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Helmut Kellershohn: Alter Hut Volksgemeinschaft

 

Helmut Kellershohn

Alter Hut Volksgemeinschaft

Über Antikapitalismus und Marx-Rezeption bei der eurofaschistischen Neuen Rechten

Von Helmut Kellershohn

Seit 2015/16 durchwirkt die AfD und die mit ihr immer stärker verbundenen Fraktionen der Neuen Rechten um die Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) bzw. das Institut für Staatspolitik (IfS) ein »Kampf zweier Linien«. Stand zunächst die Auseinandersetzung um die »richtige« Parteikonzeption im Mittelpunkt, hat sich das Spektrum konfliktträchtiger Themen mittlerweile erweitert. Vor allem die Wahlerfolge der AfD unter Arbeitern, Arbeitslosen und Gewerkschaftsmitgliedern haben in der AfD zu einem Richtungsstreit um die weitere Ausgestaltung der Wirtschafts- und Sozialpolitik geführt. Die vorsichtigen Veränderungen im Wahlprogramm zur Bundestagswahl 2017 gegenüber dem neo(national)liberalen bzw. ordoliberalen Grundsatzprogramm von 2016 waren bereits ein erstes Anzeichen vorhandener gegensätzlicher Positionen innerhalb der AfD. Ende November 2017 verlangte Björn Höcke, Sprecher der Partei in Thüringen, eine »Grundsatzdebatte über die Frage, was die AfD will«. Und in demselben Interview mit der Welt (30.11.2017) kritisierte er die »neoliberale Ideologie« der »Alt«-Parteien (und indirekt des Grundsatzprogramms) und forderte ein »klares Profil des solidarischen Patriotismus«.

In einem Beitrag in der Monatszeitschrift Compact (1/2018) berief sich Höcke auf die »Errungenschaften von 150 Jahren Arbeiterbewegung«, die die AfD »gegen die zerstörerischen Kräfte des Raubtierkapitalismus verteidigen« müsse, wolle sie »eine wirkliche, authentische Volkspartei«, eine Partei der »kleinen Leute« werden. Höcke selbst stellte Anfang Juni 2018 Grundzüge eines in der Partei umstrittenen Rentenkonzepts vor. Um die gegensätzlichen Positionen (u.a. von Jörg Meuthen) zu diskutieren und gegebenenfalls anzugleichen, sollte im September 2019 ein Sozial-Parteitag stattfinden, der aber offensichtlich aus wahltaktischen Gründen auf 2020 verschoben wurde.

Die Begleitmusik zum Vorstoß Höckes schrieben die konzeptiven Ideologen des IfS. Während Götz Kubitschek eher pragmatisch ein Verstaatlichungsprogramm in Bereichen der Daseinsvorsorge empfahl, griff die junge Garde der neuesten Neuen Rechten um Benedikt Kaiser und Philip Stein tief in die Klamottenkiste vorgeblich antikapitalistischer Konzepte der extremen Rechten seit den 1920er Jahren. Man gab sich grundsätzlich, offerierte eine Kritik am »Kapitalismus an sich« und plädierte für einen Gegenentwurf in der Tradition des Weimarer TAT-Kreises oder des »europäischen Sozialismus« eines Pierre Drieu La Rochelle (1893-1945). Während für den TAT-Kreis1 Autarkieprogramme und planwirtschaftliche Ideen im Mittelpunkt standen, verfolgte Drieu la Rochelle, in den 1930er Jahren zeitweise einer der Vordenker der faschistischen Parti Populaire Francais (PPF), die illusionäre Idee einer europäischen Internationale der Faschisten, in der dem Nationalsozialismus die Rolle eines primus inter pares zugewiesen wurde. Die Grundideen des Eurofaschismus seien, so Kaiser in seinem Buch zu Drieu la Rochelle, der »Schutz der autochthonen Völker Europas« durch eine europäische Großraumordnung, ein korporatistisches Wirtschaftssystem, Abwehrmechanismen gegen US-amerikanische Importe und eine »forcierte Klassenversöhnung […] durch Arbeiterpartizipation am Unternehmenserfolg«.

»Marx von rechts«

Kaiser und Stein beließen es nicht bei diesen Reminiszenzen, sondern reklamierten für ihre Position ausgerechnet Karl Marx als den Altmeister der Kapitalismuskritik, ohne ihm dabei wirklich gerecht zu werden. So klammern sie etwa die Wert- und Mehrwerttheorie bei Marx schlichtweg aus. Die Vereinnahmung eines »Marx von rechts«, so der Titel des 2018 im eurofaschistischen Jungeuropa-Verlag erschienenen Buches, hat für Verwirrung gesorgt – nicht nur intern. So verwies Kubitschek auf die »heftigen internen Debatten« im IfS und meinte, dass der Ansatz »aufgeladen (sei) mit bei den Linken gekaperten Theoriebausteinen und Vordenkern samt deren Jargon«. Und angesprochen fühlen musste sich auch die Fraktion der Neuen Rechten, die der »liberal-konservativen Sphäre« (Kaiser) zuzuordnen ist und wie die JF sich eher am Wirtschaftsteil der FAZ orientiert. Hier einen weiteren »Spaltpilz« (Stein) in die Reihen der Neuen Rechten zu treiben, war denn auch erklärte Absicht der Eurofaschisten. Aber nicht nur das im weitesten Sinne eigene Lager hatten Stein und Kaiser im Blick, sondern auch die Linke, die man auf dem falschen Fuß zu erwischen glaubte, weil man meinte, sie des Verrats an ihrem marxistischen Gewissen zeihen zu können. Björn Höcke, mit dem ihm eigenen Instinkt des Plagiators, griff denn auch dankbar die Verratsthese auf, als er im Compact-Magazin und in dem gewerkschaftsfeindlichen Blättchen von Zentrum Automobil mit antisemitischem Unterton schrieb, dass die AfD »auch den sozialistischen Auftrag übernehmen (müsse), den die Linke verraten (habe): Als Anwalt der Arbeiter und der sozial Schwachen die Gegenwehr gegen das internationale Finanzkapital (zu) organisieren, das die Völker zerstört«.

Sehnsucht nach Synthese

Die »neueste Rechte« à la Stein und Kaiser arbeitet nach dem Vorbild der Konservativen Revolution und des Faschismus sowie, nicht zu vergessen, von Alain de Benoist, dem französischen Vordenker der Neuen Rechten, am Modell einer Synthese. Kaiser nennt das mit einem Begriff von Jean-Claude Michéa »›transversales‹, die Rechts-Links-Spaltung aufhebendes Denken«: »Es ist möglich, daß am Ende der inhaltlichen Erweiterung der Neuen Rechten um (bisher zu häufig) als ›links‹ wahrgenommene Topoi eine Synthese im Wortsinne stünde – zwei Konzeptionen verschmelzen zu einer, wobei der prozentuale Anteil je nach Gusto variieren kann. Eine solche Synthese würde die beiden alten Termini ›links‹ und ›rechts‹ in ihrer Bedeutung nicht leugnen oder verschleiern, sondern in jenem Sinne der Dialektik ›aufheben‹, daß etwas zerstört wird, jedoch als etwas anderes weiterlebt.«

Das Dilemma dieser Art von Dialektik besteht freilich darin, dass sie sich die gegnerischen Positionen so zurechtlegt, dass sie synthetisierbar erscheinen. Die Formulierung, Konzeptionen würden im Ergebnis verschmelzen, wobei der Anteil der Ausgangs-Konzeptionen prozentual »je nach Gusto variieren« könne, ist aufschlussreich. Sie legt nahe, dass es sich um ein Gebräu handelt, dessen Mischungsverhältnisse im Belieben des vorgeblichen Dialektikers liegen. Die Synthese entpuppt sich so als Wunschbild, das mit symbolisch aufgeladenen Begriffen wie »organische Gemeinschaft« (Stein mit Bezug auf de Benoist) oder »Volkssouveränität« (Kaiser) die Wirklichkeit kapitalistischer Gesellschaften übertüncht, statt deren Widersprüche und Gegensätze theoretisch wie praktisch zu bearbeiten. Der »Marx von rechts« ist eben nicht Marx, sondern der, den man »je nach Gusto« benützen kann. Vorbild für diese Manier ist im Übrigen de Benoist, der ziemlich unverblümt Synthese mit Synkretismus oder Eklektizismus verwechselt: »Bei jedem Autor, den ich lese und schätze, suche ich den Punkt, an dem meine Übereinstimmung mit seinen Ansichten endet. Ich versuche zu erkennen, wo sein Denken mit dem anderer Autoren, die ich ebenfalls schätze, übereinstimmt oder im Gegenteil auseinandergeht. Ich bemühe mich, eine Unterscheidung zu treffen zwischen dem, was ich übernehmen kann und dem, was ich ablehnen muß. Ich nehme Synthesen, aber auch Korrekturen vor. So kann man Marx durch Sombart, Sombart durch Weber, Weber durch wieder andere korrigieren.«

Kaiser lässt keinen Zweifel darüber, dass es ihm um eine Synthese von rechts zu tun ist. In seinem Querfront-Büchlein kommt er nach längeren Ausführungen über historische Modelle lagerübergreifender Zusammenarbeit zwischen Rechts und Links zu dem Ergebnis, dass es nach Lage der Dinge wenig Sinn mache, »auf der linken Seite nach Partnern für eine Querfront zu suchen«. In »Marx von rechts« bestätigt er diese Auffassung. So sei der »Querfront aus Kapital und Antifaschismus … eine ideelle Synthese kapitalismuskritischer Ansätze auf der Höhe der Zeit entgegenzustellen«. Das Geschäft der Linken müsse also von der Neuen Rechten selbst übernommen werden. Kaiser – und mit ihm Philip Stein – stehen hier ganz in der Tradition eines Drieu La Rochelle, wenn dieser Vordenker eines europäischen, faschistischen Sozialismus eine »linke Politik mit rechten Menschen« einfordert.

Hitlers Volksgemeinschaft

Man kann aber auch, wenn es um die Figur der Synthese geht, an einen anderen Altmeister der extremen Rechten erinnern, nämlich an Adolf Hitler, was Kaiser und Stein natürlich mit Empörung von sich weisen würden. Unter dem Stichwort »Nationalisierung der Massen« offeriert Hitler in »Mein Kampf« die »nationale Volksgemeinschaft« als höhere Einheit, als Form der Aufhebung der Klassengegensätze, und wendet sich gegen diejenigen, die den Begriff Volksgemeinschaft gezielt missverstehen würden: »So sicher ein Arbeiter wider den Geist einer wirklichen Volksgemeinschaft sündigt, wenn er ohne Rücksicht auf das gemeinsame Wohl und den Bestand einer nationalen Wirtschaft, gestützt auf seine Macht, erpresserisch Forderungen stellt, so sehr aber bricht auch ein Unternehmer diese Gemeinschaft, wenn er durch unmenschliche und ausbeuterische Art seiner Betriebsführung die nationale Arbeitskraft mißbraucht und aus ihrem Schweiße Millionen erwuchert.«

Hitler teilt hier nach beiden Seiten aus, indem er der Volksgemeinschaft unzuträgliches Verhalten moniert, auf der einen Seite »erpresserische Forderungen« der Arbeiter, auf der anderen Seite Missbrauch und Wucher der Unternehmer. Er unterstellt also, dass der alltägliche Gebrauch der Arbeitskraft durch die Unternehmer und das Maßhalten der Arbeiter zum Beispiel bei ihren Lohnforderungen – Bedingung für das gedeihliche Funktionieren einer kapitalistischen Wirtschaft – im nationalen Interesse sind. Werden die als unmoralisch gebrandmarkten Extreme (Sünde, Unmenschlichkeit) vermieden, ist die Volksgemeinschaft vermeintlich realisiert – allerdings bei gleichzeitiger Weiterexistenz der Klassen, ohne die es nun mal keine kapitalistische Wirtschaft gibt.

Die doppelte Frontstellung, die den diversen Anhängern eines Dritten Weges zwischen Kapitalismus und Kommunismus seit eh und je geläufig ist, findet sich auch bei Stein im Vorwort zu »Marx von rechts«. Im Namen der »Einheit«, ob nun bezogen auf die nationale Einheit oder die »europäischen Gemeinschaften«, wendet er sich als selbsternannter Sprecher der »jungen europäischen Rechten« einerseits gegen die »Profiteure der Ausbeutung«. Ihnen möchte er »Einhalt … gebieten« und den – in Anführungszeichen gesetzten – Arbeitern »neue, zeitgemäße Formen der Teilhabe … ermöglichen«. Treuherzig versichert er, keineswegs einer »›Versöhnung der Klassen‹ zu den Konditionen der herrschenden Elite« das Wort reden zu wollen. Aber er möchte, und nun kommt das Andererseits, »den dichotomisch gefassten ›Klassenkampf‹ innerhalb der europäischen Gemeinschaften« abgewendet wissen, »an dessen Ende der Triumph einer soziologisch oder materiell gefassten bestimmten Schicht stünde«, womit er wohl die zuvor angesprochenen Arbeiter bzw. das Proletariat des »Kommunistischen Manifests« meint. Denn wo es um die »Einheit«, das »Gemeinwohl«, die »organische Gemeinschaft« geht, könne »nicht fortwährend in einem von der Zeit überholten binären Klassensystem gedacht und gekämpft werden«.

Stein bestätigt damit, dass der »jungen europäischen Rechten« keineswegs die Transformation des Kapitalismus am Herzen liegt, sondern ein wie auch immer moderierter Kapitalismus, der vermeintlich allen Seiten gerecht wird, tatsächlich aber nichts anderes ist als der alte Hut – Volksgemeinschaft. In diesem Sinne gibt Stein abschließend einem anderen romanischen Faschisten das Wort, nämlich dem spanischen Faschisten José Antonio Primo de Rivera: »Teilung bedingt Haß. Haß und Teilung aber sind unvereinbar mit Brüderlichkeit. Und so erlischt in den Gliedern ein und desselben Volkes das Gefühl, Teil eines höheren Ganzen, einer hohen, allumfassenden, geschichtlichen Einheit zu sein.«

Helmut Kellershohn ist Historiker und Rechtsextremismusforscher. Er ist Gründungs- und Vorstandsmitglied des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS). Letzte Buchveröffentlichung (zusammen als Herausgeber mit Andrea Becker und Simon Eberhardt): Zwischen Neoliberalismus und völkischem ›Antikapitalismus‹. Sozial- und wirtschaftspolitische Konzepte und Debatten innerhalb der AfD und der Neuen Rechten, Münster: Unrast 2019

Dieser Artikel erschien zuerst unter dem Titel „Dialektik auf Abwegen und der alte Hut Volksgemeinschaft“ in analyse und kritik Nr. 654 12. November 2019, S. 28f.

 

1 Der TAT-Kreis war Anfang der 1930er Jahre einer der wichtigsten jungkonservativen Thinktanks mit Einfluss in höchste Regierungskreise. Er gab die Zeitschrift „Die TAT“ heraus, die eine Auflage von bis zu 30.000 Exemplaren erreichte.

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