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Das Wahrheitsregime prekärer Verhältnisse

 

Von Niels Spilker. Erschienen in DISS-Journal 19 (2010)

Ein viel diskutierter und aus meiner Sicht sinnvoller theoretischer Anknüpfungspunkt für die Analyse und die Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft ist der Begriff der Gouvernementalität, wie ihn Foucault in seinen Arbeiten Ende der 1970er Jahre skizziert. (Vgl. Foucault 2004a+b) Foucault untersucht hier Machtbeziehungen unter dem Blickwinkel der Führung, als eine Art und Weise, das Handlungsfeld von Subjekten zu strukturieren und zu beeinflussen. Der Begriff der Regierung ist ein umfassender, er bezieht sich auf Institutionen und Praktiken, mittels derer Menschen ‚gelenkt‘ werden.

Eine Regierungsweise umfasst als diskursives Feld, auf dem die Ausübung von Macht „rationalisiert wird“ (Thomas Lemke), Wissensformen, Machttechnologien und Subjektivierungsmodi gleichermaßen. Die Machtanalyse von Foucault in Überwachen und Strafen befasste sich mit Institutionen des Zwangs, mit Diskursen und Apparaten, die auf die Unterwerfung des Subjekts zielen. Der Begriff der Regierung relativiert diesen Aspekt der Unterwerfung, indem Regierung als Kontaktpunkt zwischen Fremd- und Selbstführung aufgefasst wird. Foucault geht also davon aus, dass es freier, nicht unterworfener Subjekte bedarf, dass aber die Freiheit in bestimmten Bahnen verläuft, die an die Ziele einer Regierung gekoppelt sind. Regierung im Sinne Foucaults operiert also nicht ausschließlich und notwendig über Verbote, sondern auch und gerade durch die Macht, Subjekte zu einem ganz bestimmten Handeln zu bewegen, ihr Handlungsfeld zu bearbeiten.

Ein Leben als AG

Eine Artikulationsform der gegenwärtigen diskursiven Ordnung ist das schillernde Genre der Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur. Titel wie „Führen, Leisten, Leben. Wirksames Management für eine neue Zeit“ von Fredmund Malik (2001) oder „Die andere Ich AG – Führen sie sich selbst wie ein erfolgreiches Unternehmen!“ von Nicolette Strauss (2003) entwerfen eine spezifische Figur von Subjekt: das innovative, flexible, risikobereite unternehmerische Selbst. Die Grundfrage, der sich Subjekte stellen sollen, lautet demnach: „Wie aber baut man sich als Marke auf – ohne künstlich, affektiert, unsympathisch, angeberisch oder dressiert zu wirken?“ (Strauss 2003: 53) Die Ratgeber problematisieren vornehmlich eine mangelnde Bewegung bzw. Beweglichkeit der Subjekte. Strauss empfiehlt jeder Ich AG bspw. die Installation eines „Innovationsvorstands“, „sonst zieht die Konkurrenz vorbei“ (Strauss 2003: 139).

Der Erfolg der Ich AG zeigt sich auf dem allgegenwärtigen Markt, also in Relation zu konkurrierenden AGs. Kollektivsymbole und Orientierung bietende Topiken zeichnen den Umgang mit dieser Konkurrenz als sportlichen Wettkampf. Den Verliererinnen bleibt lediglich der Blick in die Zukunft, die Konzentration auf das nächste Kräftemessen, die Überlegung, ob individuelle skills und competencies das geforderte Honorar denn wirklich rechtfertigen sowie zwei sportliche Aufmunterungen zur Selbstoptimierung: The winner takes it all. Und: Dabei sein ist alles.

Von Subjekten, die auf dem Markt agieren, fordert das Gouvernement neben Nüchternheit und Realismus auch gute Laune. Der erfolgreiche Umgang mit Risiken ist dabei das Resultat von positivem Denken. Fredmund Malik schreibt: „Positives Denken erfüllt […] eine bedeutsame Funktion. Es ist die Grundlage, um die Chancen zu sehen und sich von letztendlich selbstauferlegten Abhängigkeiten von seinen Stimmungslagen zu befreien.“ (Malik 2001: 163) Positives Denken sollte also trainiert werden. Allen diesen Trainingsprogrammen liege, so Malik weiter, ein spezielles Grundmuster zugrunde: „mentale Selbstbeeinflussung als Voraussetzung für physische und psychische Höchstleistungen“. Alle Menschen, die Höchstleistungen bringen, alle „Grenzgänger“ denken positiv und wissen, „dass die Grenzen jedes Menschen zuerst und vor allem im Kopf bestehen und dass sich diese Grenzen verschieben lassen“ (Malik 2001: 161).

Den innovativen und risikobereiten homo oeconomicus beschreibt Foucault bereits in seinen Vorlesungen zur Gouvernementalität als den zentralen Referenzpunkt neoliberalen Denkens. Er ist „für sich selbst sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent, seine eigene Einkommensquelle“ (Foucault 2004b: 314). Diese Verallgemeinerung der ökonomischen Form hat mit Blick auf die Subjekte eine umfassende Analysefunktion, indem Handlungen, individuelles Verhalten und soziale Beziehungen innerhalb eines ökonomischen Wahrheitsregimes beurteilt werden. Individuelles (und staatliches) Handeln wird anhand eines ökonomischen Rasters normalisiert. Diejenigen, die das nicht anerkennen, mögen zwar oft „feinsinnige und kultivierte Menschen“ sein, stehen aber „ein bisschen neben den Realitäten“ (Malik 2001: 79).

Diskursive Ordnung im flexiblen Kapitalismus

In welchen gesellschaftlichen Verhältnissen können solche Regierungsweisen überhaupt wirkmächtig werden? Wie ist bspw. der Zusammenhang zur Transformation der Arbeit? Warum sind neue Technologien der Führung überhaupt relevant? Anders als es in vorliegenden Studien einer neoliberalen Gouvernementalität geschieht,1 sollte m. E. die von Foucault inspirierten Machtanalyse gesellschaftstheoretisch kontextualisiert werden. Hierfür finden sich Anknüpfungspunkte beim Regulationsansatz – einer kritischen und aktualisierten Weiterführung der Marxschen Theorie.2 Strukturelle Bedingungen, ihre institutionellen Formen und Veränderungen werden hier als historisch-spezifisch und umkämpft gefasst.

Der Fordismus als eine historische Form von Arbeitsgesellschaft gerät demnach in den 1960 und 1970er Jahren in eine grundlegende Krise. Das fordistische Fabrikregime wird von den Arbeiterinnen bekämpft und erscheint – z. T. sicherlich auch noch aus anderen Gründen – auch den politisch und ökonomisch Herrschenden zunehmend als unzeitgemäß. Das gegenwärtige, marktzentrierte Produktionsmodell steht insofern auch für eine umkämpfte Neuformierung des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens. Die Kapitalmobilität hat sich zudem, verglichen mit der fordistischen Formation deutlich erhöht. Politische Strategien der Deregulierung ermöglichen es Konzernen, im Rahmen des ‚global sourcing‘ Arbeitskräfte zu vergleichen, vor allem hinsichtlich ihrer Kosten. Ziel ist eine Verbilligung der Ware Arbeitskraft im globalen Wettbewerb der Standorte. Gleichzeitig ändert sich die Arbeitsorganisation z. T. grundlegend. Im Kontext einer flexiblen Produktion, d.h. einer schnellen Anpassung der Produktionsbedingungen an die veränderbaren äußeren Umstände, erlangen Wissen und Subjektivität der Arbeiterinnen eine neue Bedeutung. Wissen meint hier Problemlösungskompetenz und das Schaffen von Innovation. Die Arbeitskraft soll als autonome, anpassungsfähige Wissensträgerin funktionieren. „Veränderung wird zur Routine“ (Klaus Dörre) – die Beweglichkeit der Konzerne spiegelt sich in den Arbeitsverhältnissen.

Der Begriff der Prekarisierung bringt in diesem Zusammenhang eine gesellschaftliche Tendenz auf den Punkt. Er verweist auf die allgemeine Senkung des Niveaus der sozialen Rechte, auf die Ausweitung des Niedriglohnsektors und die Durchsetzung neuer Formen der Lohnarbeit. Neueinstellungen vollziehen sich heute hauptsächlich in ‚atypischen‘ Beschäftigungsverhältnissen, und auch auf Festangestellte wirkt die alltäglich erfahrbare Konkurrenz disziplinierend. Der Markt wird zur dominanten Erfahrung. Die Zone sozialer Unsicherheit weitet sich aus, gleichzeitig zerfällt die Leitfigur der fordistischen Ära: der männliche, unbefristet und vollzeitig erwerbstätige, tariflich entlohnte, sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer.

Die Regierung der Prekarität

Damit sind die Anwendungsbedingungen für das in der Ratgeberliteratur deutlich werdende Macht-Wissen grob skizziert. Ungewissheit und Unsicherheit sind die zentralen Bezugspunkte einer postfordistischen Gouvernementalität. Die Regierung der Prekarität ist aus unterschiedlichen Strategien und Techniken der Aktivierung, der Disziplinierung, der Entrechtung und der Ausbeutung zusammengesetzt. Ihre Technologien und Dispositive zielen auf einen produktiven Umgang mit Risiken, einen Umgang im Sinne der Regierung. Sie bilden dabei kein einheitliches Programm; eine Regierungsweise existiert als ein Nebeneinander verschiedener Macht- und Herrschaftstechniken. Ihre Erfindung ist in den Worten Foucaults nicht zu verstehen als plötzliche Entdeckung. „[s]ondern als eine Vielzahl von oft geringfügigen, verschiedenartigen und verstreuten Prozessen, die sich überschneiden, wiederholen oder nachahmen, sich aufeinander stützen, sich auf verschiedenen Gebieten durchsetzen, miteinander konvergieren – bis sich allmählich die Umrisse einer allgemeinen Methode abzeichnen.“ (Foucault 1977: 177)

Ausgangspunkt ist vielerorts die gezielte Zerstörung bestehender Praxen, Denkweisen und Routinen sowie etablierter Raumund Zeitmuster. Staatlichkeit verändert sich radikal. Mit der wohlfahrtsstaatlichen Periode verbindet die Regierung der Prekarität das Bild der Bevormundung, der Lähmung, Passivität und Bequemlichkeit der Subjekte sowie das in ihrer Sicht falsche Versprechen der Planbarkeit und Langfristigkeit. Ziel der von mir beschriebenen Technologien der Führung ist – darin sind sie mit den Apparaten der Disziplinierung vergleichbar – die „gesteigerte Tauglichkeit“ und die „vertiefte Unterwerfung“ (Foucault 1977: 177). Anders als innerhalb fordistischer Gouvernementalität werden hierbei allerdings individuelle Handlungsspielräume in Arbeitsverhältnissen gerade nicht systematisch beschnitten oder vorgefertigt, sondern im Gegenteil erweitert und freigestellt. Die Autonomie der Beschäftigten wird innerhalb postfordistischer Arbeitsverhältnisse nutzbar gemacht.

Das postfordistische Unternehmen verlangt die Verfügbarkeit heterogener, subjektiver Arbeitsressourcen und gegebenenfalls deren spontane Anpassung. Sie werden reduziert auf ihre Kompatibilität mit den flexiblen, unsteten Arbeitsprozessen des postfordistischen Produktionsmodells. Hier können sie „in jedem Augenblick, gemäß der jeweils vom Standpunkt der Kosten und der Arbeitsgeschwindigkeit für am effizientesten gehaltenen Mix beliebig neu zusammengesetzt werden“. (Revelli 1999: 81)

Zur Wirkung postfordistischer Regierungsweisen

Die Entgrenzung der Arbeit hinsichtlich Zeit, Stress und Intensität ‚begleitet‘ die Nahelegungen der postfordistischen Regierung im Prozess der Selbstkonstitution. Der Druck prekärer Arbeitsverhältnisse plausibilisiert das Diktat der Optimierung, der Flexibilität und des individuellen Erfolgs. Die von mir zitierten Beispiele sind insofern Handbücher für den in der Sicht des Gouvernements vernünftigen Umgang mit gestiegenen Anforderungen und Konkurrenz. Nur vor dem Hintergrund prekärer Lebens- und Arbeitsverhältnisse kann diese Rationalität überhaupt gesellschaftlich relevant werden.

Die Zumutungen einer postfordistischen Gouvernementalität dürfen wiederum nicht mit ihrer Erfüllung verwechselt werden. Sie bilden Nahelegungen, die Prämissen subjektiver Handlungen werden können. Diese Programme schaffen keine Wirklichkeit, sind aber durchaus wirkmächtig. Sie sind nicht auf Spezialdiskurse mit geringer Reichweite beschränkt, sondern m. E. weit verbreitet im Alltagswissen. Die hier nur grob umrissenen Machttechnologien wirken auf Subjekte, indem sie Fragen nahelegen und anstacheln, indem sie durch Kollektivsymbole Anknüpfungspunkte für eine subjektive Normalisierung liefern, indem sie Ängste der Denormalisierung schüren. (Vgl. Link 2009: 351ff.) Das Spektrum möglicher subjektiver Positionierungen wird durch postfordistische Regierungsweisen (durchaus strategisch) eingegrenzt, beschränkt, bearbeitet. Sie dienen als umkämpfte Praktiken der Transformation der diskursiven Ordnung der Gesellschaft, disqualifizieren bspw. kollektive Auseinandersetzungen der Gewerkschaften, fordern und fördern das unternehmerische Selbst. Sie stehen demnach für den machtvermittelten Versuch der Institutionalisierung eines neuen gesellschaftlichen Wahrheitsregimes in Bezug auf Arbeitsverhältnisse, eines neuen „Arbeiter- und Menschentypus“ (Gramsci).

Literatur

Brand, Ulrich / Raza, Werner 2003: Fit für den Postfordismus?: Theoretisch-politische Perspektiven des Regulationsansatzes, Münster

Bröckling, Ulrich 2007: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt a. M.

Foucault, Michel 1977: Überwachen und strafen: Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt a. M.

Foucault, Michel 2004a: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung. Geschichte der Gouvernementalität 1, Frankfurt a. M.

Foucault, Michel 2004b: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität 2, Frankfurt a. M.

Hirsch, Joachim 2002: Herrschaft, Hegemonie und politische Alternativen, Hamburg

Link, Jürgen 2009: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird, Göttingen

Malik, Fredmund 2001: Führen, Leisten, Lebens. Wirksames Management für eine neue Zeit, München

Revelli, Marco 1999: Die gesellschaftliche Linke. Jenseits der Zivilisation der Arbeit, Münster

Strauss, Nicolette 2003: Die andere Ich AG – Führen sie sich selbst wie ein erfolgreiches Unternehmen, Frankfurt a. M.

 

 

  1. Vgl. exemplarisch Bröckling 2007. []
  2. Vgl. z.B. Hirsch 2002 und Brand / Raza 2003. []

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