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Nation – Volk – Rasse

 

Eine Rezension von Volker Weiß. Erschienen in DISS-Journal 17 (2008)

Die nationalistischen Massenorganisationen des Kaiserreichs haben wiederholt das Interesse der Geschichtsforschung auf sich gezogen.1 Agitationsverbände wie der Alldeutsche Verband, der Kolonialverband oder der Ostmarkverein, die Flotten- und Kriegervereine oder der der christlichen Gewerkschaftsbewegung entsprungene deutschnationale Handlungsgehilfenverband repräsentierten ein Milieu, in dem der völkische Nationalismus eine breite Basis hatte. In ihnen hatte der deutsche Imperialismus bei Expansions- und Rüstungsfragen eine ebenso zuverlässige Lobby wie bei der Bekämpfung der inneren ‚Reichsfeinde’. Aufgrund ihres hohen Organisationsgrades waren diese Massenbewegungen auch selbst in der Lage, die deutsche Politik zu beeinflussen. Am Kurs des Reiches in den Ersten Weltkrieg wie auch am Kriegsverlauf hatten sie daher einen nicht zu unterschätzenden Anteil.

Peter Walkenhorst hat mit Nation – Volk – Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890-1914 eine umfangreiche Studie zu den Strukturen, den Inhalten und der Politik dieser Organisationen vorgelegt. An den Arbeiten seiner Vorgänger auf diesem Gebiet, Uwe Puschner, Sven Herings, Axel Schildts oder Geoff Eleys kritisiert er deren Erklärungen als funktionalistisch und legt daher anders als diese seinen Schwerpunkt auf die Logik der nationalistischen Programmatik, die Konstitution und Konstruktion ihrer Elemente, kurz, ihren Diskurs:

„Ein entscheidendes Defizit der bisherigen Forschung liegt mithin in ihrer Fixierung auf die politischen und gesellschaftlichen Funktionen des radikalen Nationalismus und der hieraus resultierenden unzureichenden Berücksichtigung seines Inhalts und seiner semantischen Struktur.“ (Walkenhorst 2007, S. 22)

Walkenhorst legt ein besonderes Augenmerk auf die Sprache, da diese für den radikalen Nationalismus das „wichtigste kulturelle Medium der Konstruktion und Kommunikation radikalnationalistischer Deutungsmuster“ (Walkenhorst 2007, S. 31.) war. Anhand seiner Fallbeispiele wird deutlich, dass sich der nationalistische Diskurs sowohl nach innen richtete, wenn er über Frauen, ethnische Minderheiten wie Polen oder Juden und die Sozialdemokratie handelte, wie auch äußerliche Begehrlichkeiten gegen Frankreich und England entwickelte, oder im Zuge der 2. Marokkokrise 1911 eine offensivere Kolonialpolitik forderte.

Walkenhorsts Erklärung des radikalen Nationalismus aus der Manipulation durch die Führungseliten und den chauvinistischen Bedürfnissen der Masse kann als eine angemessene Modifikation des durch seinen Doktorvater H.U. Wehler eingeführten Begriffs vom deutschen „Sozialimperialismus“ gelten, also einer Ablenkung von den inneren Problemen des Reichs durch aggressive Außenpolitik. Doch werden auch die Einflüsse Geoff Eleys deutlich, der bereits in seiner Dissertation 1974 zum Deutschen Flottenverband nachzeichnete, dass der deutsche Imperialismus vor dem Ersten Weltkrieg eine breite soziale Basis hatte.2 Angesichts der Rüstungs-, Veteranen und Vaterlandsverbände lässt sich von einer populistischen Selbstmobilisierung der deutschen Nation sprechen, die sich mit den Interessen der Staatsführung und Industrie deutlich deckte. Grundsätzlich schließt der Autor sich Eleys Erkenntnis an, dass sich die völkische Radikalisierung der deutschen Nationalidentität nicht erst in der Weimarer Republik vollzog, sondern in entscheidendem Maße bereits vor dem Ersten Weltkrieg vonstatten ging. Die zentralen Theoreme, Organisationsstrukturen und das Personal rechtsradikaler Politik der zwanziger Jahre waren bereits ‚zu Kaisers Zeiten’ in relevanter Weise vertreten. Durch die Niederlage im Weltkrieg hatte nur weiteren Auftrieb erhalten, was im politischen Diskurs längst etabliert war.

Vor diesem Hintergrund irritiert allerdings, dass Walkenhorsts Studie mit Beginn des Ersten Weltkriegs endet, zumal er selbst betont, dass die Agitation des radikalen Nationalismus

„die ideologischen Grundlagen dafür [legte], daß die ‘Volksgemeinschaft’ zur zentralen Signatur des deutschen Nationalismus avancieren konnte und daß die Suche nach neuem ‘Lebensraum’ für das deutsche Volk sich zu einer nicht weniger einflußreichen Konstante des außenpolitischen Denkens entwickelte.“ (Walkenhorst 2007, S. 317)

Die Geschichte der nationalistischen Großverbände reichte viel weiter, da sich etwa der Alldeutsche Verband erst 1939 mit der Begründung auflöste, die Politik Hitlers habe alle Ziele umgesetzt, die er sich bei seiner Gründung 1891 gesetzt hatte. Dem Weg der völkischnationalistischen Organisationen von der Agitation in die konkrete Form der „Volksgemeinschaft“ widmet Walkenhorst leider nur einen Ausblick.

Zwei Schlüsse sind aus der Lektüre zu ziehen. Erstens sieht Walkenhorst wie schon Uwe Puschner in der völkisch-nationalistischen Bewegung des Kaiserreichs eine höchst moderne Form der politischen Organisation und Artikulation.3 Das Phänomen der völkisch-nationalistischen Bewegung erscheint demnach nicht einfach als Reaktion auf einen krisenhaft erfahrenen Modernisierungsprozess begreifen, sondern die Akteure hatten ihre eigenen Vorstellungen einer deutschen Moderne. Auch er betont, dass der radikale Nationalismus durchaus eigenständig agierte und weit davon entfernt war, nur willfähriger Erfüllungsgehilfe der Obrigkeit zu sein. Vor diesem Hintergrund lehnt er auch die Deutung des Nationalismus als ‚Verliererideologie’ ab. Gerade die radikale Variante seien von ausgesprochenen Gewinnern der Modernisierung propagiert worden.

Zweitens versuchte der deutsche Nationalismus, einen neuen Anfang zu definieren, eine nationale Erneuerung aus dem Geist der Moderne. Die Semantik des radikalen Nationalismus zeigt, dass dieser in der Reichsgründung 1871 nicht die Vollendung des Wegs der Deutschen in der Geschichte sah, sondern dessen eigentlichen Anfang. In diesem Kontext untersucht Walkenhorst die Kategorien von ‚Nation’ und ‚Volk’ als Momente von Identität und Differenz, die Biologisierung dieser Kategorien, wie auch ihre Feinbestimmungen im darwinistisch interpretierten Daseinskampf. Die populäre Verkörperung der Nation in der ‚Volksgemeinschaft’ hatte schließlich ihre biopolitischen Konsequenzen mit starken Auswirkungen auf Frauen und Minderheiten und mündete bereits im Kaiserreich in der diskursiven Zusammenführung von Ethnie und Staatsbürgertum. Dabei betont Walkenhorst das zunächst noch diffuse Gesamtbild, das sich erst in der Summe der Semantiken schärfer konturiere. Insgesamt erscheint der radikale Nationalismus als ein „Ensemble unterschiedlicher Vorstellungen, Überzeugungen und Deutungsmuster, die aufeinander bezogen waren, zugleich jedoch auch unabhängig voneinander Wirkung entfalten konnten.“ (Walkenhorst 2007, S. 308) Diese breite Fächerung machte ihn so effektiv, dass er die deutsche Gesellschaft wirkungsvoll durchdringen und den deutschen politischen Diskurs nachhaltig formen konnte. Radikalnationalismus und Kriegsbejahung wurden zu wesentlichen Elemente der politischen Kultur, dazu trat die „Vorstellung der ethnisch und kulturell homogenen ‚Volksgemeinschaft’ mit ihrer semantischen Verknüpfung von Homogenität, Effizienz und Macht sowie die Lebensraumideologie und der aus ihr abgeleitete Kontinentalimperialismus“ (Walkenhorst 2007, S. 317). Die Folgen sind bekannt.

Walkenhorsts Arbeit ist eine gelungene Synthese aus historischer Forschung und Diskursanalyse. Wer sich mit dem Kaiserreich dem Ersten Weltkrieg und der Entwicklung der deutsch-völkischen Ideologie befasst, dem sei sie zur Lektüre dringend empfohlen. Doch auch über die heutige Rechte lassen sich aus der Studie Erkenntnisse ziehen. Etwa, dass eine radikale Rechte nicht unbedingt der Rekurse auf den Nationalsozialismus bedarf; In Kreisen der NPD oder auch der Jungen Freiheit werden Vorstellungen des völkischen Nationalismus aus wilhelminischer Zeit ebenso recycelt. Daher bietet Walkenhorsts Arbeit auch eine gute Handhabe zur Analyse rechter Agitation bis in die Gegenwart.

 

Peter Walkenhorst
Nation – Volk – Rasse
Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890 – 1914
2007: Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht
ISBN 978-3-525-35157-4
400 S., 49,90 €

 

  1. Vgl. u.a. Rainer Herings Studie Der Alldeutsche Verband 1890-1939 (Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte. Darstellungen; Bd. 40), Hamburg 2003. – Stig Förster, Der doppelte Militarismus. Die deutsche Heeresrüstungspolitik zwischen Status-quo-Sicherung und Aggression, 1890-1913 (Veröffentlichungen des Instituts für europäische Geschichte Mainz, Bd. 118), Stuttgart 1985.Oder zum DNHV: Siegfried Lokatis, Hanseatische Verlagsanstalt’. Politisches Buch-Marketing im ‘Dritten Reich, Frankfurt a.M. 1992. []
  2. Geoff Eley, The German Navy-League in German Politics, 1898-1914, Sussex 1974. []
  3. Vgl. Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache – Rasse – Religion. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2001. []

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