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Hilfe, die auf Veränderung drängt

 

Interview mit Thomas Gebauer von medico international. Erschienen in DISS-Journal 19 (2010)

DISS-Journal: Was ist medico-international? Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Initiative?

Thomas Gebauer: medico ist eine sozialmedizinische Hilfs- und Menschenrechtsorganisation, die 1968 als Reaktion auf die Verheerungen der Kriege in Vietnam und Biafra gegründet wurde. Aus der eher spontanen Initiative Frankfurter Bürgerinnen und Bürger entwickelte sich mit den Jahren eine feste Einrichtung, die heute in bald 30 Ländern tätig ist und in ihrer Zentrale derzeit 28 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt.

Die Hilfe, die medico leistet, ist mehr als die Bereitstellung von Hilfsgütern. Wir verstehen unsere Arbeit als Teil eines umfassenden sozialen Handelns, das auf die Verwirklichung des Rechts auf Zugang zu Gesundheit zielt. Gemeinsam mit unseren Partner in Afrika, Asien und Lateinamerika treten wir für die Schaffung von Lebensverhältnissen ein, die es Menschen ermöglichen, ihre eigenen Gesundheitspotentiale zur Entfaltung zu bringen und im Krankheitsfalle eine angemessene Versorgung zu erhalten. Bei aller Notwendigkeit, den Aufbau funktionierender Gesundheitsdienste zu fördern, gilt es doch nicht zu übersehen, dass Gesundheit mehr ist als die Abwesenheit von Krankheit. Gerade mit Blick auf den globalen Süden wird deutlich, dass es vor allem soziale Faktoren sind, die Gesundheit bestimmen: der Zugang zu Einkommen und Land, ausreichende Ernährung, Bildungseinrichtungen, menschenwürdige Wohnverhältnisse, die Teilhabe an einer lebendigen Kultur.

Neben medizinischer Hilfe verfolgen Sie also durchaus auch politische Ziele. Welche sind das und wie schätzen Sie diese Verbindung ein?

Hilfe, zumindest eine, die auf die nachhaltige Überwindung von Not und Abhängigkeit drängt, ist immer politisch. Wer mit dem Begriff der Nachhaltigkeit nicht nur ein Modewort verbindet, kann gar nicht anders, als sich mit den strukturellen Ursachen von Elend und Gewalt auseinanderzusetzen. Dabei wird deutlich, dass sich Hilfe, auch die scheinbar unpolitische, immer in bestehende Machtverhältnisse einmischt und diese beeinflusst. Es ist eine gefährliche Illusion anzunehmen, es gebe so etwas wie eine vom Politischen getrennte reine humanitäre Hilfe.

Hilfe, die auf Veränderung drängt, braucht eine gesellschaftspolitische Vision. Gefragt sind Alternativen zu bestehenden Missständen, also letztlich die Idee einer anderen, einer solidarischen Welt. Die muss übrigens gar nicht in utopischer Ferne liegen, sondern scheint ja in den Projekten unserer Partner bereits auf. Für medico ist Gesundheitsförderung auf engste verbunden mit dem Kampf für partizipative Demokratie und soziale Gerechtigkeit.

Können Sie kurz erläutern, wie das Konzept von medico für eine wirksame Unterstützung der Menschen in den arm gehaltenen Ländern der 3., 4. und 5. Welt aussieht?

Das, was uns antreibt, ist die Idee einer „Hilfe im Handgemenge“. Im Prinzip geht es dabei um ein Konzept, das sowohl die praktische Solidarität mit sozial Marginalisierten, Kriegs- und Gewaltopfern und Flüchtlingen umfasst, als auch das Bemühen, die herrschende „Vernunft“ kritischanalytisch zu durchkreuzen. So wichtig die kleinen Verbesserungen sind, von denen das Überleben und die Befriedigung existentieller Bedürfnisse vieler Einzelner abhängen, so wenig wollen wir uns mit Flickschusterei zufrieden geben. Es wäre fatal, wenn Hilfe nur dazu beitrüge, die „Kollateralschäden” der globalen Entfesselung des Kapitalismus abzufedern.

Was das konkret heißt, lässt sich exemplarisch an der Kampagne zum Verbot von Landminen erkennen, die medico 1991 ins Leben gerufen hat. Selbstverständlich haben wir damals Kriegs- und Minenopfern beispielsweise in Mittelamerika und Angola den Zugang zu Prothesen ermöglicht, aber zugleich auf ein Verbot von Minen gedrängt. Unsere Kampagne, die später mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, hatte maßgeblichen Anteil bei der Setzung einer neuen internationalen Norm, mit der ein bestimmter Waffentypus völkerrechtlich geächtet und umfangreiche Mittel zur Beseitigung von Minengefahren bereitgestellt wurden. Inzwischen werden weltweit mehr Minen geräumt als neu verlegt. In vielen Teilen der Welt, in denen früher schon die Arbeit auf dem Feld oder der Gang zur Schule ein todbringendes Risiko war, normalisiert sich heute das Leben. Politisches Engagement hat so unter dem Strich mehr bewirkt, als es praktische Hilfen für Minenopfern alleine vermocht hätten. Längst ist das Verhältnis, in dem medico zu seinen Partnern im Süden steht, nicht mehr nur das von Gebern und Nehmern. Bewusst engagieren wir uns heute in internationalen Netzwerken, so auch im „Peoples Health Movement“, das eine Vielzahl von sozialen Projekten in aller Welt: NGOs, Basisinitiativen, kritische Gesundheitsarbeiter und Intellektuelle, vereint. Gemeinsam treten wir der weiteren Kommerzialisierung von Gesundheit entgegen und gemeinsam drängen wir darauf, Gesundheit als ein öffentliches Gut (commons) in global geteilter Verantwortung zu verstehen. Nur einer solchen „Gegenmacht“ wird es letztlich gelingen, sich der herrschenden Katastrophendynamik zu widersetzen – so, wie es Walter Benjamin beschrieben hat: als „Griff der Weltgemeinschaft nach der Notbremse“.

Wo liegen zurzeit die Arbeitsschwerpunkte von medico?

Da ist zum einem die Arbeit mit Flüchtlingen in Nord- und Westafrika. Wir unterstützen lokale Menschenrechtsorganisationen und Selbsthilfegruppen, die sich um die aus Europa abgeschobenen Migranten kümmern. Zum Angebot zählt die medizinische Erstversorgung ebenso wie Rechtsbeistand und Wiedereingliederungshilfen. Gemeinsam skandalisieren wir die europäischen Agrarsubventionen, die in einem hohen Maße dafür verantwortlich sind, dass afrikanische Kleinbauern ihre Lebensgrundlagen verlieren.

In Südafrika stehen wir den Opfern der Apartheid zur Seite, die für ihr Leid nicht zuletzt multinationale Konzerne, etwa Mercedes- Benz, verantwortlich machen. Ziel ist eine „Entprivatisierung des Leidens“, denn die Erfahrung zeigt, dass ohne öffentliche Aufarbeitung von zurückliegender staatlicher Repression auch die psychosoziale Arbeit mit den Opfern nicht gelingen kann. In Nicaragua unterstützen wir ehemals mittellose Landarbeiter beim Aufbau einer selbstbewussten Existenz als Kleinbauern. Und in Bangladesh fördern wir mit „Ghonoshasthaya Kendra“ (GK) eine landesweit tätige NGO, die auf beeindruckende Weise deutlich macht, was „Ent-Mystifizierung von medizinischem Handeln“ meint. Mit einem konsequent partizipativen Ansatz organisiert GK nicht nur die Basisgesundheitsversorgung von bald 2 Millionen Menschen in Hunderten von Dörfern, sondern unterhält auch eigene Hospitäler, eine medizinische Fakultät, Kindergärten, Berufsbildungsprogramme für Frauen und selbst Anlagen zur Produktion von Arzneimitteln. Ohne große Worte zu verlieren hat GK unterdessen das realisiert, was anderswo in immer weitere Ferne rückt: die Senkung der Kindersterblichkeit, das vierte „Millennium Development Goal“. Mit Unterstützung von medico hilft GK nun beim Aufbau einer genossenschaftlich verfassten Gesundheitskooperative. In Dhaka etwa haben sich Hunderte von Rikscha-Fahrern zusammengeschlossen, um sich und ihren Familien den Zugang zu einem minimalen Gesundheitsschutz zu garantieren. Im Prinzip geht es um die Schaffung jenes sozialen Eigentums, das hierzulande mit der Privatisierung des solidarisch verfassten Gesundheitswesens gerade enteignet wird.

Ich weiß, dass medico sich besonders intensiv um eine Entschärfung des Israel-Palästina- Konflikts bemüht. Sie betreiben dort etwas, das man als Basisarbeit bezeichnen könnte: die Begegnung und den Austausch zwischen Palästinensern und Israelis. Welche Erfolge können Sie in dieser Basisarbeit verzeichnen und welche Perspektive sehen Sie?

Wir sind davon überzeugt, dass eine Lösung des Palästina-Konfliktes nur dann gelingt, wenn das Lagerdenken, in dem die Bevölkerungen beider Seiten gefangen sind, überwunden wird. Notwendig ist eine Arbeit zwischen den Fronten, die Kooperation über alle Grenzen hinweg. Deshalb unterstützen wir beispielsweise israelische Ärzteteams, die regelmäßig zu Sprechstunden in die Westbank fahren. Aus medizinischer Perspektive mag das womöglich nicht sonderlich viel bringen, aus friedenspolitischer Sicht aber ist es von immenser Bedeutung. Es sind solche Begegnungen, in denen die Chance auf Veränderung deutlich wird. Sie wird konterkariert durch die Politik Israels, das auf eine immer perfekter werdende Abschottung setzt: auf Mauern und Trennung. Es sind Zeichen paradoxer Hoffnung, die in solchen israelisch-palästinensischen Kooperationsprojekten liegen.

Schauen wir nach Afghanistan, auch da ist medico tätig. Wie schätzen Sie die Aussichten dieses Krieges ein? Sehen Sie Alternativen zu der m. E derzeit gefahrenen Eskalationsstrategie, und wie könnten diese aussehen?

Auch Afghanistan steht für das Scheitern einer Politik, die primär von partikularen Sicherheitserwägungen motiviert ist. Die bemerkenswert offene Erklärung eines deutschen Verteidigungsministers, dass am Hindukusch die Sicherheit Deutschlands verteidigt wird, macht deutlich, wie wenig es dem bisherigen internationalen Engagement in Afghanistan um die Interessen der afghanischen Bevölkerung ging. Schon seit langem warnen wir davor, dass der herrschende Menschenrechtsdiskurs vor allem zur Legitimation von Weltordnungskriegen beiträgt, die der Absicherung westlicher Vormacht und Privilegien dient. Medico unterstützt in Afghanistan Partner, mit denen wir schon in der Kampagne gegen die Minen zusammengearbeitet hatten. Es sind unabhängige Nichtregierungsorganisationen, die sich dort, wo es noch geht, um die Beseitigung von Minen, letztlich um Demilitarisierung kümmern. Gemeinsam mit ihnen sind wir davon überzeugt, dass Afghanistan nur dann eine Chance hat, wenn endlich mit dem ernst gemacht würde, was bislang nur zur Rechtfertigung des Krieges behauptet wurde: wenn es endlich wirklich um soziale Entwicklung und die Verwirklichung universeller Menschenrechte ginge.

Das Interview führte Siegfried Jäger

Weitere Informationen über medico sind der Website www.medico.de zu entnehmen. Lesenswert ist auch das vierteljährlich erscheinende medico-Rundschreiben, das über die Hintergründe der Arbeit berichtet und kostenlos bezogen werden kann. Zur Finanzierung seiner Arbeit, ist medico auf Spenden angewiesen: Sie können eingezahlt werden auf das Konto 1800 bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 500 502 01.

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