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Moria. System. Zeugen.

 

Ein Bildband über das Flüchtlingslager Moria

Rezension von Benno Nothardt

Martin Gerner: Moria. System. Zeugen.
Flüchtlinge, Einheimische und Helfer in Zeitzeugenbegegnungen,
Köln: Böhlau, 2021, 168 Seiten, 89 Fotos; 25 Euro.
ISBN: 978-3-412-52389-3

Refugees

The EU is a virus.
It enters the life of a refugee.
Scans his future.
Transfers him to deportation,
which is equal to death.
Edits his mind and deletes his smile.
So please stay away from the EU.
Stay at your own home and accept death.
Send me the address of the EU.
I am a professional antivirus, full
version registered 2016.

Shamshaid Jutt, Moria 2016
(Moria. System. Zeugen. S. 57)

Wenn Flüchtlinge im hegemonialen Fluchtdiskurs überhaupt zu Wort kommen, dann als Zeug*innen ihres Leids, nicht jedoch als vollwertige Subjekte, deren Kritik und Forderungen Platz eingeräumt wird.1 In seinem Bildband über das 2020 abgebrannte Flüchtlingslager Moria macht Martin Gerner das Gegenteil: Er unterhält sich mit Flüchtlingen, die mit einem Gaskocher Essen kochen, interviewt Raeed al Obaid von der Selbsthilfeorganisation Moria White Helmets und besucht die Wave of Hope School von Flüchtlingen für Flüchtlinge. Außerdem zitiert er Gedichte und einen offenen Brief an die Europäer*innen: „Wir bitten nicht um weitere Spenden oder Geld […]. Wir haben es in der Vergangenheit bewiesen, dass die meiste Arbeit hier entweder von Flüchtlingen, die ehrenamtlich für NGOs arbeiten oder von Selbsthilfeorganisationen der Flüchtlinge geleistet wird.“ (76)2 Das Buch zeigt die Leistungen von Menschen unter Extrembedingungen, aber auch Gewalt und Alkoholmissbrauch im Lager.

Gerner spricht auch mit Helfer*innen und Einheimischen auf Lesbos. So kommt die freiwillige Helferin Frederike Drössler zu Wort, die trotz Illegalisierung Essen ins Lager schmuggelt und Handyfotos an einen Arzt schickt, um Medizin besorgen zu können. Auf der anderen Seite wird Nicolas Perrenoud interviewt, der kritisiert, dass die NGOs staatliche Aufgaben wie die Verteilung von Hilfsgütern und Zelten übernähmen und Thomas von der Osten-Sacken sagt: „Hier mieten NGOs Flüchtlingslager“ (79).

Im Fluchtdiskurs wird häufig Vulnerabilität (Verletzbarkeit) zum Kriterium für die Aufnahme von Flüchtlingen gemacht, während deren Rechte missachtet werden. Gerner spricht mit der Rechtsanwältin Elli Kriona Saranti aus Lesbos. Sie kritisiert das „Narrativ der Vulnerabilität“ als Versuch, „einem fragwürdigen System ein wenig Humanität hinzuzufügen und sich ein Alibi zu verschaffen“ (100).

Gerner bietet seinen Leser*innen viele Puzzleteile, aus denen sie anschaulich rekonstruieren können, wie Moria funktioniert. Ergänzend druckt Gerner eine Studie in Auszügen ab, die Maximilian Pichl für medico international angefertigt hat.3 Pichl zeigt, wie das „Narrativ einer ‚humanitären Katastrophe‘“ einen „rechtebasierten Ansatz“ verdrängt und darüber hinwegtäuscht, dass die „Verhältnisse in den EU-Hotspots politisch verursacht sind“ (146).

Das Buch ist aber auch ein Bildband mit 89 großformatigen Bildern auf hochwertigem Papier. Gerner gelingt es auch mit Fotos und Zeichnungen, die Widersprüche von Moria zwischen Schrecken und Hoffnung, Alltag und Zerstörung sowie Flüchtlingen, Helfer*innen und Inselbewohner*innen darzustellen. Manche Bilder sind hochsymbolisch und eindrucksvoll, andere wirken fast zufällig oder privat.

Das Buch eignet sich bestens als Weihnachtsgeschenk. Probelesen:
www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com/moria.system.zeugen

Benno Nothardt ist Mitarbeiter im DISS und war durch Korrekturlesen am hier rezensierten Buch beteiligt.

 

1 vgl. DISS-Journal Nr. 41, 39–41.

2 Der Brief ist auch online verfügbar: www.medico.de/moria-brief

3 Die Studie ist auch online verfügbar: www.medico.de/moria

 

Dieser Artikel stammt aus dem DISS-Journal 42 vom November 2021. Die vollständige Ausgabe als PDF finden Sie hier.

 

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