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Antiziganismus zwischen Revolution und Völkerkunde

 

Eine Rezension von Stefan Vennmann, erschienen in DISS-Journal 30 (2015)

Wolfgang Wippermann bietet mit seinem neuen Buch Niemand ist ein Zigeuner. Zur Ächtung eines europäischen Vorurteils eine ausführliche Übersicht zum Themenkomplex des europäischen Antiziganismus an. Er stellt die Geschichte des Antiziganismus vom Mittelalter über die Aufklärungsphilosophie bis hin zur Vernichtung von Sinti_za, Rom_nija und anderen als „Zigeuner“ Stigmatisierten im Nationalsozialismus zusammenfassend dar. Er geht ein auf die verweigerte Wiedergutmachung, die antiziganistische Politik west- und osteuropäischer Staaten sowie auf den Kampf der Selbstorganisationen um Anerkennung und ergänzt seine Darstellung um eine Kritik der historischen Tsiganologie und der gegenwärtigen Antiziganismusforschung.

Das Buch ist deshalb besonders interessant, weil es durch eine klar verständliche Sprache, die sich nicht in der Aneinanderreihung wissenschaftlicher Fachbegriffe verliert, auch für solche Personen lesenswert ist, die sich weder mit Antiziganismus noch mit Sozial- und Geisteswissenschaften näher beschäftigen. Neben der umfassenden Darstellung der Geschichte des Antiziganismus ist dies besonders hervorzuheben. Damit ist es möglich, dass das Buch in den aktuellen, antiziganistisch geprägten Diskurs intervenieren kann, in dem es Menschen außerhalb des wissenschaftlichen Spektrums, die für die rassistischen Implikationen des Stereotyps notwendigen Begrifflichkeiten – von Antiziganismus über Holocaust bis hin zur Sprache Romanes – kurz und knapp erklärt.

Für eine wissenschaftliche Zielgruppeweist das Buch allerdings an einigen Stellen auch  Defizite auf. Zwar verweist Wippermann an gegebener Stelle auf vertiefende Fachliteratur. Doch gerade bei seinem Bezug auf nicht eindeutige Statistiken, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Erhebungen der nationalsozialistischen Forschungsinstitute für Rassenhygiene beruhen, wäre eine exakte Quellenangabe und kritischer Bezug wünschenswert und hilfreich gewesen, um eine potenzielle Reproduktion rassistischer Kategorien vollends zu vermeiden (vgl. 70).

Auch kommt die Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung Deutschlands und mit den rassistischen Pogromen 1992 in Rostock-Lichtenhagen aus meiner Sicht etwas zu kurz (vgl. 98f.). Die Rolle, die Ostdeutschland bei der rassistischen Stimmung in dieser Zeit spielte, hätte durchaus näher thematisiert werden können, um auf die vorhandenen mehrheitsgesellschaftlichen Rassismen im Bewusstsein der Leser_innen aufmerksam zu machen und eine Reflexion über individuelles Denken und Handeln anzuregen.

Die Kritik der historischen Tsiganologie, besonders die an den Rassentheoretikern des Nationalsozialismus, die Wippermann leistet, ist für das Verständnis der Problematik zentral und wird sehr gut auf den Punkt gebracht. Seine Auseinandersetzung mit einer ‚progressiven’ Antiziganismusforschung erscheint allerdings nur Kenner_innen der Sachlage wirklich einleuchtend, da sie im Wesentlichen darin besteht, die Arbeiten der Kolleg_innen als methodisch unzureichend und begriffsdefinitorisch inkonsistent zu bezeichnen, auch wenn er die prinzipielle Arbeit am Gegenstand lobend erwähnt (vgl. S. 178f).

Die gut verständliche Einführung, die stellenweise stilistisch wie ein journalistischer Reisebericht mit historischem Rückblick – inklusive der persönlichen Erfahrungen des Autors – liest, ist trotz dieser Einwände besonders gut für diejenigen geeignet, die dem Komplex des Antiziganismus bisher nicht oder kaum angenähert haben. Denjenigen, die die umfassende historische, sozial- oder geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung und Tiefe suchen, seien Wippermanns sehr gute sozio-historische Rekonstruktionen zum Antiziganismus ans Herz gelegt.  Der aktuelle Band liefert zwar keine neuen Forschungsergebnisse, wird aber seiner Funktion, nahezu alle Aspekte der Geschichte des europäischen Antiziganismus anzuschneiden, durchaus gerecht. Ob die von Wippermann intendierte Diskursintervention bei nicht wissenschaftlichen Leser_innen gelingt, ist zu hoffen, besonders im Sinne aller von Antiziganismus betroffenen Personen.

Wolfgang Wippermann
Niemand ist ein Zigeuner
Zur Ächtung eines europäischen Vorurteils
2015 edition Körber-Stiftung Hamburg
256 Seiten, 17 €

 

Weiterführende Literatur

Wippermann, Wolfgang 1997; Wie die Zigeuner. Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin: Elefanten Press.

Wippermann, Wolfgang 2005: Rassenwahn und Teufelsglaube, Berlin: Frank & Timme.

Stefan Vennmann studiert an der TU Dortmund Philosophie und Politikwissenschaft und ist Mitarbeiter im Arbeitskreis Antiziganismus im DISS.

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