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Martin Walsers nationalistische Gefühle

 

Von Benno Nothardt, erschienen in DISS-Journal 3 (1999)

Seit 20 jahren beschäftigt sich der schriftsteller Martin Walser mit einer rekonstruktion der deutschen nation. In essays, interviews und reden unterlaufen ihm dabei immer wieder nationale bis nationalistische töne. Seine jüngste Rede anläßlich der verleihung des friedenspreises des deutschen buchhandels hat anlaß zur kontroversen diskussion gegeben. Im rechtsextremen blätterwald wird sie positiv als richtungsweisend für den umgang mit deutscher geschichte hervorgehoben. Doch auch im politischen raum der ‚mitte‘ überwiegt die zustimmung zu den äußerungen des rennomierten schriftstellers. Seinen kritikern wird unkenntnis, unverständnis oder fehlinterpretation vorgeworfen. Alles nur ein missverständnis?

Martin Walser entdeckt die nation

Sein „historisches Bewußtsein“ (das er später „Geschichtsgefühl“ nennt) entdeckt Martin Walser 1978. In literatur konkret schreibt er: „Sachsen und Thüringen sind für mich weit zurück und tief hinunter hallende Namen, die ich nicht unter ‚Verlust‘ buchen kann.“

Seit dieser Zeit ist die nation immer wieder zentrales und integratives moment seiner äußerungen. So formuliert er etwa 1980 noch recht harmlos „Etwas nationales ist schön“. Wer jetzt aber lust auf Walsers nation bekommen hat, dem wird im folgenden jahr gleich ein faschist untergeschoben:

Der erste Soldat des 3. Reiches

In einem aufsatz mit dem Titel „Schlageter – Eine deutsche Verlegenheit“ (1981) versucht Walser den faschistischen freikorpskämpfer zu rehabilitieren.

Walser erkennt Schlageters motivation an: „Von Kindheitsreligion bis Vaterlandsdienst hat es aber Schlageter nie an einer Bindung gefehlt, die ihn selbst überstieg und ihn deshalb zu Dienst und Opfer fähig machte.“ Deshalb wendet sich Martin Walser auch dagegen, Schlageter als „Mörder“ zu bezeichnen.

Statt dessen bezieht er sich positiv auf eine 1933 gehaltene rede Martin Heideggers. Dieser „fragt, woher Schlageter die ‚Härte des Willens‘ und die ‚Klarheit des Herzens‘ gehabt habe, für dieses Schwerste und dieses Größte. Er führt die Willenshärte auf das Urgestein der Schwarzwaldberge, den Granit, zurück. […] Ich [Walser] gestehe, daß ich finde, so könne man über Schlageter reden.“

Martin Walser benutzt bei seinem loblied gerade das vokabular, das einem faschistischen freikorpskämpfer angemessen wäre, wenn er von „Härte des Willens“, „Klarheit des Herzens“ und Opferfähigkeit schreibt.

Im November dieses Jahres wiederholte er an der Uni-GH Duisburg seine verteidigung Schlageters, der bei seinen anschlägen doch darauf geachtet hätte, keine menschen zu verletzen. Er erwähnte hingegen nicht, dass Schlageter im Freikorps Medem kämpfte, das Riga stürmte und dass er 1920 an der blutigen niederschlagung der Aufstände von ruhrarbeiterInnen beteiligt war. Schlageter, so Martin Walser in Duisburg, sei ein „reiner“.

Stuttgart-Leipzig-Gefühl

1987 drängt Walsers gefühl auf eine vereinigung von DDR und BRD. So sagte er beispielsweise in einem Stern-interview: „Ich bin zu Lesungen und Besuchen in die DDR gefahren. […] Und da hat sich bei mir so ein Stuttgart-Leipzig-Gefühl entwickelt. […] Vielleicht könnte man das, was da erlebbar ist, einen Phantom-Schmerz nennen. Es tun einem die Glieder weh, die man gar nicht mehr hat.“

Ein jahr später weiß er dann auch, wer das deutsche volk an seinem glück hindert: „Wenn die Rückfallgefahr ausgeschlossen ist – und wer das nicht sieht, der verneint schlicht unsere letzten 40 Jahre -, dann gibt es nur noch ein Motiv für die Fortsetzung der Teilung: das Interesse des Auslands.“

Friedenspreis fürs wegschauen?

In seiner friedenspreisrede im Oktober dieses Jahres, formulierte Martin Walser: „Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft?“ Diesem neugewonnenen national-gefühl stehen die im weg, die aufgrund den erfahrungen der ns-zeit einen nationalismus ablehnen und auf den zusammenhang zwischen deutscher euphorie, rechtsradikalen umtrie-ben und einem erstarkenden rassismus sowie extremismus der mitte hinweisen.

Berichte über sympathisierende massen vor brennenden flüchtlingsheimen, kommentiert Walser so: „Ich kann diese schmerzerzeugenden Sätze, die ich weder unterstützen noch bestreiten kann, einfach nicht glauben.“ Anstatt sich damit auseinanderzusetzen, dass die gewalt von neonazis nur die spitze des eisbergs gesellschaftlich verwurzelter rassistischer ressentiments ist, legt Walser nahe, fakten, die stören, einfach nicht anzuerkennen. Das ist eine aufforderung zum wegschauen, und die wird auch nicht besser, wenn ihr ein „um mich vollends zu entblößen“ vorangestellt wird.

In bezug auf die ns-zeit spricht sich Martin Walser zwar nicht gegen eine öffentliche und politische aufarbeitung aus, doch er erwähnt diese notwendigkeit in seiner langen friedenspreisrede kein einziges mal. Statt dessen empört er sich über „Gewissenswarte“ und „Meinungssoldaten“, die „mit vorgehaltener Moralpistole, den Schriftsteller in den Mei-nungsdienst nötigen“. Damit greift er alle antifaschistInnen an, da er allgemein schreibt und keine namen nennt (auch dort nicht, wo er vermutlich einzelper-sonen meint).

Die meisten äußerungen, die ich hier zusammengestellt habe, wiederholt Walser immer wieder an unterschiedlichen stellen. So ist weniges von dem, was er in seiner friedenspreisrede sagte, neu oder gar originell. Viele, die schon immer so dachten, fühlen sich aber jetzt durch Walsers rede „befreit“ – dies zumindest berichtete Martin Walser in der bereits angesprochenen Veranstaltung in Duisburg. Endlich können unter hinweis auf einen bekannten schriftsteller einwände gegen die thematisierung der ns-vergangenheit geltend gemacht werden.

Ignatz Bubis sagte am 9. November 1998: „Ich kenne keinen, der sich auf Frey oder Deckert beruft, aber mit Sicherheit werden auch die Rechtsextremisten sich jetzt auf Walser berufen.“ Damit hat er recht, auch wenn Martin Walser sich jetzt wieder missverstanden fühlt.

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