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Einwanderung und Integration

 

Ergebnisse einer Untersuchung des Alltagsdiskurses: Sich integriert fühlen und „integriert sein“ ist nicht dasselbe. Von Iris Bünger. Erschienen in: VIA-Sonderausgabe „Jugend für Toleranz“, Duisburg 2001.

Anläßlich der vierzigjährigen Einwanderungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland möchte ich Ihnen im folgenden die Ergebnisse einer Untersuchung zum Thema Einwanderung mit dem Fokus auf der Frage nach Integration bzw. nach Integrationshemmnissen im Hinblick auf Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland präsentieren, die im Februar dieses Jahres in Kooperation des Verbandes für Interkulturelle Arbeit (VIA) und des Duisburger Institutes für Sprach- und Sozialforschung (DISS) abgeschlossen wurde.

Der Themenkomplex Einwanderung ist in Deutschland ja im Frühsommer 2000 mit Entfachen der Green-Card-Debatte durch Politik und Medien in den Blickwinkel der Öffentlichkeit gerückt worden – und zwar in einer Art und Weise, dass man annehmen könnte, es ginge um eine ganz neue Problematik. Es ist jedoch so, dass diese Thematik in den vergangenen Jahren genauso gegenwärtig war, wie heute, nur wurde sie nicht entsprechend diskursiviert. Die Diskussion um die Green-Card, um die erwünschte Einwanderung auf Zeit mit dem Ziel, Deutschland über wirtschafts- und berufspolitische Defizite hinwegzuhelfen hat sicherlich dazu beigetragen, dieses Thema verstärkt in die öffentliche Diskussion einzubringen. Das DISS beschäftigt sich seit nunmehr 13 Jahren u.a. mit dem Themenkomplex Einwanderung, insbesondere mit der Erforschung von Rassismus im Alltagsdiskurs.

Obwohl Deutschland sich nicht als Einwanderungsland definiert, hat Einwanderung nach Deutschland in großem Umfang stattgefunden. Heute leben etwa 7,3 Mio. Einwanderer in der dritten und vierten Generation hier, sie machen ca. 9% der Gesamtbevölkerung aus. Diese Situation stellt die einheimische, die eingewanderte und einwandernde Bevölkerung vor die Herausforderung, Mittel und Wege zu finden auf friedliche und für alle Beteiligten positive Weise zusammenzuleben. Vor Herausforderungen, die nach dem Terroranschlag auf das World-Trade-Center und das Pentagon in New York und Washington eine neue Qualität erfahren. Denn bereits in den ersten Tagen nach dem Desaster zeichnete sich eine verstärkte Polarisierung der christlichen und islamischen Welt, des Westens und des Restes, des „Wir“ und „die Anderen“ ab, eine Polarisierung, die rechten Ideologien den Weg ebnet, wie das Ergebnis der Bürgerschaftswahl in Hamburg am 23.09.01 mit dem hohen Stimmenanteil von 17,2% für die „Rechtsstaatliche Offensive des Amtsrichters Schill zeigt. Es kann nicht zugelassen werden, dass durch diesen Terroranschlag Erfolge und Bestrebungen eines multikulturellen Zusammenlebens in Deutschland infrage gestellt oder gar bedroht werden. Diese Herausforderung anzunehmen und ins Positive zu wenden, ist unsere gemeinsame Aufgabe der Gegenwart und Zukunft.

Grundlagen der Untersuchung

Im Rahmen eines Dreiländer-Projektes – an der Untersuchung waren auch Griechenland und Italien beteiligt – haben wir für Deutschland versucht,

  •       die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration zu erfassen
  •       die Ursachen für Integrationshemmnisse aufzuzeigen und
  •       die Defizite staatlicher Integrationsmaßnahmen zu erkennen.

Ausgehend von der Annahme, dass Integration keine Bringeschuld der Einwanderer ist, sondern „dialogisch“ vonstatten zu gehen hat, wurden die Ursachen für Integrationshemmnisse bereits im Vorfeld der Untersuchung auf Seiten der Einwanderer und auf deutscher Seite vermutet. Es sollte nicht darum gehen, ausschließlich „Probleme“ bei Einwanderern festzumachen, sondern den problemverursachenden Anteil der Deutschen zu beleuchten. In dieser Hinsicht kann das DISS für die Bundesrepublik auf eine Reihe bereits durchgeführter Untersuchungen zurückgreifen, die den politisch-institutionellen, den medialen und den Alltagsdiskurs betreffen.

Methode

Zunächst soll kurz die angewendete Methode der Untersuchung skizziert werden. Es handelt sich um eine qualitative diskursanalytische Untersuchung von 6 Tiefeninterview auf der Grundlage einer quantitativen Voruntersuchung. Da Einwanderung nach Deutschland in der Hauptsache Einwanderung aus der Türkei bedeutet, fand bewusst eine Konzentration auf diesen Personenkreis statt.

Zur quantitativen Voruntersuchung wurde ein Fragebogen erarbeitet, der folgende Themenkomplexe berührt:

  1. Alter
  2. Angaben zur Person
  3. Angaben zum Aufenthalt
  4. Angaben zur Ausbildung
  5. Angaben zu Beruflichem
  6. Angaben zu Landeskenntnissen
  7. Angaben zur Wohnsituation
  8. Angaben zu Sprachkenntnissen
  9. Angaben zu sozialen Kontakten und Aktivitäten

Aufgrund gängiger soziologischer Kriterien wurde ein Schema entwickelt, welches ermöglichte, die Beantwortung der Fragen drei groben Kategorien in bezug auf Integration zuzuordnen:

  1. Tendenziell integriert
  2. Tendenziell Integration unsicher
  3. Tendenziell nicht integriert

Diese grobe Schematisierung war notwendig, um einen Ausgangspunkt für die Auswahl der Interviewpartner für die Tiefeninterviews zu finden, wobei besonders die Fragenkomplexe um Aufenthaltsdauer, Sprache, soziale Kontakte und Wohnzufriedenheit berücksichtigt wurden.

Sechs Interviewpartner – 3 Frauen und 3 Männer – wurden nun aufgrund ihres Geschlechtes und der möglichen Zuordnung zu den drei Integrationsgruppen zu nicht-standardisierten Interviews, sog. Tiefeninterviews, ausgewählt. Die Formulierung „Tiefeninterview“ ist hier nicht in einem psychoanalytischen Sinn gemeint; folgender Sachverhalt soll damit angedeutet werden: Gerade bei heiklen Themen ist davon auszugehen, dass die Sachverhalte mehr oder minder verdeckt dargestellt werden. Dazu bedienen sich die Interviewten sprachlicher und nicht-sprachlicher Strategien, die ihnen oft selbst nicht bewusst sind. Es musste daher ein Verfahren gefunden werden, welches „hinter“ das Material geht, um das zugrunde liegende Denken erkennen zu können, d.h. die sprachlichen Strategien und Tricks analysieren zu können. Zu diesem Zweck wurden Implikate herausgearbeitet, Bildassoziationen erkannt, Redewendungen erfasst und die Bedeutungsfelder festgestellt, die die verwendeten Kollektivsymbole und Redewendungen der Interviewten speisen. Die Interviews fanden in Form des freien Interviews statt, d. h. es wurden Redeimpulse gegeben. Geredet wurde über:

  •       Biographie – Erfahrungen
  •       Ausbildung und Beruf – Erfahrungen und Perspektiven
  •       Mobilität und Landeskenntnisse
  •       Umfeld und Wohnung
  •       Sprache
  •       Freizeitverhalten
  •       Deutschlandbild, Eigenbild – Konflikte und Perspektiven

Die Interviewsituation wurde vom Interviewten ausgewählt, die Interviews dauerten je etwa eine Stunde. Jedes Interview wurde dann in einem festgelegten Verfahren transkribiert, d. h. verschriftlicht. Türkisch gesprochene Passagen wurden von der stets mitanwesenden Dolmetscherin ins Deutsche übertragen.

Das so aufbereitete Material wurde dann einer dezidierten Diskursanalyse unterzogen. Um das Verfahren der Diskursanalyse zu erklären, sind in aller Kürze einige theoretische Vorbemerkungen notwendig.

Die Diskursanalyse nach dem von Siegfried Jäger entwickelten Duisburger Ansatz versteht Diskurs „als Fluss von Wissen oder sozialen Wissenvorräten durch die Zeit“. Er beginnt in der Vergangenheit, transformiert sich in der Gegenwart zu dem, was in die Zukunft weiterfließt.

Der Diskurs lässt sich analytisch thematisch auffächern in bestimmte Diskursstränge, die dann jeweils in verschiedenen Diskursebenen aufzufinden sind. Ein Diskursstrang ist sozusagen ein thematischer Ausschnitt eines gesamtgesellschaftlichen Diskurses. Unter Diskursebenen sind gesellschaftliche Orte zu verstehen, von denen aus der Diskurs Wirkung entfaltet. In dieser Untersuchung wurde der Diskursstrang ‚Einwanderung‘ auf der Diskursebene ‚Alltagsdiskurs‘ in Abgrenzung zu Untersuchungen des Medien-, Wissenschafts- oder Politikdiskurses verfolgt, wobei die Diskursebenen jedoch als miteinander verknüpft anzusehen sind, da sie sich gegenseitig speisen (vgl. Jäger, S.: 1991, 1993, 1996, 1999).

Es wurde analysiert, was von den Einwanderern zu diesem bestimmten Zeitpunkt des Interviews in welcher Art und Weise sagbar war. Diese Methode bezieht sich zum einen auf die Tätigkeitstheorie von A.N. Leontjew – der Mensch als das handelnde Subjekt arbeitet an dem, was Diskurs ist. Texte und Äußerungen werden von denkend-tätigen Menschen produziert. Der untersuchte Text – hier: das Interview wird als Diskursfragment begriffen, als Teil des Gesamtdiskurses in den der Mensch verstrickt ist (vgl. Leontjew: 1982, 1984).

Vor allem kommt in diesem Ansatz die Theorie des französischen Philosophen Michel Foucault zum Tragen, insbesondere in ihrer Rezeption durch den Literatur- und Diskurswissenschaftler Jürgen Link. Foucault folgend sind Diskurse mit Macht ausgestattet und somit gesellschaftbestimmend – der Diskurs wird als gesellschaftliche und Gesellschaft bewegende Macht gesehen. Die Erfassung und Analyse des Diskurses um Einwanderung mit dem Fokus auf Integration lässt somit Rückschlüsse auf die Machtstrukturen, die unsere Gesellschaft bestimmen, zu. (vgl. Foucault: 1988, 1992, 1996). Dazu muss kein großes Corpus untersucht werden, bereits wenige Interviews lassen das Sagbarkeitsfeld, welches sich erstaunlich schnell als beschränkt erweist, erfassen.

Jürgen Link steuert mit der Theorie der Kollektivsymbolik der Diskurstheorie ein Element bei, welches äußerst wichtig für die Diskursanalyse ist. Unter „Kollektivsymbolik“ versteht Link „… die Gesamtheit der sogenannten „Bildlichkeit“ einer Kultur…“. Es handelt sich also bei dem Vorrat an Kollektivsymbolen, die alle Mitglieder einer Gesellschaft kennen, um ein Repertoire an Bildern, mit dem wir uns ein Gesamtbild von der gesellschaftlichen Wirklichkeit bzw. der politischen Landschaft der Gesellschaft machen, wie wir sie deuten und auch – insbesondere durch die Medien – gedeutet bekommen. Diese Kollektivsymbole bilden ein System, welches als „Kitt der Gesellschaft“ bezeichnet werden kann. (vgl. Link: 1982, Becker et al.: 1997, Drews et al.: 1985). Die Entschlüsselung der Kollektivsymbolik bildet ein Kernstück der durchgeführten Analysen. Die Verwendung von oder die Bezugnahme auf Kollektivsymbolik durch Einwanderer kann als Integrationsmerkmal gewertet werden.

Diskursanalyse

Folgendes Analyseschema wurde für jedes der 6 Tiefeninterviews zugrundegelegt:

  1. Vorbemerkungen
  2. Im Interview angesprochene Themen – Einteilung in Sinneinheiten
  3. Situation des/der Interviewten versus Situation anderer Einwanderer
  4. Aussagen zu Integration versus Desintegration: Einschätzung der eigenen Integration sowie Aussagen zu Integration im allgemeinen
  5. Zukunftsbild / Ansprüche
  6. Kollektivsymbolik und Bildlichkeit
  7. Argumentationsstrategien
  8. Zusammenfassende Interpretation der Analyseergebnisse

Innerhalb der einzelnen Betrachtungsebenen wurden jeweils Positiv- und Negativaussagen aufgezeigt und einander gegenübergestellt. In Zusammenhang mit den verwendeten Argumentationsstrategien erfolgte unter Berücksichtigung der Kollektivsymbolik eine kritische Analyse der Interviewaussagen.

Die Schwierigkeiten im Zusammenleben von Deutschen und Einwanderern, die bei den Interviews konkret wurden, zeigen folgende Aspekte:

  1. Sprache
  2. Bildung und Beruf
  3. Soziale Kontakte
  4. Umfeld und Wohnung
  5. Religion
  6. Wahlrecht
  7. Vorurteile und Diskriminierungen

Bevor diese Aspekte nun näher beleuchtet werden, möchte im folgenden einige weiterführende Gesichtspunkte aus zwei der geführten Interviews aufgreifen und diskutieren, da sie in besondere Weise Aufschluss über das „Konzept Integration“ geben.

1.      Auszüge aus dem ersten Interview

Die Interviewte besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit und ist in Duisburg geboren. Sie wurde als ‚tendenziell integriert‘ eingestuft, studiert in Duisburg und Essen und lebt bei ihren Eltern und Geschwistern.

Sie diskutiert verwendete Kollektivsymbole, die andere Personen benutzten, um die Lebenssituation von Einwanderern zu beschreiben, z. B. „Zwischen zwei Stühlen sitzen“.

Das Bild „zwischen zwei Stühlen sitzen“ wird von ihr durch ein Zitat eines Professors aufgerufen, der in einem Seminar über Integration spricht. Sie argumentiert auf der Grundlage ihrer persönlichen Verortung heftig gegen diese Einschätzung zur Lebenssituation von Einwanderern. Das Bild transportiert eine unbequeme Situation, in der keine Entscheidung (für den einen oder den anderen Stuhl) getroffen wird, was für die Betroffene/n zu einer misslichen Lage führt. Mit den beiden Stühlen sind in diesem Fall die beiden Kulturen – die Türkei und Deutschland – gemeint. Der Professor hat in einem Seminar die Meinung geäußert, viele Türken, auch der 3. und 4. Generation, wollten eigentlich in die Türkei zurücksiedeln. In diesem Zusammenhang gebrauchte er das zitierte Kollektivsymbol – „man müsse sich für einen Stuhl entscheiden“. (Z. 102 – 110).

Die Interviewte reagiert empört:

„Wie soll man sich für einen Stuhl entscheiden? Wenn alles dazu gehört, also, ich mein, man kann jetzt nicht sagen, ich bin Deutsche und wirft alles andere weg, man kann aber auch nicht sagen, ich bin Türkin und ich bleib jetzt dabei und ignoriert alles, was hier ist, geht ja nich, es gehört beides zu allem“. (Z. 112 – 114).

Hier setzt die Interviewte dem trennenden Bild von zwei Stühlen, von zwei geschlossenen, stabilisierten und Bequemlichkeit (guten Sitz) gebenden Möbelstücken als Symbole für zwei Kulturen ein homogenisierendes Bild gegenüber. „Beides gehört zu allem“ ruft das Bild etwa eines Sofas auf, welches zwei unterschiedliche Sitzflächen bietet, aber dennoch einen homogenisierten, geschlossenen stabilen Gegenstand darstellt. Sie fühlt sich nicht in der unbequemen Situation zwischen zwei Stühlen und lehnt es ab, sich für einen zu entscheiden.

Das zweite von ihr angesprochene Bild ist „Das volle Boot“ (Z. 386) Damit wird kollektivsymbolisch die Überfüllung Deutschlands mit Einwanderern angezeigt. Auch in diesem Kollektivsymbol wird ein geschlossenes System gezeigt: das Boot, also Deutschland, dem gegenüber ein offenes System steht, eine Weite, eine Bedrohung und Nichteinschätzbarkeit, das Meer, d.h. die „Fluten“ (von Ausländern), die das „Boot Deutschland“ besteigen wollen.

Die Interviewte benutzt dieses Kollektivsymbol als Zitat einer Aussage, die häufig über Deutschland gemacht wird:

„… also Deutschland wird ja als volles Boot gesehen und solche Sachen … „ (Z. 388).

Es geht um die Frage eines Zusammenhangs der aktuellen Diskussion um Einwanderung und Rassismus mit der Green-Card-Debatte. Die Interviewte denkt über den Zusammenhang der Thematik nach und bringt einen widersprüchlichen Erklärungsansatz, indem sie sich einerseits auf die Seite der Deutschen stellt:

„… jedes Mal, wenn es um Ausländer geht, dann rollt man wieder alles auf. Hier Nationalsozialismus und Rassismus und alles mögliche und, ich mein, ich würd mich auch total unwohl fühlen, wenn ich, also, wenn ich deutscher Herkunft wäre und ich brauch nur etwas zu sagen und schon werd‘ ich als Rassist abgestempelt…“.

Auf der anderen Seite zeigt der mögliche Zusammenhang der Thematik für sie die Nichtakzeptanz von Einwandern:

„Aber, äh, wenn wir nicht akzeptiert sind, klar wird dann jeder also jedes mal, wenn irgend jemand jetzt reinkommt oder, äh, ich meine also, nach Deutschland kommt, wird dann halt da drüber debattiert …, und dann wird ja auch immer darüber diskutiert, hier das volle Boot …“ (Z. 374 – 386).

Bei dieser Argumentation übernimmt sie die Position der Einwanderer, überlegt sich aber gleichzeitig, wie ihre Position als Deutsche (die sie ja de facto ist) wäre, wenn es um die Beurteilung von Einwanderung und mögliche Effekte gehe. Dabei macht sie die kollektivsymbolisch geladene Opposition „Innen“ versus „Außen“ (Z. 151- 168; Z. 548 – 550) auf. Sie vermischt beide Positionierung in der Äußerung:

„… wenn irgend jemand jetzt reinkommt…“,  den sie allerdings gleich korrigiert: „… ich meine also nach Deutschland kommt.“

Durch Verwendung der Bezeichnung „reinkommen“ positioniert sie sich selber bereits „drin“, „innen“, also in Deutschland, sie relativiert diese Positionierung aber durch den neutralen Zusatz „also nach Deutschland“. Im gesamten Interview besteht die Tendenz, eine Innenwelt (Deutschland), die geordnet ist einer Außenwelt (Türkei), die chaotisch ist, entgegenzusetzen. Die geordnete deutsche Welt manifestiert sich in der Bausubstanz, vielen Mauern und Beton (Z. 158 – 168), ist industriell aufgebaut, freundlich (was in einem gewissen Widerspruch steht) und vermittelt Sicherheit (Z. 549 – 550). Die chaotische türkische Welt besitzt ein anderes Klima, es ist wärmer, deshalb sich viele Sachen nicht ausgebaut und stürzen, z. B. bei Erdbeben ein (Z. 158 – 162). Eine geordnete, sichere Industrielandschaft steht einer ungeordneten, unsicheren Naturlandschaft gegenüber, wobei die Interviewte Deutschland bevorzugt:

„viele Mauern und ganz viel Beton (Lachen) und wenig Grün, ja das aber, mich stört das nicht besonders (Lachen)“ (Z. 167- 168).

Die Analyse dieser Bildlichkeiten bzw. Kollektivsymbole verweist auf eine Identität der Interviewten, die sich beiden Kulturen zugehörig fühlt. Diesem Sachverhalt sollte bei der Diskussion um Integration Rechnung getragen werden: es gibt in bezug auf Einwanderung nicht getrennte Stühle, sondern Zweisitzer und dort „sitzt“ alles.

2. Auszüge aus dem 2. Interview

Das zweite Interview wurde mit einem Mann geführt, der vor ca. 20 Jahren in jugendlichem Alter mit seinem Vater nach Deutschland kam und ebenfalls als „tendenziell integriert“ eingestuft wurde. Die in diesem Interview verwendeten Bildlichkeiten lassen sich im Bereich der Oppositionen finden.

„Anschluss“ und „Abstand“

Der Interviewte beschreibt Schwierigkeiten, die er hatte, als er jung und erst mal allein mit dem Vater nach Deutschland kam, so:

„… äh, den Anschluss hab ich schwer, äh, erreicht, diesen Anschluss an, an das Leben hier in Deutschland, das war etwas schwierig für mich. Und, äh, über die Schule hab ich dann versucht, äh, den Anschluss bekommen, das hat – wie gesagt – etwas gedauert. Aber den Anschluss hab ich doch geschafft.“ (Z. 85 – 87).

In dieser Aussage wird viermal das Wort ‚Anschluss‘ verwendet. Diese Häufung verweist auf die Wichtigkeit dieses Begriffes für den Sprecher und betont auch das Problem – nur wiederholte Versuche führten zum Anschluss. Und dennoch ist dieser Anschluss nicht durchgängig gelungen.

„Das sind solche Vorurteile, dass hab ich neulich auch erlebt. Also das sind solche Sachen, man, äh, ist trotzdem Ausländer, das is ist, sieht man, also, äh, merkt man. Obwohl ich, wie gesagt innerlich, äh, gar nich mich so empfinde, * das sind solche Schwierigkeiten, aber, gut, Menschen kommen ja nicht so oft, äh, zueinander, näher. Wenn man sich näher kennenlernt, dann denkt man von den Deutschen auch anders, mein ich. Das hab ich auch erfahren. * Das hab ich auch erfahren, aber das geht natürlich nicht, äh, ohne, ohne Abstand, Abstand bleibt doch. Obwohl dieser Abstand kleiner wird, bleibt dieser Abstand doch.“ (Z. 138 – 145).

In der letzten Zeile dieser Aussage wird das Wort Abstand viermal wiederholt und herausgestellt, dass Abstand bleibt. Damit wird relativiert, dass er „den Anschluss geschafft“ hat, denn „Abstand bleibt“. Es entsteht das Bild eines Anschlusses mit Abstand, einer Reise mit Verzögerung oder auch einer Ankopplung (etwa eines Waggons an einen Zug) unter Verwendung von Zwischengliedern.

Der Hauptteil der Verwandtschaft des Interviewten lebt in der Türkei, alle 1 – 2 Jahre fährt er dort hin.

„Ja, nach zwanzig Jahren hat man, hat man, äh, auch den Anschluss da verloren, * ganz wenig Kontakt mit sehr sehr engen Verwandten. * Also, das is, natürlich schwer, wenn man alle, alle 1 – 2 Jahre sieht und, öh, da hat man schon einen gewissen Abstand, beziehungsweise Kälte, doch, das erfährt man. Obwohl man innerlich anders denkt, erfährt man, wenn man da ist tatsächlich, dass es nicht mehr so ist wie früher.“ (Z. 383 – 393).

Nach zwanzig Jahren in Deutschland hat sich die Problematik umgekehrt – nun erfährt er in der Türkei den Mangel an Anschluss, eine gewisse Kälte.

Das ganze Brandbreite seiner Identitätsbildung, die aus zwei Kulturen schöpft, wird deutlich, wenn man eine weitere oppositionelle Bildlichkeit betrachtet, die in den Aussagen des Interviewten angelegt ist.

„Kälte“ und „Wärme“

„… ja, ich hab hier nicht das gefunden, was ich in der Türkei gehabt hab. So, das war etwas, äh, weniger emot (…), äh, emotional, also ich war, äh, ich bin emotionaler Typ. Ich hab, äh, Wärme gesucht, hier war ich auch, äh, damals auch, äh, alleine mit Vater und das hat, äh, als Kind hat man ja, äh, etwas noch Schwierigkeiten (…) erwachsen, äh, zu werden, das ist dann natürlich, hängt mit dem vielen emotionalen Gefühlen zusammen. …“ (Z. 78 – 82).

Als der Interviewte nach Deutschland kam, fehlte ihm die Wärme, die in er in der Türkei hatte. Wenn er heute in die Türkei fährt, erfährt er Kälte. Er empfindet heute zwar vielleicht keine Wärme aber Deutschland, aber durch seine eigene Familie eine Normalität: „… ich lebe in Deutschland gerne …, ich finde das ganz normal jetzt.“ (Z. 89 – 90).

Er beschreibt sich selbst als emotional, gefühlsbetont. Und setzt der Realität von Dingen eine Innenperspektive gegenüber.

„Ja, Vorurteile, äh, erlebt man doch, äh, äh, * obwohl ich mich innerlich hier integriert habe“ (Z. 129). „Obwohl man innerlich anders denkt, erfährt man, wenn man da ist tätsächlich, das es nicht mehr so ist, wie früher.“ (Z. 392 – 393).

Der Gefühlswelt des Interviewten steht die Realität gegenüber, einer „Innenwelt“ eine „Außenwelt“. Sein Leben scheint geteilt in ein emotionales und ein rationales. Auf eine Frage nach kulturellen Unterschieden zwischen Deutschland und der Türkei antwortet er:

„Feiern, äh, äh, erlebt man ja mit der gesamten Umgebung, …, und hier, wenn man – zum Beispiel Weihnachten – feiern die Deutschen auch, aber wenn wir * nicht mitfeiern, dann hat man das Gefühl der Zusammengehörigkeit nich. Das is, äh, unterschiedlich. Äh, in, in der Türkei hab ich das natürlich mitbekommen, wie die alle das gleiche, äh, Gefühl haben, gleiches, äh, Denken zu dem Fest, zu der Veranstaltung, und da hat man natürlich diese, äh, Gefühle. Hier nicht.“ (Z. 153 – 157).

In dieser Aussage wird besonders viel Wert auf „Gefühl“ gelegt, das sich aus „gleichem Denken“ ergibt. Gemeinsames Denken und Fühlen führt zu gemeinsamen Feiern, die es für den Interviewten in Deutschland nicht gibt.

Das Leben in der Türkei ist für ihn ein Leben mit mehr Gefühl:

„… weil ich vielleicht aus der Türkei komme und, äh, Gefühle kenne, da würde ich sagen, da hat man es * ein Leben mit mehr Gefühl. … Und in Deutschland hat man ein angenehmes Lebensweise, aber in der Türkei, obwohl man es schwer hat zu leben, mehr mit Gefühl leben kann.“ (Z. 371 – 375).

Dem gegenüber steht die Ratio des Deutschen „ich finde, äh, deutsche Sender sachlicher und, äh, auch qualitativ besser.“ (Z. 484).

Die emotionale Welt des Interviewten ist in seinem Herkunftsland angesiedelt („Sehnsucht“, „Wärme“, Feiern“), die rationale Welt in Deutschland („Tatsachen“, „Normalität“, „Sachlichkeit“, „Qualität“).

Seine zweiseitige Anbindung an kulturelle Werte wird auch in seiner Einstellung zu Integration deutlich: Integration bedeutet für ihn nicht, so zu werden wie die Deutschen – Unterschiede bleiben. Deutsche und Türken sollen gegenseitig an ihrer Kultur teilhaben, sich nicht stören. Im Vordergrund steht, dass sich alle wohlfühlen.

Synopse

Die Synpose dieser beiden Interviewanalysen von als ‚tendenziell integriert‘ eingestuften Interviewten zeigt, dass sich durch den pluralistischen Effekt, erzeugt durch den Einfluss beider Kulturen – der Türkei und Deutschland – neue Diskurspositionen herausgebildet haben, die neue Möglichkeiten zur Identifikation und zur Persönlichkeitsbildung eröffnen – wie auch von Stuart Hall (vgl. Hall: 1992) beschrieben.

Zusammenfassung und Beurteilung der Gesamtuntersuchung

Die gesamte Diskursanalyse zeigte auf, dass Integrationshemmnisse durch sämtliche sozialen und politischen Ebenen, die das Leben in Deutschland bestimmen, mäandrieren und sich häufig gegenseitig bedingen.

Diese Integrationshemmnisse lassen unter einer Überschrift zusammenfassen: Mangel an Teilhabe.

Hemmnisse im multikulturellen Zusammenleben – Ergebnisse der Diskursanalyse

1.     Kommunikationsprobleme

Als Grundvoraussetzung für ein multikulturelles Zusammenleben zeigte die Analyse die Notwendigkeit der Kommunikationsfähigkeit und das Stattfinden von Kommunikation auf der Alltagsebene. Hierbei kam der Sprachfähigkeit und somit dem Erlernen der deutschen Sprache durch die Einwanderer eine besondere Bedeutung zu. Es wurden allerdings durchaus auch andere Kommunikationskonzepte angesprochen, so wurde im 3. Interview der Wunsch geäußert, Deutsche könnten Türkisch lernen und im 6. Interview eine gemeinsame Sprache in einigen Jahrhunderten angesprochen, die Deutsch oder Englisch sein könnte. Die Einschätzung der Wichtigkeit der gemeinsamen Sprache wurde so hoch angesiedelt, dass in diesem Bereich auch staatliche Interventionen gefordert wurden sowie die Kopplung der Sprachkenntnisse an die Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft (Interview 6).

Zur Ermöglichung des Spracherwerbs wurden qualitativ bessere Kurse zu günstigeren Preisen als notwendig erachtet, die gut erreichbar für die Einwanderer angeboten werden sollten sowie Fernsehprogramme und –sendungen, die den Spracherwerb erleichtern.

Als grundlegendes System, welches auf Kommunikationschwierigkeiten einwirken kann, muss das deutsche Bildungssystem thematisiert werden, welches zu wenig an den Bedarfen der Einwanderer orientiert ist, wodurch keine adäquate Förderung erreicht wird und Einwandererkinder häufig auf Schulen verwiesen werden, die nur mindere Qualifizierungen ermöglichen. Dies ist mit deutlich nachteiligen Auswirkungen auf die spätere berufliche und soziale Situation der betroffenen Einwandererkinder verbunden.

Im Hinblick auf diesem Analyseaspekt sollte eine umfangreiche Einbeziehung der Einwandererkinder bereits von klein auf in die deutsche Sprache und Kultur stattfinden, wie sie schon im Kindergarten und in Vorschulprogrammen erfolgen könnte. Es ist sicherlich notwendig, die Schulklassen so zusammenzusetzen, dass für Deutsche und Einwanderer der größtmögliche Lernerfolg erzielt werden kann, d. h., der Unterricht muss in ethnisch heterogenen Klassen stattfinden. Treffen der Eltern an den Schulen mit Austausch über die verschiedenen Kulturen sowie ein aufklärender Religionsunterricht, der unabhängig von der Religionszugehörigkeit zugänglich sein sollte, könnten zu einem besseren Verständnis im Zusammenleben führen.

Die Sprachprobleme wirken sich auch auf die Probleme am Arbeitsmarkt, die soziale Situation, die Wohnsituation, den Umgang mit Behörden, den Kontakt zu Deutschen aus. Diese Probleme lassen sich unter folgendem Stichwort fassen:

2.     Interaktionsprobleme

Teilweise bedingt durch Sprachprobleme, teilweise bedingt durch Vorurteile, durch unterschiedliche kulturelle und soziale Verhaltensweisen werden in bezug auf die Erlangung von Arbeit, auf den sozialen Kontakt mit Deutschen, die Möglichkeiten, eine Wohnung zu mieten oder in einen Verein einzutreten Schwierigkeiten beschrieben, die eine Bevorzugung der Personengruppe der eigenen Herkunft beschreiben und dieses Verhalten auch unterstützen. Diese Probleme im öffentlichen Leben, die zu Ausgrenzung führen, können, wenn Institutionen involviert sind, als institutioneller Rassismus bezeichnet werden. Da institutioneller Rassismus schon im Regelwerk von Institutionen angelegt sein kann und/oder über die dort arbeitenden Personen zum Ausdruck kommen kann, ist zur Vermeidung eine doppelte Strategie denkbar:

  1. Sämtliche Regelwerke von Institutionen sollten auf eventuelle ausgrenzende Inhalte untersucht werden und ggf. abgeändert werden.
  2. Es sollten Aufklärungsgespräche, Supervisionen, Schulungen und Seminare für MitarbeiterInnen von Institutionen durchgeführt werden, die ermöglichen, Verhaltensweisen, die zu Ausgrenzung (und dies ist nicht nur im Hinblick auf Einwanderer gemeint) führen, erkennen und Strategien entwickeln zu können, um diesen Verhaltensweisen entgegenzuwirken.

Ausgrenzung in Form von institutionellem Rassismus kann sich nur in einem Klima der politischen Ungleichheit entwickeln, in einem Klima, in welchem tatsächliche gesellschaftliche Teilhabe und somit sog. staatsbürgerliche Integration nicht stattfinden kann. Deshalb sind Beteiligungsrechte für alle Menschen, die dauerhaft in Deutschland leben und die der politischen und rechtlichen Ordnung des demokratischen Verfassungsstaates zustimmen, Grundlage für ein sich gegenseitig akzeptierendes Zusammenleben. Damit sind das Wahlrecht und auch die Einbeziehung von Vereinen in die Meinungsbildung und Gesetzgebung, sprich die politische Partizipation, die aktive Mitgestaltung des Lebensumfeldes, gemeint. Die dazu erforderliche Toleranz auf allen Seiten ist nur durch Kommunikation und Interaktion, durch das Erklären und Verstehen kultureller Werte und durch das Anerkennen der positiven Effekte von Vielfalt sowie der positiven Auswirkungen eines Zusammenlebens in einer multikulturellen Demokratie zu ermöglichen.

Bedingungen für Einwanderung und Integration

Es konnte diskursanalytisch herausgearbeitet werden, dass es in Deutschland bisher nicht gelungen ist, ein solches Klima der Toleranz zu schaffen, in dem Einwanderung und Einwanderer so akzeptiert sind, dass ihnen eine gleichberechtigte Beteiligung am demokratischen Prozess angeboten wird. Von Seiten der Einwanderer zeigte sich eine deutliche Orientierung an der Sprache und an Werten des Herkunftslandes, die sich bei bereits in Deutschland geborenen Personen als eine Rückbesinnung auf die Werte des Herkunftslandes beschreiben lässt. Dieser Sachverhalt stellt in aller Deutlichkeit die Wechselseitigkeit und auch die Anfälligkeit des Integrationsprozesses heraus. Der Integrationsprozess setzt eine Bereitschaft zur Integration auf Seiten der Einwanderer voraus, die mit „sich integrieren“ umschrieben werden kann; ebenso setzt er eine Bereitschaft des Einwanderungslandes voraus „zu integrieren“. Nur wenn diese Faktoren aufeinander treffen, kann Integration stattfinden. Andere vom DISS durchgeführte Untersuchungen zeigten in dieser Beziehung, dass Integration für die Deutschen häufig Assimilation bedeutet, ein völliges Aufgehen der Einwanderer in die deutsche Gesellschaft, sodass sprachliche und kulturelle Unterschiede überhaupt nicht mehr oder kaum noch zu bemerken sind. Dies ist, wie die Analyse ergab, nicht die Sichtweise auf Integration, die Einwanderer zugrunde legen: von sechs Befragten gaben fünf – unabhängig von der Einstufung durch das Vorinterview und auch unabhängig von ihren Sprachkenntnissen, ihrer Arbeitsmarkt- und ihrer sozialen Situation – an, sich integriert zu fühlen. Sich integriert zu fühlen und integriert zu sein, scheinen zwei unterschiedliche Dinge zu sein.

Was ist Integration?

An dieser Stelle muss man sich die Frage stellen, was „Integration“ bedeutet und welchen Stellenwert „Integration“ in einer Gesellschaft hat. Möglicherweise ist die Aussage der Einwanderer, sich integriert zu fühlen unter dem gesellschaftlichen Druck erzeugt, integriert sein zu müssen. Dies gilt in bezug auf Einwanderung, aber auch in bezug auf Auswanderung. Die Gründe für die Auswanderung sind vielfältig, oft wirtschaftlich, politisch oder familiär motiviert. Die Analyseergebnisse zeigen, dass – vor allem wenn es sich um politisch motivierte Auswanderung handelt – Integration auch in bezug auf das Heimatland schon ein fragwürdiger Zustand ist. Des weiteren zeigte sich, dass Auswanderung aus familiären Gründen, wie z. B. Familienzusammenführung, sich erschwerend auf Integrationsprozesse auswirkt, da die emotionale Bindung zum Herkunftsland besonders stark erhalten bleibt.

Sowohl in bezug auf Einwanderung als auch in bezug auf das Leben im allgemeinen stellt sich die Frage: Was ist Integration, wie kann Integration definiert werden? Wann kann man davon sprechen, dass jemand integriert ist. Was eigentlich ist ein integrierter Deutscher? Diese von Dieter Oberndörfer aufgeworfene Frage wirft ein neues Licht auf die Diskussion um den Begriff „Integration“, der spätestens seit der von der CDU/CSU propagierten „deutschen Leitkultur“ einen an festen Normen, Verhaltens- und Lebensregeln, die durch das Einwanderungsland vorgegeben sind, orientierte, statische Form zu haben scheint. Integration stellt somit keinen gleichberechtigten Prozess dar, sondern beschreibt den Unterwerfungsprozess unter die „Leitkultur“.

Vor diesem Hintergrund sollte der Begriff „Integration“ überdacht werden. Es erscheint notwendig, sich mit den damit verbundenen Vorstellungen, Forderungen und Ansprüchen zu beschäftigen und zu überlegen, inwieweit es überhaupt sinnvoll ist und welchen Machtinteressen im gesamtgesellschaftlichen Diskurs es nutzt, eine Definition von „Integration“ zu finden. Integration kann keinesfalls Assimilation bedeuten – auch bei Einwanderern, die hier geboren sind, zeichnen sich deutliche Tendenzen der Rückbesinnung auf die Einwanderungskultur ab – Assimilation hat im Laufe der Jahre nicht stattgefunden und wird wohl über Generationen nicht stattfinden – sie wird von Einwanderern auch nicht angestrebt. Nicht die Aufgabe der Herkunftskultur, sondern ein Austausch zwischen Herkunfts- und Einwanderungskultur erscheint wünschenswert, ein Nehmen und Geben beider Kulturen. Im Hinblick auf die gesamte Diskussion ist vorab zu klären, welchen Stellenwert Einwanderung heute in Deutschland einnimmt und wie in unserer Gesellschaft heute und in Zukunft gelebt werden soll.

Zukunftsausblick

Die demographischen Prognosen für die nächsten Jahrzehnte zeigen, dass Einwanderung nach Deutschland aus Gründen der Arbeitsmarktsituation, der Situation der sozialen Sicherungssysteme, v.a. der Rentenpolitik, notwendig sein wird. Neben dieser Einwanderung aus wirtschaftlichen Gründen, insbesondere zur Deckung des Bedarfs an Arbeitskräften, steht die Aufnahme von Einwanderern aus politischen und humanitären Gründen sowie die Aufnahme von Einwanderern aufgrund von Rechtsansprüchen, wie z. B. Asyl oder Familiennachzug. Die Regelung von Einwanderung muss entlang einem einigenden Band stattfinden, welches von allen Beteiligten als ein solches akzeptiert werden kann. Auf dieser Grundlage kann man anstelle von Integration auch von Zusammenleben, von Koexistenz reden, wobei die gegenseitige Anerkennung der Werte und Traditionen durch die Einwanderer und durch das Einwanderungsland einen Weg in eine multikulturelle Demokratie weist und somit einen Prozess bestimmt, der sich nicht abschließen lässt, sondern sich über die Generationen fortträgt und nur durch die Mitarbeit aller an ihm Beteiligten stattfinden kann. Diese Zusammenarbeit ist nach dem Terroranschlag in Amerika noch stärker gefordert und noch wichtiger, als sie es bisher war.

Literatur

Becker, Frank / Gerhard, Ute / Link, Jürgen: „Moderne Kollektivsymbolik. Ein diskurstheoretisch orientierter Forschungsbericht mit Auswahlbibliographie. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL), 22. Bd. (1997), 1. Heft, S. 70 – 154

Cleve, Gabriele / Ruth, Ina / Schulte-Holtey, Ernst / Wichert, Frank (Hg.): Wissenschaft macht Politik. Münster, 1997

Drews, Axel et al. 1985: „Moderne Kollektivsymbolik. Eine diskurstheoretisch orientierte Einführung mit Auswahlbibliographie in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 1. Sonderheft Forschungsreferate, Tübingen, S. 256 – 375

Foucault, Michel: Archäologie des Wissens, 3. Auflage, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1988

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