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Brüche und Kontinuitäten von Antisemitismus

 

Eine diskursanalytische Perspektive. Von Regina Wamper und Jens Zimmermann. Erschienen in DISS-Journal 17 (2008)

Auch innerhalb der historischen und aktuellen Antisemitismusforschung wird in jüngerer Zeit zunehmend diskursanalytisch gearbeitet. Dies ist auch deshalb begrüßenswert, weil eine diskurstheoretische Perspektive einen Beitrag dazu leisten kann, offene Forschungsfragen der Antisemitismusforschung anzugehen. Diskursanalyse arbeitet auf der Ebene der Erfassung soziokultureller Wissensbestände. In Bezug auf „Judenbilder“ ist so möglich, die spezifischen Strukturen und heterogenen kognitiven Muster in ihrer historischen und gesellschaftlichen Genese nachzuzeichnen und sie in ihrem Kontext zu erfassen, der ihre Bedeutung wesentlich konstituiert. Im Folgenden soll daher skizzenhaft eine solche Perspektive in Bezug auf die innerhalb der Forschung diskutierten (Dis-)Kontinuitäten des Antisemitismus eingebracht werden.

Diese Frage hängt eng mit der Debatte um einen „Neuen Antisemitismus“ zusammen. So wie aktuell über eine grundlegende Veränderung antisemitischer Diskurse debattiertt wird, ist sich die Antisemitismusforschung auch wenn es um den Übergang von Antijudaismus zu modernem Antisemitismus geht, keineswegs einig (vgl. etwa: Claussen 1994, Volkov 1990, Bergmann 2004). Von Bedeutung ist dabei, dass innerhalb antisemitischer Diskurse dieser Übergang häufig als ein eklatanter Bruch beschrieben wird, um sich durch eine (scheinbare) Abgrenzung vom allenthalben diskreditierten Rasse- Antisemitismus auf die ‚reine Form‘ eines christlichen Antijudaismus beziehen zu können.

Betrachten wir die Frage von Kontinuität und Bruch von Antisemitismus aus diskurstheoretischer Sicht, stellt sie sich nicht alternativ. Bei einer Annahme der Kontinuität kann nicht ein substantialistischer Wesenskern des Antisemitismus gemeint sein, der ewig identisch bleibe. Auch gilt es nicht, einen reinen Ursprung, einen Entstehungsort, einen Kern des Vorurteils zu entdecken. Foucault meint in einer Auseinandersetzung mit den Thesen Nietzsches zu der Frage nach dem Ursprung:

„Warum lehnt der Genealoge Nietzsche es zumindest bei bestimmten Gelegenheiten ab, nach dem Ursprung zu suchen? Weil es bei solch einer Suche in erster Linie darum geht, das Wesen der Sache zu erfassen, ihre reinste Möglichkeit, ihre in sich gekehrte Identität, ihre unveränderliche, allem Äußerlichen, Zufälligen, Späteren vorausgehende Form. Wer solch einen Ursprung sucht, der will finden, ‚was bereits war‘, das ‚Eigentliche‘ eines mit sich selbst übereinstimmenden Bildes […] Aber was erfährt der Genealoge, wenn er aufmerksam auf die Geschichte hört, statt der Metaphysik zu glauben? Dass es hinter den Dingen ‚etwas ganz anderes‘ gibt […] das Geheimnis, dass sie gar kein Wesen haben oder dass ihr Wesen Stück für Stück aus Figuren konstruiert wurde, die ihnen fremd waren. […] Ausdrücke wie Entstehung oder Herkunft bezeichnen den eigentümlichen Gegenstand der Genealogie besser als Ursprung. Diese Art Ursprung ist keine auf Ähnlichkeit basierende Kategorie, sondern gestattet es, die verschiedenen Merkmale auszubreiten und zu sortieren“ (Foucault, 1971, 168-172).

An anderer Stelle schreibt er dementsprechend:

„Man braucht nicht mehr diesen Punkt absoluten Ursprungs oder totaler Revolution zu suchen […]. Man hat es mit Ereignissen verschiedener Typen und Ebenen zu tun, die in verschiedenen historischen Verknüpfungen festgehalten werden; eine Aussagehomogenität, die eingeführt wird, impliziert in keiner Weise, dass es künftig und für Jahrzehnte oder Jahrhunderte die Menschen dasselbe sagen und denken werden“ (Foucault 1981, 208f.).

Der Begriff der Kontinuität stellt also statt der Suche nach einem Ursprung und nach einer Wesenhaftigkeit die Regelmäßigkeit performativer Aussagen in den Vordergrund. Diese zeigen sich gerade auf motivischer Ebene, in den Verbindungen zwischen den Bildern, in den Rückgriffen auf Vorheriges und den neuen inhaltlichen Bestimmungen tradierter Stereotype. „Jede Aussage ist Träger einer gewissen Regelmäßigkeit und kann davon nicht getrennt werden“ (Foucault 1981, 206). Es geht darum, trotz der Änderung von Aussagebedingungen, trotz des Wandels gesellschaftlicher Kontexte, „trotz dieser Heterogenität hier und da eine gewisse Aussageregelmäßigkeit zu erkennen“ (Foucault 1981, 208).

Das Aufzeigen der Kontinuitäten im Antisemitismus soll also nicht die Brüche, die Diskontinuitäten ausschließen oder gar negieren. Zweifellos gibt es keine ungebrochene Linie, keinen zwangsläufigen Lauf der Geschichte, keine kausale Kontinuität. Die Annahme einer zwingenden kausalen Kontinuität jedoch würde die Veränderung historischer Kontexte, in denen sich Diskurse bewegen negieren und

„ein geordnetes Ablaufen von Ereignissen auf einer lineare[n] Zeitachse [unterstellen] […]. Ereignisse außerhalb dieser Ketten sind [mit dieser Geschichtsauffassung] ebenso wenig denkbar wie Brüche, Sprünge oder Reversibilitäten innerhalb raum-zeitlicher Entwicklungen“ (Kuhn 2005, 34).

Wenn wir also die Genese des Antisemitismus betrachten, können wir nicht von einer ewigen Wiederkehr des Gleichen ausgehen, von einer unbrechbaren Tradition, von einem ewigen Antisemitismus, sondern von einer Fülle von diskursiven Ereignissen, allerdings innerhalb einer Aussagenformation.

„Besonders zu beachten sind die […] so genannten Mikro- bzw. Makroereignisse. Die kleinen Ereignisse bevölkern als differentielle, diskontinuierliche, aleatorische und unpersönliche Ereignisse das historische Unbewusste […], markieren Übergänge oder genetische Modifikationen von Machtbeziehungen, die noch nicht in einem etablierten Diskurs repräsentiert sind. […] Die großen oder radikalen Ereignisse stehen dagegen für epistemologische Brüche […]. Zwischen den beiden Ereignisordnungen liegen nicht wesentliche, sondern graduelle Unterschiede: es ist durchaus möglich, dass kleine Ereignisse große Wirkungen zeitigen, sofern sie allmählich eine Umgruppierung der Kräfte innerhalb eines Kräfteverhältnisses bewirken“ (Rölli 2004, 25f).

So wie wir von einer Kontinuität antisemitischer Diskurse, Haltungen und Maßnahmen ausgehen können, müssen wir somit ebenso von Brüchen und Diskontinuitäten, von Singularitäten, Kämpfen und Gegendiskursen sprechen. Gerade die diskursanalytische Perspektive, die Antisemitismus auf der kognitiven Ebene nicht nur als konsistentes System beschreiben kann, sondern auch die Virulenz einzelner Ideologeme erfasst, ist in der Lage die Binarität von Bruch und Kontinuität zu überwinden und so das ungehemmte Fortleben einzelner antisemitischer Stereotype in ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext aufzuzeigen. Als mikroanalytischer Seismograph registriert sie Antisemitismus in seiner kleinsten Transformation. Vor allem aber geht es darum, und da setzt die Kritische Diskursanalyse ein, antisemitisches Wissen, antisemitische Bilder und ihre diskursive Einbettung einer Kritik zuzuführen und so einer Essentialisierung dieser diskursiv erzeugten Bilder entgegenzuwirken, mehr noch: diese Bilder zu dekonstruieren.

Literatur

Bergmann, Werner 2004: Geschichte des Antisemitismus, München: Ch. Beck

Claussen, Detlev 1994: Grenzen der Aufklärung – Die gesellschaftliche Genese des modernen Anitsemitismus, Frankfurt/M.: Fischer

Foucault, Michel, 1971: Nietzsche, die Genealogie, die Historie. in: Daniel Defert und Francois Ewald (Hg.), 2002: Michel

Foucault: Schriften in vier Bänden. Dits et Ecrits. Bd. 2: 1970-1975. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 166-191

Foucault, Michel 1981: Archäologie des Wissens, Frankfurt/M.: Suhrkamp

Kuhn, Gabriel 2005: Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden. Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus, Münster: Unrast

Rölli, Marc 2004: Einleitung: Ereignis auf Französisch, in: Rölli, Marc. (Hg.): Ereignis auf Französisch: Von Bergson bis Deleuze. München: Wilhelm Fink, 7- 42

Volkov, Shulamit 1990: Das geschriebene und das gesprochene Wort. Über Kontinuität und Diskontinuität im deutschen Antisemitismus, in: Volkov, Shulamit: Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert, München: Ch. Beck

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