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Lexikon der Vergangenheitsbewältigung

 

Eine Rezension von Philipp Erdmann. Erschienen in DISS-Journal 31 (2016)

Neben Aktualisierungen der bisherigen Einträge ist das Nachschlagewerk um 93 Seiten und 21 neue Artikel ergänzt worden. Beides ist dabei vor allem auf die Verlängerung des zeitlichen Horizonts der berücksichtigten Debatten und Ereignisse vom Jahr 2002 auf 2008 zurückzuführen, mit der die Herausgeber der „Unabgeschlossenheit des dokumentierten Gegenstandes Rechnung tragen“ wollen, wie sie auch schon im weiterhin vorangestellten Vorwort zur Erstauflage betonten.1 Darüber hinaus haben Torben Fischer und Matthias Lorenz bestehende Kapitel mit Beiträgen beispielsweise zu „Rostock-Lichtenhagen“ und der „Heidegger-Kontroverse“ oder mit dem Informations-Fenster „§175 und das unbewältigte Erbe der NS-Homosexuellenverfolgung“ ergänzt. Hinzu kommen kleinere Umgruppierungen und Neufassungen einiger Artikel. In der Regel sind die Autoren der einzelnen Einträge dabei dieselben geblieben, haben allerdings aktuelle Entwicklungen und vor allem neuere Fachliteratur aufgegriffen.

Durch die zeitliche Erweiterung lassen sich nun auch Schlagworte wie „NSU-Morde“ und geschichtswissenschaftliche Forschungen wie die 2010 veröffentlichte Studie „das Amt und die Vergangenheit“ zu personellen und ideologischen Kontinuitäten im Auswärtigen Amt oder „Historiker im Nationalsozialismus“ nachschlagen. Bemerkenswerterweise ließe sich mit der Annäherung an die Gegenwart sogar die Erstauflage des Lexikons der Vergangenheitsbewältigung historisieren. Dazu gehört die überwiegend positive und anerkennende Rezeption und Rezension seit 2007, die auch für diese erweiterte und überarbeitete Neuauflage weiter Gültigkeit besitzen.

Der überzeugende Aufbau des Nachschlagewerks bleibt bestehen: Neben einleitenden Vorworten (ein neues zur dritten Auflage) stellen die Herausgeber eine Bedienungsanleitung zur Verfügung, in der sie in aller Kürze die Anlage des Lexikons und dessen Intentionen erklären: Neben der Dokumentation von Einzelereignissen soll die Gesamtheit der Einträge auch wichtige Entwicklungen der siebzigjährigen Nachgeschichte des Nationalsozialismus aufzeigen. So werde versucht, einen neuartigen, synthetisierenden Zugriff auf das disparate Feld der „Vergangenheitsbewältigung“ anzubieten auch wenn ein Lexikon per definitionem keinen Beitrag zur Forschung leisten könne.2

Die einzelnen Einträge verteilen sich auf sechs Zeitabschnitte, die wiederum in drei bis sechs thematische Kapitel gegliedert sind. Schon durch die Überschriften werden dabei allgemeine Entwicklungen innerhalb eines Zeitabschnitts auf einen Begriff gebracht, wie beispielsweise die Titel „belastete Neuanfänge“ oder „künstlerische Entwürfe von Nachgeborenen“ zeigen. Innerhalb solcher Themenbündelungen sollen die einzelnen Einträge dann wieder exemplarisch für diese allgemeinen Entwicklungen stehen. Gemessen am Umfang sticht das jüngste Kapitel (1995-2008) leicht heraus, ansonsten sind alle sechs Zeitabschnitte auch inhaltlich ähnlich breit aufgestellt.

Als Autorinnen und Autoren treten überwiegend ausgewiesene Fachleute auf. So vielfältig deren wissenschaftliche Hintergründe auch sind, ihre Beiträge bilden die Mehrdimensionalität und Kontroversität der Themen ab. Umstrittene Begriffe werden als solche mit ihren inhaltlichen und zeitlichen Verschiebungen dargestellt, wie beispielsweise das in die Neuauflage aufgenommene Schlagwort der „Neuen Rechten“ zeigt. Alle Einträge sind allgemeinverständlich formuliert und spiegeln den aktuellen Stand der Forschung wider. Nicht zuletzt deswegen ist das „Lexikon der ‚Vergangenheitsbewältigung‘“ sowohl für Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler als auch für das interessierte Laienpublikum geeignet.

Diese hilfreiche Gliederung strukturiert das kaum zu überblickende Feld der „Vergangenheitsbewältigung“, sodass bereits der Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt, wie dynamisch sich die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus im Lauf der letzten 70 Jahre entwickelt hat.
Äußerungen über die Vergangenheit verweisen immer auf die Gegenwart, in der sie getätigt wurden – das machen der Aufbau des Lexikons und dessen einzelne Einträge deutlich. Dass bei aktuellen Auseinandersetzungen mit erinnerungspolitischen Dimensionen die Kenntnis ihrer begriffsgeschichtlichen oder ganz allgemein realhistorischen Entwicklungen erhellend ist, zeigt zum Beispiel der Blick auf den Eintrag zum NPD-Verbotsverfahren. Genau hier liegt eine der Stärken des Lexikons. Die  verschiedenen Argumente und Versuche eines Parteiverbots werden allgemein verständlich und prägnant dargestellt.

Neben allen Vorzügen behalten allerdings auch die kleineren kritischen Anmerkungen der Rezensionen zur ersten Auflage ihre Gültigkeit: Die Zäsursetzungen entlang der Kapitel ergeben sich aus den einzelnen Beiträgen, hätten aber deutlicher begründet werden können. Auch die Verwendung des Begriffs „Vergangenheitsbewältigung“ mangels Alternativen wird kurz problematisiert, seine schnell verwirrenden und problematischen Konnotationen könnten deutlicher eingeordnet werden.3

Ausblickend darf behauptet werden, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auch nach dem „Ende der Zeitzeugenschaft“ und fortschreitenden wissenschaftlichen Ausdifferenzierungen weiter anhalten wird. Auch deshalb darf man auf weitere Neuauflagen des Lexikons der Vergangenheitsbewältigung gespannt sein, die den zeitlichen Rahmen noch weiter in 21. Jahrhundert ziehen. Durch die vorangestellten Einführungen haben die Autoren darüber hinaus schon Felder benannt, für die vergleichbare Wörterbücher wünschenswert wären. Hier wäre vor allem die doppelte Vergangenheitsbewältigung beider deutscher Staaten zu nennen. Idealerweise würden dann besonders wechselseitige Verflechtungen in den Blick genommen werden, wie sie in einzelnen Beiträgen bereits angedeutet sind. 4 Auch die Öffnung hin zu Formen einer globalisierten, verflochtenen Erinnerungskultur an die NS-Zeit wäre spannend. Womöglich wird angesichts zunehmender Vernetzung für kommende Neuauflagen diese perspektivische Erweiterung unumgänglich sein. Das zeigen neueste Formen einer digitalisierten Erinnerungskultur sehr deutlich. Solche Entwicklungen finden abgesehen von einzelnen Verweisen in der Neuauflage des „Lexikons der Vergangenheitsbewältigung“ von 2015 erst in einem, dem Artikel „Erinnerungskultur und Neue Medien“, Berücksichtigung. Die Autorin dieses Beitrags sieht die Debatte um den Wandel der Erinnerung an den Holocaust in den Neuen Medien noch am Anfang und reiht mit virtuellen Rundgängen, Real-Time-Chroniken bei Twitter, Facebook-Profilen von Auschwitz-Opfern oder Youtube-Videos unterschiedliche bereits bestehende Formate auf.5

Angesichts der Fülle an erinnerungskulturellen Debatten und Ereignissen – wie sie das Lexikon der Vergangenheitsbewältigung darstellt – bleibt so ein Wörterbuch weiterhin ein ambitioniertes und genauso wünschenswertes Projekt. Von daher sollte dieses überaus gelungene Werk in keiner Fachbibliothek fehlen – sei es als Grundlage wissenschaftlicher Arbeit oder zum schnellen Nachschlagen. Und auch die Anschaffung der Neuauflage lohnt sich: Nicht nur wurden viele Artikel völlig überarbeitet, die entsprechenden Literaturhinweise aktualisiert, sondern wurde vor allem auch der zeitliche Horizont des Lexikons weiter an die Gegenwart gezogen.

Matthias N. Lorenz (Hg.)
Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland
Debatten und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945
3., überarbeitete und erweiterte Auflage
2015: Transcript-Verlag
494 Seiten, 34,99 €

 

Philipp Erdmann ist Historiker. Er promoviert im Forschungsprojekt „Historische Aufarbeitung der Rolle der Stadtverwaltung in Münster im Nationalsozialismus“ an der Uni Münster.

  1. Torben Fischer/Matthias Lorenz (Hrsg.), Lexikon der Vergangenheitsbewältigung, Bielefeld 2015, S. 9. []
  2. Torben Fischer/Matthias Lorenz (Hrsg.), Lexikon der Vergangenheitsbewältigung, Bielefeld 2015, S. 16. []
  3. Vgl. Helmut König: Rezension zu: Fischer, Torben; Lorenz, Matthias N. (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld 2007 / Eitz, Thorsten; Stötzel, Georg (Hrsg.): Wörterbuch der „Vergangenheitsbewältigung“. Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch. Hildesheim 2007 , in: H-Soz-Kult, 20.10.2008, online unter: http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9921 (Stand: März 2016). []
  4. Vgl. Helmut König: Rezension zu: Fischer, Torben; Lorenz, Matthias N. (Hrsg.): Lexikon der „Vergangenheitsbewältigung“ in Deutschland. Debatten- und Diskursgeschichte des Nationalsozialismus nach 1945. Bielefeld 2007 / Eitz, Thorsten; Stötzel, Georg (Hrsg.): Wörterbuch der „Vergangenheitsbewältigung“. Die NS-Vergangenheit im öffentlichen Sprachgebrauch. Hildesheim 2007 , in: H-Soz-Kult, 20.10.2008, online unter: http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9921 (Stand: März 2016). []
  5. Ähnlich hat es schon Markus Nesselrodt in der Rezension zur Erstausgabe formuliert, in: Einsicht 05 – Bulletin des Fritz Bauer Instituts, Frühjahr 2011, S. 94-96, online unter: http://www.fritz-bauer-institut.de/fileadmin/user_upload/uploadsFBI/einsicht/Einsicht-05.pdf  (Stand: März 2016). []

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