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„Metamorphosen des Kapitals“

 

Tino Heims grundlegende Arbeit zur Weiterentwicklung kritischer Gesellschaftstheorie. Eine Rezension von Wolfgang Kastrup und Helmut Kellershohn

Erschienen in DISS-Journal 27 (2014)

Tino Heims Dissertation (2011, TU Dresden) erschien 2013 unter dem Titel „Metamorphosen des Kapitals. Kapitalistische Vergesellschaftung und Perspektiven einer kritischen Sozialwissenschaft nach Marx, Foucault und Bourdieu“ im Transcript-Verlag. Es handelt sich um ein Mammutwerk (674 Seiten), dessen Programm, die Theorieentwürfe dreier Klassiker in Beziehung zu setzen, um die Analyse der Veränderungsprozesse des modernen Kapitalismus zu ermöglichen, hier nur knapp angedeutet werden kann. Es handelt sich mehr um eine Empfehlung an potenzielle LeserInnen, die gewaltige Leistung Tino Heims durch die Lektüre seines Werkes sich zu Nutze zu machen.

Ausgehend von einer Kritik des oberflächlichen, zumeist moralisierenden Rekurses auf den Kapitalismusbegriff im Rahmen medialer und wissenschaftlicher Verarbeitungen der jüngsten Finanzkrisen stellt sich Heim die Aufgabe, durch die miteinander verwobene Rekonstruktion der Theorieprogramme von Marx, Bourdieu und Foucault (MFB) allererst die theoretischen Voraussetzungen zu schaffen für ein Begreifen historischer und gegenwärtiger Entwicklungen kapitalistischer Vergesellschaftung. Das ist insofern ein komplexes Unterfangen, als sie auch die Kritik vorherrschender Rezeptionsweisen der drei Klassiker impliziert, um „grundlegende Gemeinsamkeiten in den Forschungsgegenständen und den Analysemethoden“ (37) jenseits zweifellos vorhandener unterschiedlicher Perspektivierungen freizulegen. Es geht nicht um Vereinheitlichung, sondern um die Vermittlung unterschiedlicher Kategoriensysteme für die vertiefende Begründung einer analytisch-kritischen Sozialwissenschaft.

Der theoretische Rahmen

In Kapitel II, das den „theoriesystematischen Vorlauf“ (ebd.) enthält, geht Heim in fünf Schritten vor. Zunächst arbeitet er heraus, dass MFB einen „geteilten Gegenstandsbezug und ein gemeinsames Problemfeld“ (43) aufweisen, zum einen in Bezug auf die Genese, zum anderen hinsichtlich der „immanenten Strukturen und Prozesslogiken kapitalistischer Gesellschaften“ (46). Im zweiten Schritt wendet er sich den Forschungsprogrammen zu (Marx: Historischer Materialismus; Foucault: archäologisch-genealogisches Forschungsprogramm; Bourdieu: „allgemeine ökonomische Praxiswissenschaft“). Diese könnten in einem „Verhältnis wechselseitiger Ergänzung“ und gegenseitiger Erklärung zueinander stehen, vorausgesetzt, man verzichtet z.B. bei Marx auf eine ökonomistische Lesart.

Im dritten Schritt untersucht Heim „geteilte Theoriedispositionen“. Darunter versteht er „Gemeinsamkeiten in der Form, in der Probleme formuliert und angegangen“ würden, und für die Heim Wittgensteins Begriff der „Familienähnlichkeit“ verwendet, um deutlich zu machen, dass es sich hierbei nicht um klar definierte identische Eigenschaften handelt, sondern um ein Netz von „Affinitäten und Entsprechungsverhältnisse(n)“ (71). Die Theorieansätze von MFB versteht Heim im weitesten Sinne als Theorien der Praxis bzw. weist ihnen einen praxeologischen Status (72) zu, in Abgrenzung zu strukturalistischen und systemtheoretischen Ansätzen auf der einen und handlungstheoretischen und phänomenologischen Ansätzen auf der anderen Seite. Als Bezugspunkt (73) dienen Heim die Marx’schen Feuerbachthesen, Bourdieus Entwurf einer Theorie der Praxis und Foucaults Untersuchungen zur Disziplin oder Biopolitik sowie dessen Behandlung von Diskursen als Praktiken, „die systematisch die Regeln bilden, von denen sie sprechen“ (Archäologie des Wissens).

Im Einzelnen beschreibt Heim drei Dispositionen: erstens eine kritische Haltung zu anthropologischen Grundannahmen im Sinne einer „überhistorischen Wesensbestimmung des Menschen“ (75) sowie einer Reduktion gesellschaftlicher Verhältnisse auf Interessen und Bedürfnisse der Individuen (methodischer Antiindividualismus); zweitens die grundsätzliche Anerkennung der Historizität und Diskontinuität gesellschaftlicher Verhältnisse sowie die Ablehnung einer telelogischen Gerichtetheit historischer Abläufe (Kontingenzprinzip); drittens das Bemühen, Dichotomien in der soziologischen Theoriebildung zu vermeiden, zum Beispiel solche wie Individuum-Gesellschaft, Handlung-Struktur, materiell-symbolisch. MFB bevorzugten dagegen eine „antidualistische Theoriedisposition“ und suchten die „praxeologische Auflösung“ derartiger Dichotomien (85).

Im vierten Schritt geht Heim auf die „wissenschaftstheoretischen Selbstverständnisse“ von MFB ein. Gemeinsamkeiten entdeckt er hier, zunächst bei Bourdieu und Foucault, in dem Bezug auf die Epistemologie Gaston Bachelards und Georges Canguilhems, die den Gegensatz von Wissenschaft und Erfahrung/Wahrnehmung betont. Wissenschaft verfährt demnach grundsätzlich konstruktivistisch, Bourdieu bezeichnet seinen Ansatz als „konstruktivistischen Strukturalismus“, Foucault warnt vor der „Illusion der Erfahrung“. Bei Marx sieht Heim einen Bruch seines Wissenschaftsverständnisses zwischen den Frühschriften, der Deutschen Ideologie und den Arbeiten zur Kritik der politischen Ökonomie mit ihrer berühmten Unterscheidung zwischen „Wesen“ und „Erscheinung“, zwischen innerer „Kerngestalt“ und der „fertige[n] Gestalt der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt“ (MEW 25, 219). Marx hat in der Einleitung zu den Grundrissen seine analytisch-synthetische Methode vorgestellt, die das Konkrete, das Ganze der ökonomischen Verhältnisse als eine „Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen“ gedanklich zu reproduzieren beansprucht, auf dem Wege also einer begrifflichen Konstruktionsarbeit, die sich sowohl absetzt vom Empirismus der Vulgärökonomie als auch reiner Begriffsspekulation à la Hegel (110f.).

Heim beschließt den im engeren Sinne theoretischen Teil mit Ausführungen zum Verständnis einer analytisch-kritischen Sozialwissenschaft bei MFB. Im Kern sieht er deren Gemeinsamkeit in der Ablehnung eines normativen Kritikverständnisses, das die gesellschaftlichen Verhältnisse an normativ verstandenen Kategorien wie ‚Gleichheit’, ‚Freiheit’, ‚Gerechtigkeit’ oder ‚Mensch’, ‚Menschlichkeit’ und ‚Menschheit’ (133) bemisst, statt diese selbst als Momente (bestehender) gesellschaftlicher Praxis zu begreifen. Es geht – so Bourdieu – um die „exakte theoretische Analyse der Funktionsweise ökonomischer, politischer und ideologischer Strukturen“ (ebd.), deren Kritik in dem Nachweis ihrer „Ungleichgewichte, Widersprüche und damit Konfliktdynamiken und Veränderungspotenziale“ (134) bestünde. Heim nennt diesen Ansatz kritisch-funktionale Analyse, die wir im Weiteren mit Blick auf die Klassenverhältnisse im Kapitalismus weiterverfolgen.

Klassenverhältnisse im Kapitalismus

Die gegenstandsbezogenen Analysen Heims beginnen mit einem längeren Abschnitt (Kapitel III), der der Marx’schen Darstellung einer kapitalistischen Ökonomie „im idealen Durchschnitt“ (37) gewidmet ist. Das Begreifen der allgemeinen ‚Bewegungsgesetze’ der kapitalistischen Wirtschaftsform gilt Heim als Voraussetzung „für die Analyse von Hauptlinien der Transformationen kapitalistischer Vergesellschaftung“ (212), um die es dann in den weiteren Kapiteln geht. In Kapitel IV erarbeitet er die Genealogien kapitalistischer Vergesellschaftung unter Bezug auf Foucault und Marx. Im Kapitel V geht es um Funktionen und Metamorphosen der kapitalistischen Klassenverhältnisse bei Marx und Bourdieu. Hierauf wollen wir näher eingehen.

Klassenanalysen, auch solche in der Tradition des Marxismus stehende, kommen, so Heim, nicht an der Theorie von Bourdieu vorbei. Denn trotz der Distanz zwischen Bourdieu und dem „Marxismus“ gebe es „theoretische Konvergenzen und wechselseitige Ergänzungspotenziale beider Ansätze“ (423). Das Besondere des Klassenbegriffs müsse in drei Momenten gesehen werden: Es handele sich sowohl um einen ökonomischen als auch und soziologischen Funktionsbegriff, und drittens biete er als Begriff die Möglichkeit, „Ungleichheiten, soziale Bewegungen und Konfliktdynamiken“ zu analysieren (425). In Anlehnung an Marx, der ja im Kapital auch keine bestimmte kapitalistische Gesellschaft gekennzeichnet habe, sondern „ein Modell der Logik des Kapitalverhältnisses im ideellen Durchschnitt“, seien Klassen keine „realen sozialen Klassen“, sondern, laut Marx, „Personifikationen ökonomischer Kategorien“. Sie kämen nur „als Träger typischer Funktionen des Kapitalverhältnisses in Betracht“ (439). Mit Ausnahme der „historisch-rekonstruktiven Kapitel“ im Kapital analysiere Marx „überhaupt keine sozialen Klassen“, sondern über ein „ funktionelles Schema definierte objektive Klassen“ (440).

Bourdieu knüpfe deutlich an Marx an, da sein Ansatz der Klassenanalyse mit der Analyse gesellschaftlicher Reproduktionsprozesse verbunden sei (451). Der soziale Raum, in welchem sich Kapital und Klassen bei Bourdieu befänden, werde durch drei Dimensionen konstruiert: Erstens das Kapitalvolumen (gemeint ist damit die „Summe der Verfügungsmacht über verwertbare ökonomische und kulturelle Formen akkumulierter Arbeit“), zweitens die Kapitalstruktur (das bedeutet die „Zusammensetzung der verschiedenen Kapitalien“) und drittens die soziale Laufbahn, womit Auf- und Abstiegsmöglichkeiten angesprochen würden. Für Bourdieu sei für die Bestimmung einer sozialen Klasse entscheidend, dass alle relevanten Merkmale in der Struktur ihrer Beziehungen gesehen würden. Diese „theoretisch objektivierbaren Beziehungen“ würden allerdings erst dann soziokulturell sichtbar, „wenn sie sich in besonderen symbolisch distinkten und distinktiven Praktiken und Einstellungen manifestieren“. Bourdieu habe dazu einen „Raum der Lebensstile“ (ein Präferenzsystem mit Vorlieben für Nahrung, Kunst, Kultur, Sport, Kleidung, Reisen etc.) geschaffen (453). Dieser unterscheide sich aber von der in Deutschland dominierenden soziologischen Milieuforschung dadurch, dass Bourdieu strukturelle Übereinstimmungen und Interdependenzbeziehungen zwischen Klassenlagen und Lebensstilen sehe, wobei hinzukomme, dass diese außerdem mit der „Analyse gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse verbunden“ seien (ebd.). Dieses Beispiel der Analyse des Klassenbegriffs und der Klassenverhältnisse mag erklären, weshalb Heim der Auffassung ist, dass Bourdieu Marxsche Überlegungen aufgreift und weiterverfolgt.

Es ist eine Stärke der Argumentation von Tino Heim, kapitalistische Verhältnisse nicht als individuelle Verfehlungen (Gier der Banker) oder moralisierende Kritiken („Raubtierkapitalismus“ oder „Turbokapitalismus“) zu erklären, sondern Ausbeutung und Reproduktion der Klassenverhältnisse mit ihren ungleichen Möglichkeiten als Ergebnis einer „sachlichen Logik“ zu analysieren, das die „formelle Freiheit und Gleichheit“ der Menschen voraussetzt (457). Da Herrschaftsverhältnisse sich über „objektivierte gesellschaftliche Mechanismen“ reproduzierten, brauchten Herrschende nur noch in Ausnahmefällen zur Durchsetzung ihrer Klasseninteressen auf Gewalt zurückzugreifen. Heim sieht sowohl bei Marx wie bei Bourdieu, dass die Darlegung der Klassenverhältnisse als objektive Herrschaftsverhältnisse „keine direkte soziale, politische und rechtliche Subordination“ wie in der Ständegesellschaft beinhalte (458). Der Autor fährt fort: „Die Reproduktion der Dominanzverhältnisse greift dabei mit den sachlichen Funktionslogiken von Ökonomie, Politik, Bildung, Kulturproduktion etc. derart ineinander, dass die strukturellen Dominanzverhältnisse unabhängig von intentionalen, auf Individuen zurechenbaren Herrschaftsakten bestehen“ (ebd.). Dass die Subalternen die bestehende Ordnung als quasi naturgegeben akzeptieren und sich fügen, habe Marx nicht nur mit dem „stumme(n) Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ erklärt, sondern auch mit kulturellen und symbolischen Bedeutungen (ebd.). Ein Bezug auf Gramscis Hegemonietheorie wäre in diesem Zusammenhang vielleicht noch angebracht gewesen.

Für Heim ist es kurios, wenn ausgerechnet die Theorien von Marx und Bourdieu oft als statisch und deterministisch charakterisiert würden, obwohl doch beide Theorien auf „relationalen und dynamischen Analysekategorien“ aufbauten. Klassenverhältnisse beinhalteten keine statischen Sozialmilieus, sondern sie seien im Gegenteil ein „dynamisches Kraftfeld funktioneller und sozialer Relationen, die in variierender Form immer neu reproduziert werden“ (ebd.). Sozialmilieus sollten als Korrelat des Klassenbegriffs gesehen werden, als, laut Michael Vester, „Alltagsebene der Klassenpraxis“ (564).

Um eine Kritik der kapitalistischen Klassengesellschaft als überholt zu markieren, hätten auch griffige Zeitdiagnosen gedient, mit Stichworten wie Konsum-, Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile bzw. postindustrielle und postkapitalistische Gesellschaft. Als ‚Widerlegung’ wäre auch die simple These „Klassenstruktur = Arbeit vs. Kapital = Elend = Revolution“ benutzt worden, um den Umkehrschluss nahe zu legen: „nicht Revolution = nicht Elend = nicht Arbeit vs. Kapital = keine Klassenstruktur“ (553).

Integration, nicht Abgrenzung

Klassentheorien und –analysen treffen den Nerv der bürgerlichen Öffentlichkeit, wie die Aufgeregtheit um das kürzlich in den USA erschienene Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty („Capital in the Twenty-First Century“) beweist. Die FAZ schwankt zwischen Lob im Feuilleton (08.05.2014) und heftiger Kritik im Wirtschaftsteil (15.05.2014). Jürgen Ritsert („Soziale Klassen“, Münster 1998) hat dargelegt, wie viel Gehirnschmalz deutsche Soziologen nach 1945 aufwandten, um den Klassenbegriff aus den Sozialwissenschaften an den Universitäten fern zu halten.

Es ist das große Verdienst von Heim, aufgezeigt zu haben, wie produktiv die Arbeit an den theoretischen Verbindungen von Marx, Foucault und Bourdieu für die Analyse gesellschaftlicher Zusammenhänge, sowohl in ihrer historischen Genese als auch in den sachlogischen Funktionen, sein kann. Robin Mohan hat in seiner Rezension im Argument 306 darauf verwiesen, dass „die Zeiten strenger Abgrenzungen […] zu Ende zu gehen“ scheinen (vgl. z.B. Hanna Meißner: Jenseits des autonomen Subjekts. Zur gesellschaftlichen Konstitution von Handlungsfähigkeit im Anschluss an Butler, Foucault und Marx, Bielefeld 2010). Wir schließen uns dem an.

Timo Hein
Metamorphosen des Kapitals
Bielefeld 2013: transcript
674 S., 44,80 Euro

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