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Überraschende Einsichten

 

Eine Rezension von Siegfried Jäger. Erschienen in DISS-Journal 14 (2005)

Eigentlich sind die vier dicken Bände der kleinen Schriften Foucaults wegen ihrer Fülle von Texten (Interviews, Besprechungen, Essays, Interventionen) kaum zu besprechen, und das soll hier auch gar nicht erst versucht werden. Soviel sei gesagt, dass sie selbst für Kenner des Foucaultschen Oeuvres eine Fülle von oft völlig überraschenden Einsichten enthalten, die das Denksystem des französischen Philosophen nicht nur abrunden, sondern in manchen Punkten auch zu erweitern geeignet sind.

So dürfte manche(n) der folgende lapidare Satz aus dem vierten Band „Alle diejenigen, die sagen, dass es für mich die Wahrheit nicht gibt, sind Geister, die es sich zu einfach machen.“ (S. 825) nicht nur überraschen, sondern vielleicht auch entsetzen, denn er scheint die einleuchtende Einsicht Foucaults, dass es immer nur jeweils gültige Wahrheiten gebe, völlig auf den Kopf zu stellen.

Ähnlich aufregend dürfte es sein, wenn er schreibt: „Ich bin weder ein Gegner noch ein Parteigänger des Marxismus; ich frage nach dem, was er zu den Erfahrungen, die ihm Fragen stellen, zu sagen hat.“ (S. 729).

Dass es Foucault letztlich um Ethik geht und er auf der Suche nach einer Ethik ist, die die Linke dringend benötigt, lässt sich dem folgenden Ausspruch entnehmen:

„(D)ie meisten von uns glauben (nicht), dass eine Moral auf der Religion gegründet sein könnte, und wir kein Rechtssystem wollen, das in unser moralisches, persönliches und intimes Leben eingreift. Die jüngsten Befreiungsbewegungen leiden darunter, kein Prinzip zu finden, auf dem sich die Ausarbeitung einer neuen Moral begründen ließe. Sie haben Bedürfnis nach einer Moral, aber sie schaffen es nicht, eine andere Moral zu finden als diejenige, die sich auf einer angeblichen wissenschaftlichen Erkenntnis dessen gründet, was das Ich, das Begehren, das Unbewusste usw. ist.“ (S. 750)

Auch hat für ihn das Leben aus einem ganz bestimmten Grund ein Kunstwerk zu sein: „Dass das Leben, weil es sterblich ist, ein Kunstwerk zu sein hat, ist ein bemerkenswertes Thema.“ (S. 755) Und weiter:

„Was mich erstaunt, ist, dass in unserer Gesellschaft die Kunst nur noch eine Beziehung mit den Objekten und nicht mit den Individuen oder mit dem Leben hat, und auch, dass die Kunst ein spezialisierter Bereich von Experten, nämlich den Künstlern. Aber könnte nicht das Leben eines jeden Individuums ein Kunstwerk sein? Warum sind ein Gemälde oder ein Haus Kunstobjekte, aber nicht unser Leben?“ (S. 757f.)

So ein Satz könnte bei Joseph Beuys abgeschrieben sein, ist es aber wohl nicht. Aufreizend auch: „Das Subjekt wird nicht nur im Spiel der Symbole konstituiert.“ (S. 773) So könnte man fortfahren. Doch als Einladung zum Lesen müssen diese Zitate genügen.

 

Michel Foucault
Dits et Ecrits. Schriften
Vierter Band 1980-1988
hg. von Daniel Defert und Francois Ewald
unter Mitarbeit von Jacques Lagrange
2005 Frankfurt/M.: Suhrkamp
1136 Seiten, 52 €

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