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Brexitannia – a podcast and more …

 

Vorwärts in die Vergangenheit oder Rückwärts in die Zukunft

Dabei kostet der Impstoff AstraZeneca nur 4 Euro pro Dosis, Pfizer/Biontech hingegen sechs mal soviel. Aber das Paul-Ehrlich-Institut, eine der Bundesregierung unterstellte Agentur, widersprach und die Regierung setzte den Einsatz des Impfstoffs der britisch-schwedischen Firma AstraZeneca aus. Unter dem Druck der oben genannten internationalen Fachleute ließ die Bundesregierung ihn dann doch wieder zu.

Und die absolute Frechheit? „Unseren deutschen“ Impfstoff Pfizer/Biontech hatte – wie gesagt – Johnson uns und der schlafenden EU-Kommission auch noch vor Monaten unter der Nase weggeschnappt! Es drängt sich sogar langsam aber sicher die Frage auf: Haben Johnson sowie die Brexiterinnen und Brexiter mit ihrem Brexit den Weg für die „Britische Mutante“ geebnet? War nicht ihre heimtückische Strategie von vornherein, Europa durch eine Mutante der Pandemie in die Knie zu zwingen, bevor sie der EU und vor allem Deutschland den Impfhahn zudrehen? Realsatire beiseite, die Briten sind den Deutschen nicht ganz geheuer. Jetzt erst recht nicht.

Seit ich in Deutschland lebe, weiß ich eins: Wir Briten werden zwar respektiert und „nicht wie Ausländer behandelt“, sind aber den Deutschen nicht wirklich geheuer. Vor diesem Hintergrund haben wir, meine deutsche Frau Iris Tonks (Mutter geborene Niederländerin, Vater Bio-Deutscher), mein Ko-Autor, der deutsche Medienproduzent Zakaria Rahmani (Mutter Bio-Marokkanerin, Vater Bio-Marokkaner) und ich, der deutsch-britische Doppelstaatler Robert Tonks (Mutter Bio-Waliserin, Vater Bio-Engländer), im Sommer 2020 Großbritannien bereist, um einen Podcast zu produzieren, der wie eine Spurensuche die Gründe für den Brexit aufdecken sollte.

Brexitannia – Großbritanniens Weg aus der EU

Am 31. Januar 2020 trat Großbritannien offiziell aus der EU aus. Ich wurde an dem Tag 65 Jahre alt und trat in den Ruhestand. Ich hatte eigentlich allen Grund zu feiern – aber für mich war das kein guter Tag.

Als Großbritannien 1973 der Europäischen Gemeinschaft beitrat, war ich gerade einmal 18 Jahre alt und zog von South Wales nach West Germany. Ich wurde EU-Referent und setzte mich seitdem für die europäische Idee ein. Dann schied ich aus dem Berufsleben aus und das Vereinigte Königreich aus der EU. Was war passiert? Und wie konnte es nur soweit kommen?

Mit dem Audio-Podcast Brexitannia entstand eine Dokumentation mit einem persönlichen Blick auf die letzten Jahrzehnte europäisch-britischer Beziehungen und das aktuelle, pandemiegeplagte Großbritannien in vier Episoden. Sie wurden im Dezember 2020 vom Westdeutschen Rundfunk ausgestrahlt und sind seitdem auf zahlreichen Podcast-Plattformen abrufbar.

https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/tiefenblick/brexit-eu-grossbritannien-politik-100.html [leider nicht mehr online]

http://www.robert-tonks.de/archives/733

Episode 1 – Der Feind im Inneren: Besonders die ehemaligen Bergarbeiter-Regionen waren beim EU Referendum 2016 Brexit-Hotspots, dieselben Regionen, die sich in den 1980er Jahren gegen die autoritäre Politik von Margret Thatcher wehrten.

Episode 2 – Auf der Suche nach Middle England: Doch es stellte sich heraus, dass die Brexit-Befürworter vor allem aus „Middle England“ stammen. “Middle” ist hier soziologisch und nicht geografisch gemeint,

Episode 3 – God Save the NHS: Ein entschiedenes Motiv der Brexit-Kampagne war der rote Bus mit dem verlogenen Versprechen von Boris Johnson, die EU-Millionen direkt in den nationalen Gesundheitsdienst NHS zu investieren.

Episode 4 – Rule Britannia! Eine wieder erstarkte Empire-Nostalgie und die neu entdeckte Form des britischen Nationalismus, „British Exceptionalism“, spielten beim Brexit-Votum eine entscheidende Rolle.

Rezeption in Deutschland

Die zahlreichen Rückmeldungen zu Brexitannia entstammen diversen Seiten des hiesigen politischen Spektrums. Begeistert war zum Beispiel ein linker Veteran der deutschen Gewerkschaftsbewegung, der damals die britischen Bergarbeiter bei ihrem ein Jahr andauernden Streik 1984 unterstützte. Eine deutsche Zuhörerin und Fan des neoliberalen Thatcherismus forderte hingegen die Richtigstellung unserer Darstellung der autoritär-populistischen Rolle von Margret Thatcher in der damaligen Politik. Die Richtigstellung wurde als grundlos angesehen und abgelehnt.

Unsere empirisch belegbare Darstellung, dass zahlenmäßig die Mittelschicht, also „Middle England“, und nicht die „Abgehängten“, für den Brexit verantwortlich ist, hat viele Zuhörende überrascht, ebenso die emotionale Bindung der Briten an ihr Gesundheitssystem NHS. Dabei sei der Tatbestand, dass der unterfinanzierte National Health Service den Status einer Nationalikone genießt, für das Verständnis des Brexitvotums zentral, bestätigten mehrere Großbritannienkenner sowie in Deutschland lebende britische ZuhörerInnen. Einige frankophile ZuhörerInnen zeigten sich überrascht, dass Präsident de Gaulle zwei Beitrittsgesuche der Briten zur damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1963 und 1967 blockierte. Interessant ist zudem die Erkenntnis vieler, dass sie den Terminus British Exceptionalism noch nie gehört hatten.

Ein in London arbeitender deutsch-britischer Schauspieler regte eine englischsprachige Version des Podcasts an. Auf Anfrage im Vorfeld hatte die BBC eine Kooperation abgelehnt. Schließlich wird Brexitannia seit Dezember 2020 von zahlreichen Podcast-Plattformen in Deutschland und weiteren EU-Ländern angeboten.

Neulich meldete sich eine bekannte deutsche Hörfunkredakteurin a. D. bei mir. Sie findet Brexitannia ebenso spannend wie informativ und regt an, dass wir eine Fortsetzung produzieren. Tja. Das ist in Covid-Zeiten einfacher gesagt als getan.

Ihr Sohn, ein Deutscher, arbeitet in der Londoner City als Banker, ihre Schwiegertochter ist Waliserin. Bei den deutsch-britischen Familientreffen wird das Thema Brexit vehement vermieden. Dass grundsätzlich nicht nur Briten hüben wie drüben sich beruflich wie privat vom Brexit negativ betroffen fühlen, ist mir seit dem tragischen, für Millionen Menschen mit weitreichenden Konsequenzen verbundenen, Ergebnis des EU-Referendums vom 23. Juni 2016 bewusst. Die Betroffenheit wird voraussichtlich anhalten, womöglich auch zunehmen und die Gesellschaft im kleinen wie im großen weiter spalten.

Die Zuhörerin erinnerte mich an das 2018 erschienene Buch „Posh Boys“ über die Auswirkungen und den Einfluss der britischen privatfinanzierten Eliteschulen (euphemistisch „Public Schools“ genannt) auf die heute noch bestehende und florierende britische Klassengesellschaft. Ich glaube, dass es im deutschsprachigen Raum ein Publikum für die Thesen von Robert Verkaik in seinem sehr gelungenen Buch gibt, solange die Public-School-Eliten und die Hasardeure unter ihnen wie Boris Johnson, David Cameron et al. an der Macht sind.

Die Posh Boys

Die spinnen, die Briten“, hört und liest man häufig in Deutschland. Liegt die Akzeptanz der Hasardeure durch die britische Bevölkerung an einer Mentalität der Freude am Pferderennen und Wettspielen, also daran, dass 28 Millionen Briten regelmäßig wetten? Warum hat Cameron das Referendum 2016 überhaupt riskiert? Nach eigenen Angaben wünschte er sich den Verbleib in der EU und setzte sich als damaliger Premierminister dafür ein. Allerdings hat er offensichtlich auf das falsche Pferd gesetzt. Na, so ein Pech aber auch.

Das Demokratieverständnis im Vereinigten Königreich, der konstitutionellen Monarchie mit der ältesten parlamentarischen Demokratie der Welt, setzt sich von dem seiner europäischen Nachbarn deutlich ab: Nicht nur das Referendum, sondern auch die regulären Direktwahlen zum Unterhaus laufen seit eh und je wie ein Pferderennen ab. Egal wie knapp das Ergebnis auch sein mag: The first horse past the post wins. The winner takes it all. So ist es auch beim Brexit: Die 48 %, die 2016 für den Verbleib in der EU stimmten, finden keine Berücksichtigung.

Von all denjenigen Briten, die spinnen, ist gerade Johnson den Menschen hierzulande nicht ganz geheuer: Er wird einerseits als Lügner und Rechtspopulist, andererseits als Clown und Kuriosum dargestellt. Er ist für Deutsche vor allem ein Faszinosum.

Dabei ist jedeR ein Produkt der Gesellschaft, in der sie/er lebt. Johnson ist nicht die Ausnahme und auch nicht allein. Sein Kabinett besteht aus Brexit-IdeologInnen elitärer Provenienz. Sein Kabinettsminister Michael Gove ist wie Cameron einer seiner Public-School-Erzrivalen an der Uni in Oxford gewesen.

Premierminister Johnsons aktuelle Medienpräsenz im Zusammenhang mit der Impfstrategie der britischen Regierung wird auf der Insel wie in den hiesigen Medien vielfach gespiegelt. Das wird voraussichtlich nicht abebben. Die Briten und ihr „Brexit Boris“ werden voraussichtlich weiterhin kritisch beäugt. Johnsons momentaner Erfolg „an der globalen Impffront“ beflügelt den breiten Druck der Öffentlichkeit auf die deutsche Regierung. Aber ein Scheitern „der Brexit-Briten“ am Ende des Tages würde womöglich Spott und Schadensfreude hervorrufen. Letzteres nimmt Johnson anscheinend in Kauf. Er setzte bereits im Sommer 2020 auf das Rennpferd Vakzin, während die EU und Deutschland zögerten und weitere Untersuchungsdatensätze abwartet.

Brexitannia revisited?

Könnten wir uns die Fortsetzung unserer Podcast-Reihe vorstellen? Sie sollte gegebenenfalls vor allem die vergangenen und aktuellen Entwicklungen in Sachen „Brexit, Corona, Britische Mutante und Impfstrategie“, sowie einen Ausblick auf diese, behandeln. Aber bei einer weiteren Analyse sollte vor allem ein Diskursstrang zentral sein:

Unsere Podcast-Reihe endete mit Teil 4 „Rule Britannia“. Darin thematisierten wir die in der sozialwissenschaftlichen Debatte erst in den letzten Jahren entdeckte Form des britischen Nationalismus, genannt „British Exceptionalism“.

Neu an diesem Phänomen ist nicht der British Exceptionalism an sich, sondern seine wissenschaftliche Entdeckung. Seine elitäre Haltung ist nicht einer versteckten Elite zuzuordnen, sondern er wird seit Jahrzehnten proaktiv von breiten Teilen der britischen Medien und populären Kultur propagiert. Seine zentrale These lautet: „Wir Briten sind die einzigen Europäer, die damals im Zweiten Weltkrieg den Nationalsozialisten die Stirn gezeigt haben! Und wir haben gewonnen“.

Laut Umfragen bleiben seit dem Referendum 2016 zwar die Brexit-GegnerInnen konstant bei rund 50 % (mal mehr, mal weniger). Das gilt aber auch für die BrexitbefürworterInnen. Weite Teile der letzteren Gruppe in der heutigen britischen Gesellschaft fühlen sich „exceptional“ – auf Augenhöhe mit ihrem „Boris“. Seine Lügen werden deshalb entschuldigt. Sein saloppes Auftreten, seine Sprache und Witze entsprechen ihrem Geist und Humor.

Aber diese empfundene gesellschaftliche Nähe könnte nicht weiter von der Realität entfernt sein. Seit Jahrhunderten traditionell gekennzeichnet sind die teuren Posh-Boy-Schulen durch die Förderung eines betont männlichen „exceptionalism“ sowie einer elitären, ich-bezogenen Risikobereitschaft. Die Eltern der Jungs sind wohlhabend bis megareich.

Meine Mutter (94 J.) bezeichnet Johnson und Cameron als verwöhnte Schuljungen, als „spoilt school boys“. Sie muss es wissen – als ehemalige Lehrerin an einer großen Gesamtschule in Süd-Wales, Caldicot „comprehensive school“, mit dem Job-Titel „Head of Girls‘ Welfare“. Viele der Eltern der Kinder an der Schule in Caldicot sind ArbeiterInnen im Niedriglohnsektor, „the working poor“, oder sie leben von Transferzahlungen. An der Schule gibt es vielfach dauerhafte Lerndefizite und -behinderungen sowie Drogenprobleme und Prostitution in zweiter und dritter Generation.

Zu den teuersten Top-Eliteschulen mit Internat gehört hingegen Winchester College, 42.000 Pfund pro Jahr pro Sohn betragen die Schulgebühren. Winchester College, gegründet im 14 Jahrhundert für die Söhne armer Eltern, ist die älteste public school im Lande. Die public schools setzten sich ursprünglich von dem Einfluss der katholischen Kirche ab. Die Söhne reicher Eltern wurden nicht aufgenommen.

Heute werden die public schools durch den Geldbeutel und den gesellschaftlichen Status der Eltern der Söhne beherrscht. Winchester genießt heute nach Eaton und Harrow den besten Ruf. Die „Sensation“ ist aktuell: Mädchen werden erstmalig zu den Tages- und Abiturklassen in Winchester zugelassen. Welcome to the 21st Century!

Auf der Suche nach einem „Posh Girl“ zum Interviewen telefonierte ich in Winchester mit Pamela. Ihr Vater und sie setzen sich für die Wiedereinführung der Fuchsjagt ein. Die Regierung der Labour Partei unter Tony Blair (auch ein posh boy übrigens) hatte diesen über Jahrhunderte tradierten blood sport verboten. Angeführt vom jeweiligen lokalen Adligen zu Pferd war die Fuchsjagt nicht nur ein alljährliches Dorffest in jeder Grafschaft gewesen, sondern ein Symbol des ruralen konservativen Vereinigten Königreichs und ein Bollwerk gegen das gefühlt linke, urbane Großbritannien.

Dass Pamela gerade zu Pferd unterwegs war, hörte ich klar und deutlich und fragte sie, ob sie Zeit habe, mit dem „DOUBLE-YOU-DEE-ARE Radio from Germany“ zu sprechen. Ich fragte:

Are you on a horse? … „Of course!”, antwortete auf dem hohen Ross sitzend Pamela, die das Gespräch sofort beendete. Ohne Worte.

Onward to the past!

Nachtrag:

Den Text habe ich am 2. April 2021 abgeschlossen. Seither ist einiges geschehen: Die Impfkampagne hat auch in Deutschland Fahrt aufgenommen; Prinz Philip – ein großer Europäer mit griechischen, dänischen und deutschen Verwandten und Verfechter der deutsch-britischen Verständigung – ist kurz vor seinem 100. Geburtstag gestorben; Premierminister Johnson geriet zunehmend unter Korruptionsverdacht; zum Jahrestag des Karfreitagsabkommens vom 10. April 1998 flammten die Unruhen in Nordirland wieder auf; britische und französische Kriegsschiffe fuhren nach Jersey zur Kontrolle der Blockade des dortigen Hafens durch französische Kutter: das Handelsblatt meldete eine deutsche „Erfolgsgeschichte“ der Pandemie: bis Ende 2021 werden 6 Milliarden Euro Gewinn für die Impfstoff-Hersteller-Firma Biontech erwartet; die neue „indische Variante“ des Coronavirus beschäftigte zunehmend die Medien; Großbritannien, das Land mit der niedrigsten Infektionsinzidenz in Europa, wurde von der Bundesregierung wegen der Verbreitung der indischen Variante auf der Insel als Virusvariantengebiet eingestuft.

Robert Tonks wurde 1955 im damaligen Niemandsland zwischen England und Wales geboren und zog vor fast einem halben Jahrhundert nach Deutschland. Der Sozial- bzw. Politikwissenschaftler arbeitete als Lehrer, Übersetzer, Dolmetscher, Prüfungsbeauftragter der Londoner Handelskammer und als Europareferent in seiner Wahlheimat Duisburg. Seine Bücher zu Denglisch und Corona finden sich auf www.robert-tonks.de.

 

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 41 vom Juni 2021. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

 

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