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Die Entstehung der sozialen Marktwirtschaft – detailliert rekonstruiert

 

Eine Rezension von Anton Meier. Erschienen in DISS-Journal 34 (2017)

Die Soziale Marktwirtschaft gilt allenthalben als eine Strategie, mit der im Nachkriegsdeutschland auf die damals vorhandene soziale Not reagiert wurde. Uwe Fuhrmann zeigt in seiner Analyse, dass diese Strategie keineswegs das Ergebnis einheitlicher Planung war, sondern vielmehr das Resultat eines politischen Ringens und heftiger Proteste innerhalb der Bevölkerung.

Bisher wurde die Entstehung der Sozialen Marktwirtschaft und ihre Konflikthaftigkeit kaum historisch aufgearbeitet. Stattdessen dominiert das unreflektierte Bild von einer glorreichen wirtschaftspolitischen Weichenstellung durch Ludwig Erhardt. Die gewaltigen Widerstände und Auseinandersetzungen um jene Ausrichtung werden darin ausgeblendet.

Uwe Fuhrmann will diese lückenhafte und undifferenzierte Erzählung mit einer gründlichen Analyse konfrontieren. In diesem Kontext soll die geschichtswissenschaftliche Behauptung eines „Vorhabens“ der Sozialen Marktwirtschaft widerlegt (231) und der Idealisierung ihres vermeintlich wichtigsten Protagonisten, Ludwig Erhardt, entgegengewirkt werden (14f.).

Dazu verbindet Fuhrmann die Frage nach der Genese der Sozialen Marktwirtschaft mit der noch wenig erprobten Methode der historischen Dispositivanalyse. Die Soziale Marktwirtschaft wird von ihm als ein Dispositiv verstanden, als eine Strategie ohne Strategen (286). Nach Foucault stellt ein Dispositiv ein Ensemble heterogener Elemente dar, die sowohl sprachlich als auch nicht-sprachlich beschaffen sein können und miteinander korrespondieren ohne dem Plan eines Akteurs zu folgen.1 Die Analysemethode kann die vielfältigen Diskurse um die ökonomische Ausrichtung der Bizone in den Jahren 1948/49 erfassen und die Geschichtswissenschaft damit um einen wichtigen empirischen Zugang bereichern (19).

Nach einer Einführung in die Dispositivanalyse und der Erläuterung ihrer Bedeutung für den Untersuchungsgegenstand umreißt der Autor mit Bezug auf die bisherige Forschung die Wirtschaftsentwicklung der Nachkriegsjahre. Unter anderem werden die Politik der Alliierten und der Aufbau politischer Organisationen geschildert. Anschließend erläutert er den wirtschaftlichen und sozialen Notstand jener Zeit. Zentrale Aspekte sind hier die Mängel in der Versorgung der Bevölkerung und die damit verbundenen Hungerproteste und Arbeitskämpfe.

Die gesellschaftspolitischen Reaktionen auf den Notstand werden in drei Schritten rekonstruiert. Zunächst formiert sich ein vorläufiges Dispositiv als Antwort auf die prekären Bedingungen – die freie Marktwirtschaft. Als Folge dieses Dispositivs steigen die Preise, auch für lebensnotwendige Güter. Der zweite Schritt markiert dann die sozialen und politischen Widerstände gegen diese misslungene Politik des freien Marktes. Schließlich formiert sich als Antwort auf die Unzulänglichkeiten der wirtschaftsliberalen Maßnahmen und die Proteste als dritter Schritt das Dispositiv einer Sozialen Marktwirtschaft. Die sozialen Neuerungen beinhalten diverse wirtschaftliche Lenkungsmaßnahmen wie zum Beispiel das „Jedermann Programm“ (238ff.).

Fuhrmann schließt aus der Analyse, dass die Soziale Marktwirtschaft keinesfalls ein Vorhaben der CDU und Ludwig Erhardt war, sondern im Ringen unterschiedlicher gesellschaftlicher Akteure und unter besonderen strukturellen Bedingungen entstand. Hervorzuheben sei der Einfluss von Leonard Miksch bei der ideellen und sprachlichen Formulierung des Wirtschaftskurses (144ff.). Miksch gilt als wichtiger Mitarbeiter in Erhardts Ministerium. Er war sowohl Mitglied der SPD als auch Vertreter des Ordoliberalismus. Seiner Ansicht nach kann nur die Wettbewerbsordnung wirtschaftliche Macht in einem demokratischen und freiheitlich-sozialistischen Sinne verteilen. Laut Fuhrmann haben seine Vorstellungen der Nachkriegswirtschaft den entscheidenden Anstoß gegeben. Außer Teilen der SPD und der streikenden Bevölkerung hätten auch die Gewerkschaften wichtige Impulse zur wirtschaftlichen Weichenstellung geliefert. Zugleich legt Fuhrmann dar, dass führende Gewerkschaftsvertreter oftmals versuchten, Proteste einzudämmen, um den Forderungen der Besatzungsmächte nachzukommen und ihre Verhandlungsposition gegenüber dem Wirtschaftsrat zu sichern (72f. 218ff.).

Der Erfolg der Sozialen Marktwirtschaft sei größtenteils auf die ökonomische Wertschöpfung zurückzuführen, die zu Zeiten der Reichsmark stattfand. Strategische Erwägungen von Unternehmern hätten dazu geführt, dass etliche Produkte erst nach der Währungsreform abgesetzt wurden und die Effekte des neuen wirtschaftlichen Kurses als größer erscheinen als sie tatsächlich waren (57, 130ff.).

Die Analyse von Uwe Fuhrmann und ihr theoretisch-methodischer Anspruch kommen keineswegs sperrig daher. Fuhrmann schafft es, durch das Aufgreifen einiger thematischer Schlaglichter die Analyse auf besonders markante Aspekte zu reduzieren. Zusätzlich macht er einzelne Diskurse greifbar, indem er Bildmaterial in das Werk einfließen lässt.

Enttäuschend ist allerdings, dass er keine genaue Operationalisierung seiner Untersuchung formuliert, obwohl er die Notwendigkeit eines eigenen Analyseschemas betont (18). Die Aussparung begründet er damit, dass er „methodenuninteressierten LeserInnen das Lesen nicht … verleiden“ will (19). Und auch aufgrund der Skepsis der Geschichtswissenschaft gegenüber dem linguistic turn, nimmt er keine genauen Erklärungen zu seiner Ausgestaltung der Dispositivanalyse vor. So bleiben allerdings Fragen nach der Systematik der Materialauswahl und den einzelnen Analyseschritten ungeklärt. Umso mehr stellt sich die Frage nach der begründeten Eingrenzung des Korpus, der eine „unüberschaubare Zahl“ (49) an Material enthält.

Insgesamt ist das Werk aber eine erkenntnisreiche Rekonstruktion der Genese der Sozialen Marktwirtschaft. Durch die Aufdeckung ihrer vielfältigen Umstände und Akteure wird einer idealisierten Betrachtung dieser Genese entgegengewirkt. Zu empfehlen ist das Buch deshalb jenen Leser/innen, die an einer historischen Aufarbeitung der wirtschaftlichen Ausrichtung Westdeutschlands interessiert sind, ohne aber den Anspruch zu haben, eine detaillierte Begründung des methodischen Ablaufs vorzufinden.

Uwe Fuhrmann
Die Entstehung der „Sozialen Marktwirtschaft“ 1948/49.
Eine historische Dispositivanalyse
UVK-Verlag 2017, 360 Seiten 39 €

Anton Meier ist Studienreferendar für das Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen an der Friedrich Wilhelm Murnau-Gesamtschule in Bielefeld. Darüber hinaus arbeitet er an einer Analyse des Dispositiv „Universität Bielefeld“.

 

  1. Zu näheren Erläuterungen vgl. Foucault, Michel 1978: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve, S.118-175. []

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