung der Klassenfrage bezeichnet unsere heutige Gesellschaft als Klassengesellschaft und analysiert im Besonderen die Klasse der Lohnabhängigen. Er kritisiert solche Ansätze und politische Ideologien, die den Klassenbegriff und die Analyse von Klassenfraktionen für obsolet halten. „Was tritt an ihre Stelle? Theoretisch die Kategorie der sozialen Schichtung, empirisch eine mehrdimensional quantifizierende Ungleichheitsforschung und politisch die einseitige Sorge um die ‚Mitte der Gesellschaft.‘“ (68) Für ihn ist der Begriff der ‚Ungleichheit‘ eine viel zu oberflächliche Kennzeichnung. Die politische wie sozialwissenschaftliche Beschwörung der gesellschaftlichen Mitte zeigt nicht nur die Ungenauigkeit des Begriffs der Mitte, sondern genau diese Unschärfe fördert, Kadritzke zufolge, die Verbreitung. (69) Die ständigen Wiederholungen in Wissenschaft und Medien von einer breiten gesellschaftlichen Mitte hat mehrere Funktionen: Zum einen soll diese Ideologie belegen, dass soziale Ungleichheit eine motivierende Kraft hat, „weil hier die Erziehung der Marktgefühle geglückt erscheint“, zum anderen soll ein Leitbild verbreitet werden, dass Leistungswillen und selbständiges Handeln voraussetzt. Damit wird Ungleichheit moralisch nicht abgelehnt, sondern in Maßen als Notwendigkeit erachtet. Auch Gerechtigkeit und Gemeinwohl, das allerdings nicht zu teuer werden darf, werden damit moralisch transportiert. (70)

Er stellt heraus, dass die Mittelklassen in verschiedenen wissenschaftlichen Ansätzen der Weimarer Republik trotz aller Differenzierungen in einen Klassenkontext eingeordnet wurden. Nach 1945 ist dies in wissenschaftlichen und politischen Diskursen verdrängt und vergessen worden. Stattdessen sprach man, wie Schelsky 1953, von einer „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“. Danach wird der Klassengegensatz, bedingt durch gestiegene Konsumchancen und eine Anhebung des Lebensstandards, eben durch Nivellierung, obsolet. Dieser Begriff blendete nach Ansicht des Autors die soziale Realität und die politischen Konflikte zu dieser Zeit aus. In der empirischen Sozialforschung ist dann in der letzten Zeit zwar nicht der Begriff Mittelstandsgesellschaft fallen gelassen worden, wohl aber der Begriff der Nivellierung. Kadritzke zitiert hier den Wirtschafts- und Sozialhistoriker Hans Ulrich Wehler, der über „kosmetische“ Operationen spricht, und kritisiert, dass in Deutschland eine „in Klassen gegliederte Marktgesellschaft“ negiert wird. (75f.) Da Klassen keine homogenen Lebenslagen haben, plädiert der Autor für Differenzierungslinien bezüglich der klassentypischen Haltung. Hinzukommen – hier wird auf Michael Vester verwiesen – noch Überlegungen und Kategorien von Pierre Bourdieu, dass bezüglich der Klasse der abhängig Beschäftigten die soziale Herkunft, spezielle Berufe und besondere Qualifikationen sozial und kulturell zu Kapital werden können. „Sie verdichten sich zu typischen, von sozialen wie kulturellen Differenzierungsprozessen geprägten ‚Klassenmilieus‘, die sich im Habitus und in typischen Mentalitäten niederschlagen.“ (79) Zwar wird durch die gemeinsame ökonomische Lage auch Raum geschaffen für objektive Interessen, die sich allerdings nicht im Alltagsbewusstsein und im politischen Handeln unmittelbar zeigen. Dies erschwert eine kollektive Interessenpolitik. Mit der verschärften Konkurrenz auf den Arbeitsmärkten wird Raum geschaffen, um lohnabhängige Fraktionen – national wie international – gegeneinander auszuspielen. Vermittelnde Kategorien werden gebraucht, die die historischen, kulturellen, geschlechts- und berufstypischen Besonderheiten einschließlich der spezifischen Milieus im Zusammenhang sehen. (80)

Mit dem Anwachsen des Dienstleistungsgewerbes kommt hinzu, dass diese Arbeit kaum noch gemeinsame Interessenlagen hervorbringt. „Honorarkräfte und Mehrfachjobber, Burger-Braterinnen, Fahrradkuriere und ‚freie‘ Grafikdesignerinnen erleben weniger das ‚Kapital‘ als zunächst den ‚Markt‘ und die ‚Kunden‘ als Mächte, die über ihre Einkommenschancen, Arbeitszwänge und Zeitbudgets bestimmen.“ (82) Interessenlagen, Bewusstseinsformen verändern sich und dadurch werden Formen kollektiven politischen Handelns immer schwieriger. Hinzuzufügen ist hier m.E. noch, dass auch für eine gewerkschaftliche Interessenvertretung das deutlich zunehmende Dienstleistungsgewerbe immer komplizierter wird. Kadritzke zufolge zeigt dies, dass eine neue, verbindende Klassenpolitik notwendig ist. „Der Lohn und die Arbeitsplatzsicherheit bestimmen das Maß an Ungleichheit und materieller Ausbeutung, die Länge und Lage der Arbeitszeit das Maß an Ungleichheit und Entfremdung.“ (83) Neben der Arbeit gibt es weitere Bereiche der Klassenbeziehungen, so z.B. den Konsum. Dieser ist, der Autor verweist hier auf Baudrillard, eine die gesellschaftlichen Beziehungen durchdringende „Klasseninstitution“. Die Werbung betreibt einen Prozess der „Denivellierung“, da sie auf spezielle Zielgruppen (Schichten, Milieus und Lebensstile) eingeht. Daneben zählen zur Klassenfrage das Wohnen, die Bildung, die Zerstörung der Umwelt, die Geschlechtergerechtigkeit und die vielen Formen der Diskriminierung, die Kadritzke hier nicht näher erläutert.

Eine solche „neue Klassenanalyse“ kann für Kadritzke keine schnellen Antworten liefern. Sie muss aber den Zusammenhang „von kritischer Theorie und eingreifender Praxis“ wahren und weiter gehen. Das Zitat des früheren französischen Umweltministers Hulot: „Die einen fürchten das Ende der Welt, die anderen das Ende jeden Monats“, wenn das Konto überzogen ist, das dieser auf „die umweltbewussten Mittelschichtsakademiker und die abgehängten Gelbwesten“ bezog, nimmt der Autor zum Anlass, „die Gemeinsamkeiten zwischen den besser gesicherten Lohnabhängigen und einem ‚Prekariat‘ aufzuspüren, das mit den Attributen migrantisch und weiblich noch nicht einmal vollständig umrissen ist.“ (85)

Um der nationalistischen Beschwörung der Volksgemeinschaft und der ideologischen Rede von „Mitte und Maß“ durch eine kritische Erklärung der kapitalistischen Verhältnisse entgegenzutreten, ist es erforderlich, so seine Forderung, gesellschaftliche Herrschaftsformen zu durchschauen. „Was hingegen nicht hilft, ist ein bloßes Zurück zur Nation, ein Diskont auf die Menschenrechte oder die Sehnsucht nach der vermeintlich homogenen Arbeiterklasse des Industriezeitalters.“ (86)

Kadritzke gelingt es, den Fokus auf den „Mythos Mitte“ zu legen und eine überzeugende ideologiekritische Analyse dessen vorzulegen. In Wissenschaft und Publizistik, aber auch in Wahlkämpfen wird immer wieder, und dies schon seit geraumer Zeit, die gesellschaftliche Mitte als zentrale gesellschaftliche Kategorie der Stabilität und der Abwesenheit von sozialen Klassen herausgestellt. Ideologiekritisch ist die Fortsetzung der „nivellierten Mittelstandsgesellschaft“ von Schelsky. „Mitte und Maß“ ist sozusagen der gesellschaftliche Kitt, um der gesellschaftlichen Ungleichheit zu begegnen. Leider werden aber von Kadritzke ‚Rasse‘ und ‚Geschlecht‘ in seinem Text nur äußerlich einbezogen. Migrant*innen ohne deutschen Pass wurden und werden insofern immer schon ausgegrenzt, da die Unterscheidung in In- und Ausländer als Staatsbürgerschaftskriterium Ausgrenzung grundsätzlich voraussetzt.

Wolfgang Kastrup ist Mitglied der Redaktion und im AK Kritische Gesellschaftstheorie

 

 

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 42 vom November 2021. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

 

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