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Tief im Westen der Ukraine

 

Von Rolf van Raden1

Erschienen in DISS-Journal 27 (2014)

Die ukrainische Stadt Lviv sei das „Paris des Ostens“, heißt es in Reiseführern – wegen der reichen Kultur und der wunderschönen historischen Straßenzügen, die zum Flanieren einladen. Die Stadt, die vielen in Deutschland noch immer unter ihrem ehemaligen Namen Lemberg ein Begriff ist, liegt nur 80 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Sie gilt als das Zentrum der proeuropäischen Westukraine. In jüngster Zeit macht die 800.000-Einwohner*innen-Metropole jedoch auch ganz andere Schlagzeilen. „Lviv ist die Hauptstadt des ukrainischen Nationalismus“, brüstet sich Jurij Michaltschischin, Stadtrat der ultranationalistischen Swoboda-Partei, die seit dem Jahr 2010 die stärkste Fraktion im Rathaus stellt. Viele der zum Teil paramilitärisch organisierten Aktivist*innen, die in Kiew bis heute den Maidan besetzen, kommen von hier. Europafreundlichkeit, Nationalismus, Umsturz – wie hängt das zusammen? Eindrücke von einer Reise in die Westukraine.

Im Rathaus von Lviv weht die Flagge der Europäischen Union. Scheinbar ganz selbstverständlich, als sei die Ukraine längst Mitglied in dem Staatenverbund, mit dem viele hier die Hoffnung auf Wohlstand und politische Stabilität verbinden. Dass über einen EU-Beitritt des krisenerschütterten Landes aktuell noch nicht einmal verhandelt wird, das tut der Europa-Begeisterung hier keinen Abbruch – und auch nicht, dass Brüssel die Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) für einen Milliardenkredit unterstützt, welche die soziale Lage in dem Land massiv verschärfen werden.

Eine durchschnittliche Rente in der Ukraine beträgt rund 70 Euro im Monat – und das, obwohl die Lebensmittel im Supermarkt kaum günstiger sind als in Deutschland. Auf Wunsch des IWF und mit Unterstützung der EU soll es jetzt noch viel schlimmer kommen. Gas und Wärme sollen um die Hälfte teurer, Steuern erhöht, Stellen im Staatsdienst gestrichen werden. Trotz steigender Preise wird es im öffentlichen Sektor keine Lohnerhöhungen geben. Selbst die bereits beschlossene Erhöhung des Mindestlohns – auf umgerechnet nur knapp 50 Eurocent pro Stunde – musste zurückgenommen werden.

Europa als Projektionsfläche

Trotzdem: Überall wehen EU-Fahnen in der historischen Altstadt von Lviv. Sie dienen als Projektionsfläche und als trotziges Symbol gegen den Einfluss des autoritär-impirealen Nachbarn Russland, der im Osten mit höheren Löhnen lockt, aber auch militärisch interveniert und sich als Schutzmacht der russischsprachigen Bevölkerung aufspielt. Putin, so höre ich in verschiedenen Gesprächen immer wieder, sei ein Verbrecher und Faschist, der einen Krieg gegen die Ukraine längst begonnen habe.

So seltsam der durchweg positive Bezug auf die Europäische Union angesichts der verheerenden Sparauflagen und der ausbleibenden Hilfe in der aktuellen Krise auch anmutet: Andere Symboliken, die im Stadtbild von Lviv kaum übersehbar sind, wirken noch weitaus verstörender. An Häuserwänden, in Schaufenstern und an Souvenierständen dominiert neben den Farben blau und gelb eine andere Farbkombination: Rot und schwarz. Es sind die Farben der ukrainischen Partisanenverbände, die während des Zweiten Weltkriegs unter der Führung des faschistischen Politikers Stepan Bandera zeitweise mit den Nationalsozialisten kollaborierten. Historiker*innen machen die OUN-B, also den von Bandera angeführten radikalen Flügel der OUN, für eine Reihe von Massakern und unzähligen gewaltvollen Vertreibungen verantwortlich. Dazu zählt etwa das Massaker vom 30. Juni 1941, bei dem die Partisanen der OUN-B unter anderem im „Bataillon Nachtigall“ noch vor dem Einmarsch der regulären deutschen Truppen in Lviv rund 7.000 Menschen ermordeten – hauptsächlich Jüdinnen und Juden sowie Kommunist*innen.

Das war 1941. 73 Jahre später stehe ich am historischen Marktplatz, nur wenige Schritte vom Eingang des Rathauses entfernt. Ein Souvenirladen bietet hier stolz massenhaft ultranationalistische Devotionalien an: Das rot-schwarze Wappen der OUN-B findet sich auf Aufklebern, Kühlschrankmagneten, Tassen und Schals – ebenso das Portrait Banderas und der nationalistische Gruß ‚Slava Ukraini, Heroyam Slava!‘ (Ehre der Ukraine, den Helden Ehre). Fast genauso allgegenwärtig sind zwei weitere extrem rechte Symbole, nämlich die Wolfsangel-Rune und das Keltenkreuz.

Kult um den Kriegsverbrecher

Lviv soll „Banderstadt“ sein, also die Stadt Stephan Banderas, das machen auch die Aufkleber der Ultras des lokalen Fußballvereins Karpaty Lviv klar, die ich an Laternenpfählen und Straßenschildern sehe. Die westukrainischen Ultras sind für ihre Verehrung des faschistischen Partisanenführers bekannt, der nicht nur in Israel, Russland und im nahen Polen als Kriegsverbrecher gilt. „Banderstadt“, das steht auch in einem Souvenirladen unter Totenköpfen geschrieben, die an die Symbolik der SS erinnern. Ein historisches Bewusstsein der besonderen Art: Schließlich rekrutierte die SS-Division „Galizien“ hier im Jahr 1943 gleichermaßen ukrainische Freiwillige und sogenannte „Volksdeutsche“. Die 15.000 Mann starke Division, deren Angehörige fast alle aus der Region Lemberg stammten, beteiligte sich aktiv am Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung.

In der Altstadt von Lviv wird mit dem Bandera-Kult echtes Geld verdient. Zum Beispiel in Form von ultrantionlistischer Erlebnisgastronomie. Den rechten Partisanen-Slogan „Slava Ukrini“ muss rufen, wer in die Gaststätte Kryjivka eingelassen werden will. Ein bewaffneter ruppiger Soldatendarsteller führt die Gäste dann in ein Kellerlokal, dass die Herzen aller Militaria-Begeisterten und Waffen-Fetischist*innen höher schlagen lässt. Das Lokal ist einem Partisanen-Unterschlupf nachempfunden, Bilder von SS-Soldaten, Rotarmisten und natürlich ukrainischen Partisanen hängen an der Wand. Gäste können mit Stahlhelm und Maschinengewehr posieren, oder im angeschlossenen Shop T-Shirts mit Abbildungen des „Helden“ Stepan Bandera kaufen.

Ultrarechte Landnahme

Szenenwechsel. Wir befinden uns in einem Dorf nur wenige Kilometer außerhalb von Lviv. Hier besuchen wir eine Familie, die von der durch Russland annektierten Halbinsel Krim geflüchtet ist. Als Angehörige der krimtatarischen Minderheit hätten sie sich dort nicht mehr sicher gefühlt, erklärt der Familienvater. Er selbst ist in Kasachstan aufgewachsen, nachdem seine Familie unter Stalin von der Krim deportiert worden war. Erst nach 1990 seien sie, wie viele andere auch, auf die Krim zurückgekehrt – jetzt hätten sie ihre Heimat erneut verloren. Als ich mich in dem Dorf umsehe, stelle ich fest, dass an jedem einzelnen Strommast ein etwa A4-großes rot-schwarzes Plakat geklebt ist. Es zeigt das Emblem des Rechten Sektors, jenes noch recht jungen paramilitärischen Zusammenschlusses unterschiedlicher extrem rechter Gruppierungen, die im Zuge der Maidan-Proteste mehrere tausend Mitglieder gewonnen haben. Andere politische Symbole sind in dem Dorf im öffentlichen Raum nicht zu sehen, genauso wenig wie Anzeichen für Widerstand gegen die Raumergreifungsstrategie des Rechten Sektors. Jedenfalls ist kein einziges der rot-schwarzen Embleme heruntergerissen, übermalt oder sonstwie kommentiert worden.

Stattdessen treffen wir zwei Frauen, deren Männer an den Maidan-Protesten in Kiew teilnahmen, bis sie von Scharfschützen erschossen worden sind. Jeder zweite Mann des Dorfes sei nach Kiew gefahren, um für eine bessere und freie Ukraine zu kämpfen, erfahre ich. Aus den Erzählungen der Frauen spricht viel Leid, aber auch nationalistisch-religiös begründeter Trost. Wer für das Vaterland sterbe, komme sofort in den Himmel, ist sich eine der beiden sicher.

 

  1. Rolf van Raden war im Rahmen einer Studien- und Recherchereise des Deutsch-Französischen Jugendwerks im Mai 2014 in der Ukraine und hat sich in Lviv und Kiew mit politischen Akteur*innen sowie Vertreter*innen von Nichtregierungsorganisationen und sozialen Projekten getroffen. []

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