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Geschlechterverhältnis und Kapitalismus

 

Alex Demirović‘ Plädoyer für ein klassenpolitisches Verständnis des multiplen Herrschaftszusammenhangs

Eine Rezension von Wolfgang Kastrup. Erschienen in DISS_Journal 37 (2019)

Alex Demirović, apl. Prof. an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/M. und Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung, vertritt in seinem Plädoyer die These, dass „die kapitalistische Produktionsweise und die von ihr formierte Gesellschaft sich als konstitutive Einheit verschiedenartiger Widersprüche bildet, sie also nicht auf eine Herrschaftslogik reduziert werden kann.“ (258) Dabei müsse dem Begriff der Klasse eine besondere Rolle im Emanzipationsprozess zukommen, da Ausbeutung und Klassenherrschaft „angemessen“ beachtet werden müssten. Seiner Ansicht nach werde der Ansatz der Intersektionaltät [die Gender- bzw. Intersektionalitätstheorie basiert auf den Kategorien race, class und gender, W.K.] der „Komplexität der Widersprüche“ nicht gerecht – gerade vor dem Hintergrund des selbst gesteckten Ziels „einer herrschaftskritisch-gesellschaftstheoretischen Zusammenführung der unterschiedlichen Formen von Herrschaft und ihrer Überwindung.“(259)

Kritik der Intersektionalitäts- bzw. Gendertheorie

Der Ansatz der Intersektionalität sei von Feministinnen in die Diskussion gebracht worden, um ‚Klasse‘, ‚Rasse‘ und ‚Geschlecht‘ systematisch in ihrem Zusammenhang und Wechselwirkung zu denken. Dabei werde mit diesem Ansatz kritisiert, dass der Marxismus die Begriffe ‚Geschlecht‘ und ‚Rasse‘ vernachlässigt habe und entsprechende Emanzipationsbemühungen nicht ernst genommen und nur auf die Klassenfrage bezogen habe. (263) Der Ansatz der Intersektionalität kritisiere, dass der Kapitalismus vorwiegend als ein ökonomisches Funktionssystem bestimmt werde, das dann von außen in andere Funktionssysteme eindringe und diese kolonisiere. Demirović kritisiert diese Sichtweise der Intersektionaltätstheorie, da sie die Ökonomie selbst nicht als ein Ensemble widersprüchlicher gesellschaftlicher Verhältnisse fasse, in denen Natur angeeignet und Reichtum für Wenige produziert werde. Es würde nicht gesehen, dass Klassen und Individuen formiert werden mit Hilfe von Gewalt, Disziplin und Konsens, um die Ausbeutung vieler Menschen zu organisieren und bevölkerungspolitisch und rassistisch zu verwalten. Weiter kritisiert der Autor an diesem Ansatz, dass aus dem Blick gerate, die „kapitalistische Produktionsweise als ein gegliedertes Ganzes“ zu sehen, zu dem auch „Staat, Recht, Kunst, Wissenschaft, Familie“ gehörten, ebenso wie „spezifisch ideologische Muster wie Rassismus oder Sexualität mit ihren autonomen Handlungslogiken […].“ (266) Aus dieser „materialistischen Konzeption des gegliederten Ganzen“ müsse sich der Ansatz der Intersektionalität die Frage gefallen lassen, weshalb sie sich auf die drei Begriffe ‚Klasse‘, ‚Rasse‘ und ‚Geschlecht‘ beschränke. (Ebd.) Die Ausbeutung in den Betrieben, die Herrschaftspraktiken in den staatli-chen Institutionen, die Reproduktion von ideologischen Formen in Recht, Kunst, Familie, Sport, Philosophie, Wissenschaft gerieten so aus dem Blick, da in diesen Ebenen Sexismus und Rassismus immer wieder neu reproduziert würden „sowie jene Identitäten zuallererst konstituieren“. (267) Der intersektionelle Ansatz, dessen gemeinsamer Bezugspunkt die Kategorie der Ungleichheit sei, um die Diskriminierungspraktiken auf ein Kriterium zurückzuführen, würde nicht von den Widerspruchszusammenhängen und Kausalitäten von Ausbeutung, Reichtum und Armut, sexistischer Gewalt und rassifizierende Abwertungen sprechen, sondern spreche von Ungleichheiten im Sinne von Benachteiligungen. Demirović stellt die Frage: „Aber wie verhält es sich mit der Intersektionaltät auf dem Gegenpol, also Kombinationen wie reich, weiß, weiblich, gleichgeschlechtlich?“ Wie es überhaupt zu einer polarisierenden Ungleichheit kommen könne, diese Frage werde nicht gestellt; „ […] also zu einer derartigen Reichtumsbildung, zu Entscheidungsmacht, zu rassistischer Suprematie, zu bürgerlicher Kälte, Elitearroganz und Kommandogewalt […].“ (269f.) Der Bezug des Intersektionalitätsansatzes auf die Norm der Gleichheit berge die Gefahr, ‚Klasse‘ auf einen „Nebenwiderspruch zu reduzieren und den Kapitalismus vor Kritik zu schützen.“ (271) Dies würde nämlich bedeuten, dass auch Frauen und rassistisch Diskriminierte an der Ausbeutung durch Lohnarbeit teilhaben. Es werde nicht gesehen, dass ökonomische Ungleichheit nicht auf eine Diskriminierung zurückgehe oder die Norm der Gleichheit verletze, sondern das Ergebnis von Gleichheit sei. „Die Rechtsgleichheit der Warenverkäufer auf dem Markt entspricht die Ausbeutung der Ware Arbeitskraft in der Produktion und die Reichtumsakkumulation der Kapitaleigentümer.“ (Ebd.)

Einheit heterogener Widersprüche

Demirović ist der Auffassung, dass die kapitalistische Produktionsweise „sich in der Einheit heterogener Herrschaftspraktiken konstituiert“, die inhaltlich zusammen gesehen werden müssten. (274) Trotz dieses inhaltlichen Zusammenhangs handele es sich um „heterogene Widerspruchsverhältnisse“ – so die kapitalistische Warenproduktion, die Naturbeherrschung, die bürgerlich patriarchale Herrschaft, die ‚männliche‘ Subjektivität. Demirović will dies an den Begriffen ‚Rasse‘, Geschlecht‘ und ‚Klasse‘ verdeutlichen. Klassen existierten immer nur in Relation zu anderen Klassen; sie bildeten die Gesamtheit der Verhältnisse – ökonomisch, politisch-staatlich, kulturell-ideologisch. Der Klasse der Kapitaleigentümer stünde die Klasse der Lohnabhängigen gegenüber, die durch Ausbeutung den Reichtum der Kapitalbesitzer erzeugten. Diese Lohnabhängigen würden im und durch das Kapitalverhältnis in der Unterwerfung ihres Arbeitsvermögens unter die Lohnform in den Kämpfen gegen die Ausbeutung als Arbeiter*innenklasse konstituiert. (275) Dies sei ein antagonistischer Widerspruch. Bezüglich der vorhandenen Produktionsverhältnisse benötigten beide Klassen sich. Die Bourgeoisie müsse den Akkumulationsprozess, um den Reichtumsprozess zu erhalten bzw. zu steigern, gesellschaftlich verändern, um dann der erweiterten Akkumulation eine Grundlage zu geben. Permanente Umwälzungen seien die Folge, woraus Krisen entstünden. Die Lohnabhängigen reproduzierten aufgrund der eigenen Zwangslage den gesellschaftlichen Reichtum und die Macht der Kapitalbesitzer. Es gebe aber in diesem Verhältnis eine Asymmetrie, denn die Bourgeoisie könne nicht ohne die Ausbeutung der Lohnabhängigen existieren, während diese jedoch vollständig ohne die Bourgeoisie auskommen könnte, wenn sie die gesellschaftlichen Produktions- und Verteilungsfunktionen, die sie ja ohnehin ausübten, selbstbestimmt wahrnehmen würden. Notwendig sei dafür die Aufgabe der Existenzform und Identität Klasse ebenso wie die weltgeschichtliche Herstellung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse. Eine Versöhnung zwischen antagonistischen Klassen könne es nicht geben. Der Begriff der Klasse sei ebenso wenig eine positive und natürliche Identität wie der Begriff der ‚Rasse‘. (276) „Der Rassismus ist eine bürgerliche Praxis und mit der kapitalistischen Sklavenökonomie und dem Prozess der Kolonisierung entstanden.“ (276) Das Kriterium ‚Rasse‘ sei willkürlich, da es auf Arbeiter*innen, Arme, Iren, Russen und Polen, Juden, Muslime, Schwarze oder Indios in abwertender und minderwertiger Weise verwendet werde. Biologistische und kulturalistische Annahmen in wechselseitiger Verstärkung würden mit ‚Rasse‘ oder ‚Ethnie‘ in Gang gesetzt: „Sprache, nationalstaatliche Herkunft, Religion, ‚kulturkreisspezifische Gewohnheiten‘, Mentalitäten, geringe Bildung oder Distanz zur parlamentarischen Demokratie […].“ Diese rassistische Abwertung umfasse alle Lebensbereiche, so z.B. „von der Unterwerfung unter die Ausbeutung über die Kontrolle der Sexualität und Familie bis zu den Bürgerrechten oder der kulturellen Teilhabe.“ (Ebd.) Der Rassismus sei eine Form von Herrschaft und ermögliche es, eine „imaginäre Einheit“ herzustellen, für die, die an der Praxis der Ausgrenzung teilhaben (Weiße gegen Schwarze, Arier gegen Juden). (277) „Rassismus erlaubt den gewalthaften und ausbeuterischen Zugriff auf Menschen, Territorien, Ressourcen und Vermögen […].“ ‚Rassen‘ gebe es nicht, Rassismus sei irrational und zerstörerisch. (Ebd.) Mit Argumenten der Differenz wie körperliche Schwäche, Irrationalität und besondere Gefühlsfähigkeit seien systematische Benachteiligungen von Frauen repro-duziert worden. (277) Herrschaft trage dazu bei, „ein herrschendes, männliches Kollektiv und einen irrationalen Konsens zu schaffen, der mittels sexistischer und androzentrischer Lebensformen Privilegien gewährt und vereinheitlicht.“ (278) Dies heiße allerdings nicht, dass alle Männer an diesen Vorrechten partizipieren würden, wie auch Frauen sich auf der Seite der herrschenden Männer befinden könnten. Ziel der Emanzipationsperspektive müsste es sein – wie bei ‚Klassen‘ oder ‚Rassen‘ – das Geschlecht als Klassifikations- und Herrschaftsprinzip überflüssig zu machen.

Kapitalistisch bestimmte Widersprüche

Weshalb sei nun der aus diesen Widersprüchen konstituierte Zusammenhang kapitalistisch bestimmt? Obwohl doch die patriarchal-sexistischen Herrschaftspraktiken älter als ihre kapitalistischen Formen seien. Zu erklären sei, weshalb durch das Bürgertum bestimmte Ausbeutungs- und Herrschaftspraktiken erhalten und immer wieder erneuert würden. Deshalb gehe es um „den Gesamtprozess des kapitalistisch-bürgerlichen Ganzen“. (279) Die Herausbildung der Lohnarbeit sei im weltgeschichtlichen Sinn neu gewesen. Es habe sich eine neue Form von Herrschaft konstituiert, die bürgerliche Gesellschaft, die auch frühere Formen von Herrschaft übernommen hätte. (280) Die bürgerliche Klasse habe sich nie nur um das Eigentum, die Produktion, den Handel und die Börse gekümmert, sondern immer auch um Fragen der Geburt und Erziehung, der Muster der Geschlechtsidentität, um Ehe, Familie und Sexualität. In der Auseinandersetzung mit den Subalternen schaffe sie eine immer umfassendere Gestaltung der Lebensverhältnisse. Auf immer neuer Stufenleiter reproduziere sie sich als herrschende Klasse – in der internen Konkurrenz und in den Konflikten mit den Subalternen. Die kapitalistische Produktionsweise bestehe aus „einer Vielzahl von heterogenen, inkongruenten Widerspruchsverhältnissen“ und müsse als „komplex gegliedertes Ganzes“ gesehen werden. (281) Folglich dürfe ein kapitalis-muskritischer Intersektionalitätsansatz die Widersprüche nicht auf Ungleichheit und Diskriminierung reduzieren. (Ebd.)

Fazit

Abschließend fordert Demirović, dass eine intersektionelle Gesellschaftstheorie sich an Marx orientieren müsse. Sie habe sich den vielen gesellschaftlichen Widersprüchen zuzuwenden und deutlich zu machen, dass Emanzipationskämpfe, die in ihrer Vielzahl immer auch Erfolge gezeigt hätten, erst dann ihr gemeinsames Ziel erreichten, wenn „jene Identitäten und Bedingungen von ‚Klasse‘, ‚Rasse‘ und ‚Geschlecht‘“ überwunden würden. Es gehe darum „die Gliederung und die Organisation der Gesellschaft selbst in Frage [zu] stellen und damit die Lohnarbeit als jene Form, die dem gesamten Kreislauf widersprüchlicher Herrschaftspraktiken den Zusammenhang gibt.“ (282f.) Demirović gelingt es mit seinem Beitrag und seiner Kritik an der Gender- bzw. Intersektionalitätstheorie, und damit auch an linker Identitätspolitik, dem Geschlechterverhältnis im Kapitalismus eine vertiefende materialistische Grundlage zu geben, die die Marxschen Kategorien von Lohnarbeit, Ausbeutung und Klasse in ihrer Ganzheit begreift. Für die Analyse des Herrschaftszusammenhangs muss die auf Klassen bezogene kapitalistische Gesellschaft den notwendigen Rahmen bilden. In diesen Herrschaftszusammenhang sind dann weitere Herrschaftsstrukturen ein-gelassen. Dies so überzeugend deutlich zu machen, ist sein Verdienst.

Demirović, Alex 2018:
Das Geschlechterverhältnis und der Kapitalismus. Plädoyer für ein klassenpolitisches Verständnis des multiplen Herrschaftszusammenhangs,
in: Pühl, Katharina/ Sauer, Birgit (Hrsg.): Kapitalismuskritische Gesellschaftsanalyse,
Münster, S. 258-285, Verlag Westfälisches Dampfboot, 30 Euro.

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