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Business As Usual – Krise der kapitalistischen Produktionsweise

 

Business As Usual – Krise der kapitalistischen Produktionsweise
Eine Rezension von Wolfgang Kastrup

Das Buch von Paul Mattick, Business As Usual – Krise und Scheitern des Kapitalismus, Hamburg 2012 hat den Anspruch, die Krise des Kapitalismus zwischen 2007/2008 in verständlicher Weise zu analysieren. Paul Mattick Jr., geb. 1944, Sohn von Paul Mattick (1904-1981), lehrt Philosophie an der Adelphi-University in New York.

Schon im Vorwort macht der Autor deutlich, dass die Wirtschaftskrise, die mit dem Zusammenbruch des amerikanischen Hypothekenmarktes begann, mit den herkömmlichen d.h. den neoliberalen und keynesianischen Vorstellungen von Marktwirtschaft nicht zu erklären sei, da sie an Glaubwürdigkeit verloren hätten. Stattdessen müsste die Analyse „den Blick auf die langfristige Dynamik des Kapitalismus selbst richten.“ (10)
Wenn im Kapitalismus, um Profit zu erwirtschaften, „der Gesamtwert der produzierten Güter größer sein muss als die Summe aller Löhne“, dann sei die Schlussfolgerung zwangsläufig, dass ein „Ungleichgewicht zwischen Produktion und Konsumtion“ vorliege. (37f.) Um das Verhältnis von Krise und Prosperität zu verstehen, müsse man auf die Erkenntnisse von Marx zurückgreifen. Danach sei im Wesen des Kapitalismus notwendigerweise eine Tendenz zur Krise vorhanden, „die sich in beständig wiederkehrenden Depressionen realisiere und schließlich zum Untergang“ führe. (38) Dadurch unterscheide sich seine Analyse grundlegend von den „üblichen Wirtschaftstheorien“.
Nur einigen wenigen bürgerlichen Ökonomen sei es gelungen, das eigentlich Offensichtliche in der kapitalistischen Ökonomie zu erkennen: die Profitabilität Mattick verweist hier auf den US Ökonomen Wesley C. Mitchell (1874-1948): „Der Geschäftsgang wird in einer Geldwirtschaft von den gegenwärtigen und voraussichtlichen Gewinnen bestimmt.“ (43)
Für Mattick haben die Krisen mit der Verwertungsdynamik und dem entscheidenden Faktor des Kapitalismus zu tun, maximalen Profit zu erwirtschaften, aber auch bei gesteigerter Arbeitsproduktivität die Produktionskosten zu verringern. Doch wenn Unternehmen immer mehr Geld für Maschinen und Materialien als für die Arbeitskraft aufwenden, der Profit aber durch die Anwendung von Lohnarbeit erfolgt, dann entstehe eine Tendenz zum Rückgang der Profitabilität. Dem stünden allerdings die Reduktion der Arbeits- und Maschinenkosten und der Kosten für Rohstoffe gegenüber. (Vgl. 61)
Mattick bezieht sich hier auf den tendenziellen Fall der Profitrate‘ von Marx. Diese Analyse sei zwar umstritten, habe Marx aber zur Erklärung des Verhältnisses von Depression und Prosperität geführt, um damit den „inneren Zusammenhang zwischen Konjunkturzyklus, schwankender Profitabilität und der Zentralität des Geldes in der modernen Wirtschaft“ zu bestimmen. (61)
Nach der ungewöhnlich langen Prosperitätsphase von 1950 bis 1973 – weltweit gekennzeichnet mit hohen Wachstumszahlen – seien ab Mitte der 1970er Jahre die Gewinne der Unternehmen eingebrochen. Diese Krise nimmt Mattick zum Ausgangspunkt für seine Analyse der Krise 2007/2008:
„Womit wir heute konfrontiert sind, ist ein weiterer, gravierenderer Ausdruck jener Depression, die sich Mitte der 1970er Jahre ankündigte, aber durch staatliche Wirtschaftspolitik seit über dreißig Jahren in Schach gehalten werden konnte – teils durch ihre Verschiebung in ärmere Weltregionen, vor allem aber durch eine historische beispiellose Verschuldung von Staaten, Unternehmen und Privatpersonen in den reicheren Teilen der Welt.“ (82)
Die 2007 schockartig eintretende Finanzkrise, deren Warnsignale (wie Verschuldungskrisen, Bankenzusammenbrüche, Rezessionen und Börsencrashs) von den herrschenden Ökonomievertretern nicht erkannt wurden, füge sich nahtlos „in die gesamte Geschichte des Kapitalismus als System ein.“ (Ebd.) Rätsel und Unkenntnis von Krisen entstünden deshalb, weil der zentrale Ansatzpunkt im Kapitalismus, das Profitstreben und die Lohnarbeit als Quelle des Profits, ausgeblendet würden. (Vgl. 107)
Um ein neues System von Produktion und Verteilung zu konstruieren, müssten neue Formen organisierter Praxis gefunden werden, zumal für Mattick die Linke in ihren traditionellen Praxen, wie z.B. Parteien, Gewerkschaften und radikalen Sekten, nicht mehr existiere. Eine erstrebenswerte Zukunft für die Menschheit könne nur jenseits eines Systems liegen, das auf privatem Profitmachen und der Kapitalakkumulation aufbaue. (Vgl. 137)
Matticks Kapitalismuskritik ist fast ausschließlich ökonomisch orientiert und recht stark auf die Wirtschaftsgeschichte und Wirtschaftspolitik der USA bezogen. Sie bietet aber einen Fundus an Erkenntnissen über wichtige Entwicklungsprozesse. Sein Verdienst ist es, Wirtschaftskrisen mit ihren gravierenden Begleitumständen nicht als Unfälle oder Äußerlichkeiten zu betrachten, die durch wirtschaftspolitische Maßnahmen kuriert werden könnten: Man kann sie nicht verhindern, da sie zum Wesenskern des Kapitalismus gehören. Man kann sie nur ‚abfedern‘.

Paul Mattick
Business As Usual – Krise und Scheitern des Kapitalismus
Edition Nautilus 2012
160 S. 7,90 €

Wolfgang Kastrup ist Mitarbeiter des DISS.

 

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