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Die Erfindung des jüdischen Volkes.

 

 Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand  Eine Rezension von Jens Zimmermann. Erschienen in DISS-Journal 20 (2010)

Manchmal tut es gut, ein Buch, das hohe Wellen geschlagen hat, ein wenig ruhen zu lassen und erst später zur Hand zu nehmen. Shlomo Sands Buch Die Erfindung des jüdischen Volkes ist so ein Fall. Lange rangierte es in der israelischen Bestsellerliste weit vorne – in Frankreich löste es direkt eine Debatte unter Intellektuellen aus. Kurzum: an diesem Buch kann man sich reiben.

Denn die Hauptthese des Autors mag provozieren. Sein Anliegen ist es, das Metanarrativ einer jüdischen Nationalmythologie zu dekonstruieren, welches das jüdische Volk als eine ethnisch-kohärente Gemeinschaft durch die Jahrhunderte definiert (51). In der historischen Nationalismusforschung ist die Dekonstruktion von „ethnischer Homogenität“ als Legitimation der Nation spätestens seit Benedict Andersons Die Erfindung der Nation und der konstruktivistischen Wende zum Allgemeingut geworden. Nationalmythen, die sowohl Heldentaten als auch Leidensgeschichten als symbolische Identitäts- und Assoziationsangebote formulieren, stehen daher besonders im Fokus der Forschung. Der Wirkmächtigkeit solcher Fiktionen ist sich auch Sand bewusst. Daher greift er zu Beginn die israelischen Lehrstühle für die „Geschichte des Volkes Israel“ an. Ihnen wirft er vor, relevante Paradigmenwechsel in der Forschung zu ignorieren und sich so zu einer Sparte entwickelt zu haben, die jenseits der „allgemeinen Geschichtswissenschaft“ existiert (45f.) und dabei den von ihm kritisierten Mythos reproduziert. Diesen „seit langem etablierten historiographischen Diskurs“ (52) setzt der Autor eine „alternative Geschichtserzählung“ (ebd.) entgegen, in dem er sich auf das Feld der Bibelforschung, Altertumswissenschaften und Archäologie begibt und dabei die Vorstellung eines kontinuierlich existierenden jüdischen Volkes als angebliche Fiktion zu entlarven versucht.

Die Erfindung des jüdischen Volkes ist ein komplexes Buch, zumal Sand ein feines Netz von Begriffen der Nationalismusforschung verwendet, mit dessen Bedeutung die/ der LeserIn vertraut sein sollte. Ansonsten können zentrale Differenzierungen, wie zum Beispiel die Unterscheidung zwischen „ethnischem“ und „bürgerlichem“ Volksbegriff, nicht eingeordnet werden. Auch seine Argumentation hält so manche Irreführung bereit. Sand bestimmt den Ursprung der jüdischen Nationalmythologie in der Konstitutionsphase des europäischen Zionismus des 19. Jahrhundert und setzt ihn damit in den Kontext mit europäisch-bürgerlichen Nationalbewegungen (84-94). Den europäischen Zionismus als Nationalbewegung zu bestimmen, unterschlägt allerdings seine Binnendifferenzierung in teils zerstrittene politisch-ideologische Lager und geographisch divergierende Zentren, die sich zum Beispiel im deutschen Kaiserreich nur zögerlich und nur teilweise im Dachverband der Zionistischen Vereinigung für Deutschland zusammenschlossen. Doch Sand will gerade keine Geschichtsschreibung zur zionistischen Bewegung leisten, sondern eine Dekonstruktion der jüdischen Nationalmythologie, in dem er von der Forschung übergangene Ergebnisse neu darstellt und interpretiert. Dieses Dickicht an Argumentationen und Quellen erschwert jedoch den Nachvollzug seiner hese, die die Existenz eines ethnisch-homogenen jüdischen Volkes bestreitet. Plausibel wird dieses vorgehen dennoch, wenn man aufmerksam die einleitenden Worte des Bandes zur Kenntnis nimmt. Dort beschreibt Sand seine eigenen Erfahrungen auf der Suche nach seiner Identität als Israeli. Identität ist für ihn ein dynamisches aber auch notwendiges Konzept – nicht zuletzt auch eine Zumutung und Zwang. Die ausführliche Schilderung persönlicher Erlebnisse, in denen die Frage der (staatlich verordneten) Identität zum Schlüsselmoment der eigenen Biografie wird, kann als „Lektürehilfe“ verstanden werden. Der Autor scheint so selbst auf der Suche zu sein, wenn er „den Ursprüngen und Methoden der israelischen Identitätspolitik auf den Grund gehen will.“ (22)

Dieser biografisch-subjektive Zugang schmälert den wissenschaftlichen Ertrag, der allerdings auch alles andere als neu ist. Vielmehr sollte Die Erfindung des jüdischen Volkes als eine Streitschrift eines israelischen Historikers verstanden werden, der sich einmischen will und Stellung bezieht. Es ist Teil eines innerisraelischen Diskurses, in dem erbittert um die Identität des Staates gestritten wird und damit einer spezifischen politischen Kultur, die dem/der LeserIn aber gegenwärtig sein muss, wenn er/sie das Buch zur Hand nimmt.

 

Shlomo Sand
Die Erfindung des jüdischen Volkes.
Israels Gründungsmythos auf dem Prüfstand
2008 Berlin: Propyläen
ISBN 978-3549073766
512 S., 24,95 €

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