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Wellnessdiskurse

 

Alltagsbewältigung im Zeitalter neoliberaler Rationalität1 Erschienen in DISS-Journal 19 (2010)

Schlückchen Wasser zwischendurch – gerne auch mit einem Spritzer Zitrone, warum nicht mal richtig über die Stränge schlagen? – , anschließend ein entspannender Marathon entlang alter Gemäuer mit dem Charme vergangener Monarchien. An lauen Sommertagen können hier im abendlichen Schlossgelb der untergehenden Sonne noch traditionelle Streckbänke und spanische Stiefel bewundert werden. Bereits seit dem Mittelalter sorgen die Herren dieser Welt für wunderbare Wohlfühlwelten, in denen die Bewohnerinnen einfach mal die Füße baumeln und den Alltag für unbestimmte Zeit vergessen konnten.’

So oder so ähnlich wird allerorten für Wellnessangebote geworben. Ob im Supermarkt oder am Kiosk – überall warten Wohlfühlerlebnisse für nur wenig Geld. Die Produktpalette ist ebenso umfassend wie die Techniken, die gewählt werden können, um ein zufriedenes und glückliches Leben zu führen. Zu fragen ist deshalb, welchen gesellschaftlichen Stellenwert Wellness heute einnimmt. Die Beschäftigung mit dem Wellness-Diskurs zeigt, dass Wellness als Teil biopolitischer Aktivierungsstrategien begriffen werden kann: Spa-Bad, Kneippkur und Waldspaziergänge lassen sich so im Spannungsfeld ökonomischer Anforderungen und den Subjekten überantworteten Strategien ihrer Bewältigung verorten.2

Mit Wellness in den Alpha-Zustand

Das dem Wellnessdiskurs zugrunde liegende Menschenbild besteht in der Trinität aus Körper-Seele-Geist. Diese seien in einem gewissen „Alpha Zustand“ in einer „ursprünglichen Harmonie“ gewesen, dessen Gleichgewicht durch diverse schädliche Einflüsse zerstört wurde. Aber durch Wellness werden den Menschen neue Mittel und Wege an die Hand gegeben, diesen paradiesischen Zustand wieder herzustellen. (SZ: Wohlfühlen, 04/2007: 30)

Dabei stehen Körper, Seele und Geist in einem Ausgleichsverhältnis zueinander: Die Förderung eines Elements verstärkt die anderen Elemente; ist ein Element gestört, werden auch die anderen geschwächt. Ziel ist die Wiedererlangung des Gleichgewichts zwischen diesen drei Elementen. Folgerichtig wird angeraten, sich allen drei Bestandteilen zu widmen: „Für Gesundheit und Fitness ist seelischer Ausgleich und mentale Entspannung wichtig.“ (SZ: Wohlfühlen, 2/2007: 39) Innerhalb dieses Referenzsystems ist es somit ein Irrglaube, dass es ausreichen würde den Körper zu trainieren, um körperlich gesund zu sein. „Gesund sein – das wollen wir alle, aber nicht immer tun wir viel dafür. Dabei ist es so einfach, ein gesundes Leben zu führen. Mit einer bewussten Lebensführung – einer Mischung aus Bewegung, Entspannung und Ernährung – können Krankheiten und gesundheitliche Risiken vermieden und gesenkt werden“ (SZ: Wohlfühlen 2/2007, unsere Hervorh.). Wer dieses Ausgleichsverhältnis ignoriert, sich im Sinne des Diskurses irrational verhält, muss mit den Folgen leben: „Menschen, die von einer natürlichen und gesunden Lebensweise abweichen, werden (häufiger) krank“ (SZ: Wohlfühlen, 4/2006: 11).

Raum und Gegenraum

Doch was ist es, das dieses Gleichgewicht zerstört und die Individuen aus dem „Alpha Zustand“, dem Quell der Glücksseligkeit, vertreibt?

Der Wellness-Diskurs antwortet einhellig: es ist der Alltag. Dieser ist der Gegenraum zu dem, was als Wellnessraum verstanden werden kann. In den Welllness-Zeitschriften ist es mal die „Enge der eigenen Behausung“ (SZ: Wohlfühlen, 3/2008), an anderer Stelle die „laute und schmutzige Großstadt“ (FAZ: Piazza Wellness, 2/2008), immer jedoch der „Stress und [die] Hektik des Alltags“ (SZ: Wohlfühlen, 3/2008). Das gilt auch für den Manager des Spabereichs eines 5-Sterne-Hotels. Herr Wagner3, beschreibt seinen Alltag als „dunkel“, „kalt“ und „nass“. Widersprüchliche Anforderungen von Kundinnen, Mitarbeiterinnen und Vorgesetzten werden zur ständigen Belastung: „[…] wir haben ja hier achtzehn oder zwanzig Mitarbeiter und da ist man schon in einer Verantwortung, den Mitarbeitern gegenüber will man gerecht werden, [der] Direktion muss man gerecht werden. Man sitzt dazwischen, man hat viele Sachen, die man erledigen muss oder die einem vorgeschrieben werden, wo man mit leben muss, was man vielleicht nicht möchte.“ Doch damit nicht genug – er fühlt sich dabei auch noch „irgendwo allein“.

Manuela, eine überzeugte Wellnessanwenderin, äußert sich ähnlich, wenn sie in Bezug auf den Umgang mit ihrer dreijährigen Tochter sagt: „Dann stehe ich ja ständig in Beziehung, ich muss ständig auf sie reagieren und ständig hab ich so n Output.“ Auch Sabine, selbst Betreiberin eines kleinen Wellness-Salons, sieht die alltäglichen Beziehungen stark belastet und bezeichnet sie als wichtigen Grund für Wellnessaktivitäten. Ihre Kundinnen fühlten sich in ihrer alltäglichen Kommunikation „gar nicht wahrgenommen“, weil sich diese vor allem auf den „Austausch von Ware gegen Geld“ beschränke.

Zusammengenommen ist der Alltag eine anonyme, mies gelaunte, von Hektik und Stress geprägte, warenförmige Welt, in der es zu allem Überfluss auch noch regnet.

Wellness: bestimmt unbestimmt

Fluchtraum, rettender Gegenpart, ist die Wellnesswelt: „Gestresst taucht der Mensch in ihre Welt ein – und getröstet und erholt kehrt er daraus zurück, nach wenigen Stunden oder einigen Wochen.“ (SZ: Wohlfühlen, 3/2008)

Konstitutives Merkmal der Wellnesswelt ist somit ihre strikte Abgrenzung zu der die Subjekte erdrückenden Normalität der Alltagswelt. Damit ein Raum zu einem Wellnessort wird, muss all das ausgeschlossen werden, was mit dem Alltag in Verbindung gebracht wird: „Ich schließe hier ab, zieh das Telefon raus, Fernsehen wird nicht angemacht, ich mach mir halt meine Meditation oder meine Musik. Ich brauch ja keine Massage“. Wellness ist also wesentlich das, was Alltag nicht ist. Auch Manuela, die den ständigen „Output“ gegenüber ihrer Tochter als einen Grund nennt, Wellness zu betreiben, bestimmt Wellness negativ über das Gegenteil: „[…] dann muss ich nicht ständig auf irgendwelche Sachen reagieren, Gespräche führen […]“. Was in diesem Zitat darüber hinaus anklingt, ist die grundsätzliche Unbestimmtheit von Wellness. Letztendlich müsse jede/r selbst wissen, was für ihn oder sie Wellness sei, „Jeder hat ein anderes Empfinden“. Eindeutig bestimmte Grenzen sind nicht auszumachen: „Jeder soll nach seiner Façon glücklich werden und das essen, was ihm schmeckt“ (Brigitte Balance, 03/2007: 40). Was bleibt, ist die Abgrenzung zum Alltag. Wo sich Herr Wagner im Alltag bevormundet fühlt, will er, wenn er Wellness betreibt, selbstbestimmt sein: „Ich möchte das dann auch selbst entscheiden. Und wenn ich dann Probleme habe, würde ich dann einfach fragen.“ Gerade die Unbestimmtheit des Konzepts Wellness qualifiziert es dazu, sich in neoliberale Diskurse und Verhältnisse einzupassen. Die durch diese Unbestimmtheit suggerierte individuelle Freiheit ist aber nur eine Wahlfreiheit innerhalb des Angebots. Jede/r darf sich selbst verwirklichen, solange diese Selbstverwirklichung in den Grenzen der diskursspezifischen Rationalität erfolgt.

„Das Maximale im Minimum an Zeit“

Doch was führt Menschen eigentlich dazu, irgendeinem ominösen „Alpha Zustand“ hinterher zu jagen? Welches Versprechen liegt diesem Streben zugrunde?

„Wellness ist Wohlbefinden, ganz kurz gesagt, einfach, nicht?“ Dieses „Wohlbefinden“, das der Spamanager auf die Frage, was Wellness sei, hervorhebt, verknüpft er mit seinem Bedürfnis, „eine Kraft […] für die nächste Zeit“ zu sammeln. Das heißt aber, dass Wellness nicht allein auf „Wohlbefinden“ abzielt. Es geht um mehr: Das permanente Herstellen und Erhalten des Gleichgewichts zwischen Körper, Seele und Geist, das ständige Arbeiten an sich selbst soll zu einer Steigerung des eigenen Leistungsvermögens führen und damit zu Anpassung an eine neoliberale Rationalität.

So schildert etwa Manuela den Eindruck, sie müsse „immer so dran bleiben“. Dass es dabei um die Zurichtung anhand ökonomischer Kriterien geht, wird deutlich, wenn Sabine vorrechnet, dass der „Benefit“ von Wellness gegenüber medizinischen Anwendungen größer sei: Benefit ist also „der Erfolg, also das, was die mitnehmen, was der Kunde mitnimmt, [der] größer ist, weil hier der Zeitrahmen auch jeder Behandlung auch wichtig ist, um in diesen Entspannungsmodus überhaupt zu kommen. Was verordnet ist, was gesagt wird, […] das ist ne andere Angehensweise und hier wenn der Kunde hierherkommt für 50 Minuten, das Minimum ist 30 Minuten, der Körper auch in den Moment kommt, wo er wirklich die Entspannung erfährt.“ Ziel sei das „[…] Maximale im Minimum an Zeit […].“

Um im Alltag zu bestehen, konkurrenzfähig zu sein und widerstreitenden An- und Überforderungen gerecht zu werden, bietet Wellness ein integrierendes Konzept, das diese Ansprüche übersteigt und den Rezipientinnen zu einem konsistenten Selbst verhilft, so „[…] dass das den Kunden dahin bringt, tatsächlich ne Selbst, ne Selbsterfahrung auch zu haben und n Selbstbedürfnis zu entwickeln, das machen zu wollen.“ Die Verantwortlichkeit, sowohl für die Sorge um sich Selbst, als auch für das grundsätzliche Gelingen des Wellness-Projekts, bleibt dabei zwangsläufig individuell verhaftet.

Hierfür ist die inhaltliche Unbestimmtheit von Wellness zentral. Völlig frei und selbstbestimmt sollen sich die Subjekte entfalten. Die Selbstbestimmung geht jedoch nur so weit, wie sie sich der zugrundeliegenden Kosten-Nutzen-Rationalität anpasst. Die Individuen sind in dem Maße selbstbestimmt, in dem sie entscheiden können, welche Mittel und Wege sie wählen, um dem als präskriptive Norm fungierenden Menschenbild zu entsprechen. Körperliche Gesundheit, Zufriedenheit und ökonomischer Erfolg sind gleichsam der Lohn für diese Mühen: „Körperlich aktive Menschen sehen daher nicht nur frischer aus, sondern sind auch im Alltag belastbarer und fühlen sich besser“ (SZ: Wohlfühlen, 2/2007). Die Abfolge von Kosten-Nutzen-Kalkulationen bleibt von den Wellnessnutzerinnen als ein sich selbst verstärkender Kreislauf in der Regel unerkannt. Vielmehr erscheint Wellness paradoxerweise als Ausweg: Auch wenn es egal ist, welche Mittel zur Erreichung des Zwecks („Gesundheit, Zufriedenheit und ökonomischer Erfolg“) eingesetzt werden, so unterliegt der Zweck einem ökonomischen Kalkül, das den effizienten Einsatz der Mittel vorschreibt. Auf die Erfüllung des Wellness-Zwecks, d.h. auf die erfolgreiche Arbeit am „Alpha-Zustand“, folgt das nächste alltägliche Zweckbestreben und damit die erneut ins Wanken geratene Körper- Seele-Geist Harmonie: das Rad dreht sich weiter und weiter.

Der Wellness-Diskurs suggeriert somit völlige Freiheit und Individualität und passt dadurch die Einzelnen umso effektiver an eine neoliberal geprägte kapitalistische Rationalität an. Die Verantwortung für den allgegenwärtigen Verwertungszwang und die ständige Belastung wird, obwohl es ein gesellschaftliches Phänomen ist, in das Individuum verlagert und dort durch den Wellness-Diskurs behandelt. Der Stress und die Belastung sind real, doch die „Widerstandsstrategien“, die der Wellnessdiskurs anbietet, stehen dem Elend nicht entgegen. Ist Freizeit im Kapitalismus schon immer vor allem Reproduktionszeit, tendiert der innere Zwang zur Arbeit an sich selbst dazu, noch die letzten Bruchstellen dieser Realität zu kitten. Das Gleichgewicht zwischen Körper, Geist und Seele ist ein ständiger, nie abzuschließender Prozess, der vor allem eines als Produkt auswirft: einen leistungsfähigen, belastbaren und produktiven und damit verwertbaren Menschen.

Die Adaption dieser Rationalität erfolgt aber nicht immer reibungslos: Kritisch merkt die überzeugte Wellnessanwenderin Manuela an, dass die Medien zu stark den „Körperkult“ betonten und wie gut das zu „diesem ganzen individualisierten Denken, das man heute hat“, passe. Weitergehend kritisiert sie das grundlegende Prinzip, der Druck ständig am Ball zu bleiben, wird ihr zu viel: „dass man möglichst irgendwie die ganze Zeit, mit sich beschäftigt ist, so dass man 150-prozentig gut funktioniert und dazu gehört natürlich ein total gut funktionierender Körper und ein super Aussehen“. Diese Leistungsanforderung zu erfüllen ist unmöglich, kann aber auch nicht ignoriert werden. Wie kann unter Anerkennung des Wellnessdiskurses damit umgegangen werden? Indem versucht wird, Anforderungen des Diskurses nuanciert zu verschieben: „Also das ist dann mein persönliches Wellnessprogramm, dass ich dann zum Beispiel auch gut esse.“

  1. Dieser Artikel wurde von Daniel Alings, Jonas Barth, Mathis Eckelmann, Imogen Feld, Philipp Höfener, Martin Hünemann, David Kowalski, Marina Mohr verfasst. Seine Grundlage ist eine an der Phillips-Universität Marburg entstandene (unveröffentlichte) Forschungsarbeit. Hierfür wurde eine an den Duisburger Ansatz angelehnte Diskursanalyse von Wellnesszeitschriften durchgeführt. Darüber hinaus wurden Wellnessbetreibende bzw. -anbietende interviewt. []
  2. Hierin liegt auch das spezifisch Neue des Diskurses begründet. Weder die Freizeit, als Raum der Reproduktion der Arbeitskraft, noch die angewandten Techniken sind neu (so entwickelte bspw. Sebastian Kneipp seine Wasseranwendungen im 19. Jh.). Das Neue an Wellness besteht in dessen neoliberaler Ausrichtung. Durch Wellness werden die Anwendenden in die Lage versetzt, auf dem Marktplatz der Gesellschaft auf verschiedenen Ebenen gegeneinander zu konkurrieren und permanent an sich selbst zu arbeiten. Unsere Argumentation verläuft dabei nicht genealogisch, sondern zeigt lediglich die Verwobenheit von Wellness mit neoliberalen Deutungsmustern als Sachverhalt für die Gegenwart auf. []
  3. Die Namen der Interviewten wurden geändert []

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