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Athen: Metropolitane Blockade, direkte Demokratie

 

Von Margarita Tsomou, Vassilis Tsianos, Dimitris Papadopoulos1. Erschienen in DISS-Journal 22 (2011).

Eine metropolitane Blockade…

…findet statt, wenn der städtische Raum sich gegen sich selbst richtet, wenn die Bewegungen, die ihn in Gang halten, blockiert werden, wenn die Verbindungen, die ihn am Leben halten, blockiert werden, nur um den Raum und die Körper als unmittelbares Mittel für die politische Aktion zu mobilisieren. Metropolitane Blockaden sind heute die Risse in der etablierten Politik, durch die die Zukunft eindringen wird. Dieses Bild wird oft benutzt, um den Geist zu charakterisieren, der in den Versammlungen der Leute von Athen zirkuliert. Die Stadt wird zu einer Zone außerhalb der repräsentativen politischen Macht und der oligarchischen Demokratie. Wenn der städtische Raum sich gegen sich selbst richtet, erzeugt er, sieht man dies aus der Perspektive der etablierten Macht, Ungeheuer. Doch aus der Perspektive derjenigen, die nicht an einer gegebenen Ordnung der politischen Repräsentation teilhaben, führt er zu einer Ökologie wirklicher und militanter Demokratie. Die Angst vor den Massen, die den hauptstädtischen Raum für sich beanspruchen. Metropolitane Panik.

Metropolitane Panik entsteht…

…wenn die Angst vor den metropolitanen Massen die Eliten erfasst. Wie Jackie Orr2 uns erinnert, ist Panik aus der Perspektive sozialer und politischer Macht ein destruktives kollektives soziales Phänomen, das de-sozialisiert und individualisiert werden müsse. Biomacht wird zur Psychomacht. Die metropolitane Blockade versteht Panik als eine authentische Artikulation der Massen. Die Leute dis-identifizieren sich von den atomisierten und panischen und panisch machenden Individuen und sie werden ein metropolitanes Ungeheuer, das den metropolitanen Raum verschlingt. Wenn Panik de-individualisiert und re-sozialisiert wird, wird sie zum Alptraum der Eliten. Die Leute in Panik, das sind die Leute realer und militanter Demokratie, sie werden zu Ungeheuern, die die politische Macht bedrohen. 2011 war das Gesicht des Monsters die Kakerlake.

28./29. Juni 2011

Es geschah während des Generalsstreiks unmittelbar vor der wichtigen Abstimmung des griechischen Parlaments zum Beschluss eines harten und drastischen Gesetzes zu neuen Sparmaßnahmen der Papandreou-Regierung. Das Parlament konnte nur zusammentreten, weil die Aufstands-Polizei massiv Tränengas und Handgranaten einsetzte, um die Massen auseinander zu treiben. Dem brutalen Eingreifen der Polizei wurde mit entsprechenden Gegenmitteln begegnet: die Leute, die das Zentrum über viele Wochen lang besetzt hielten, waren mit Gasmasken ausgestattet, mit Mundschutz, Taucherbrillen, Maalox3. Sie riefen in Sprechchören „Wir werden nicht weggehen, bevor sie gehen!“ Die Polizei sprühte Unmengen von Tränengas, als wären die Protestler Kakerlaken, die sie mit Insektenspray vernichten wollten. Und so beschrieben sich die Leute auch selbst, nämlich als Kakerlaken. Nelli Kambouri4 drückte es so aus: Je mehr Leute mit Tränengas beschossen wurden, desto energischer blockierten sie die Hauptstadt. Kakerlaken werden gegen Insektizide resistent. Und so überlebten die Leute die Kontamination der Atemluft, indem sie Kakerlaken wurden, indem sie ihre Taktiken änderten und sich von den Hauptplätzen zurückzogen, nur um nach wenigen Minuten zurückzukehren. Zurück und voran und das in ständig neuen flüssigen Formationen. Das ist die Erfolgsformel der metropolitanen Blockade. Keine sozialen Subjekte, wie wir sie kennen, keine politischen Subjekte der bestehenden politischen Repräsentation. Einfach Kakerlaken, keine Subjekte.

Es gab kein identifizierbares soziales Subjekt auf dem Syntagmaplatz.

Eher war es der Platz, der zum Akteur wurde. Eine nicht subjektive Kraft. Die Leute, kommend und gehend, verstreut, unkoordiniert, die Zelte, das Essen, die Küchen, die Trommeln, das Informationssystem, die Hunde, die verbrannten Bäume, die Hitze. Alles, was mobilisiert werden konnte, wurde Teil dieses Geschehens. Diese Konfiguration des Geschehens wurde durch das Begehren der Teilnehmer erzeugt, nicht durch das Ritual, das traditionelle organisatorische Gewohnheiten produzierten. Die Linke wurde überholt von den sich entfaltenden Ereignissen, sie war zeitweise konfus und wurde letztlich dazu gezwungen, ihre Praxen zu überdenken. Traditionelle Formen der Repräsentation brechen zusammen.

Die Ruinen der Repräsentation

Man sieht, dass alle diese Transparente, die an jedem möglichen Ort auf dem Platz angebracht sind, eine andere Sprache sprechen als die Sprache, die man gewohnt ist. Parteien und Fahnen großer Organisationen und der wichtigsten Gewerkschaften waren verboten. Tatsächlich mussten die großen Gewerkschaften den 48-Stunden-Generalstreik eher aufgrund des Drucks des Platzes und einiger örtlicher Branchen ausrufen, als durch ihre zentrale Führung. Es ist bezeichnend, dass während des Generalstreiks die U-Bahn-Arbeiter dabei halfen den Streik abzubrechen, um die Züge fahren zu lassen und den Zugang zum Sytagma-Platz zu sichern. Die normalerweise üblichen Codes repräsentativer Organisationen wurden umcodiert und Alternativen erfunden, mit denen das allgegenwärtige politische Establishment herausgefordert werden konnte. Die semantischen Schnittstellen des Platzes waren manchmal poetisch, manchmal erklärend, manchmal bedrohlich. Fünf Galgen vor dem Parlament formulieren die Botschaft einer radikalen Ablehnung für jene Parlamentarier, die in der Lage sind zu hören. Zwei große Helicopter-Figuren beziehen sich auf die zirkulierende Geschichte von der Flucht des damaligen argentinischen Präsidenten Fernando de la Rúa im Jahre 2001. Papandreou sollte gehen. Und viele andere. „Que se vayan todos!“ Sie alle müssen gehen.

Jeder Politiker muss gehen

Was natürlich als eine wilde und unpolitische Haltung einer ganzen Generation dargestellt wird, bezeichnet genau das Gegenteil: Dass Politik außerhalb der etablierten Institutionen stattfindet. Ein Spruchband auf dem Syntagma-Platz sagt „Nun fürchten sie uns“. Urbane Panik: der Transfer der Angst von den individualisierten und ent-subjektivierten Massen hin zu den politischen Eliten. „Die Tage des Überflusses sind vorbei“. „Eure Tage sind gezählt“. Während des vergangenen Jahres vermieden Parlamentarier in Griechenland, sich öffentlich zu zeigen. Sie fürchten sich davor, von den Leuten auf den Straßen beschimpft und manchmal sogar physisch angegriffen zu werden. Die Leute auf dem Syntagma Platz schlagen keinen Dialog vor. Es gibt keine Forderungen nach Reformen. Die staatlichen Institutionen werden nicht angerufen. Es gibt kein Band zwischen dem Platz und dem Parlament. Die Repräsentation bricht zusammen, als der Platz lebendig wird und seine Gestalt und sein Aussehen ändert.

Das Aussehen des Platzes ändern

Metropolitane Blockade bedeutet nicht so sehr, den Raum zu zergliedern und abzuschneiden, sondern ihn zu vervielfältigen, verschiedene Teile der Stadt miteinander zu verknüpfen, Schichten der Ruhe und der Aktion zu kreieren. Die Organisation des Raums, des Bereichs vor dem Parlament, ist getrennt in den „oberen Platz“ und den „unteren Platz“. Der obere Platz besteht aus dem Vorhof des Parlamentsgebäudes und der Hauptstraße, die davor verläuft und die für mehr als zwei Monate blockiert war. Der untere Teil, der auch physisch niedriger ist als der Vorhof und die Straße, das ist der Syntagma-Platz. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen dem oberen und dem unteren Platz. Der obere, der näher am Parlament liegt, ist der Ort, an dem die Leute beleidigende Parolen gegen das politische System und die Parlamentarier rufen. Der untere Platz ist der Raum des improvisierten Lagers, der Platz der Versammlungen. Der untere Platz ist der Raum der Organisation, der obere Platz ist der Raum der direkten Konfrontation.

Der obere Platz…

…ist eine Passage, Leute kommen und gehen, führen die direkte Konfrontation durch gegenüber der repräsentationalen Politik der etablierten Parteien. Einige sagen, dass sich während der zwei Monate dieser Ereignisse mehr als drei Millionen Leute dort einfanden. Direkte Konfrontation nimmt die Gestalt von Wut an: verbaler Missbrauch von Demokratie, der Polizei und der Politiker. Was sie rufen, ist oft sehr sexistisch, gewöhnlich auch nationalistisch. Pensionäre, zur Armut verdammte Leute, Universitätsstudenten, Arbeitslose, prekär Beschäftigte. Wie Maron Kouri5 sagt, wurde der Syntagma Platz der Ort, auf dem Leute Sonntags spazieren gehen, sie wandern mit ihren Kindern und Enkeln und gestikulieren zornig gegen das Parlament und die Polizei, sie fluchen, essen Eis, gehen weg, kommen wieder. Das Schreien, Fluchen, die Gesten, das sind Freiheitsinszenierungen gegenüber den Fesseln eines repräsentationalen Systems, das irgendetwas, das von Wichtigkeit wäre, nicht repräsentiert. Das ist Teilhabe in Aktion, der Raum, wo diejenigen, die keinen Anteil haben, den metropolitanen Raum und die Hochsprache der Politik blockieren, um auf der politischen Szene in Erscheinung treten zu können. Die Sprache derjenigen, die keine Teilhabe besitzen, klingt inkompatibel mit repräsentationaler Politik und unserer politischen Inszenierung, es ist die Sprache, die den Raum der Aktion ausdehnt und den Raum der Möglichkeiten, da es weniger und immer weniger eine Artikulation von Zorn ist und mehr und mehr eine Performanz von Freiheit, von direkter Demokratie.

Auf dem unteren Platz…

…übt direkte Demokratie eine andere Form der Wiedergestaltung des Raums aus. Der untere Platz ist der Raum der Versammlungen und wird auch das „untere Parlament“ genannt, das andere des offiziellen Parlaments. Der untere Platz, das ist das untere Parlament, das ist der Raum, auf dem die starken Erfahrungen der arabischen Revolutionen in Griechenland re-lokalisiert werden. Der untere Platz verbindet den Syntagma Platz mit diesem neuen großen Zyklus metropolitaner Kämpfe entlang des gesamten mediterranen Raums. Auf die gleiche Weise wie in Porto del Sol ist die metropolitane Blockade in Athen und die Besetzung von Syntagma verbunden mit dem Hervortreten der Sehnsucht nach neuen Formen von Demokratie. Das untere Parlament ist eine wirkliche nicht-repräsentative Versammlung. Es weigert sich, Repräsentanten zu wählen und gebraucht die Unsichtbarkeit direkter Entscheidungsfindung als neue politische Taktik gegen die Medien und das politische System, das immer versucht, einen Repräsentanten oder einen Sprecher zu finden, der entweder von den Medien lächerlich oder zum Sündenbock gemacht werden kann, ähnlich wie durch eine Kriminalisierung durch die Polizei. Und, noch wichtiger, es weigert sich, ein System permanenter Sprecher zu entwickeln, und lässt die etablierte politische Macht und die Medien perplex und hilflos, wenn es darum geht, das Ungeheuer auf dem Platz anzusprechen.

Organisation ist wichtig

Die Organisation der Versammlungen ist das Herz des Lebens des unteren Parlaments. Die Versammlung findet jeden Tag um 9 Uhr abends statt. Die Versammlung ist der einzige konstitutive Raum. Es gibt kein anderes kollektives Beispiel dafür, dass Entscheidungen über die Besetzung getroffen werden. Die Agenda der Generalversammlung schließt nur diejenigen Tagesordnungspunkte und Maßnahmen ein, die in vorangehenden Versammlungen entschieden worden sind. Alle Vorschläge, besondere Punkte auf die Tagesordnung zu setzen, die während einer Versammlung diskutiert worden sind, und zusätzlich alle Vorschläge, die während des Tages in schriftlicher Form dem administrativen Büro der Versammlung vorgelegt worden sind, werden an die thematischen Arbeitsgruppen weitergeleitet, ehe sie die Versammlung erreichen. Diese Arbeitsgruppen kompilieren alle Vorschläge und geben sie in Form von Resolutionen zur Debatte und Entscheidung an die Versammlung weiter. Die abschließenden Resolutionen werden der Versammlung zur Zustimmung oder Ablehnung spätestens um Mitternacht vorgelegt, so dass jeder einbezogen werden kann. Viele Leute arbeiten oder müssen weit fahren, um nach Hause zu gelangen. Jeder hat das Recht zu sprechen und sobald die Resolutionen den Teilnehmern vorgelegt sind, kann jeder, der sprechen möchte, ein Los ziehen und dann darauf warten, dass er an der Reihe ist, zu sprechen. Im Allgemeinen waren jeden Abend 80-100 Redner dabei, bis die Abstimmungen über die Resolutionen stattfanden. Die Teilnehmerzahl belief sich auf mehr als 2000 Leute. Obwohl es erhebliche Verzögerungen gab, wurde entschieden, dass dies die angemessenste Form ist, da dies jeden Versuch, die Tagesordnung zu ändern, verhindern würde und die Gefahr von Interventionen organisierter Gruppen verringern würde. Nach der Abstimmung um Mitternacht fährt die Versammlung als offenes Diskussionsforum fort. Die Organisation der Versammlung setzt auf Unterstützung der Leute draußen. Die Hauptversammlung ist der sichtbare Höhepunkt von direkter Demokratie, aber direkte Demokratie ist noch weit mehr als das: es ist die Fusion von Raum und Leuten durch die metropolitane Blockade, eine neue Ökologie metropolitaner Existenz.

Den Raum zu beherrschen als eine Strategie metropolitaner Kämpfe

In Syntagma wurde die metropolitane Ökologie auch durch die Arbeitsgruppen behauptet, die für die Lösung praktischer Probleme verantwortlich waren. Tausende Leute wurden für jede Arbeitsgruppe registriert. Diese Leute sind durch die vorhandenen Bedingungen und Notwendigkeiten mobilisiert worden. Der einzig mögliche Beitrag zu dieser neuen Ökologie bestand durch aktive Partizipation. Die Versammlung und der Platz hatten keinen Kassierer und Geldbeiträge waren nicht erlaubt, weil angenommen wurde, dass es effektivere Möglichkeiten der Selbstversorgung gibt und weil das Lager seine Existenz nur behaupten konnte, weil eigene kooperative Formen des Austauschs etabliert wurden. Alle Beiträge zum Lager konnten nur materiell sein, von Lebensmitteln bis hin zu Medikamenten oder Schreibstiften für die PR-Systeme. Zu den vielen AGs, die die Ökologie wirklicher Demokratie vertraten, gehörten: technische Hilfe, Ressourcen-Management, Kultur, Reinigung, administrative Hilfe, Versorgung mit Essen, Übersetzungsdienst, Respekt und Schutz, Kommunikation, juristisches Team, Gesundheit, Nachbarschaftshilfe, eine Bank für den Tausch von Dienstleistungen, Transport und Postdienst, Selbstkontrollgruppe etc. Alle Gruppen treffen sich um 6 Uhr abends zu einer offenen Versammlung und die Transport- und Postdienst-Gruppe ist dafür verantwortlich, dass die Vorschläge jeder Arbeitsgruppe an die anderen AGs und die Generalversammlung weitergeleitet werden. Neben diesen AGs gab es eine ganze Serie von thematischen Untergruppen, die wichtige soziale und politische Themen diskutierten, wie z.B. Ökonomie und Krise, Arbeit und Arbeitslosigkeit, Erziehung und Universitäten, Gesundheit und Versicherung, Umwelt, Technologie, Solidarität, Behinderung, Justiz und rechtliche Fragen, Analyse der Schulden und ihrer Ursachen etc. Diese Unterversammlungen trafen sich jeden Tag zwischen 19 und 21 Uhr und in einigen von ihnen nahmen hunderte Leute teil. Alle Versammlungen und AGs waren für jeden offen – die einzige Bedingung war, dass keiner das Recht hatte, sie zu vertreten und in ihrem Namen zu sprechen.

Die Politik der (Nicht-)Präsentation

Der Platz entschied, jeden Zugang der Mainstream-Medien zum Lager und zum unteren Parlament zu verhindern. Die Versammlung und das Lager dürfen nur von dem selbstorganisierten Medienteam des Lagers gefilmt werden, das während des Moments intensiver Aktion und während des Polizei-Einsatzes in den Tagen des Generalstreiks aus bis zu 38 Leuten bestand. Die zentralen Entscheidungen der Versammlung wurden durch das Medien-Team und auf der Webseite des Lagers www.real-democracy.gr kommuniziert. Eine wichtige zentrale Rolle bei der Organisation und Mobilisierung spielten die neuen sozialen Medien. Die Organisation des Platzes und seiner Aktionen war viel kollektiver, a-subjektiv und beeinflusst durch die digitale und technologische Kultur. Auf Syntagma korrespondiert die Abkehr von Repräsentation mit den sozio-technischen Mitteln, um Möglichkeiten von Selbstorganisation zu kreieren. Jemand drückte das so aus: „Das System nähert sich seinem Ende – lasst uns die Zukunft hier und jetzt herunterladen.“ Was all diesen verschiedenen Formen von Organisation gemeinsam war, die Demokratie der Hauptversammlung, die AGs, die selbstorganisierte Form der nicht repräsentionalen Mediatisation des unteren Parlaments etc. war, dass es ein Gespür dafür gab, dass der Dringlichkeit der Situation im Land mit einigem Zögern begegnet werden muss, mit einem sorgfältigen und wohlüberlegten Tempo, sehr anders, als das Tempo von vermuteter Dringlichkeit und Unvermeidbarkeit, das die Papandreou-Regierung einschlug, um ihre zusammengekleisterten verheerenden Reformen zu legitimieren.

Langsamkeit führt zur Produktion von Subjektivität…

…wenn der metropolitane Raum blockiert und zurück-beansprucht wird. Alle organisatorischen Formen, die weiter oben beschrieben wurden, enthalten ein Moment von Langsamkeit und Sorgfalt beim Prozess der Organisation und der Entscheidungsfindung in der Versammlung. Manche sehen – besonders nach der Zerstörung des Lagers durch die Polizei und den Stadtrat von Athen – in den langen Prozeduren und der Länge und den oft ermüdenden Debatten während der Versammlungen ein Hindernis für die Effektivität des Lagers. Viele glauben, dass dies das Lager paralysierte und unfähig zu einer Reaktion machte. Das Gegenteil ist der Fall. Direkte Demokratie wurde nicht als eine andere Form parlamentarischer Repräsentation praktiziert, die nach den gleichen temporalen und räumlichen Koordinaten operierte wie das obere Parlament; eher geschah direkte Demokratie 2011 in Athen, als der metropolitane Raum aktuell auf alternative Weise gebraucht wurde, die organisierter politischer Macht entsagt, was die Chance bietet, unmittelbar im Herzen der sich entfaltenden Ereignisse zu stehen und zugleich einen anderen Typus von Politik zu entwickeln. Das untere Parlament ist das beste Beispiel für eine heterotopische Konstitution des metropolitanischen Raums.6 Diese blockierten und beanspruchten Räume haben eine andere Temporalität, die die Möglichkeit, durch Gewalt und Homogenisierung kolonisiert zu werden, unterbindet. Zum Beispiel versuchten Faschisten mehrmals auf den Versammlungen zu intervenieren, aber es waren die bloßen Prozeduren selbst, die Langsamkeit, die  zufällige Reihenfolge des Sprechens je nach dem Los, das man gezogen hatte, die Vielfalt der Themen, die ihre Anwesenheit zunichte machte. Es war weniger der Konsens der Versammlung selbst, der sie von ihrer Teilnahme als „Faschisten“ abhielt, sondern viel eher die bloße organisatorische Struktur, die Leute abschreckte, die an der Versammlung mit einer völlig vorfabrizierten Vorstellung über deren Ergebnis teilnehmen wollten. Es ist charakteristisch, dass trotz der Versuche von Faschisten und Nationalisten, Migranten von dem unteren Platz auszuschließen, dies niemals geschah. Im Unterschied zu anderen ähnlichen Mobilisationen in Spanien wurden ausländische Straßenhändler dauerhafte Bewohner des Lagers. Noch mehr als das: Viele von ihnen blieben im Lager, weil dies ein relativ sicherer Ort für sie war, und auch, weil sie davon profitierten, ihre Waren im zentralsten und am meisten bevölkerten Teil Athens verkaufen zu können. Die direkte Demokratie auf dem Platz war nicht allein ein anderer Raum und mit Zeit für ein alternatives Erwägen ausgestattet, sondern auch für das Bewohnen eines neuen Terrains und Mit-Bewohnen eines Platzes auf eine nicht-normative und im Voraus definierte Weise.

Etwas Ähnliches geschah während der Dezember-Unruhen 2008. Die metropolitane Blockade von 2011 ist wahrscheinlich die Fortsetzung der Dezember-Ereignisse von 2008. Was die beiden verbindet, ist sie städtische Panik, die Tatsache, wie bereits gesagt, dass Panik entsubjektiviert wurde, dass sie re-sozialisiert und zurückgewendet wird auf die politischen Eliten. Der Dezember war wahrscheinlich die erste Gelegenheit für viele Dekaden in Griechenland, die die Macht der metropolitanen Blockade auf unsere Agenda zurückbrachte. Der Dezember-Aufstand zerstörte durch die Alltäglichkeit von Straßen-Aktionen den üblichen Transfer der Macht vom Subjekt zu einer Form von politischer Macht. Es brachte die soziale Vorstellungskraft und das Praktizieren der Idee zurück, dass die Stadt zu blockieren, einen gewaltigen Einfluss auf das soziale Gewebe haben kann, wenn dies eine kollektive und a-subjektive Angelegenheit ist. Wahrscheinlich die wichtigste Nachwirkung des Dezembers war die Fähigkeit, eine neue Generation für die Wichtigkeit und die Politik der metroplitanen Blockade empfänglich zu machen. Es ist, als ob er diese Generation darauf vorbereitete, sich den Austeritäts-Maßnahmen zu widersetzen, die der Finanzkrise folgten. Die a-subjektive Kollektivität, die die Läden, Autos und Banken 2008 zerstörte – die Dinge, die die wirkliche tägliche Unterdrückung und Erniedrigung einer prekarisierten Generation kennzeichnen – wirkte zurück auf die heutige Zeit, wo man mit einer neuen Situation konfrontiert ist, eine, die noch prekarisierter ist durch die Finanzierungskrise und die destruktiven Austeritäts-Maßnahmen. Die Protagonisten direkter Demokratie kommen größtenteils aus der unorganisierten Welt prekarisierter Leute, und die metropolitane Blockade wird zum Weg, eine andere Ökologie der Existenz zu etablieren, eine direkte demokratische Form der Existenz, selbst wenn nur zeitweise.

  1. Margarita Tsomou ist Real Democracy-Aktivistin der ersten Stunde, Vassilis Tsianos ist Lektor an der Universität Hamburg, Dimitris Papadopoulos ist Dozent für Soziologie und Organisation an der School of Management an der Universität Leicester. Der Text entstand im Sommer dieses Jahres nach der brutalen Zerstörung des Real Democracy Lagers in der Form einer multilokalen email-Kommunikation zwischen Athen-Berlin-Leicester. Die AutorInnen sind Mitglieder eines linken greco-diasporischen Netzwerkes namens NomadicUniversality. Der Text wurde aus dem Englischen von Siegfried Jäger übersetzt und von den Autorinnen autorisiert. []
  2. Jackie Orr ist Assistenzprofessorin für Soziologie an der Universität Syrakus und Autorin des Buches Panic Diaries: A Genealogy of Panic Disorder, Duke University Press 2006. []
  3. Ein Medikament gegen Sodbrennen, das aber auch vor Tränengas schützen soll. []
  4. Nelli ist eine feministische Sozialwissenschaftlerin, real democracy Aktivistin und Autorin des Textes Becoming cockroaches@Syntagma square. []
  5. Maron ist real democracy Aktivistin und Journalistin in Athen. []
  6.  Heterotopische Räume sind Orte, die sich allen anderen widersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, ersetzen, neutralisieren oder reinigen sollen. Es sind gleichsam Gegenräume, die außerhalb aller Orte liegen, aber geortet werden können und reale Plätze besetzen. Anm. des Übersetzers. []

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1 Comment

  1. […] Athen: Metropolitane Blockade, direkte Demokratie Von Margarita Tsomou, Vassilis Tsianos, Dimitris Papadopoulos. […]

  2. […] Athen: Metro­po­li­tane Blo­ckade, direkte Demo­kra­tie Von Mar­ga­rita Tsomou, Vas­si­lis Tsia­nos, Dimitris Papadopoulos. […]

  3. Martin sagt:

    ein super text! gibt eine ahnung davon, wie die bewegungen orte und zeiten neu konstruieren können. die bewegung der plätze erscheint als eine neue stufe von sozialem protagonismus, hat die perspektive der konstituierenden Macht von unten jenseits alter politrituale auf die tagesordnung gesetzt. besonders interessieren würde mich der druck durch ökonomische schaden der durch metropolitane blockaden entsteht, die so als metropolitaner streik der prekären begriffen werden können. in jedem fall: griechenland ist die hoffnung europas, weiter so!

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