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Eigene Sichtweisen hinterfragen

 

Ergebnisse und Schlussfolgerungen einer Diskursanalyse zur Migration aus Südosteuropa in lokalen Duisburger Medien

Von Iris Tonks und Margarete Jäger. Erschienen in DISS-Journal 29 (2015)

Im Auftrag der Open Society Foundations (OSF) wurde im DISS im Frühjahr eine Diskursanalyse Einwanderungsdiskurs in lokalen Medien erstellt. Im Mittelpunkt stand dabei die Berichterstattung um die Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien in der Zeit vom 1. April bis 30. Juni 2014.1 Berücksichtigt wurden die Duisburger Lokalteile der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) und der Rheinischen Post (RP), sowie die des Stadtpanoramas und des Wochenanzeigers. Die Ergebnisse wurden am 26. März 2015 in einem Workshop vorgestellt und mit Vertreter_innen der Stadtverwaltung und zivilgesellschaftlicher Organisationen im Hinblick auf mögliche Perspektivwechsel diskutiert. Leider ist es – trotz intensiver Versuche – nicht gelungen, Journalist_innen der Lokalpresse zur Teilnahme zu bewegen. Ihre Zusagen wurden kurzfristig aufgrund tagesaktueller Ereignisse und Belastungen abgesagt. Es scheint so, dass ihre Arbeitsbedingungen eine Reflektion ihrer Tätigkeit nicht oder nur sehr schwer zulassen.

Ergebnisse

Für den lokalen Mediendiskurs ist festzuhalten, dass die zuwandernden Personen, bei denen es sich bekanntlich um EU-Bürger_innen aus Südosteuropa handelt, als passive und anonyme Masse wahrgenommen werden. Ihre Zuwanderung wird durchgehend problematisiert und mit den Aspekten Müll, Kinderreichtum, Armut und Kriminalität verknüpft. Besonders ihre vermeintliche Kriminalität wird stark ethnisiert.

In der WAZ findet darüber hinaus eine starke Verknüpfung der Zuwander_innen mit ihrem vermeintlichen Nomadentum statt. Dagegen begreift das Stadtpanorama die Zuwanderung vor allem als Ursache für eine Destabilisierung der Stadtteile.

Die alteingesessenen Anwohner_innen werden dagegen eher als Personen dargestellt, die von der Zuwanderung (negativ) betroffen und durch sie benachteiligt seien. Die Benachteiligung gehe dabei soweit, dass sich einige sogar gezwungen sähen, den Stadtteil zu verlassen und also ihren Wohnort zu wechseln.

Doch auch die Stadtverwaltung und die Polizei werden als durch die Zuwanderung negativ betroffen wahrgenommen, was durch die Betonung einer Überforderung und Überlastung herausgestellt wird. Solche Belastungen werden zwar auch als handhabbare Herausforderungen angesehen; jedoch sei dafür unbedingt eine Unterstützung von Seiten der EU notwendig. In diesem Zusammenhang wird mehr finanzielle Unterstützung gefordert und gleichzeitig Enttäuschung über nicht hilfsbereite EU-Institutionen geäußert.

Gestalterische Handlungsfähigkeit wird überwiegend bei bürgerschaftlichem Engagement und zivilgesellschaftlichen Initiativen  gesehen. Ihr Einsatz wird durchgehend positiv dargestellt, allerdings gehören etwaige Resultate sowie Integrationsleistungen der Zuwander_innen nicht zum Sagbarkeitsfeld des lokalen medialen Diskurses.

Im Untersuchungszeitraum nahmen die Ereignisse um ein Gebäude in Duisburg-Rheinhausen großen Raum ein, das in den Medien als „Problemhaus“ bezeichnet wird. Dieses Haus kann als Pragmasymbol für den Diskurs um Einwanderung aus Südosteuropa nach Duisburg angesehen werden.2 Seine kollektivsymbolische Aufladung lässt sich grafisch darstellen.

Abbildung 1

Abbildung 1

Ein weiterer zentraler Bestand des lokalen medialen Diskurses ist die Dichotomie „wir versus die Anderen“.

Abb 2 Dichotomie

Die Seite des „Wir“ bilden neben der alteingesessenen Bevölkerung die Ordnungsinstanzen, Runde Tische und die Stadtverwaltung. Die Stadtverwaltung ist dabei ein wenig außerhalb angesiedelt, insofern sie als besonders überfordert und unzureichend agierend dargestellt wird.3

„Die Anderen“ sind die Zuwandernden aus Südosteuropa, aber auch der Vermieter des „Problemhauses“, Branko Barisic. Die Gruppe der Zuwandernden teilt sich dann noch einmal auf in diejenigen, die als integrierbar angesehen werden und die, von denen dies nicht angenommen wird. Es wird so eine Gegenüberstellung von „positiver“ und „negativer“ Einwanderung vorgenommen.

Insofern haben wir es bei dem lokalen Mediendiskurs zur Zuwanderung aus Südosteuropa mit einem Diskurs zu tun, der massive Ausgrenzungseffekte produziert und keinesfalls zum friedlichen Zusammenleben der Alt- und Neu-Duisburger_innen beiträgt.

Schlussfolgerungen

Ein solches Ergebnis wirft die Frage auf, was getan werden kann, damit solche Ausgrenzungseffekte nicht weiterhin in die Stadtgesellschaft (und darüber hinaus) einwirken können.

Dazu ist offenbar ein grundsätzlicher Perspektivwechsel in der Medienberichterstattung vonnöten, der wegführt von der Herausstellung und Betonung der – durchaus ja vorhandenen – problematischen und negativen Aspekte der Einwanderung. Es geht darum, auch die positiven Effekte und Chancen aufzunehmen und zu bewerten, um zu einer gegenseitigen Integration zu gelangen, die das Empowerment aller Beteiligten entwickelt bzw. stärkt.

Die folgenden Überlegungen verstehen sich als eine offene Liste, die durch weitere Analysen fortgeschrieben werden sollte. Es geht dabei insbesondere um den Abbau der Konfrontation von „wir“ gegenüber „den Anderen“.

Dies kann dadurch geschehen, dass die eingefahrenen Sichtweisen auf die Zuwander_innen, die sich in stereotypen Zuschreibungen äußern, hinterfragt und problematisiert werden.

Es sollten kulturalistische Sichtweisen vermieden werden. Auf eine Ethnisierung, z.B. von Kriminalität, aber auch von Nomadentum etc. sollte verzichtet werden.

Dies gilt in gleicher Weise für den Einsatz stigmatisierender Bilder oder Kollektivsymbole – auch wenn dadurch die Berichte „interessanter“ würden. Zu solchen Bildern gehören auch stigmatisierende Begriffe, wie z.B. ‚Klaukids‘ ‚Roma-Mädchen‘, ‚Problemhaus’ etc.

Wenn solche Begriffe von Vertreter_innen der Kommune oder anderen Institutionen verwendet werden, sollte dies kritisch hinterfragt werden. Das gilt auch für in der Stadtverwaltung kreierte Begriffe wie z.B. die „Task-Force“, womit ein Ausdruck aus dem Militär in den Kontext von Migrationsprozessen gebracht wird.

Überhaupt sollten die Informationspolitik und die Strategien der Stadt, aber auch der Polizei und anderer staatlicher Einrichtungen kritisch begleitet werden. Veröffentlichte Statistiken und Polizeiberichte sind keinesfalls sakrosankt.

Es sollten mehr Informationen über das Leben der Zuwander_innen in Südosteuropa und ihre Beweggründe zur Migration in die Berichterstattung einfließen. Das bedeutet auch, dass die neuen Duisburger_innen selbst zu Wort kommen und ihre Sicht schildern können.

Das in den zivilgesellschaftlichen Initiativen und Organisationen vorhandene Konzept, dass es nicht um die Etablierung von Betreuungsangeboten, sondern um Begegnungsangebote geht, sollte auch im lokalen Mediendiskurs Eingang finden.

Das bedeutet, dass die Zuwander_innen in Programmen und Projekte als aktive Personen, als Interviewpartner_innen, als Expert_innen begriffen werden – und wo dies, z.B. von Seiten der Politik nicht geschieht, sollte dies kritisch vermerkt werden.

All dies kann dazu führen, dass in den Medien neben den Problemen, über die selbstverständlich eine Kommunikation in der Stadt mittels der Medien stattfinden soll, die Stärken und Vorteile für die Zukunft der Stadtgesellschaft durch die Migration betont werden.

Die Frage, wie es zu einem Dialog mit örtlichen Journalist_innen über die oben genannten Aspekte kommen kann, ist aus unserer Sicht besonders wichtig. Sicherlich lässt ihre Arbeitssituation für eine Reflektion ihrer Tätigkeit kaum Spielräume – was allerdings nichts darüber aussagt, dass solche Spielräume nicht dringend geboten und also in gewerkschaftliche Forderungen einfließen müssen. Konkret könnte der Versuch gemacht werden, Leserbeiräte, die es z.B. bei der WAZ gibt, als Vermittler für einen solchen Dialog zu gewinnen. Und natürlich sollten Leserbriefe an die Journalist_innen gerichtet werden, nicht nur, um sie kritisch auf Sachverhalte hinzuweisen, sondern auch, um besonders gelungene Darstellungen zu kommentieren. Letzteres kann ihnen den Rücken stärken und ihre Stellung in den Redaktionen festigen.

Von Seiten der Stadtverwaltung und anderen Institutionen könnte eine sachlichere Berichterstattung dadurch ermöglicht werden, dass sie ihre Statistiken z.B. halbjährlich in einem Bericht für die Redaktionen verständlich aufarbeiten. Dies könnte verhindern, dass Zahlen aus Statisiken missverständlich verwendet werden.

Um alle diese Aspekte und Forderungen in den mediopolitischen und den Alltagsdiskurs einzubringen und nachhaltig einzuspeisen, bedarf es jedoch weiterer Projekte und Analysen. Die vorliegende Analyse kann dazu eine Basis bilden. Jedoch ist der Blick unbedingt über Duisburg hinaus auszuweiten und systematisch die Erfahrungen andere EU-Länder aufzunehmen.

Iris Tonks M.A. und Dr. Margarete Jäger sind Mitarbeiterinnen des DISS.

 

 

  1. Die Studie wurde erstellt von Iris Tonks, Zakaria Rahmani, Margarete Jäger, Maren Voetsch und Pia Götzen. []
  2. Als Pragmasymbol fungieren solche Kollektivsymbole, die sowohl als Zuschreibung zu einem konkreten Gegenstand wie auch symbolisch gelesen werden (können). Vgl. Jäger / Zimmermann (Hg.) 2010. []
  3. Dies geschieht besonders in der Berichterstattung der RP, die die CDU als tonangebende kritische Opposition darstellt. []

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