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Die Gesellschaft des Zorns

 

Von Dirk Diluweit. Erschienen in DISS-Journal (38) 2019

In „Die Gesellschaft des Zorns“ (Bielefeld: transcript 2019) untersucht die an der TU-Darmstadt lehrende Soziologieprofessorin Cornelia Koppetsch, warum reaktionäre und autoritäre Tendenzen in einer Gesellschaft erstarken, die sich auf dem Höhepunkt des Friedens und Fortschritts glaubte (9). Um diese Frage zu beantworten, greift sie auf die These zurück, dass sich die Menschen in Zeiten des neoliberalen Kapitalismus an konservativen Lebensmodellen orientieren, die Sicherheit gegen die Ungewissheiten eines flexiblen Akkumulationsregimes versprechen (57).

Zunächst verwirft Koppetsch Ansätze, die die Erfolge rechtspopulistischer Bewegungen ökonomistisch, kulturalistisch oder psychologistisch erklären wollen. Gegen ökonomistisch argumentierende Ansätze, wie sie Oliver Nachtwey (2017) vertritt, wendet sie ein, dass rechtspopulistische Bewegungen in allen Bevölkerungsgruppen Gefolgschaft mobilisieren können und nicht nur unter Arbeitslosen oder Geringverdienern erfolgreich sind (39). Deshalb lässt sich der Erfolg von Rechtspopulisten nicht als fehlgeleiteter Klassenkampf beschreiben. Zudem erklären ökonomistisch argumentierende Ansätze nicht, warum sich alternative Wahrheitsansprüche herausgebildet haben (100).

Kulturalistische Ansätze, wie sie von Andreas Reckwitz (2017) vertreten werden, erklären die Erfolge von Parteien wie der AfD damit, dass ihre Wähler nur über wenig kulturelles Kapital verfügen. Dem hält Koppetsch entgegen, dass die AfD auch Bildungsgewinner und Hochgebildete mobilisieren kann (104). An psychologistisch argumentierenden Erklärungsmodellen, wie sie Heitmeyer (2018) anbietet, bemängelt sie, dass diese Ansätze nicht erklären, warum rechtspopulistische Parteien erst seit einigen Jahren Wahlerfolge erzielen können, obwohl das Ausmaß autoritärer Einstellungen in der Bevölkerung seit langem konstant bleibt (97). Stattdessen liegt dem Rechtspopulismus, so Koppetsch, ein Konflikt zwischen Gegnern und Befürwortern der Globalisierung und dem damit einhergehenden Souveränitätsverlust des Nationalstaates zugrunde (16). Aufgrund der Globalisierung sind viele Unternehmen der derzeit führenden Branchen wie Kulturproduktion, Informationstechnologie oder der Finanzsektor in global vernetzte Wertschöpfungsketten eingebunden. Deshalb ist man dort auf freien Waren- und Personenverkehr angewiesen. Passend dazu beherrschen die Beschäftigten dieser Branchen oft mehrere Fremdsprachen und geben sich gegenüber fremden Kulturen aufgeschlossen. Da solche Arbeitnehmer weltweit gefragt sind, bringt ihnen die Globalisierung erhebliche Einkommenszuwächse und eröffnet ihnen die Möglichkeit, sich von nationalstaatlichen Beschränkungen zu emanzipieren. So können die Angehörigen dieser Milieus in ein anderes Land ziehen oder auf die Angebote privater Anbieter zurückgreifen, falls ihnen die Rahmenbedingungen eines Nationalstaates nicht mehr zusagen (194). Somit entspricht das, was Fraser (2017) als progressiven Neoliberalismus bezeichnet, nämlich die Stärkung von Minderheitenrechten bei gleichzeitiger Deregulierung der Finanzmärkte durchaus den ökonomischen Interessen dieser Gruppe (78).

Im Gegensatz zu Kosmopoliten sind Traditionalisten auf Ressourcen angewiesen, die nationalstaatlich verankerte Institutionen bereitstellen (20). Bislang schützten die Vorgaben nationaler Institutionen Handwerker und Freiberufler vor Konkurrenz aus dem Ausland. Somit profitierten diese Gruppen in erheblichem Umfang von nationalstaatlichen Regelungen. Da Nationalstaaten in Folge der Globalisierung und europäischen Integration die Fähigkeit einbüßten, ihre Binnenmärkte abzuschirmen, mussten diese Milieus Geltungs- und teilweise auch Einkommenseinbußen hinnehmen. Somit liegen dem Konflikt zwischen Traditionalisten und Kosmopoliten unterschiedliche Erwerbslagen zugrunde.

Dieser ökonomische Antagonismus hat auch eine symbolische Dimension. So werfen Kosmopoliten den Traditionalisten vor, engstirnig und reaktionär zu sein. Dagegen beschreiben sie ihr eigenes Milieu als progressiv und liberal. Kulturen beschreibt man in diesen Milieus als dem historischen Wandel unterliegend und nicht eindeutig voneinander abgrenzbar. Aus dieser Sicht wäre es kontraproduktiv, die eigene Kultur von fremden Einflüssen schützen zu wollen. Denn dies würde den Anforderungen moderner Volkswirtschaften zuwiderlaufen. Da die kosmopolitischen Milieus von der neoliberalen Globalisierung profitierten, haben sie die traditionellen Mittelschichten als gesellschaftliche Leitmilieus abgelöst (120).

Dagegen werfen die Traditionalisten den Kosmopoliten vor, natürliche und traditionelle Ordnungen wie die Familie zu zerstören und durch unregulierte Zuwanderung die Grundlagen der eigenen Kultur zu untergraben. Dazu passend sind in traditionalistischen Milieus essentialistische Kulturkonzepte vorherrschend, die davon ausgehen, dass Kulturen in sich homogen und eindeutig voneinander abgrenzbar seien. Der Wesenskern einer Kultur kann nach diesem Kulturverständnis nur erhalten werden, wenn er vor fremden Einflüssen geschützt wird. Essentialistische Kulturkonzepte, die Nationalismen zugrunde liegen, entsprechen somit der ökonomischen Lage von Milieus, deren Reproduktionsstrategien auf nationalstaatlich verfasste Institutionen angewiesen sind (237). In diesen verschiedenen Kulturkonzepten sieht Koppetsch dann auch die Ursache für die Wahlerfolge rechtspopulistischer Bewegungen. Rechtspopulismus ist somit eine Protestbewegung derjenigen, deren kulturelles und symbolisches Kapital durch den progressiven Neoliberalismus entwertet wurde (121).

Milieus bilden sich, indem sie sich von anderen Gruppen abgrenzen. Deshalb produzieren auch die kosmopolitischen Milieus Ausschlüsse. Anders als die traditionellen Milieus grenzt man sich hier aber nach unten und nicht nach außen ab. So erhalten zu den kosmopolitischen Milieus nur diejenigen Zugang, die sich den dort üblichen Lebensstil leisten können und über das dort benötigte kulturelle Kapital verfügen (242).

Auch Rechtsstaaten und Demokratien sind auf Grenzen angewiesen. Denn erst durch nationale Grenzen wird festgelegt, für wen und auf welchem Territorium eine Rechtsordnung gilt. Nationalismus ist demnach nicht bloß ein ideologischer Irrtum, sondern eng mit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verknüpft (185). Nach Koppetsch handelt es sich beim Rechtspopulismus um eine Gegenbewegung zur Globalisierung, die behauptet, im Gegensatz zu kosmopolitischen Eliten im Interesse des Volkes zu handeln (168).

Durch die Globalisierung büßten Nationalstaaten an Souveränität ein, da Entscheidungsbefugnisse an transnationale Akteure, wie z.B. die EU-Kommission oder Expertenrunden übertragen wurden. Da diese Kommissionen nicht demokratisch gewählt wurden und ihre Beschlüsse mit dem Mantra der Alternativlosigkeit legitimieren, verlieren Staatsbürger politische Teilhabemöglichkeiten (90). Diesem Demokratiedefizit möchten rechtspopulistische Parteien entgegenwirken, indem sie aus internationalen Bündnissen austreten. Eine weitere Möglichkeit, die Beschlüsse von Expertenkommissionen anzugreifen, ist, die Gültigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse zu bestreiten. Fake-News und alternative Fakten sind demnach eine Form der politischen Therapie, die verlorene Teilhabechancen symbolisch kompensieren kann. Bürger können sich auf diesem Weg als selbstwirksam erleben und ein positives Selbstbild bewahren. Beispiele hierfür sind Verschwörungstheorien, in denen man kosmopolitische Eliten für die eigenen Abstiegsängste verantwortlich macht (145).

Der Antagonismus zwischen Traditionalisten und Kosmopoliten hat nach Koppetsch tiefgreifende Folgen für die Art, in der politische Konflikte ausgetragen werden. Da in diesem Konflikt um die Gültigkeit der jeweiligen Weltsicht gestritten wird, vermischen sich dort politische Standpunkte mit Fragen der persönlichen Identität. Politische Konflikte werden so zu persönlichen Konflikten. Dadurch geht der Grundkonsens verloren, der nötig ist, um politische Debatten führen zu können. In Folge dessen zerfällt die Gesellschaft in sich verfeindet gegenüberstehende Lager, die keine Kompromisse mehr aushandeln können. Von konservativen Volksparteien unterscheiden sich Rechtspopulisten dadurch, dass sie den Boden der gemeinsam geteilten Wirklichkeit verlassen und ein alternatives Politikmodell und Wirklichkeitsverständnis etablieren möchten (251).

Im letzten Teil des Buches fordert Koppetsch, die Herausforderung, die von Rechtspopulisten ausgeht, anzunehmen und die gesamte Bevölkerung in Debatten über Zuwanderung und Globalisierung mit einzubeziehen (256).

In „Gesellschaft des Zorns“ argumentiert Koppetsch schlüssig und überzeugend. So zeigt sie, dass Rechtspopulismus eine politische Strategie ist, mit der sich symbolische und materielle Güter einfordern lassen, die Staaten bereitstellen. Auch übernimmt sie nicht die Selbstbeschreibung der kosmopolitischen Milieus, sondern zeigt, dass diese Milieus durchaus auch Ausschlüsse produzieren. Dadurch kann sie erklären, welcher Zusammenhang zwischen der sozialen Lage und der Affinität zu rechtspopulistischen Bewegungen besteht. Eine weitere Stärke des Buches liegt darin, dass sie Fake-News als Mittel sieht, mit dem Populisten suggerieren, eine Alternative zur etablierten Politik anzubieten. Dies kann erklären, warum alternative Fakten gebildete Wähler ansprechen. Trotz des positiven Gesamteindruckes lässt Frau Koppetsch folgende Fragen offen: So ist zu diskutieren, ob der Staat im finanzmarktgetriebenen Kapitalismus an Bedeutung verliert oder ob die neoliberale Globalisierung zwar mit einem tiefgreifenden Staatsumbau, aber keinem Bedeutungsverlust des Nationalstaates einhergeht (vgl. Sassen 2008, 651). Im zweiten Fall wäre fraglich, ob Nationalismus dem neoliberalen Staatsumbau im Weg steht.

Des Weiteren stellt sich die Frage, ob Koppetschs Kritik an ökonomistischen und psychologistischen Ansätzen nicht ein bisschen zu kurz greift. Tatsächlich erkennen Autoren wie Nachtwey (2017) durchaus, dass populistische Bewegungen Rahmungen bieten, mit denen sich politische Forderungen artikulieren lassen oder mit denen ein positives Selbstbild erhalten werden kann (vgl. ebd., 229). Somit können diese Ansätze sehr wohl erklären, warum populistische Bewegungen auch bei Menschen erfolgreich sind, die über mehr ökonomisches und kulturelles Kapital verfügen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Letzten Endes greift Koppetsch aber selber ökonomistische Argumente auf, da sie die Erfolge populistischer Bewegungen als Reaktion auf Status- und Geltungsverluste in Folge des progressiven Neoliberalismus beschreibt. Somit bleibt unklar, in welchem Verhältnis ökonomische und kulturelle Einflussfaktoren in ihrem Buch zueinanderstehen.

Zwar betont sie mehrfach, dass sie eine ökonomische Sicht ablehnt. Aber andererseits beschreibt sie symbolische Ordnungen als Ausdruck materieller Interessen. Auch ihre Kritik an Heitmeyer (2018) vermag nicht zu überzeugen. So erklärt Heitmeyer die Erfolge populistischer Bewegungen damit, dass sich Verunsicherung breit macht und sich die Wähler von etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Von daher kann Heitmeyer durchaus erklären, warum Rechtspopulisten Wahlerfolge erzielen, obwohl das Ausmaß rassistischer Einstellungen in der Bevölkerung stabil bleibt (vgl. ebd., 107).

Am Schluss fordert Koppetsch, sich mit den Themen der Populisten politisch auseinanderzusetzen. Dem Einwand, Populisten würden eine irrationale Agenda verfolgen, hält sie entgegen, alle Ideologien wären standortgebunden und hätten deshalb irrationale Bestandteile (vgl. Koppetsch, 258). Ideologien lassen sich jedoch danach unterscheiden, in welchem Verhältnis irrationale und rationale Bestandteile zueinander stehen. Im Gegensatz zu liberalen oder sozialistischen Ansätzen berufen sich Populisten auf ein mythologisches Gesellschaftsverständnis, nutzen aber eine rationale Mobilisierungsstrategie (vgl. Mannheim 1965, 121).

Verschwörungstheorien und Mythen können zwar Handlungsfähigkeit suggerieren und dabei helfen, ein positives Selbstbild zu bewahren, liefern aber keine Antworten auf ökonomische und ökologische Fragestellungen. Deshalb drängt sich die Frage auf, ob Koppetsch den rationalen Gehalt rechtspopulistischer Bewegungen nicht überschätzt. Weiterhin bleibt offen, inwiefern es möglich ist, sich mit den Themen der Rechten, die aus Verschwörungstheorien und politischen Fantasiegehalten bestehen, auseinander zu setzen, ohne den Grundkonsens zu zerstören, der Grundlage des öffentlichen Diskurses ist.

Literatur

Fraser, Nancy 2017: Vom Regen des progressiven Neoliberalismus in die Traufe des autoritären Populismus, in: Heiselberger 2017, 77-92.

Heiselberger, Heinrich 2017: Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, Berlin.

Heitmeyer, Wilhelm 2018: Autoritäre Versuchungen, Berlin.

Mannheim, Karl 1965: Ideologie und Utopie, Frankfurt/M.

Nachtwey, Oliver 2017: Entzivilisierung. Über regressive Tendenzen in westlichen Gesellschaften, in: Heiselberger 2017, 215-232.

Reckwitz, Andreas 2017: Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin.

Sassen, Saskia 2008: Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autorität und Rechte im globalen Zeitalter, Frankfurt/M.

 

Anm. d. Red.: Mittlerweile werden gegen das Buch von C. Koppetsch Vorwürfe erhoben. An 26 Stellen ließen sich Plagiate feststellen (FAZ v. 9.11.2019). Das ist in der Tat kritikwürdig, die Gesamtargumentation des Buches bleibt davon aber unberührt.

 

Cornelia Koppetsch
Die Gesellschaft des Zorns.
Rechtspopulismus im globalen Zeitalter.
transcript Verlag, Bielefeld 2019. 282 S., br., 19,99 €

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