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„Befreite Zone“ Thule-Netz?

 

Martin Dietzsch/Anton Maegerle

„Befreite Zone“ Thule-Netz? (1997)1

 

Demokratische Mailboxnetze

Die politische Nutzung des Computers ist in Deutschland nichts Neues, allerdings unter völlig anderen Vorzeichen als im Thule-Netz. Seit Ende der achtziger Jahre, also lange vor dem Internet-Boom, entdeckten zahlreiche Bürgerinitiativen, Gruppen der Umweltschutz-Bewegung und politisch interessierte Einzelpersonen aus dem Spektrum zwischen SPD, Grünen und linken Gruppen (zeitweise waren sogar einige CDU-Kreisverbände vertreten) den Computer als Kommunikationsmittel und bauten auf privater Basis Hobby-Mailboxnetze auf.
1991 schlossen sich die meisten dieser Mailboxen zum dezentral strukturierten CL-Netz zusammen, das damit zu einem der großen freien Netze im deutschsprachigen Raum wurde (neben den hauptsächlich von Jugendlichen genutzten und Themen aus den Bereichen Technik, Freizeit, Hobby gewidmeten Netzen Fido, UseNet, Z-Netz und Maus-Netz). Laut einer Selbstdarstellung waren 1996 ca. 300 Mailboxen in zahlreichen Städten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz mit geschätzten 100.000 Nutzern an das CL-Netz angeschlossen.
Nach dem Willen der Betreiber soll durch das Bürger-Netz CL dem basisdemokratischen Ideal nahegekommen werden. Den Nutzern ist es nicht nur möglich, Informationen zu einem breiten Spektrum von politischen Themen zu lesen. Jeder Teilnehmer kann eigene Texte schreiben, die automatisch an alle angeschlossenen Boxen verteilt und überall abrufbar sind.

So ergibt sich die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit und mit geringem Aufwand Informationen an ein Publikum mit zahlreichen Multiplikatoren zu verbreiten und eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Das hat sich besonders in Krisenzeiten, z. B. vor und während des Golfkrieges, sehr gut bewährt. Darüber hinaus ergibt sich (zumindest theoretisch) die Möglichkeit der direkten Diskussion der Teilnehmer untereinander, da jeder zu jedem früheren Beitrag Stellung nehmen kann. Hier klaffen freilich Ideal und Wirklichkeit oft auseinander. Es ist kaum zu vermeiden, daß ein solches Medium auch manische Selbstdarsteller, Wichtigtuer, Gerüchtestreuer und Spinner anzieht.

Die Neonazis betrachteten dieses Netz immer mit einer Mischung aus Haß und Neid. Sie versuchten, dem CL-Netz zu schaden, wo es nur ging, z. B. indem sie es öffentlich als „linksextrem“ oder gar „terroristisch“ denunzierten. Sollten sich die Behörden einmal zu einem Einschreiten gegen rechte Mailboxen entschließen, dann wollen die Neonazis wenigstens die Genugtuung, daß sich ein solcher Schlag nach der verqueren Logik der Totalitarismus-Theorie auch gegen das verhaßte demokratische CL-Netz richten würde.

Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) entdeckt die Neuen Medien

Obwohl Neonazis in den USA Computer schon seit Anfang der achtziger Jahre zur Kommunikation nutzten, gab es erste Ansätze dafür in der Bundesrepublik erst 1991. Von Anfang an war die NPD dabei die treibende Kraft. Auf dem Parteitag im Juni 1991 setzte sich Günter Deckert als neuer Vorsitzender durch. Deckerts Kurs zielte auf eine Radikalisierung der NPD und auf eine Öffnung gegenüber der militanten Neonazi-Szene. (Dieser Kurs wird seit 1996 von seinem Nachfolger Udo Voigt sogar noch forciert.) Auf diesem Parteitag 1991 richtete die NPD erstmalig einen „Arbeitskreis Medien + Technik“ ein.2 Der Leiter dieses Arbeitskreises war Herbert G. Welsch (zeitweise Landesschatzmeister der bayerischen NPD).

Ab Januar 1992 bot die NPD dann als erste Rechtspartei ihre Propaganda innerhalb des Btx-Dienstes der Telekom (jetzt t-online) an. Zu diesem Zweck wurde die ARV Elektronik GmbH mit Postfach in Schwaig (östlich von Nürnberg) gegründet, für die Herbert G. Welsch verantwortlich zeichnet. Zunächst war man in der NPD offenbar sehr stolz auf diese Aktion.

In jeder Ausgabe der Deutschen Stimme wurde auf Btx hingewiesen, Reaktionen der seriösen Presse auf diese Aktivitäten wurden genau verfolgt und teilweise nachgedruckt. Doch schon bald ließ die Euphorie über das neue Medium merklich nach – nicht nur, weil der antiquierte Btx-Dienst der Telekom sehr umständlich zu handhaben war und die realen Abrufe der NPD-Seiten sehr gering waren. Das für die NPD besonders interessante jugendliche Publikum war auf diesem Wege kaum ansprechbar. Schon im Februar 1992 hatte der NPD-Pressesprecher Karl-Heinz Sendbühler in der Zeitschrift Nation unter dem reißerischen Titel „Hacker von Rechts?“ verkündet: „Mit dem Aufbau eines bundesweiten Netzwerkes wird es sicher noch eine Weile dauern, aber Ende des Jahres dürfte es soweit sein.“ Der NPD tat sich mit dem Thule-Netz eine Alternative auf, die freilich nicht unter der Parteifahne agieren sollte. Unter dem Pseudonym „NPD BTX-Zeitung“ war Welsch auch im Thule-Netz präsent.

Seit Mitte 1996 engagiert sich die NPD nun auch massiv innerhalb des Internets im World Wide Web. Die Btx-Seiten der NPD fristen heute nur noch ein Schattendasein. Sie enthalten einige kurze Meldungen aus den Parteizeitungen und eine Werbung für das Thule-Netz, die allerdings seit 1994 nicht mehr aktualisiert wurde.

Kundschafter im CL-Netz

Ab Mitte 1992 betätigte sich Thomas Hetzer aus Erlangen, damals Informatikstudent, als Kundschafter im CL-Netz. Hetzer stand dem Nationaldemokratischen Hochschulbund (NHB), der Studentenorganisation der NPD, zumindest sehr nahe. Der NHB meldete damals nur mit einer Handvoll Mitgliedern, aber mit viel nationalrevolutionärem Getöse seinen Führungsanspruch gegenüber der gesamten Rechten an. Hetzer war zeitweise presserechtlich verantwortlich und Postfachinhaber für das nationalrevolutionäre Kleinst-Blättchen Die Saufeder, das als Organ von JN(Jungen Nationaldemokraten)- und NHB-Funktionären aus dem fränkischen Raum fungierte.

Er lernte die Technik und die Gepflogenheiten in Mailboxnetzen kennen. Gleichzeitig testete er, wie weit sich das linksalternative Publikum des CL-Netzes über den Tisch ziehen läßt. Er schrieb z. B. im Brett „Geschichte“, früher habe er ja auch an den Holocaust geglaubt, aber jetzt sei er auf neue Dokumente gestoßen. Dann zitierte er aus Nation + Europa, ohne die Quelle zu nennen. Im Brett „Religion“ suchte er nach Mitstreitern für neuheidnische Germanenkulte.

Die Systemkoordination des CL-Netzes reagierte auf die Forderung nach Ausschluß von Neonazis, deren organisierter Hintergrund eindeutig ist, unentschlossen. Zahlreiche Systembetreiber (Sysops) forderten Redefreiheit auch für Neonazis.
Im August 1992 schrieb Thomas Hetzer als Der radikale Heinz:

„Ich finds absolut korrekt wenn sich Radikalinskis aller Richtungen treffen!!! Egal ob Ökodiktator oder BDM-Feministin!!! Das neue vereinigte und sozialistische Deutschland wird radikal sein bis zum abwinken!!! Also GenossInnen keine Berührungsängste, wenn es um gesellschaftliche Veränderungen geht!!! Venceremos!!! Macht Euch mal zwischen ein paar Bier Gedanken drüber (es lohnt sich)!!! Im nordbayerischen Raum wird versucht eine radikale Aktionseinheit zu bilden!!! Bildet Kampfabteilungen! Sprengt die Gegensätze! Seid radikal!“

Wenig später wurde ihm der Schreibzugriff in seiner Mailbox, der LINK-N in Nürnberg, entzogen. Die Begründung war z. T. formal, er hatte dem Anschein nach dem radikalen Heinz seinen Account überlassen.

Gründung des Thule-Netzes

Ende 1992 eröffnete Thomas Hetzer seine eigene Mailbox, die Widerstand BBS. Er arbeitete eng mit der Phantom in Nürnberg zusammen, die von einem Anhänger der Deutschen Volksunion (DVU) betrieben wurde. Gemeinsam gründeten sie das Deutsche National Netz.

Am 20. 3. 1993 wurde das Deutsche National Netz in Thule-Netz umbenannt. Mitglied waren anfangs fünf Boxen: Nürnberg (Robert Strätz), Erlangen (Thomas Hetzer), Oftersheim (Jürgen Jost), Essen (NPD-Mitglied) und Krefeld (FAP/Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei-Mitglied), wobei die letzten beiden zunächst wegen technischer Probleme, dann wegen Hausdurchsuchungen nie wirklich am Thule-Netz teilnahmen. Im Gegensatz zu anderen Netzen ist das Thule-Netz sternförmig und hierarchisch aufgebaut. Alle Nachrichten laufen über die Widerstand BBS von Thomas Hetzer in Erlangen.

Hetzer begründete die Namensumstellung mit dem Argument: „Nach den diversen Veröffentlichungen über die WIDERSTAND BBS fanden wir (die SysOps und CoSysOps) es halt besser, einen etwas unauffälligeren Namen zu wählen. Zudem erinnert mich ‚Deutsches National-Netz‘ etwas zu sehr an die Deutsche Nationalzeitung.“ (7. 5. 1993) Andererseits schrieb er: „Diejenigen Leute, die ich in erster Linie mit meiner Box erreichen will und für diese Box da ist, wissen durchaus mit dem Begriff THULE etwas anzufangen.“ (16. 5. 1993) Hetzer bezog sich von Anfang an auf die Ideen des Thule-Seminars von Pierre Krebs in Kassel, ohne daß dies auch eine organisatorische Anbindung beinhaltete. Er schrieb selbst, er habe vom Thule-Seminar schon lange nichts mehr gehört. Zu diesem Zeitpunkt war das wohl auch noch so. In der germanentümelnden Mythologie steht „Thule“ für die angebliche Urheimat der Europäer im hohen Norden. Der Begriff Thule-Netz hat auch eine dritte Bedeutung: er spielt auf die Thule-Gesellschaft an, einen Geheimorden in München nach dem Ersten Weltkrieg, der aktiv an der Niederschlagung der Räterepublik beteiligt war und eine wichtige Rolle in der Frühgeschichte der NSDAP spielte.

Thule war also zunächst als Chiffre für Wissende gedacht, mit der Nichteingeweihte nichts verbinden. In der ursprünglichen Planung sollte das Netz nach außen offen sein und das gesamte rechte Spektrum in sich vereinigen. So wurde in der Anfangszeit von Aktivisten des Thule-Netzes bei Ausflügen in demokratische Netze Werbung für das Thule-Netz gemacht und versucht, auch unorganisierte Rechte für das Netz zu interessieren. In dieser frühen Phase waren vorübergehend auch einige Mailboxen im Netz, deren Betreiber nicht zum harten Kern der Neonazi-Szene gehörten, z. B. Gonzo mit seiner Empire BBS, aber auch der Deutsche National-Zeitung-Leser und Thule-Mitgründer Robert Strätz, der aber schon bald hinausgeekelt wurde.

Wandel zum Kader-Netz

Das Konzept änderte sich, als sich einerseits zeigte, daß das Netz zur breiten Rekrutierung nicht geeignet war – dazu dienen viel besser die Foren der großen Mailboxnetze wie Fido, UseNet oder Z-Netz. Andererseits gelang es den Betreibern, eine ganze Reihe von führenden Funktionären der Militanten für eine Mitarbeit zu gewinnen, z. B. Kai Dalek, Andree Zimmermann, Günter Deckert, Michael Prümmer, Hans-Peter Krieger, Ernst Marschall, Christian Wendt. Zum Teil machten sie eigene Thule-Boxen auf, vor allem aus der NPD, der FAP und der NSDAP/AO. Die eigentliche Zielgruppe bilden nun Funktionäre der militanten Rechten, die durch Anzeigen in einschlägigen Publikationen (von der Jungen Freiheit bis hin zu Untergrund-Blättchen), vor allem aber auch durch direkte Ansprache bei rechten Veranstaltungen geworben wurden.

Bereits in den ersten TV-Berichten über das Netz wurde ein Interview mit dem NPD-Funktionär Sendbühler ausgestrahlt, in dem er triumphierend behauptete, man verfüge jetzt mit dem Thule-Netz über ein Medium, das absolut abhörsicher gegenüber dem Staat sei.

Solche Allmachtsphantasien wurden zwar von der Sensationsberichterstattung bereitwillig aufgenommen, haben aber wenig mit der Realität zu tun. Das Bild von den technisch überlegenen Neonazi-Hackern, die Gegner und Sicherheitsdienste austricksen, ist nur ein Phantasiegebilde. Die meisten Geistesblitze der Thule-Leute sind nichts weiter als ein billiges Plagiat. Die Technik des Netzes wurde vom Fido-Netz übernommen und genügt nicht einmal minimalen Sicherheitsstandards. Die Brettstruktur wurde beim CL-Netz abgeguckt, viele Bretter bleiben aber mangels Masse leer. Die Selbstdarstellung wurde im technischen und praktischen Teil aus Werbematerial des CL-Netzes, im ideologischen Teil vom Thule-Seminar abgeschrieben. Statt konspirativer Kommunikation bietet das Thule-Netz im Gegenteil politischen Gegnern und dem Staatsschutz die Möglichkeit, sehr viel mehr über Interna der Neonazi-Szene zu erfahren als durch bloße Auswertung von Publikationen. Die elektronische Form und die in Mailboxen allgemein übliche datenbankmäßige Aufbereitung machen es selbst Laien möglich, mit geringem Aufwand Persönlichkeitsprofile der Benutzer zu erstellen.

Trotz Benutzung von Pseudonymen ist bei einem großen Teil der aktiven Thule-Nutzer der Realname bekannt. Auch die Verwendung des Verschlüsselungsprogramms PGP (Pretty Good Privacy) für persönliche Nachrichten ist weder originell, noch bietet sie in der von Spitzeln durchsetzten und von Hausdurchsuchungen überzogenen Szene einen wirksamen Schutz gegen die Ausspähung durch den Staat. Einmal abgesehen von der Tatsache, daß die meisten Thule-Nutzer es nicht schaffen, das Programm PGP zu bedienen – für einen solchen Zweck braucht man kein Thule-Netz. Die großen Mailboxnetze und natürlich das Internet wären für solche verdeckten Informationsverteiler sehr viel besser geeignet als das winzige und unzuverlässige Thule-Netz. Und selbstverständlich kann man PGP-verschlüsselte Disketten auch ganz traditionell mit der Post verschicken.

„Befreite Zone?“

Wahn und Wirklichkeit klaffen also wie so oft in der rechten Szene auseinander. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man die Selbstdarstellungen der Neonazis liest.

Als Grundsatzpapier des Thule-Netzes kann man einen Artikelzyklus in der Zeitschrift des NHB Vorderste Front werten, der in abstrakter Form die Errichtung einer rechten Stadtguerilla in der Bundesrepublik beschreibt. Er wurde bereits am 25. 2. 1993 von Thomas Hetzer (alias Alfred Tetzlaff) in das Brett „NEUES DENKEN“ eingespielt und ist auch heute noch für jedermann abrufbar (inzwischen auch im Internet bei Stormfront und bei Ernst Zündel).

Insbesondere ist dabei der Artikel „Schafft befreite Zonen!“ von Bedeutung. Hier wird mit sehr viel nationalrevolutionärem Getöse und lächerlichem Pathos dem Thule-Netz die Rolle eines Kommunikationsmediums, einer virtuellen „befreiten Zone“, für rechte Untergrundzellen zugewiesen. Thomas Hetzer berauscht sich auch heute noch an diesem Schwulst, während der NHB inzwischen nach seinem Geschmack zu sehr auf „NS-Linie“ liegt.

„WAS HEISST DAS – BEFREITE ZONEN?
Wir betrachten die befreiten Zonen aus MILITANTER Sicht, also aus der Sicht des politischen Aktivisten. Es geht keinesfalls darum, eigenständige staatliche Gebilde oder ähnlichen Unsinn ins Leben zu rufen. Nein, befreite Zonen bedeutet für uns zweierlei. Einmal ist es die Etablierung einer GEGENMACHT. Wir müssen Freiräume schaffen, in denen WIR faktisch die Macht ausüben, in denen WIR sanktionsfähig sind, d. h. WIR bestrafen Abweichler und Feinde, WIR unterstützen Kampfgefährtinnen und -gefährten, WIR helfen unterdrückten, ausgegrenzten und verfolgten Mitbürgern. Das System, der Staat und seine Büttel werden in der konkreten Lebensgestaltung der politischen Aktivisten der Stadt ZWEITRANGIG. Entscheidender wird das Verhalten derer sein, die für die Sache des Volkes kämpfen, unwichtig wird das Gezappel der Systemzwerge sein. Wir sind drinnen, der Staat bleibt draußen.“

„Wir sehen also, wenn wir all unseren Idealismus, unsere Kraft, unseren Glauben und unseren Mut konzentrieren, dann können wir nur siegen und das Böse, den Weltstaat, vernichten. Aber der Kampf wird äußerst hart sein, viele Rückschläge, manchen Verrat und manche Überraschung – gute und böse – bringen. Viele werden unseren LEUCHTENDEN WEG wieder verlassen, aber andere werden dazustoßen, Verlorengeglaubte und Neugewonnene werden diese Lücken mehr als füllen. Aus Rinnsalen werden Bäche, aus Bächen wird der große Strom, der alles mit sich reißt, das sich der Sache des Volkes entgegenstemmt. Und wir und Ihr könnt einmal voller Stolz sagen: ABER WIR HABEN DIE QUELLEN OFFENGELEGT! WIR HABEN DAS GUTE IN UNS UND IM DEUTSCHEN VOLK WIEDERENTDECKT!“

Aktueller Stand

Eine Auswertung des Thule-Netzes im ersten Quartal 1997 ergibt folgendes Bild: Jeden Monat erscheinen ca. 1.000 Meldungen mit 1,7 MB Umfang, davon entfallen allerdings ca. 10 Prozent auf das Brett „Quote“, in dem kopierte Nachrichten aus anderen Netzen erscheinen. Es gibt insgesamt 74 schreibende Nutzer, wenn man doppelte Pseudonyme abzieht, bleiben ca. 60 aktive Nutzer übrig. Außerdem gibt es schätzungsweise 200 stumme Nutzer, die nur lesen und nicht schreiben.

Aktive Thule-Boxen:

  • Widerstand BBS (Erlangen), 13 aktive User
  • Propaganda BBS (Karlsruhe), 6 aktive User
  • Kraftwerk BBS (Weissenbrunn), 8 aktive User
  • Janus BBS (München), 8 aktive User
  • Germania BBS (Bonn), 10 aktive User
  • Osgiliath BBS (Frankfurt/M.), 2 aktive User
  • Ost-West-White-Board (Arnheim), 1 aktiver User

Folgende Boxen wurden im März 1997 ausgeschlossen und bildeten das Nordland-Netz:

  • Elias BBS (Oftersheim), 9 aktive User
  • Asgard BBS (Bad Segeberg), 6 aktive User
  • Störtebeker BBS, vormals Ausweg BBS (Stavenhagen, Mecklenburg-Vorpommern) , 11 aktive User

In der Thule-Werbung aufgeführt, aber ohne aktive User:

  • Bunker BBS (Berlin), Telefonansage: „Dieser Anschluß ist vorübergehend nicht erreichbar“
  • Dissident BBS (Wien), „vorübergehend offline“
  • Digital Freedom BBS (Toronto, Ontario)

Inhalte

Das Thule-Netz bietet seinen Nutzern derzeit 75 Diskussionsforen von „Adressen“ und „Anti-Antifa“ über „Geschichte/Bewältigung“, „Gesellschaft/Multi-Kulti“, „Musik/Oi&Möh“ bis hin zu „Partei/NPD“, „Publikationen/JF“ und „Religion/Heidentum“.

Eingescannte Artikel aus der Rechtspresse sollen der Schulung der Kameraden dienen: Criticon, Junge Freiheit (gleichzeitig wegen ihres aus der Sicht der Militanten zu angepaßten Kurses als „Junge Feigheit“ geschmäht und dennoch ständig verwendet), Deutsche National-Zeitung, Staatsbriefe, Aula, Nation + Europa, aber auch Steffen Hupkas Umbruch und Teile der Nachrichten der HNG. Eine enge Zusammenarbeit besteht außerdem mit dem Zeitungsprojekt der NS-orientierten militanten Berlin Brandenburger Zeitung, in der häufig auch Beiträge von Thule-Aktivisten erscheinen.

Aber vor allem besteht der Inhalt des Netzes aus sehr viel dummem Geschwätz. Das Vorhaben, die Thule-Nutzer zu „intellektualisieren“, das Hetzer und anderen vorschwebt, dürfte eine unlösbare Aufgabe sein. (Um dies zu illustrieren, werden wir weiter unten einige typische Thule-Meldungen zitieren.)

Zudem zeigt sich gerade im Thule-Netz, daß intellektuelles Auftreten keineswegs mit gemäßigteren Positionen verbunden ist – im Gegenteil. Ein Beispiel ist Christian Anderle, der Betreiber der einzigen österreichischen Thule-Box.

Arisk

Christian Anderle, in Zusammenhang mit der Schändung des jüdischen Friedhofs in Eisenstadt/Burgenland gesucht,3 gründete 1995 die erste und bisher einzige Thule-Mailbox in Österreich, die Dissident BBS. Unter dem Pseudonym Arisk lenkte er die Diskussion wiederholt auf die Briefbomben und legte nahe, sie seien von jüdischen und freimaurerischen Geheimdiensten gelegt. Trotz dieser kruden Thesen muß man ihn zu den Intellektuellen im Netz zählen. Er feierte Rostock als Volksaufstand und forderte freien Zugang zu Bomben- und Tötungsanleitungen, immer mit dem Zusatz versehen, er persönlich distanziere sich von der Gewalt. Ja, er sprach sich sogar ausdrücklich gegen die Schändung jüdischer Friedhöfe mit Hakenkreuzen aus – mit der infamen Begründung, dadurch würde ein arisches Heilssymbol entweiht.

Nach Festnahme des Mittäters Tomsits tauchte Anderle unter und wird seither mit internationalem Haftbefehl gesucht. Er hat Kontakt zu Siggi, dem Sysop der Störtebeker BBS. Dieser meldete am 27. 5. 1996, Arisk gehe „aus persönlichen Gründen ein Weilchen offline“. Am 1. 8. 1996 spielte Siggi dann einen Offenen Brief von Anderle in das Netz ein, er werde vor der österreichischen Justiz die Aussage verweigern, es handle sich allenfalls um Sachbeschädigung. Seine Ankündigung, sich den deutschen Behörden zu stellen, machte er nicht wahr. Er wird in Skandinavien vermutet.

Das Thule-Netz solidarisierte sich mit Anderle und seinen Taten.

Lutscher alias Andree Zimmermann, Sauerländer Aktionsfront (13. 8. 1996):

„Ändert eine evtl. ‚Grabschändung‘ etwas dran? Wäre er (wenn es tatsächlich so sein sollte) kein Kamerad mehr wenn sich dieser Vorwurf bestätigen sollte? Da gibt es andere ‚Kameraden‘ die schon viel zu lange (mit viel mehr Dreck am Stecken) geduldet wurden! […]
Ich sehe dennoch KEINEN Grund, warum ich mich von Kamerad Arisk distanzieren sollte!!!“

Marschall, d. i. Ernst Marschall, NPD Frankfurt (16. 8. 1996):

„Hallo und Heil Euch!
Was soll die Kleinlichkeit? Soll bei uns auch schon aus einem Furz ein Donnerschlag gemacht werden?
Die Beiträge von Arisk haben mir sehr gut gefallen. Ich habe weiter eine gute Meinung von ihm! Falls er Hilfe bräuchte, hätte er meine Solidarität!
Ferner: Mit welchem Recht hat man unsere Symbolik verboten? Na und, wenn er dieser Inquisition gezeigt hätte, daß man sich das nicht gefallen läßt? Arisk gehört weiterhin zu uns! Thema abgehakt.
Mit unserem Gruß!“

BBZ Redaktion alias Christian Wendt, Die Nationalen, Berlin (16. 8. 1996):

„Natürlich ändert das überhaupt gar nichts.
1. Es ist noch überhaupt nichts bewiesen!
2. Wer beleidigt, malträtiert und schändet denn unser ganzes Volk?
Das könnte den Hebräern so in den Kram passen, würden wir Kamerad Arisk nun hängen lassen. Ich sage hier, jetzt und für alle deutlich vernehmbar NEIN!“

Auch heute noch taucht Anderles Dissident BBS in der offiziellen Mailboxliste des Thule-Netzes auf – mit dem Zusatz: „vorübergehend offline“.

Beispiele für den Umgangston im Thule-Netz

Um einen Eindruck über den Ton und das Niveau zu vermitteln, die im Thule-Netz herrschen, sei hier aus einigen Nachrichten zitiert.

Der Thule-Aktivist Rübennase beklagt sich über eine ausgefallene Karnevalsveranstaltung (31. 1. 1997):

„Verdammt nochmal!
Nun sollten hier am Wochende mehrere große Karnevallsveranstaltungen stattfinden, der Umzug wird sogar normaler Weise im WDR-Fernsehen übertragen.
So, da sich für die abendlichen Feiern aber eine Masse Kanacken und vermeintlich russischer Juden angekündigt haben, um sich auf ihre Art und Weise für unsere Gastfreundschaft zu bedanken, sind vorerst mal alle Veranstaltungen für heute Abend abgesagt worden – ohne Begründung, versteht sich. Mal sehen, was mit den morgigen Veranstaltungen ist.
Ansich wolle ich mich mit einigen anderen als Gegenpohl an diesem Massaker beteiligen, aber das wird wohl alles nichts.
Aber eines ist doch wohl erschreckend:
Dieses Scheiß-System kapituliert vor einem Haufen Asylheischender und anderer Schmarotzer und da werden lieber Großveranstaltungen mit ein paar Tausend Gästen abgesagt, als diesem Abschaum mal zu zeigen:
DIES IST IMMERNOCH UNSER LAND! DIES IST N I E M A L S EUER LAND! ENTWEDER IHR VERHALTET EUCH, WIE SICH DAS FÜR GÄSTE GEHÖRT, ODER
IHR BEKOMMT DIE MEHR ALS VERDIENTE QUITTUNG!
Verdammt nochmal! Hätte ich die Gelegenheit, ich würde diesen gigantischen Haufen Dreck, diese Untermenschen, derart zusammenknüppeln, das sie sich wünschen, sie wären nie nach Deutschland gekommen, um zu schmarotzen und zu terrorisieren.[…]
Mein Gott Walter, was für ein Dreckspack holen wir uns da ins Land? Das werden die etablierten Politversager eines schönen Tages teuer bezahlen!
GAS HAT ZUKUNFT! (Werbeslogan der Stadtwerke Münster)
Mit strafrechtlich wahnsinnig relevanten Grüßen
Rübennase (bekennender Antitermit, geistiger Brandstifter)“

Der Thule-Aktivist BBZ Redaktion alias Christian Wendt legt in einer Diskussion seine Haltung zur Verfassung dar (14. 8. 1996):

„In dem Du Dich auf die Scheinrechte des Grunzgeschwätzes berufst, erkennst Du die Pseudo-(Unrechts-)verfassung dieses abhängigen Bunzgebildes auf dem Boden des rechtlich immer noch bestehenden Deutschen Reiches an.
Du legitimierst die Bonner Volksauslieferer und Landesverkäufer sowie die Totengräber unserer Kultur, setzt sie in den Stand, über die deutschen Geschicke zu entscheiden und billigst ihn darüberhinaus noch zu, über ‚Recht‘ und ‚Unrecht‘ zu befinden. Das ist genau das, was die Bonner gerne hätten und sich alle vier Jahre von Millionen verblödeter Bundeskonsumbürger durch ‚Wahlen‘ bestätigen lassen.
Merke: Meine Partei ist seit 1945 aufgrund von Siegerwillkür und einer Kollaborationsgesetzgebung verboten!
Wir verlangen von diesem System nichts und dieses System hat auch von uns nichts zu erwarten. Die Bonner Vasallen werden entweder zum Teufel gejagt, oder wir beißen ins Gras. Dazwischen gibt es nichts! Auch ihr werdet merken, daß man von Verbrechern kein Recht einklagen kann. Das heißt natürlich nicht, daß man die Hände in den Schoß legen soll, weil man gegen die Bonner Pest ohnehin nichts tun kann. Es geht nur darum, die wenigen Kräfte, die wir besitzen, zielgerichtet und wirksam einzusetzten. Angriffsflächen bietet dieses System genügend!“

Der Thule-Aktivist Pflug-Hartung antwortet auf die Frage, warum er denn als Pseudonym so einen neumodischen Doppelnamen benutze (31. 7. 1996):

„So ist halt der Adel!
Hauptmann von Pflug-Hartung war der Soldat, der den Verbrecher Ernst Thälmann beim Fluchtversuch niederstreckte!
Leutnant Vogel, der Rosa Luxemburg erschoß, gab sich mit einem Namen zufrieden. (:-)
Heute wie damals gilt es, Deutschland vom roten Chaos zu befreien!
MkG, Pflug-Hartung
Der Todt ist ein Baumeister aus Deutschland“

Thule zu Reemtsma

Der Hamburger Sozialforscher Jan Philipp Reemtsma gehört spätestens seit seiner spektakulären Entführung zu den meistgehaßten Personen in Neonazi-Kreisen. Reemtsma finanzierte u. a. die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung über die Verbrechen der Wehrmacht, gegen die die Neonazis sowie die CSU im Frühjahr 1997 Sturm liefen. Am folgenden Beispiel kann man sehen, wie die tiefschürfenden Diskussionen im Thule-Netz ablaufen. Das Ergebnis war übrigens ein Boykottaufruf, der allen Ernstes dazu auffordert, keine Zigaretten des Reemtsma Tabak-Konzerns mehr zu kaufen, und über die Internet-Webseite des Thule-Netzes abrufbar ist. Daß Herr Reemtsma mit der Firma seiner Familie schon lange nichts mehr zu tun hat, sei hier nur am Rande erwähnt.

Hagestolz (15. 5. 1996):

„Es wäre m. E. ein Segen für Hamburg und Deutschland gewesen, hätten die Entführer den Kapital-Bolschewisten bei sich behalten.“

Johnny Kontrolletti (16. 5. 1996):

„Ja, Hagibaby – am Besten, Du ziehst eine richtige Schlußfolgerung daraus, und gewöhnst Dir das Rauchen ab … 🙂
Schau mal auf Deine Marke – vielleicht hast Du diesen Linkszigeuner schon kräftig unterstützt?“

Oswald (16. 5. 1996):

„Bitte weiterdenken. Reemtsma war vielleicht gegen Entfuehrung versichert. Man kann sich in London gegen alles versichern lassen. Er hat mitgespielt und ganz ‚legal‘ die Kasse der RAF wieder aufgefuellt. Der einzige Einsatz waren seine Praemien an die Versicherung, die er wohl jetzt von der RAF erstattet bekommt.“

Schinderhannes (16. 11.1996):

„JAN PHILIPP REEMTSMA (Warum man den gefunden hat und den Fishmann nicht (rechtzeitig) ????)“

Marschall (16. 11. 1996):

„Du hast ja ganz schwarze Gedanken … 🙂
Aber so denke ich auch!
Und: ‚Man nehme Doktor Oetker …‘ :-)“

Umbruch (14. 12. 1996):

„Wie ihr Euch erinnern werdet, habe ich Jan Philipp Reemtsma als ‚eines der größten Schweine‘ bezeichnet und seinen ‚Entführern viel Glück‘ gewünscht. Diese Worte erfüllen angeblich die Straftatbestände der ‚Beleidigung‘ und der ‚öffentlichen Billigung von Straftaten‘.“

Schinderhannes (24. 1. 1997):

„Ist Euch eigentlich schon mal der ‚abwegige‘ Gedanke gekommen, die ganze Reemtsma-‚Entführung‘ könnte eine riesige PR-Aktion für die damals bereits geplante Anti-Deutsche-Wehrmachtsausstellung sein?“

Uwe Faulenbach (26. 1. 1997):

„Es ist auch anzunehmen, daß viel der angeblich rechten Straftaten solche PR-Aktionen sind oder planmäßig von den Antifas verübt werden. Solingen und auch Lübeck sind nach meine dafürhalten solche Aktionen.“

Wieland (15. 3.1997):

„Übrigens Adolf Hitler war fanatischer Nichtraucher. Ist das die Rache Reemtsmas ?“

Mobilisierung via Thule-Netz

Da inzwischen auch dem dümmsten Thule-Aktivisten klar sein dürfte, daß nicht nur „Kameraden“ mitlesen, wird das Netz nur relativ selten zur konkreten Mobilisierung zu Veranstaltungen oder Demonstrationen genutzt. Entweder wird nur im nachhinein darüber berichtet, oder die Angaben sind sehr allgemein gehalten und die Details werden nur auf Anfrage auf konspirativem Wege weitergegeben. Nur für zentrale bundesweite Veranstaltungen der Neonazi-Szene, wie die alljährlichen Rudolf-Heß-Märsche oder die NPD-Demonstrationen am 1. 3. 1997 in München und am 1. 5. 1997 in Leipzig, wurde im Vorfeld im Thule-Netz mobilisiert. So veröffentlichte Lutscher alias Andree Zimmermann die Bulletins seines Rudolf-Heß-Aktionskomitees. Aber auch hier werden die entscheidenden Informationen nicht über das Netz, sondern via Fax-Verteiler und Telefonketten verbreitet. Sehr beliebt ist es dagegen, im Rahmen der „Anti-Antifa“ Veranstaltungen des politischen Gegners mit vollen Details anzukündigen mit dem Hinweis, „Kameraden“ könnten dort einen „Besuch“ abstatten. In den meisten Fällen erwies sich das als leere Drohung, gelegentlich gab es aber auch massive Störungen durch angereiste Neonazis.

Verbreitung von Desinformation

Die elektronische Kommunikation eignet sich hervorragend für die Verbreitung von Falschmeldungen jeder Art unter fingiertem Absender. Es findet sich immer wieder jemand, der auf solche Fälschungen hereinfällt und sie weiterverbreitet. Die Thule-Aktivisten experimentieren seit geraumer Zeit innerhalb und außerhalb ihres Netzes mit solchen Aktionen und konnten sich über einige Erfolge freuen.

So veröffentlichte z. B. am 5. 6. 1995 die Bonner Thule-Mailbox Germania BBS unter einem fingierten Account eine „Strategische Weisung der Zentralstelle der Vereinten Rechten“, in der es u. a. hieß:

„Alle nationalen Aktivisten sind ab sofort aufgerufen, in die Partei ‚Die Grünen‘ einzusickern, um die Partei auf nationalen Kurs zu bringen.“

Laut Medienberichten soll diese für Eingeweihte leicht erkennbare Finte ausgerechnet vom Verfassungsschutz des Landes Nordrhein-Westfalen als angeblich authentisches Strategiepapier an Medienvertreter weitergeleitet worden sein, die das Thema während der gleichzeitig laufenden Koalitionsverhandlungen in Nordrhein-Westfalen zwischen SPD und Grünen bereitwillig aufgriffen. Die Thule-Leute freuten sich jedenfalls über den Wirbel, den diese „schwarze Propaganda“ (Schinderhannes, 15. 6. 1995) auslöste. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalens sah sich am 30. 6. 1995 zu einem Dementi genötigt: „An der Ernsthaftigkeit einiger im Thule-Netz verbreiteter Informationen und Diskussionen bestehen Zweifel.“

Ein anderes Beispiel: Die Computerzeitschrift Chip berichtete in ihrer März-Ausgabe 1997 über das Thule-Netz und outete u. a. den Betreiber der Internet-Seiten und der Münchener Janus-BBS, Thorin Eichenschild alias Ralf Kottcke. Obwohl das schon lange kein Geheimnis mehr war, herrschte im Thule-Netz helle Aufregung.

Kurze Zeit später verbreitete ein Nutzer mit fingiertem Absender in verschiedenen demokratischen Netzen, u. a. im UseNet und im CL-Netz, eine gefälschte Fassung des Chip-Artikels, in dem der Name von Undertaker alias Kai Dalek aus Weissenbrunn durch den eines unbeteiligten Mailboxbetreibers im Fido-Netz aus Rüsselsheim ersetzt wurde. Dieser Mailboxbetreiber hatte sich 1995 bei den Neonazis unbeliebt gemacht, als er gegen eine Mailbox der Republikaner einschritt. Zahlreiche UseNet-Teilnehmer fielen auf die Fälschung herein und beschimpften das Opfer der Fälschung als Neonazi. Die wahre Quelle der Desinformation ließ sich nicht ermitteln. Es liegt der Verdacht nahe, daß es sich einerseits um einen Racheakt handelte und daß zugleich Verwirrung gestiftet und Antifaschisten und Chip-Artikel gleichermaßen unglaubwürdig gemacht werden sollten.

Die Tücken der Technik

Gleich mit seiner ersten Nachricht enttarnte Günter Deckert am 23. 1. 1994 unbeabsichtigt sein Pseudonym Zeus. Er setzte eine private Nachricht in ein öffentliches Brett. Seine Enttarnung wäre allerdings auch ohne diesen Fehler nicht allzu schwer gewesen. Seine beiden Alter egos Zeus und Brutalo Fieske kannten nur ein Thema: Günter Deckert. Während der innerparteilichen Querelen 1995 ging er sogar soweit, daß er am 17. 10. 1995 die Namen, Anschriften, Telefon- und Fax-Nummern seiner innerparteilichen Widersacher („Putschisten“, „Verräter“) veröffentlichte mit der Aufforderung an seine Anhänger, ihrer „Enttäuschung freien Lauf“ zu lassen, was dann auch prompt durch Drohanrufe realisiert wurde. Dafür prahlte dann der Sysop der Störtebeker BBS und Deckert-Anhänger mit seinen guten Beziehungen zu Zeus und verriet, er befinde sich „auf einer der span. Inseln“ in Urlaub und käme am 8. 11. 1995 zurück. Deckert wurde am 8. 11. 1995 bei seiner Rückkehr von den Kanarischen Inseln auf dem Flughafen verhaftet.

Thule-Netz zur Meinungsfreiheit

Immer wenn der Einfluß von Neonazis in den Netzen begrenzt werden soll, ja selbst wenn nur kritisch über deren Thesen diskutiert wird, spielen sie sich als Verteidiger der Meinungsfreiheit auf. Deshalb ist es recht interessant, wie sie über das Thema reden, wenn sie sich unter sich wähnen.

Wulfbauer (1. 7. 1996):

„Ich garantiere jedem meiner politischen Feinde, daß sie, sollte ich jemals die Macht dazu haben, sie ihre Meinung öffentlich niemlas kundtun werden dürfen.“

Antwort von Tanzender Bär (4. 7. 1996):

„Nana, was glaubst Du denn jetzt wenn die ersten Zecken das wieder gelesen hätten, was denn jetzt wieder in der Presse stände? Die bösen Neo-Nazis (Ich kenne übrings keinen, bzw. gibt es überhaupt welche?) garantieren nach ihrer Machtübernahme keine Meinungsfreiheit. Aber mache Dir nichts daraus, ich denke da genau wie Du. Wenn wir dran sind dann sind sie dran.“

Am 7. 7. 1996 ergänzt BBZ Redaktion (Christian Wendt):

„Demokratie kommt von ‚demos‘ = Abschaum und heißt nichst anderes als Herrschaft des Abschaums oder um es mit den Worten von Edgar Jung zu sagen: Herrschaft der Minderwertigen“

Rechtsextreme Einheit?

Nach den Vereinsverboten vieler militanter Kleingruppen 1992/93 hieß es in der rechten Propaganda, dies habe die Einheit der militanten Rechtsextremisten hergestellt. Man operiere jetzt in einem Netzwerk autonomer Kameradschaften ohne Organisationscharakter, das vom Staatsschutz nicht zu zerschlagen sei. Das Thule-Netz hatte von Anfang an den Anspruch, Kommunikationsstruktur für ein solches Netzwerk zu sein. Die Realität sah dann aber etwas anders aus. Ein erheblicher Teil der militanten Kader wurde Mitglied der Jungen Nationaldemokraten. Gleichzeitig führten sogenannte Autonome Kameradschaften die alten NS-Strukturen fort, z. T. in Personalunion mit den JN. Die traditionellen strategischen und personellen Querelen innerhalb der militanten Szene hörten dadurch keineswegs auf, sondern wurden nur verlagert.

Dies spiegelt sich auch in den Diskussionen innerhalb des Thule-Netzes wider. Als Beispiel kann die Kampagne des Aktivisten der Sauerländer Aktionsfront und ehemaligen Mitglieds des FAP-Landesvorstands Nordrhein-Westfalen, Andree Zimmermann, gegen den Hamburger JN-Funktionär und ehemaligen FAP-Landesvorsitzenden André Goertz dienen. Goertz ist Exponent einer Fraktion, die die demonstrative öffentliche Hitlerverehrung für schädlich hält und für einen mehr „nationalrevolutionären“, strasseristischen Kurs plädiert, der sogar taktische Bündnisse mit „Linken“ nicht prinzipiell ausschließt.

Zimmermann und andere Exponenten des NS-Flügels starteten ab Anfang 1996 eine Kampagne gegen Goertz, die zunächst durch anonyme, in der Szene verbreitete Schmähflugblätter geführt wurde. Dort wurden nicht etwa Goertz‘ politische Positionen angegriffen, sondern sein Privatleben. Er habe eine in der Szene unverzeihliche Sünde begangen – er sei mit einer türkischen Frau verheiratet.

Als Goertz sich in Juni 1996 im Thule-Netz gegen die Anschuldigungen rechtfertigte, ging Lutscher alias Zimmermann wie ein wilder Stier auf ihn los und plauderte nebenbei etliche Interna aus, bis hin zur Offenlegung seines Realnamens.

Lutscher alias Andree Zimmermann (24. 6. 1996):

„Der Fall Türken-Goertz hat nichts mit Richtungskämpfen zu tun, sondern sind lediglich notwendige Klarstellungen! Über das sog. nationalen Verhalten von André Goertz braucht wohl an dieser Stelle nicht noch einmal eingegangen werden. Diese Subjekte sollte man aus einem gesunden Nationalistischen Körper einfach ausscheiden.
Fazit:
Türken-Goertz ist KEIN Nationalist, sondern ein VOLKSSCHÄDLING!
Das meint Lutscher sowie alle mir bekannten AUFRICHTIGEN Nationalisten“

Für die Zeit nach der Machtübernahme phantasiert Zimmermann jetzt schon von der großen Abrechnung innerhalb der Neonazi-Szene (27. 6. 1996):

„Aufgehoben ist aber nicht aufgeschoben. Ebenso wie diese ganze Spaltungsgeschichte (Kühnen/Brehl gegen Malcoci/Heidel/Mosler) ist nur aufgeschoben. Sie ist zur Zeit nicht aktuell und es wird sich nach einer evtl. politischen Wende intensiv um dieses Thema gekümmert werden.“

Im Januar 1997 setzte sich innerhalb der Jungen Nationaldemokraten der NS-Flügel durch, die Anhänger des Goertz-Flügels im Vorstand wurden abgesetzt und der Landesverband Hamburg aufgelöst. Die inneren Widersprüche schwelen auch danach weiter.

Die Spaltung im März 1997

Daß die Nerven in dieser Beziehung blank liegen, zeigte sich auch im Thule-Netz. Zwar ist das Netz ideologisch weitgehend homogen – es ist dort keineswegs das gesamte rechtsextreme Spektrum, geschweige denn politisch Andersdenkende, vertreten, sondern fast ausschließlich die harte militante Neonazi-Szene. Zu sonst aus taktischen Gründen unter Rechtsextremisten umstrittenen Fragen wie „Revisionismus“, Antisemitismus, Neuheidentum herrscht im Thule-Netz Konsens. Dennoch eskalierten die internen Querelen Anfang 1997 so stark, daß es zur Spaltung des Netzes kam.

Der Streit entzündete sich um die Person von Thekla Kosche, eine der wenigen Frauen im Thule-Netz. Sie tauchte erstmals im Netz auf durch eine Werbung von Widukind für ihren Buchversand Aldebaran. Geheimwissen, Politik, Esoterik in Bad Segeberg auf (13. 11. 1996). Am gleichen Tag schrieb sie ihre erste eigene Meldung im Netz unter dem Pseudonym Gothmag99. Sie suche einen Anwalt für Norbert Marzahn, einen Benutzer des UseNets aus Berlin, der dort antisemitische Pamphlete, u. a. Auszüge aus Jan van Helsings „Geheimgesellschaften“, publiziert hatte und dafür belangt werden sollte. Die bis dahin in der rechten Szene unbekannte Thekla Kosche machte rasch Karriere. Schon am 10. 1. 1997 konnte sie verkünden:

„Heil Euch, Kameradinnen und Kameraden ! Ab dem 11. Januar gibt es eine Thulebox im Raum Holstein-Hamburg! ASGARD BBS ist unter 04551-[…] rund um die Uhr erreichbar.“

Die Aktivitäten von Kosche führten zu heftigen Auseinandersetzungen. Ihr Hauptwidersacher Kai Dalek berichtete später, sie sei durch die Lande gereist, um persönlichen Kontakt mit Thule-Aktivisten aufzunehmen. Sie wolle vor allem die Anti-Antifa-Arbeit professioneller aufziehen und bei sich konzentrieren. Neben Konkurrenzneid und Agentenparanoia dürfte bei dem nun ausbrechenden Streit auch eine Rolle gespielt haben, daß Kosche als Vertreterin eines esoterischen Hitlerismus nicht an die Unfehlbarkeit des Führers glaubt, was für NS-Hitleristen bereits an Hochverrat grenzt. In der über die WWW-Seiten von Jürgen Jost verbreiteten Selbstdarstellung von Kosches Asgard BBS heißt es u. a.:

„Oft wird die Frage gestellt, ob Hitler ein Okkultist war ? Das ist auf alle Faelle mit Nein zu beantworten, denn sonst haette er nicht so dermassen viele ueberfluessige Fehler gemacht.“

Nach wochenlangem heftigem Streit gab Thomas Hetzer am 5. 3. 1997 den Ausschluß der Thule-Boxen Elias BBS (Jürgen Jost alias Joschi) und Asgard BBS (Thekla Kosche alias Gothmag99) bekannt, die Störtebeker BBS schloß sich den beiden später an. Der Beschluß sei einstimmig auf einem Sysoptreffen der restlichen Thule-Boxen gefällt worden. Jost wird vorgeworfen, die Identität seiner Nutzer nicht genügend geprüft zu haben. Er habe ständig Fehler begangen, ohne sie zu korrigieren. Kosche sei durch die Gegend gereist, um die persönlichen Daten von Thule-Teilnehmern zu ermitteln. Jürgen Jost stellt den Fall auf seiner Web-Seite mit Datum vom 8. 3. 1997 als „Austritt“ dar:

„Wegen, unserer Meinung, ebenso dubiosen wie ungerechtfertigten Machenschaften gegen die Betreiberin der ASGARD BBS stellt sich ELIAS BBS auf die Seite der Asgard-Betreiberin und verläßt mit dieser das Thule-Netzwerk. ELIAS BBS wird zusammen mit der ASGARD BBS einen anderen, grundsätzlich offenen Weg gehen.“

Mitte März folgte dann eine ausführlichere Stellungnahme. Neben zwei Mails von Undertaker alias Kai Dalek, die Auslöser der Spaltung des Netzes gewesen sein sollen, findet man eine Stellungnahme von Gothmag99, der Dalek Spitzeleien vorwirft. Dort heißt es u. a.:

„Dieses Netz ist quasi eine halbstaatliche Einrichtung, was auch jeder weiss, der sich auch nur perifaer mit Hintergrundpolitik befasst. Ein echtes Netzwerk, das ausschliesslich als Kommunikationsmedium fuer nationale Aktivisten dient, wuerde vom Staat nie und nimmer geduldet werden. Allein die Tatsache der Existenz des Thulenetz in dieser Form beweist, dass es mehr oder minder als Sammelbecken fuer verschiedene national-denkende Personen dient, die dort gut ueberschaubar und beobachtbar sind. Es ist ein offenes Geheimnis, dass mind. 40 Prozent der Thule-Teilnehmer nicht aus Ueberzeugung an diesem ’nationalen Netzwerk‘ teilnehmen, sondern aus ganz anderen Gruenden.“

Die drei abgespaltenen Mailboxen gaben sich inzwischen den wenig originellen Namen Nordland-Netz. Sie führen die alte Brettstruktur des Thule-Netzes weiter. Eine Reihe von Thule-Aktivisten ist nun in beiden Netzen aktiv. Auch wenn Kosches zum größten Teil zutreffende Anschuldigungen gegen Kai Dalek etwas anderes vermuten lassen, ihr Anspruch ist es, eine radikalere Variante des Thule-Netzes aufzubauen. Die Anti-Antifa soll professionalisiert, das Netz von Beobachtern und Gegnern abgeschirmt und es sollen „vertrauenswürdigen Teilnehmern seltene und wertvolle Materialien fuer Forschungszwecke zugänglich“ gemacht werden (d. h., es soll antisemitische Propaganda verbreitet werden). Ob das Nordland-Netz diesen Anspruch einlösen wird, darf bezweifelt werden.

Auch die Zukunft des verbleibenden Thule-Netzes ist ungewiß. Die inneren Widersprüche zwischen Hitleristen und Nationalrevolutionären schwelen weiter. Und Anspruch und Wirklichkeit klaffen weiter auseinander. Gefährlich ist dieses Netz nicht wegen der Nutzung moderner Technik, sondern weil die Neonazi-Szene, aus der sich Teilnehmer und Betreiber rekrutieren, gefährlich ist und nach wie vor in ihrer terroristischen Dimension unterschätzt wird.

*

Ersterscheinungsort dieses Beitrages:
Stiftung Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Das Netz des Hasses. Rassistische, rechtsextreme und neonazistische Propaganda im Internet. Wien (Deuticke) 1997, S. 170-192.

 

 

  1. Dieser Beitrag ist auf dem Stand vom Mai 1997. Alle Zitate sind in der Original-Orthographie wiedergegeben. []
  2. Deutsche Stimme 7-8/1991 und 1/1992. []
  3. Vgl. den Beitrag von Klaus Zellhofer, „Sollen sie mich hassen“. Der Fall Anderle. In: Das Netz des Hasses []

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