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Nicht unbedingt immer akademisch und hochgestochen

 

Eine Rezension von Marco Zeier. Erschienen in DISS-Journal 18 (2009)

Die Kritische Diskursanalyse (KDA) ist in den vergangenen Jahren zu einer zunehmend beliebten Methode geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschung geworden. Doch wie kritisch ist Diskursanalyse wirklich und woher nimmt sie deren Begründungen? Ein von Siegfried Jäger herausgegebener Sammelband, der im Rahmen des 20. wissenschaftlichen Colloquiums des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) entstand, sucht nach Ans ätzen einer radikaleren kritischen Wissenschaft. Er enthält in seinem ersten Teil die Vorträge von Siegfried Jäger, Gabriel Kuhn, Jürgen Link, Franz Januschek und ein Interview mit dem Historiker Ulrich Brieler. Im Zentrum stehen unterschiedliche theoretische Aspekte und Zugänge diskursanalytischer Methoden für die kritische Analyse gesellschaftlicher Missstände. Als Motto ist ihm der Satz Foucaults vorangestellt: „Veränderung kann nur in der freien und dennoch ständig bewegten Luft einer permanenten Kritik erfolgen.“

Im zweiten Teil werden einzelne diskursanalytisch orientierte Projekte zu den Themen Migration, EU-Beitritt der Türkei, Verhältnis von Islam und Islamismus und der Beschäftigungspolitik der EU vorgestellt und diskutiert. Vassilis Tsianos und Serhat Karakayali konfrontieren Foucault mit Marx auf der Insel Lesbos, Ferda Ataman analysiert die Diskursverschränkungen der deutschen Integrationsdebatte mit der Diskussion über einen EU-Beitritt der Türkei. Ihre Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass das Bild, welches Deutsche von türkeistämmigen Migrantinnen haben, übertragbar auf alle muslimischen Migrantinnen ist und dass die Vorurteile gegen- über Fremden im Denken vieler Deutscher tief verankert sind. Carolin Ködel befragt eine 30-jährige ägyptische Muslimin und kommt dabei zu erstaunlichen Ergebnissen. Claudia Zuser meint, die Festung Europa werde in Afrika ausgebaut und Markus Wrbouschek widmet sich der europäischen Arbeitsmarktpolitik. Er sieht in der Lissabon-Strategie eine gradlinige Ausrichtung migrantischen und nicht-migrantischen menschlichen Lebens an rein marktökonomischen ‚Erfordernissen’.

Im dritten Teil werden aktuelle Kooperationsprojekte des DISS und des Salomon Ludwig Steinheim- Instituts für deutsch-jüdische Geschichte vorgestellt: Jobst Paul berichtet über das Editionsprojekt zur jüdischen Publizistik des 19. Jahrhunderts, bei dem es nicht um Antisemitismus, sondern um den kritisch-visionären Blick deutsch-jüdischer Intellektueller auf die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland geht. Martin Dietzsch und Regina Wamper legen erste und höchst aufschlussreiche Ergebnisse eines weiteren Projektes vor, das sich mit dem Bild von Juden in aktuellen rechts-christlichen und extrem rechten Publikationen befasst.

Die die Vorträge begleitenden, teilweise durchaus kontroversen Diskussionen geben interessante Einblicke in die Wirklichkeiten engagierter Wissenschaft, die ja nicht unbedingt immer akademisch und hochgestochen einherkommen muss. Für an Diskursanalyse interessierte Wissenschaftlerinnen stellt das Buch so insgesamt auch einen Einstieg in Methodik, Praxis und Problematik diskursanalytischer Forschung dar.

Siegfried Jäger (Hg.)
Wie kritisch ist die Kritische Diskursanalyse?
Ansätze zu einer Wende kritischer Wissenschaft
2008 Münster: Unrast Verlag Edition DISS Bd. 20
ISBN: 978-3-89771-749-7
266 S., 24 €

 

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