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Kaiser und Sultan

 

Zwischen Orient und Okzident. Eine Ausstellung des Badischen Landesmuseums

Von Anton Maegerle. Erschienen in DISS-Journal (39) 2020

Das Badische Landesmuseum präsentierte bis zum Ausbruch der Corona-Krise die große Landesausstellung „Kaiser und Sultan. Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700“ im Schloss Karlsruhe. Der Ausstellung lagen die jüngsten Forschungsergebnisse zur Entangled History zugrunde, die von einer miteinander verflochtenen gemeinsamen Geschichte der Welt ausgeht. Wer die vorzeitig beendete Ausstellung nicht sehen konnte, muss zur umfassenden gleichnamigen Begleitpublikation mit sehr lesenswerten Beiträgen renommierter WissenschaftlerInnen greifen.

Orient und Okzident – Eine Konfrontationsgeschichte?

Der optisch prächtige Band präsentiert rund 350 hochkarätige Kunstwerke, vielfach aus den Sammlungen der „Karlsruher Türkenbeute“, eine Trophäensammlung der badischen Markgrafen unter der symbolisch aufgeladenen deutschen Bezeichnung „Türkenkriege“ des 17. Jahrhunderts sowie der Dresdner „Türckischen Cammer“. Zahlreiche dieser Werke sind durch großformatige Abbildungen und eigene Textbeiträge in der Begleitpublikation besonders hervorgehoben. Beide Sammlungen zählen zu den größten osmanischen Museumsbeständen Deutschlands. Sie bilden die Folie für die spannende Geschichte der Innovationen in Kunst, Architektur, Mode und Technik oder die Einführung neuer technischer Verfahren, die ohne den Austausch der Kulturen, ohne die Dualität von Angst und Faszination für das Fremde nicht denkbar wäre. Kritisch hinterfragt der Band aktuelle Stereotype über den Islam, verabschiedet sich von der Eindimensionalität eines ausschließlichen Konfrontationsgedankens zwischen Orient und Okzident und widmet sich den historischen und kulturellen Verflechtungen in Ostmittel- und Südosteuropa. Einer Region, die endlich als geographischer Korridor zu begreifen ist, der sich im 17. Jahrhundert zu einem Tor des Kultus- und Wissenstransfers auf europäischem Boden herausbildete. Der Mehrwert plurikultureller Gesellschaften wird deutlich – er macht damals wie heute die Stärke Europas aus.

Ziel der Ausstellung ist es, sich von einem eindimensionalen Gedanken einer ausschließlichen Konfrontation zwischen den Kulturen zu verabschieden. Mit dem Ansatz einer transkulturellen Geschichte werden das bisher herrschende Konzept einer geteilten Betrachtung der Kulturen in Frage gestellt und stattdessen die Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Weltreligionen betont, so Eckart Köhne, Direktor des Badischen Landesmuseums, in seinem Vorwort. Denn: Habsburger und Osmanen waren Nachbarn in der Mitte Europas und standen in einem wechselseitigen Austausch und der gegenseitigen Durchdringung der Kulturen. Das Reich der Osmanen erstreckte sich im Westen bis Ungarn, im Osten bis Persien, im Süden umfasste es fast die gesamte Mittelmeerküste Afrikas. Der Sammelband schlägt einen Bogen von der Vergangenheit zu den gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen unserer globalen Gegenwart und ist damit von größter Aktualität.

Der Balkan als Transferzone

Immer wieder wird dem Leser in Erinnerung gerufen, dass der Balkan im Herzen Europas eine lebendige Brücke zwischen Orient und Okzident war. Der Sammelband deckt die engen Beziehungen zwischen den Höfen der Habsburgermonarchie und ihre Berührungspunkte mit dem Osmanischen Reich auf. Bewusst setzen sich die MacherInnen von thematisch vergleichbaren Ausstellungen der Vergangenheit ab und stellen die zivilisatorischen Neuerungen in den Mittelpunkt, die im Schatten von Machtpolitik und kriegerischen Auseinandersetzungen entstanden.

Fokussiert wird der vielseitige Austausch zwischen dem Osmanischen Reich und seinen mitteleuropäischen Nachbarn während der sogenannten Türkenkriege im 17. Jahrhundert. Die gewählte Zeitspanne umfasst rund 100 Jahre vom Langen Türkenkrieg (1593-1606) bis zum Ende des Großen Türkenkrieges (1683-1699). Seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts begegneten sich die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich in Ostmittel- und Südosteuropa, einem Schmelztiegel der Kulturen. Der Ort der Begegnung von Habsburgern und Osmanen liegt in einem Gebiet Europas, zu dem der Islam damals längst dazugehörte. Er bildete das östliche Tor Europas nach Asien und der jüngste Umschlagplatz für Informationen, Waren und Ideen. Der Sammelband will dazu beitragen, die Bedeutung von Ostmittel- und Südosteuropa als „Porta Orientalis“ (Tor zum Orient) anzuerkennen. Parallel zu den Kriegen und Glaubenskonflikten der Zeit bildeten das dreigeteilte Ungarn und die Balkanhalbinsel Transferzonen aus, die einen regen Austausch zwischen den Kulturen mit einer Strahlkraft weit über die Region hinaus förderten.

‚Feinde‘ und ‚Helden‘

Schon früh stilisierte die kaiserliche Propaganda die Osmanen zum Feind. So wurden die „blutdürstigen Türken“ zum „Erzfeind der Christenheit“ deklariert. Bis heute schwingt die Frage mit, inwieweit tradierte Facetten des imaginierten Türken nach wie vor für einen über den Orient ausgeübten westlichen Herrschaftsdiskurs stehen. Eine Facette des inszenierten Heldenruhms stellt ein monumentales, über drei mal fünf Meter messendes Historiengemälde, das den kaiserlichen Feldherrn Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden 1691 als Triumphator über die Osmanen zeigt, dar. Das von dem professoralen Portrait und Historienmaler Ferdinand Keller 1878/79 im Auftrag der Karlsruher Kunsthalle geschaffene Bild zeigt den als „Türkenlouis“ bekannten Feldherrn, wie er am Abend der Schlacht bei Slankamen auf seinem Schimmel in das Zelt des gegnerischen Großwesirs Köprülüzade Mustafa Pasa stürmt. Das Bild ist eine Verkörperung des Siegs des Markgrafen, flankiert vom Kampf und der Niederlage des Großwesirs. Fakt ist jedoch, dass sich beide nicht auf dem Schlachtfeld begegnet sind. Somit vorgegaukelte Geschichte. Fake News des 19. Jahrhunderts.

Kultureller Austausch

Fakt ist jedoch auch, dass seit dem 16. Jahrhundert zugleich das Interesse an Kultur und Sitten der Osmanen stieg – so feierte man vor allem im Kurfürstentum Sachsen in osmanisch-anmutenden Kostümen Feste und Paraden. Orientalismus wurde zu einer Mode der Zeit. So ließ sich der Markgraf Ludwig Wilhelm samt Gattin in Gewändern abbilden, wie sie seine Kriegsgegner trugen, darunter Pluderhosen mit Krummsäbel. Der Markgraf unterstrich damit auch seinen Sieg über die Osmanen, präsentierte er sich doch als Sieger im Gewand des Besiegten. Protestanten in Siebenbürgen schmückten ihre Kirchen mit anatolischen Gebetsteppichen. Silberdrahtstickereien einer Mitra aus Ungarn vom Ende des 17. Jahrhunderts, die in der katholischen Kirche als Kopfbedeckung für Bischöfe und andere hohe Würdenträger dient, wurden durch orientalische Blumenornamentik angeregt. Die im Bereich der osmanischen Textilkunst beliebten Motive wie Tulpen, Nelken und andere stilisierte Blumen vermischten sich in Ungarn mit der westlichen Tradition. Ein weiteres Beispiel ist der Streitkolben. Im Osmanischen Reich hatte sich der Streitkolben im Laufe der Zeit von einer militärischen Waffe hin zu einem Hoheits- und Standeszeichen entwickelt; ein bemerkenswerter Bedeutungs-, Begriffs- und Funktionswandel. Unter dem Einfluss der Osmanen verbreitete sich dieser Gebrauch auch in den christlichen Ländern. Der Begegnungsraum, heute als Zeit der Türkenkriege im allgemeinen Gedächtnis, war eben mehr als ein Kriegsschauplatz: So hielt in Europa die Kaffeekultur Einzug, im Osmanischen Reich der Buchdruck. Der Kaffee gelangte von Äthiopien über den Jemen ins Osmanische Reich. In Europa war das Getränk als „Teufelstrunk“ verschrien und feierte den großen Durchbruch erst mit dem Sieg der kaiserlichen Truppen bei der Schlacht am Kahlenberg bei Wien 1683 über die Truppen des Großwesirs Kara Mustafa Pascha. Beeindruckendes Highlight der Ausstellung war das sogenannte „Blaue Zelt“ aus Krakau, das bei der Schlacht am Kahlenberg von König Johann III. Sobieski erbeutet wurde. Das größte Ausstellungsstück, ein über 18 Meter langes und fünf Meter hohes osmanisches Zweimastzelt, diente einem hohen Würdenträger inmitten des Schlachtgetümmels vor den Toren Wiens als Residenz.

Gegenspieler des Großwesirs war 1683 übrigens Ernst Rüdiger von Starhemberg. Der Wiener Stadtkommandant organisierte den erfolgreichen Widerstand Wiens. Im Namen von Starhemberg verübte ein österreichischer Neonazi eine Serie von Briefbomben und Sprengstoffanschlägen in Österreich und der Bundesrepublik in der ersten Hälfte der 90er Jahre. Vier Menschen wurde dabei getötet, mehrere schwer verletzt.

Woran erinnert werden muss…

Nach der Schlacht bei Wien blieb das osmanische Zentralungarn und Siebenbürgen heiß umkämpft. Im September 1686 eroberten die kaiserlichen Truppen Buda (das heutige Budapest) und löschten nahezu die jüdische Gemeinde aus. Die überlebenden Mitglieder der jüdischen Gemeinde kamen als Gefangene in das Heilige Römische Reich. Ein heute völlig in Vergessenheit geratener Genozid.

Der Sammelband bringt einem nahe, dass große Flucht- und Migrationsströme, ausgelöst durch Kriege und Verfolgung, kein einzigartiges Phänomen der Zeitgeschichte sind. Menschen nahmen aus politischen, religiösen oder ökonomischen Gründen spätestens seit dem 15., vor allem aber im 17. Jahrhundert, den Weg über die sogenannte Balkonroute – aber im Vergleich zu heute vorwiegend in umgekehrter Richtung: Sie wanderten ins Osmanische Reich aus. In Zeiten der Gegenreformation versprach das Osmanische Reich Zuflucht und eine gesicherte Existenz. Multiethnischen, multireligiösen und multilingualen Personen fiel im 17. Jahrhundert eine wichtige Funktion als Botschafter der Kulturen zu.

Dem Konfrontationsgedanken zwischen Orient und Okzident zugeneigt, dem sich dieser Sammelband entgegenstemmt, scheint ein Johannes Kandel zu sein. Nach der positiven Besprechung der Ausstellung in „DAMALS. Das Magazin für Geschichte“ wandte er sich „deutlich“ gegen die Darstellung, dass „Vielfalt ein Mehrwert“ sei: Hier wird „Geschichte als Waffe“ in „befremdlicher volkspädagogischer Attitüde“ eingesetzt, so Kandel. „Nein, Vielfalt ist nicht aus sich selbst heraus ein ‚Mehrwert‘“. Kandel, Politikwissenschaftler und Historiker, war bis zu seinem Ausscheiden 2014 Dozent und Akademiedirektor im Bereich Politische Erwachsenenbildung bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, ab 1999 als Referatsleiter für den Bereich „Interkultureller Dialog“ im Berlin mit Schwerpunkt Islam.

 

Badisches Landesmuseum (Hg)
Kaiser und Sultan
Nachbarn in Europas Mitte 1600-1700
Mit einem Personen-und Ortsnamenregister
Hirmer Verlag 2020
416 Seiten, 39,90Euro
ISBN 978-3-7774-3353-0

Anton Maegerle ist Journalist, Buch- und TV-Autor.

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