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„Sexualpädagogik als Praktik sexualisierter Gewalt“

 

Der aktuelle Sexualpädagogikdiskurs am Beispiel der medialen Auseinandersetzung um das Fachbuch „Sexualpädagogik der Vielfalt“

Von Maike Bunt und Marianne Brenner. Erschienen in DISS-Journal 28 (2014)

Ende April 2014 veröffentlichte die Süddeutsche Zeitung (SZ) eine Buchkritik zu dem sexualpädagogischen Standardwerk: Sexualpädagogik der Vielfalt.1 Diese Kritik entfachte eine mediale Debatte, bei der der in diesem Buch vertretene sexualpädagogische Ansatz einer harschen Kritik ausgesetzt wurde. Anfang Juli nahm diese Debatte im virtuellen Raum sogar bedrohliche Ausmaße an: Persönliche Diffamierungen und Beleidigungen bis hin zu Gewaltandrohungen gegen Wissenschaftler*innen der kritischen Geschlechterforschung und Sexualwissenschaften heizten die Debatte auf. In Reaktion darauf richtete sich die Kritik fortan auch gegen solche Diffamierungen. Hierdurch wurde die Polemik der Kritik an der Sexualpädagogik der Vielfalt (SdV) zwar teilweise zurückgenommen, die grundsätzlichen Einwände und Unterstellungen wurden allerdings nicht in Frage gestellt. Im Folgenden werden einige Ergebnisse der Analyse dieser Debatte dargestellt.2

 

Sexualpädagogik als sexualisierte Gewalt

Durchgängig wird die SdV als sexualisierte Gewalt empfunden, von der es sich abzugrenzen gilt. Dies ist zum einen auf die einseitigen, skandalierenden medialen Darstellungen zurückzuführen, zum anderen aber auch einem Gesellschaftsbild geschuldet, für das die Normen einer konservativen Sexualethik nicht in Frage gestellt werden dürfen.

Nicola Späth bringt dies in ihrem Kommentar in der SZ zum Ausdruck, wenn sie die SdV mit dem „Skandal um die Odenwaldschule“ vergleicht und schreibt:

„Unterrichtsempfehlungen in der geschilderten Machart sind die Wiederkehr der Gewaltpädagogik vergangener Tage in neuer subtilerer Form, Respektlosigkeit den Jugendlichen gegenüber und ein Angriff auf deren sexuelle Integrität“, „Mit solchen Unterrichtsempfehlungen kehrt der Missbrauch an Schülern in zynischer und bösartiger Form zurück“ (07.05.14).

Der Verdacht der sexualisierten Gewalt durch SdV geschieht jedoch auch subtiler, so kommt kein einziger Artikel ohne die Nennung von Altersangaben und richtungsweisenden Subjektbezeichnungen aus. Sexualpädagogische Fachkräfte werden als „Lehrer“ bzw. „Pädagogen“ oder auch nur als „Erwachsene“ bezeichnet, wodurch der professionelle Rahmen auf ein bloßes Erwachsene-Kind-Verhältnis reduziert wird. Auffällig ist auch die überwiegende Nennung von „Kindern“ als Subjektbezeichnung, obwohl sich auf Jugendliche bezogen wird. Dies hebt die Unmündigkeits-Schutzbedürftigkeit hervor, genauso wie die genannten Bezeichnungen: „Heranwachsende“, „Halbwüchsige“ oder „Minderjährige“. Dadurch wird zusätzlich noch die juristische Dimension verstärkt.

SdV als bedrohliche und mystische Pseudo-Aufklärung

In dem die Debatte auslösenden Artikel der SZ, ordnet sich dessen Autor dem Liberalismus zu und fordert eine verantwortungsvolle Sexualpädagogik. Den sexualpädagogischen Ansatz der Vielfalt hält er jedoch für eine „fahrlässige Pseudo-Aufklärung“ (24.04.14). Eine solche dekonstruktivistische Sexualpädagogik habe etwas Bedrohliches, Gefährdendes und Mystisches:

„Weder der Papst noch Alice Schwarzer sollten den Menschen vorschreiben, wie sie ihre Sexualität leben. Doch genauso aufdringlich ist es, wenn Pädagogen alle gendertheoretischen Denkübungen aus dem soziologischen Seminar einfach mal an ihren Schülern ausprobieren“ (24.04.14).

Hier werden Alice Schwarzer und der Papst auf eine Stufe gestellt und stehen als Sinnbild einer totalitären Herrschaft von Sexualitätsvorstellungen. Die Gendertheorie, auf der die SdV u.a. beruht, wird als ein risikoreiches Experiment begriffen. Der Umstand, dass die Gendertheorie keine bedeutungslose Randerscheinung ist und derzeit schon von einem Gendermainstreaming gesprochen werden kann, offenbart dabei das bedrohliche Ausmaß:

„Die genannten Übungen sind keine Extrembeispiele von ein paar übererregten Sexualpädagogen. Dahinter steckt Methode“ (24.04.14).

Auch die BILD-Zeitung verstärkt das Bild einer gefährlichen, skurrilen Pseudo-Aufklärung im direkten Bezug auf das Buch der `Sexualpädagogik der Vielfalt`. Sie zitiert Dr. Simone Raatz, SPD, „Vize-Chefin im Bildungsausschuss des Bundestages“: „Diese Pseudo-Aufklärung braucht niemand, insbesondere keine Jugendlichen von 12 Jahren.“ Oder sie lässt Marcus Weinberg, CDU, „familienpolitischer Sprecher der Union im Bundestag“ zu Wort kommen: „Diese skurrile Sexualpädagogik ist unseren Kindern nicht zuzumuten“. Auf weitere Ausführungen bzw. Erklärungen, was und aus welchen Gründen als unnötige, unzumutbare und skurrile Sexualpädagogik verstanden wird, wird verzichtet.

Die Vorstellung von Marginalität

Mit derartigen Befürchtungen einher geht auch die Befürchtung, die Sexualpädagogik der Vielfalt verschiebe die Heterosexualität in eine marginalisierte Position:

„Früher traf es die Homosexuellen, momentan sind im Jargon ‚Stinos’ genannten stinknormalen Heterosexuellen an der Reihe. Und morgen?“.

Oder:

„Wie so viele totalitäre Diskurse vor ihm operiert auch dieser mit dem Totschlagargument vom Opferstatus der scheinbar Betroffenen. Anscheinend geht es darum, die Unterdrückten zu befreien und auch den Geknechteten die Segnung der befreiten Libido zukommen zu lassen“ (Christ & Welt, 30.04.14).

In einem durchaus kriegerischen und religiösen Duktus wird hier argumentiert, dass Menschen jenseits der Heteronormativität nur scheinbar Betroffene eines Stigma seien, in Wahrheit seien jedoch die Heterosexuellen die wahrhaft Betroffenen.

Infragestellung der Wissenschaftlichkeit und Verdacht der Ideologisierung

Mit der Kritik eng verbunden ist die Infragestellung der Wissenschaftlichkeit der SdV und damit auch ihr theoretisches Konzept. Das Hauptargument gegen die SdV scheint die Frage zu sein, warum etwas, das scheinbar über Jahrhunderte unhinterfragt und eindeutig feststand heute in Frage gestellt wird. Cilly Kaletsch schreibt in der SZ:

„Die eigene Lebenserfahrung ist wichtiger als zur Unzeit aufgedrängtes Wissen, das die individuelle Entwicklung und Reife nicht nur ignoriert, sondern auch erheblich gefährden kann“ (07.05.14).

Der dekonstruktivistische Ansatz wird als Bruch mit gesellschaftlichen Normen und somit als Grenzüberschreitung aufgefasst. Auch werden Befürchtungen bezüglich einer weiteren wissenschaftlichen Institutionalisierung des Theorie- und Praxiskonzeptes geäußert; Manfred Schwarzbraun und Günther Schwar:

„Bei dem blinden Reformeifer gerade im Bildungsbereich gilt jedoch zu befürchten, dass Elisabeth Tuider und Konsorten ihre kruden, abgeschmackten Praktiken bald als Curriculum wiederfinden werden“ (SZ, 07.05.14).

Vereinzelt klingt auch an, dass Gender-Theorie ideologisiere. Christ & Welt äußert sich diesbezüglich eindeutig:

„’Sexualitäten, Identitäten, Körper’ sollen vervielfältigt werden, um ‚bewusst Verwirrung und Veruneindeutigung’ zu erzeugen. So arbeiten Ideologen: Erst wenn die alte Sicherheit zerstört ist, kann eine neue etabliert werden“, „Doch welche neue Weltsicht wird hier vertreten, wozu sollen die 13- bis 15-jähringen gebracht werden? Welche Anpassung wird hier trainiert? Nur scheinbar geht es um Toleranz, nur scheinbar um Vielfalt. Tatsächlich dient die pädagogisch verbrämte und hartnäckige Fixierung auf die Sexualität der Jugendlichen dem Ziel, den Raum des Sexuellen abzuspalten und ideologisch zu besetzen. Die Agenten dieser Transformation haben viel vor, deshalb beginnen sie bei den jungen Leuten“ (30.04.14).

Verlust der Heteronormativität

Auffällig ist die Sorge um den Verlust der Heteronormativität. Sie spielt vor allem in Artikeln eine Rolle, die bis Ende Juni – also vor den Diffamierungen im Internet –  veröffentlicht wurden. So war in der SZ zu lesen: „Nur eine Kleinfamilie mit Mutter, Vater, Kindern ist nicht vorgesehen“ (24.04.14) und auch Christ & Welt kritisierte: „In einem Mietshaus findet sich alles außer der ‚normalen’ Kleinfamilie (30.04.14). Christ & Welt bringt diese Angst auf den Punkt: „Die Gender-Debatte wird als Waffe gegen die Familie gewendet“ (30.04.14). Die Gender-Theorie wird nicht als Erweiterungsangebot von Lebens- und Liebesformen, sondern als Bedrohung für die heteronormative Gesellschaftsordnung empfunden. Diese Gefahr wird durch die kriegerische Wortwahl unterstrichen, wonach Ziel der Gender-Debatte die Zerstörung der Familie sei.

Die Vorstellung von Privatheit

Die Debatte um die SdV zeigt auch, dass Sexualität strikt dem Bereich des Privaten und somit tendenziell auch dem Bereich des Nicht-Sagbaren zugeordnet wird; die SdV steht deshalb immer wieder im Verdacht, die Intimsphäre der Jugendlichen zu missachten:

„Jungen Menschen sollte behutsam Raum gegeben werden für eigene Empfindungen, natürliche Scham und persönliche Intimsphäre“ (SZ, Cilly Kaletsch 07.05.14).

Schamempfinden wird hier als natürlich charakterisiert, seine gesellschaftliche Konstruktion wird negiert. Aus dem zugewiesenen Bereich des Privaten soll so wenig wie möglich nach außen dringen:

„Für ein tolerantes Menschenbild müssen Schüler nicht zu Sexexperten werden“; „Verständnis für die Vielfalt der Lebens- und Liebesformen weckt man nicht mit allen intimen Details jeglicher vorstellbarer Sexpraktiken“ (HNA, 30.06.14).

Die Vorstellung von Identität

Die Verknüpfung von Sexualität und Identität wird besonders deutlich bei Christ & Welt. Der SdV wird dabei unterstellt, sie treibe einen Prozess voran, bei dem ein Spektrum an Identitäten zur ökonomischen Ressource werde:

„Sie [die Sexualität] soll zur frei wählbaren Ware werden. Identität nach Angebot“, „Im Shop der sexuellen Identitäten stellt sich ein jeder ‚sein’ Persönlichkeitsdesign zusammen“ (30.04.14).

Den Sexualpädagog*innen wird ökonomische Absicht unterstellt: „Tatsächlich aber wird einer Beliebigkeit der Weg gebahnt, die nur ein Ziel kennt: Die Zurichtung des Einzelnen zum durchsexualisierten User, zum Kunden auf dem Markt der Möglichkeiten“ (30.04.14).

Hier wird der Sexualpädagogik der Vielfalt eine enorme Wirkmächtigkeit zugeschrieben, in dem ihr die Verantwortung für eine solche Durchsexualisierung der Gesellschaft angelastet wird.

Die Vorstellung von Moral

In der Debatte zeigt sich, auch wie sehr die Einstellung zur Sexualität von moralischen Vorstellungen bestimmt wird. Cilly Kaletsch bringt es auf den Punkt, wenn sie die SdV als unmoralisch charakterisiert:

„Wie kann es nur eine Sozialpädagogik geben, die Zwölf- bis 15-Jährige in perverse sexuelle Praktiken und Gestaltung von Bordellen einweist! Wenn ein normales Geschlechts- und Familienleben gleichsam pervertiert wird, dagegen Prostitution und gleichgeschlechtliches Verhalten angepriesen werden, kann man dahinter nur moralzersetzende Strömungen vermuten“ (07.05.14).

Prostitution und gleichgeschlechtliches Verhalten werden hier als unmoralisch gebrandmarkt.

Fazit

Die Debatte um die SdV ist im Mediendiskurs vorwiegend als Grenzüberschreitung mit dem Subtext des sexualpädagogischen Unterrichts als Praktik sexualisierter Gewalt kritisiert worden. Hierbei wird all jenes als grenzüberschreitend verstanden, was über die anatomisch-medizinische und normalisierende biologische Aufklärung hinausgeht, wie z.B. die Thematisierung verschiedener Sexualpraktiken, Begehrens- und Lebensformen als gleichwertig. Auch grundlegend befürwortende Argumentationen, die beispielsweise eine Erleichterung eines Coming Outs im Zeichen von Toleranz als ein Unterrichtsziel ansehen, setzen die SdV in den Verdacht eines undurchsichtig bleibenden gesellschaftlichen Transformationszieles, das mit einem totalitären Toleranzdiskurs durchgesetzt werden soll. Die SdV wird so zu einer bedrohlichen und mystischen Pseudo-Aufklärung stilisiert. Sexualpädagogische Wissensvermittlung wird unter dem Verdacht der Ideologisierung und dem Verlust der Heteronormativität und der gesellschaftlichen Ordnung verhandelt. Bildung, so ließe sich zuspitzen, soll die gesellschaftliche Ordnung erhalten und nicht verändern. Die traditionelle Familie wird darin als eine zentrale Ordnungseinheit verstanden, die Vermittlung vielfältiger Lebens- und Begehrensformen als ihre Bedrohung. Diese Figur der Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch sexualpädagogische Ansätze zieht Argumentationen nach sich, die paradoxerweise die „stinknormale Familie“ als marginalisiert kennzeichnen. Die konstruierte Bedrohung der heteronormativen Ordnung wird abgewehrt, in dem der Sexualpädagogik der Vielfalt ihre Wissenschaftlichkeit abgesprochen wird. Die Vorstellungen von Privatheit, Identität und Moralität erscheinen diskursiv als Grenzkategorien, wobei die Verletzlichkeit „unserer Kinder“ deren inneren Bezugspunkt bildet. Die Unverbrüchlichkeit des Kindeswohls wird als kollektivierendes Interesse und Abgrenzungsmittel gegen diese Kategorien genutzt, um wissenschaftliche Auseinandersetzungen und bildungspolitische Umsetzungen der Akzeptanz von sexueller Vielfalt gegen die empfundenen Grenzverletzungen zu wenden und an ihnen zu schärfen. Die offene Thematisierung von Sexualitäten und Lebensformen wird so von Themen des Kindeswohls und dem Verständnis von Sexualpädagogik als Praktik sexualisierter Gewalt überblendet.

Maike Bunt und Marianne Brenner studieren Soziologie an der Universität Kassel.

  1. Elisabeth Tuider; Mario Müller; Stefan Timmermanns; Petra Bruns-Bachmann; Carola Koppermann: Sexualpädagogik der Vielfalt. Praxismethoden zu Identitäten, Beziehungen, Körper und Prävention für Schule und Jugendarbeit, 2012: Weinheim / Basel: Beltz Juventa Verlag,. 2. überarbeitete Auflage. []
  2. Grundlage dieser Analyse bilden Artikel aus: Süddeutsche Zeitung, BILD, Christ & Welt – Beilage der Zeit, SVZ Brandenburg, HNA (Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen).  Zusätzlich wurden Artikel  aus Jungle World, TAZ, Profil (aus Österreich), Tagesspiegel, Analyse & Kritik aus der Zeit 24.07.-19.08.2014 einbezogen. []

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