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Aufgaben und Forschungsfelder der interkulturellen Philosophie

 

Von Michael Lausberg. Erschienen in DISS-Journal 27 (2014)

Seit dem Ende des Kalten Krieges entwickelt sich das Forschungsfeld der interkulturellen Philosophie als neuer Impulsgeber innerhalb der herkömmlichen Philosophie. Die folgenden Ausführungen geben einen Einblick in dieses neue Forschungsfeld.

Der sich auf allen Ebenen durchsetzende Globalisierungsprozess bringt eine größere Heterogenität und Fragmentierung von Weltbildern mit sich und schließt Individuen oder Gruppen unterschiedlicher kultureller Herkunft zu einer Menschheit zusammen. Kulturen werden dabei als heterogene, dynamische Entitäten betrachtet, was auch für die in ihnen vertretenen Religionen und Philosophien gilt. Ein einheitlicher und statischer Kulturbegriff sowie die Konservierung des jeweiligen gegenwärtigen kulturellen Zustandes werden dagegen abgelehnt. Zu allen Zeiten fand trotz mancher spannungsreicher Kulturbegegnungen ein interkultureller Austausch statt; die räumliche Annäherung unterschiedlicher Traditionen und Weltanschauungen haben für eine ständige Erneuerung und Anpassung gesorgt.

Die zahlreichen politischen, gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Auseinandersetzungen der Vergangenheit und Gegenwart hatten und haben den Hintergrund, dass die jeweiligen politischen Ideologien, Religionen oder Philosophien glauben, allein im Besitz der einen, einzigen Wahrheit zu sein. Daher ist eine kulturübergreifende Kommunikation notwendig, die die Ebene zivilisatorischer Koexistenz überschreitet und zur gewaltfreien interkulturellen Verständigung führt: „Interkulturelle Philosophie soll dem friedlichen Miteinander in einer allumfassenden menschlichen Kultur dienen, die gleichwohl kulturelle Spezifika bewahrt und gelten lässt. Sie soll helfen, eine Kultur zu etablieren, die die ganze Menschheit umfasst, Frieden schafft und erhält und den Menschenrechten genügt, ohne die berechtigten Ansprüche einzelner Kulturen auf Erhalt ihrer Besonderheiten zu vernachlässigen.“ (Yousefi  2010, 25) Dabei ist die interkulturelle Philosophie ein probates Mittel, um den in der Gegenwart herrschenden rassistischen Instrumentalisierungen des Kulturellen entgegenzutreten.

Die wichtigsten theoretischen Vorläufer der interkulturellen Philosophie sind der Ethnologe Clifford Geertz und sein Verstehensbegriff der interpretativen Anthropologie, der Philosoph Ernst Cassirer und sein Konzept der kulturellen Pluralität sowie der protestantische Theologe Paul Tillich und sein interreligiöser Ansatz. Außerdem ist William James zu nennen, der mit seiner Philosophie des pluralistischen Universums für die Abgrenzung der interkulturellen Philosophie von kulturalistischen Modellen von essentieller Bedeutung ist.

Die interkulturelle Philosophie beschäftigt sich im Wesentlichen mit den folgenden Punkten (Paul 2008, 12):

  • Charakteristik kultureller Erscheinungen und Rekonstruktion von in einzelnen Kulturen entwickelten Philosophien und Philosophemen,
  • Beurteilung und Erklärung von Gemeinsamkeiten und Diversität solcher Philosophien und Philosopheme,
  • Entwicklung philosophischer Universalien und/oder Begründung von Toleranz und interkulturellem Verständnis.

Die interkulturelle Philosophie plädiert für „eine überlappend-universale, aber orthaft-ortlose philosophia perennis“ (Mall 2006, 26). Der Begriff philosophia perennis („immerwährende Philosophie“) geht von der Vorstellung aus, dass sich bestimmte philosophische Einsichten über Zeiten und Kulturen hinweg erhalten und universal gültige Aussagen über die Wirklichkeit möglich sind.

Das bedeutet einen Paradigmenwechsel sowohl in den theoretischen als auch praktischen Disziplinen der Philosophie. Interkulturelle Philosophie ist eine kritische Philosophie der Philosophie und weist metaphilosophischen Charakter auf. Die interkulturelle Philosophie erhebt nicht den Anspruch, eine neue philosophische Disziplin darstellen zu wollen. Sie will alle philosophischen Disziplinen und Beschäftigungen durchdringen, die jeweils die Dimension des Interkulturellen in sich aufnehmen sollten.

Die interkulturelle Philosophie will einen neuen Philosophiebegriff finden, der nicht einer eurozentristischen, sondern einer interkulturellen und pluralen Weltlage Rechnung trägt. Für die interkulturelle Philosophie sind alle Formen einer ethnozentristischen Historiographie abzulehnen: „Interkulturelle Philosophie soll Stereotype der Selbst- und Fremdwahrnehmung kritisieren, Offenheit und Verständnis befördern und in gegenseitiger Aufklärung bestehen. muss auch bereit sein, sich selbst und seine Kultur, Philosophie und Religion von außen sehen zu lernen.“ (Ebd., 30)

Die europäische Philosophiegeschichte gilt demnach als kleinerer Ausschnitt, der lediglich Teil des größeren Ganzen der Weltphilosophie ist. Ein zentraler Punkt dabei ist es, von mehreren Ursprungsorten des Philosophierens auszugehen. Frühestens seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzt sich diese neue Orientierung in der philosophischen Historiographie immer mehr durch. Karl Jaspers schrieb: „Wir sind auf dem Wege vom Abendrot der europäischen Philosophie zur Morgenröte der Weltphilosophie“ (Jaspers 1977, 122).

Es gibt zum Thema Interkulturelle Philosophie zwar eine wachsende Zahl von Veröffentlichungen, trotzdem ist dieses Forschungsfeld (noch) eine Randdisziplin innerhalb der Philosophie. Die verschiedenen Ansätze einer interkulturellen Philosophie haben in den Curricula der Philosophie-Ausbildung der westlichen, aber auch nicht-westlichen Universitäten noch keinen oder einen sehr marginalen Platz gefunden. An der Universität Trier existiert eine Forschungsstelle für interkulturelle Philosophie (FIP) mit einer transdisziplinären Ausrichtung. Ram Adhar Mall von der Universität München (vgl. Mall 1995) gehört zusammen mit dem ehemals in den Niederlanden lehrenden Heinz Kimmerle (vgl. Kimmerle 2002) und dem österreichischen Philosophen Franz Martin Wimmer (vgl. Wimmer 2003) zu den Protagonisten der interkulturellen Philosophie im deutschsprachigen Raum. Seit 1991 ist Mall Gründungspräsident der internationalen Gesellschaft für interkulturelle Philosophie (GIP) e.V. Wimmer gibt seit 1998 die Zeitschrift polylog. Zeitschrift für interkulturelles Philosophieren heraus.

Literatur

Jaspers, Karl 1977: Philosophische Autobiographie, München.
Kimmerle, Heinz 2002: Einführung in die interkulturelle Philosophie, Hamburg.
Mall, Ram Adhar 1995: Philosophie im Vergleich der Kulturen. Interkulturelle Philosophie – eine neue Orientierung, Darmstadt.
Mall, Ram Adhar 2006: Tradition und Rationalität. Eine interkulturelle philosophische Perspektive, in: Bickmann, C. u.a.: Tradition und Traditionsbruch zwischen Skepsis und Dogmatik. Interkulturelle philosophische Perspektiven, Amsterdam/New York, 19-48.
Paul, Gregor 2008: Einführung in die interkulturelle Philosophie, Darmstadt.
Wimmer, Franz Martin 2003: Globalität und Philosophie: Studien zur Interkulturalität, Wien.
Yousefi, Hamid R. 2010: Interkulturalität und Geschichte. Perspektiven für eine globale Philosophie, Hamburg.

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