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Burnout: Wann darf man heutzutage psychisch krank werden?

 

Diskursive Rahmenbedingungen für präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutz. Von Ursula Kreft, DISS-Journal 22 (2011).

Die Liste der Promis, die sich öffentlich „psychisch krank“ gemeldet haben, ist lang. Jüngst hat es Ralf Rangnick, den Trainer von Schalke 04, erwischt. Statt als „Weichei“ wahrgenommen zu werden, darf man heute „Burnout“ haben. Was ist geschehen?

Der folgende Artikel basiert auf Überlegungen, die im Rahmen des BMBF-Projektes „Präventiver Gesundheitsschutz in der IT-Branche“1 entstanden sind, bei dem das Thema „Burnout“ eine entscheidende Rolle als „Türöffner“ für den präventiven Gesundheitsschutz bei Unternehmen und Beschäftigten gespielt hat. Der Artikel beleuchtet die beiden zentralen Diskursstränge, die den Umgang mit psychischen Belastungen im Betrieb prägen: den normalistischen Leistungsdiskurs und den Gesundheitsdiskurs.

Dass präventiver Gesundheitsschutz gerade in der IT-Branche nötig ist und dass psychische Belastungen und Beanspruchungen im Mittelpunkt stehen müssen, ist mittlerweile Konsens in der Arbeitswissenschaft und bei vielen Akteuren des Gesundheitswesens. Projekte, die in diesem Feld arbeiten, treffen jedoch bei den Beschäftigten selbst auf Praktiken der systematischen freiwilligen Überarbeitung, die eine Gesundheitsprävention im Betrieb hartnäckig zu verhindern scheinen. In unserem Beitrag schlagen wir vor, solche Phänomene einer selbst gesteuerten Überbelastung aus diskursanalytischer Perspektive zu betrachten.

Maßnahmen zur Gesundheitsprävention treffen in der IT-Branche – und darüber hinaus in weiten Teilen der Wissensarbeit – auf ein ganzes Bündel von Diskursen, die auch das Selbstbild der beteiligten Menschen, ihre Subjektivität beeinflussen. Besonders prägend sind Elemente aus einem gesellschaftlich stark verbreiteten Diskurs, der als „normalistischer Leistungsdiskurs“ bezeichnet werden kann. Dieser normalistische Leistungsdiskurs fordert das Subjekt einerseits dazu auf, sich in seinem Handeln immer wieder an den „Spitzenleistungen“ des jeweiligen gesellschaftlichen Bereichs zu orientieren, also stets die jeweilige „erste Liga“, den „Umsatzrekord“ etc. anzustreben. The winner takes it all. Andererseits ist der Pol der „Höchstleistung“ in diesem ständigen Benchmarking keineswegs eindeutig definiert oder gar festgelegt. Was in einem Bereich gestern als sehr gute Leistung anerkannt wurde, kann heute als durchschnittlich wahrgenommen werden – und morgen den Abstieg in die Amateurliga einleiten. Kann sich ein Beschäftigter, der drei Projekte parallel bearbeitet, noch als „Leistungsträger“ verorten, wenn sein Kollege fünf Projekte bewältigt? Ist die Anzahl der Projekte bei der Beurteilung überhaupt relevant? Im normalistischen Leistungsdiskurs sind alle Positionen auf der Leistungsskala einem ständigen Floating unterworfen. Was in einer Profession als „Leistung“ gilt und welche Kriterien bei der Beurteilung eine Rolle spielen, muss in einem diskursiven Prozess konstruiert werden. Dass fünf Projekte mehr Leistung bedeuten als drei Projekte, steht keineswegs fest.

Diese Grundstruktur – die Aufforderung zum ständigen Benchmarking und das Floating der Positionen auf der Leistungsskala – unterscheidet den normalistischen Leistungsdiskurs von tradierten Leistungskulturen, die das Subjekt auffordern, „seine Pflicht“ zu tun und eine von gesellschaftlichen Instanzen (z. B. Staat, Schule) definierte Leistungsnorm zu erfüllen. Die tradierten Leistungskulturen sind im Wesentlichen normativ geprägt: Im Vorhinein ausgehandelte Leistungsnormen und Standards sollen erreicht werden. Der normalistische Leistungsdiskurs favorisiert dagegen die Bewertung ex post: Erst im Nachhinein ist feststellbar, was überhaupt als Leistung gelten kann und welche Position damit zurzeit erreicht wurde.

Die Orientierung an einer beständigen, verbindlichen Norm hat sich in einer Reihe von Lebensbereichen bereits aufgelöst. In der Wissensarbeit ist nachvollziehbar, wie vormals fixierte betriebliche Leistungsnormen (z. B. Acht-Stunden-Präsenz, in der Ausbildung verinnerlichte Qualitätsnormen) durch Elemente eines normalistischen Leistungsdiskurses ergänzt und teilweise ersetzt werden.

Elemente des Leistungsdiskurses liefern Vorgaben für die Haltung und das Handeln der Individuen in vielen Bereichen des Lebens, unter anderem im Sport und in der Arbeitswelt, aber auch für den Umgang mit Gesundheit / Krankheit. In den normativen Leistungskulturen galt die Sorge des Subjekts vor allem der Frage: Erfülle ich die Norm, die eine maßgebende Instanz von mir verlangt? Damit waren notwendigerweise Formen der Reglementierung verbunden, die den Handlungsspielraum von Beschäftigten mehr oder weniger stark beschränkten.

Im normalistischen Diskurs wird dieses Korsett aus Regeln und Zwängen verworfen. Das Subjekt ist frei und darf seine Kräfte in eigener Verantwortung entfalten. Wie für den Sportler gilt auch für den Beschäftigten in der Wissensarbeit ein flexibles Leistungskontinuum, das tendenziell nach oben offen ist: Im Prinzip ist alles möglich. Mit ausgefeilten Methoden (besseres Equipment, gezieltes Training, legales Doping etc.) ist es anscheinend jederzeit möglich, früher erreichte Leistungsgrenzen immer wieder zu überschreiten. Nun gilt die Sorge des Subjekts der Optimierung der eigenen Kräfte: Wie kann ich alle meine Potenziale freisetzen? Wie kann ich zur persönlichen Höchstleistung vorstoßen oder mich zumindest in der Gruppe der „Leistungsträger“ halten?

Wer diese Freiheit wirklich nutzen will, muss sich selbst beobachten und die Entfaltung seiner Kräfte selbst bewerten. Im normalistischen Leistungsdiskurs muss sich das Subjekt immer wieder fragen: Leiste ich genug? Habe ich tatsächlich alle meine Fähigkeiten und Kräfte ausgeschöpft? Wo stehe ich jetzt auf der Leistungsskala?

Aus der regelmäßigen Selbst-Bewertung der eigenen Leistung ergibt sich die Aufforderung zur regelmäßigen Selbst-Adjustierung. Wenn das Maß der „Höchstleistung“ immer wieder neu im Diskurs gefunden werden muss, fällt dem Subjekt die Aufgabe zu, sich fortlaufend selbst zu regulieren, sich an das neue Maß anzupassen, aus eigenem Antrieb und in eigener Verantwortung. Eine Verschlechterung konkreter betrieblicher Rahmenbedingungen in der Wissensarbeit wird daher häufig nicht bekämpft, sondern als normales „Floating“ der Leistungsgrenze interpretiert und vom Subjekt aufgefangen: Es geht immer noch was.

Auf diese diskursive Formierung des Subjekts trifft aktuell die über die Medien vermittelte Debatte zum wachsenden Anstieg psychischer Erkrankungen bei Beschäftigten. Diese Debatte ist Teil eines anderen, ebenfalls breit akzeptierten Diskurses, des „Gesundheitsdiskurses“, der in den vergangenen Jahrzehnten einige Wandlungen durchlaufen hat. Wichtige Stationen der Wandlung waren die Auflösung des strikten Entweder-Oder „gesund versus krank“ und die Etablierung der Kategorie „psychisches Wohlbefinden“. Beim Gesundsein gibt es nun zahlreiche Abstufungen und Varianten (z. B. „dem Alter und den Umständen entsprechend gesund“). Zwischen den Polen „manifest klinisch krank“ und „topfit“ erstreckt sich nun ein breites Kontinuum gesundheitlicher Normalität, in dem sich das Subjekt verorten muss.

Auch der Gesundheitsdiskurs ist im Wesentlichen normalistisch. Auch hier ist das Subjekt aufgefordert, seinen Status zu prüfen und zu bewerten und sich bei Bedarf selbständig zu regulieren. Jeder ist selbst für seine Gesundheit verantwortlich, jeder kann durch richtiges Handeln seine Gesundheit optimieren, sein persönliches Optimum an Fitness erreichen. In Bezug auf den Körper bietet der Diskurs eine Reihe von Instrumenten und Praktiken an, mit denen man seinen gesundheitlichen Status messen und sich bei Bedarf selbständig regulieren und optimieren kann. Dazu gehören z. B. die Berechnung des body mass index, Ernährungsratschläge („5 Portionen Obst“) und Richtlinien zu Bewegung / Sport („täglich, aber richtig“).

Interviews im Rahmen unseres Projekts zeigten, dass Beschäftigte davon ausgehen, dass jeder für seinen körperlichen Status selbst verantwortlich ist. „Vorbeugung“ ist als Instrument hoch akzeptiert, so dass Beschäftigte im Interview meinten sich entschuldigen zu müssen, weil sie zurzeit keinen Sport treiben. Maßnahmen zur individuellen körperbezogenen Prävention erscheinen im Diskurs als Schutzschild gegen Krankheiten, aber auch als Methode, um eine höhere Position auf der Gesundheitsskala zu erreichen. „Früher habe ich 15 Kilometer geschafft“, berichtete ein Interviewpartner, „jetzt laufe ich schon 30.“ Manche Beschäftigten verwendeten auch Argumente, die an salutogenetische Ansätze erinnern: Ein privates Lauftraining wurde z. B. als „Ausgleich“ zu den täglichen psychosozialen Belastungen am Arbeitsplatz („Stress im Team“) vorgestellt. Für Betriebe stehen außerdem Statistiken zum Aufstieg und Fall der AU-Daten und Richtlinien der Ergonomie zur Verfügung, mit denen festgestellt werden kann, ob sich die Körper des Betriebes noch im Rahmen des gesellschaftlich Normalen befinden.

Beim „psychischen Wohlbefinden“ bewegt man sich dagegen in einem noch nicht hinreichend geklärten Feld. Zwar signalisiert der Diskurs auch hier ein fließendes Kontinuum psychischer Gesundheit, aber es gibt noch zu wenig Anhaltspunkte, mit deren Hilfe das Subjekt sein psychisches Befinden selbst verorten und sich notfalls selbst normalisieren kann. Welche psychischen und psychosozialen Belastungen ein Beschäftigter normalerweise tolerieren muss, ohne dass seine Leistung sinkt, ist im Diskurs noch nicht eindeutig geklärt. Im Rahmen unseres Projekts war es daher zwar möglich, in den Betrieben über „Stress“ zu sprechen, aber es bliebt unklar, wann die „Grenze“, der Pol des Unzumutbaren, erreicht ist. Die Belastungsgrenzen der Psyche scheinen stark zu floaten, und die obligatorische Selbstbefragung des Subjekts – Bin ich noch normal, wenn ich mich jetzt überlastet fühle? – bleibt ohne klare Antwort. Gesucht wird ein allgemein anerkanntes Äquivalent des body mass index im Bereich der Psyche, mit dessen Hilfe das Subjekt seine Belastung selbst einschätzen und bei Bedarf Maßnahmen ergreifen kann.

Die Veröffentlichungen der Krankenkassen zum Anstieg der Krankheitstage durch psychische Erkrankungen sind daher – jenseits der konkreten Zahlen – außerordentlich hilfreich. Sie verankern psychisches Leiden im Bereich der betrieblichen Normalität – da viele (und immer mehr) per Statistik als „psychisch erkrankt“ verortet sind, darf der Beschäftigte immerhin davon ausgehen, dass psychische Belastungen im Betrieb tatsächlich existieren. Die Belastung, die er täglich zu spüren meint, ist also keine Einbildung einer extrem sensiblen, nicht-normalen Psyche, sondern ein statistisches Faktum. Mit Hilfe der Statistik wird im Diskurs ein Wissen produziert, das Fakten schafft: Das Phänomen der „Psyche“ im Betrieb existiert. Der Diskurs produziert Normalität und Legitimität: Wenn man das psychische Befinden im Betrieb erfassen kann, kann man endlich auch darüber sprechen.

Ebenso wichtig für die Produktion der „Psyche im Betrieb“ ist der aktuelle Boom des „Burnout“ in den Medien. Anders als die „Depression“ (im Diskurs assoziiert mit dunklen Bildern von Passivität und Schwäche) verbindet sich „Burnout“ assoziativ mit dem Leistungsdiskurs: Nur wer brennt, kann ausbrennen.

Die Symbolik der hell leuchtenden Flamme verweist auf „Spitzenleistungen“, auf die Leuchttürme der Leistungsskala. Im Diskurs ist Burnout das Umkippen einer Höchstleistung in einen klinischen Bereich außerhalb der Leistungsskala. Die Konstruktion so genannter „Vorstufen des Burnout“ erlaubt es, die Abweichung von der Normalität zu messen und durch Selbst-Regulation einzugreifen, bevor der Umkipp-Punkt erreicht ist. Burnout hat damit gute Aussichten, zu einer Art body mass index der Psyche zu werden. Damit steigt auch die Chance, psychische Belastungen im Betrieb zu thematisieren und Präventionsstrategien akzeptabel zu machen.

Die wachsende gesellschaftliche Akzeptanz psychischer Erkrankungen, die sich in der Veröffentlichung von Statistiken und in der Burnout-Debatte ausdrückt, ermöglicht dem Subjekt die Wahrnehmung und Reflexion der eigenen Befindlichkeit. Psychische Belastungskonstellationen im Betrieb können zumindest thematisiert, vielleicht auch bearbeitet werden.

Nach wie vor gilt im Betrieb: Nur wer lauthals klagt, wird Gehör finden. Um Gesundheitsprävention in der Wissensarbeit und insbesondere in der IT-Branche zu vermitteln, brauchen wir bis auf weiteres die Drohung mit den schlimmsten Übeln wie dem Verlust der Leistungsfähigkeit, dem Absturz aus der ersten Liga. Prävention im Bereich des Körpers braucht die Drohung von Adipositas und Rückenschmerzen. Prävention im Bereich des psychischen Wohlbefindens kann auf das Burnout-Syndrom nicht verzichten.

Literatur:

  • Kreft, Ursula (2008) Burnout in der IT-Branche. ITG-Arbeitspapier 2/2008.
  • Kreft, Ursula / Uske, Hans (2010): Darf man als IT-Spezialist psychisch krank werden? Diskursive Rahmenbedingungen für einen präventiven Gesundheitsschutz in Unternehmen der IT-Branche, in: Wirtschaftspsychologie Heft 3/2010, S.11-19.
  • Kreft, Ursula / Uske, Hans (2010): Die Kultur der IT-Arbeit, in: Guido Becke / Rüdiger Klatt / Burkhard Schmidt / Brigitte Stieler-Lorenz / Hans Uske (Hg.): Innovation durch Prävention. Gesundheitsförderliche Gestaltung von Wissensarbeit, Bremerhaven (NW, Verlag für neue Wissenschaft, S. 33-54.
  1. Das vom BMBF und der EU geförderte Verbundprojekt „ITG – Präventiver Gesundheitsschutz in der IT-Branche“ wurde 2008-2011 vom Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung (RISP) e.V. an der Universität Duisburg-Essen und dem Berufsfortbildungswerk des DGB (bfw) Ruhr-Emscher-Lippe zusammen mit Unternehmen der Branche, Verbänden und Gewerkschaften durchgeführt. (www.it-gesundheit.de) []

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