Home » DISS-Journal » Michel Foucault als Diskursivitätsbegründer

 

Michel Foucault als Diskursivitätsbegründer

 

Interview mit Rolf Parr (Universität Bielefeld), Mitherausgeber des Foucault-Handbuches. Erschienen in DISS-Journal 17 (2008)

DISS-Journal: Du hast an der Herausgabe des Foucault-Handbuches mitgearbeitet, das Anfang September bei Metzler erschienen ist. Das Handbuch stellt den gesamten Foucault vor, seine Werke, zentralen Begrifflichkeiten und Konzepte sowie seine Rezeption und Wirkung in nahezu allen kulturwissenschaftlichen Disziplinen. Nun ‚boomt’ Foucault weiterhin, wohl gerade auch wegen der fortdauernden Rezeption der 4-bändigen Kleinen Schriften (Dits et Écrits). Was versprecht Ihr Euch als Herausgeber von diesem neuen voluminösen Band?

Rolf Parr: Auf einen ersten, kurzen Nenner gebracht: dass Foucault auf der einen Seite nicht nur ‚philologisch’ zum ‚Klassiker’ und damit in seinem politischen Wirkungspotenzial still gestellt wird (man könnte von ‚klassifiziert’ in Analogie zu ‚mumifiziert’ sprechen), auf der anderen, dass er nicht nur von den je eigenen disziplinären Anschlüssen bzw. Fragestellungen her wahrgenommen wird. Vielleicht kann das Handbuch mit dem Sichtbarmachen von Foucaults breiter Anschlussfähigkeit und Wirkung nicht nur im Spektrum der Humanwissenschaften dazu beitragen, auch bisher ungeahnte Querverbindungen ‚aktiv’ werden zu lassen. Einen ersten Anlauf dazu hatten Clemens Kammler und ich ja bereits 2005 mit der KWI-Tagung „Foucault in den Kulturwissenschaften“ (Heidelberg: Synchron 2007) unternommen. Das Handbuch gibt jetzt die Möglichkeit, dies auf breiterer Basis fortzuführen und die Rezeption zugleich auf das Werk, die Foucaultschen Arbeitsbegriffe und ihre Kontexte (zurück) zu beziehen.

Entsprechend ist der Band auch von der Gliederung her angelegt: Einem kurzen Abriss zur intellektuellen Biographie, der einer ersten Verortung Foucaults in seiner Zeit dient, folgen mit Teil II Artikel zu den einzelnen Werken bzw. Werkgruppen in chronologischer Anordnung, wobei die in jüngster Zeit sukzessive veröffentlichten „Vorlesungen“ ans Ende gestellt sind. Teil III ergänzt die Werkartikel um vier verschiedene Gruppen von Kontexten: Aufgenommen wurden Artikel zu den für Michel Foucaults Denken wichtigen Referenzautoren bzw. – texten, solche zu zeitgenössischen intellektuellen Bezügen in Frankreich, Beiträge zu den wichtigsten Anschlüssen an Foucaults Denken sowie zu Überscheidungen bzw. Differenzen mit anderen theoretischen Ansätzen und Denkrichtungen. Teil IV bietet ergänzend kürzere Beiträge zu den wichtigsten Arbeitsbegriffen Foucaults, die in ihrer Gesamtheit einen Einblick in das bieten, was Foucault selbst seinen ‚Werkzeugkasten’ genannt hat. Der Rezeption Foucaults in einer notwendig begrenzten Zahl von wissenschaftlichen Disziplinen (vorwiegend aus dem Spektrum der Geistes- und Sozialwissenschaften) geht Teil V nach, wobei aus der Perspektive eines je spezifischen disziplinären Fragezusammenhanges teils einzelne Werke, teils ganze Werkgruppen, teils besonders wichtige Theoreme fokussiert werden. Neben einer Bestandsaufnahme der Foucaultrezeption fragen die Artikel dieses Teils jeweils auch nach zukünftigen Möglichkeiten des Arbeitens mit Foucault.

Doch noch einmal zurück zur Frage: Dass Foucault ‚boomt’ lässt sich wohl nicht nur mit dem Erscheinen der „Dits et Écrits“ erklären, auch wenn diese vier Bände sicherlich noch einmal zu einem Rezeptionsschub geführt haben. Mindestens ebenso hat das sukzessive (und fortdauernde) Erscheinen der Vorlesungen gewirkt, wobei es jeweils einen ersten Schub in der Beschäftigung mit Foucault beim Erscheinen der französischen Ausgabe gab, dann noch mal einen zweiten mit zeitlichem Versatz mit der deutschen Übersetzung. Dadurch ist Foucault über eine inzwischen doch schon releativ lange Zeitspanne hinweg ständig in der Diskussion geblieben. Schien Foucault Ende der 1980er Jahre für einen Moment ‚ausgeforscht’ zu sein, so haben die Vorlesungen immer wieder zu Neuansätzen geführt, von denen der stimulierendste vielleicht die Gouvernementalitätsforschung war.

Foucault gilt – zumindest in Teilen der Kulturwissenschaften und einigen ihrer Disziplinen – auch ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod, als ein ‚umstrittener’ Denker. Wird das Handbuch dazu beitragen, diese Situation zu verbessern?

Ich zögere gleichermaßen, darauf mit einem eindeutigen „Ja“ wie auch mit einem eindeutigen „Nein“ zu antworten. Sofern ‚umstritten’ impliziert, Foucaults Werk als nichtoperativ ad acta zu legen, wäre das natürlich fatal. Wollte das Handbuch Foucault als einen in diesem Sinne ‚umstrittenen’ Autor ausweisen, würde es sich zugleich selbst überflüssig machen. Ebenso fatal wäre umgekehrt eine unstrittige, ‚eindimensionale’ Vereinheitlichung Foucaults zu einem statischen und kaum mehr wirksamen Denkmal. Das Handbuch geht diesen beiden Kretin-Alternativen gegenüber einen dritten Weg, indem es versucht Foucault als das darzustellen, was dieser selbst in „Was ist ein Autor?“ als „Diskursivitätsbegründer“ bezeichnet und an Marx und Freud festgemacht hat: nicht einfach nur Autoren eines Buches oder (Lebens-) Werkes, sondern Denker, die ganz neue ‚Ordnungen der Diskurse’ hervorgebracht und das Feld des Sag-, Sicht- und auch wissenschaftlich Bearbeitbaren nachhaltig verändert haben. Indem solche „Diskursivitätsbegründer“ die Formationsregeln und damit Möglichkeiten für ganz andere Texte eröffnet haben, stellt sich wissenschaftliches und in der Folge nicht selten auch alltägliches Denken ‚vor’ und ‚nach’ ihnen als grundlegend verschieden dar.

Diese Charakteristik von Diskursivitätsbegründern aber trifft in ganz besonderer Weise auch auf Foucault selbst zu. Indem er die Aufmerksamkeit auf die über die Einzelindividuen und ihre Äußerungen hinausgehenden Regularitäten von Diskursen lenkt, eröffnet er neue, nicht von vornherein thematisch oder historisch begrenzte Diskursmöglichkeiten und macht so neue Sichtweisen auf vermeintlich altbekannte Gegenstände wie ‚Sexualität’, ‚Wahnsinn’ oder ‚Normalität’ möglich. Das beinhaltet allerdings stets auch die Selbstrevision des eigenen Denkens, die dazu führt, dass man Foucaults Arbeiten als bisweilen in sich widersprüchlich (und von daher wiederum ‚umstritten’) wahrnimmt und ebenso wenig eine teleologisch angelegte Fortschrittslinie konstruieren kann. Mit dem Handbuch möchten wir dieses sich beständig selbst revidierende, von ganz verschiedenen Punkten aus immer wieder neu ansetzende Denken des ‚Diskursivitätsbegründers’ Michel Foucault deutlicher als vielleicht bisher sichtbar machen, ohne es dabei vorschnell unter solchen griffigen Labeln wie ‚Post-‚ oder ‚Neostrukturalismus’ zu vereinheitlichen. Foucault in diesem letzten Sinne als ‚umstritten’ anzusehen, würde ich als etwas sehr Positives ansehen und keinesfalls mehr als Mangel.

Das Handbuch bezieht sich fast ausschließlich auf „Foucault in den Kulturwissenschaften“. Nun ist mir nicht entgangen, dass sich zunehmend auch Naturwissenschaftler auf Foucault beziehen, etwa Geographen, Mediziner … Können auch Naturwissenschaftler von diesem Handbuch profitieren bzw. wie könnte man ihnen nahebringen, dass Foucault für sie spannend sein könnte, denn „objektive Wahrheiten“ können ja auch sie nicht verkünden?

Es ist völlig richtig, dass der Schwerpunkt bei den Kulturwissenschaften liegt, was seinen Grund natürlich auch in unserer eigenen Profession hat. Andererseits: Denkbar wäre ja auch ein noch engerer Begriff von Geisteswissenschaften gewesen, demgegenüber wir mit einem weitest möglich expandierten Konzept von Kulturwissenschaften Aber natürlich wäre – etwa bei einer zweiten Auflage – auch an Artikel zu einzelnen Naturwissenschaften zu denken, die sich ja etwa da, wo sie ihre eigene Geschichte betreiben, in der Tat auch mit Foucault beschäftigen, oder – wie Medizin und Psychiatrie – sogar direkt an Foucault anknüpfen können. Für andere Bereiche wie Biologie, Architektur oder eben auch Geographie ist es dagegen ziemlich schwer, an die einschlägig erfahrenen Kollegen zu kommen. Bisher übernimmt im Handbuch der Überblicksartikel „Naturwissenschaften“ von Hartmut Kögler noch eine gewisse Stellvertreterfunktion. Er weist u.a. darauf hin, dass mit Foucault die naturwissenschaftliche Perspektivierung ihrer Gegenstände kritisch auf ihre diskursiven, sozialen und kulturellen Ursprünge untersucht werden könnten. Das würde ein Stück weit sicher in Richtung einer Dekonstruktion bestehender naturwissenschaftlicher Realitätsbilder gehen.

Von daher wäre es für uns ein Glücksfall, wenn sich FoucaultforscherInnen aus den Naturwissenschaften bei uns melden und Desiderate anmahnen würden, die sich dann vielleicht bei einer zweiten Auflage berücksichtigen lassen. Dabei wäre allerdings darauf zu achten, ob man letztlich nicht ‚nur’ kulturwissenschaftliche Arbeit auf naturwissenschaftlichem Terrain leistet, oder mit Foucault etwas in den Naturwissenschaften Spezifisches leistet. Im ersten Falle bliebe ja immer so ein Rest von ‚kulturwissenschaftlichem Imperialismus’ zurück, der nichts anderes machen würde, als die Naturwissenschaften auf ihre blinden kulturwissenschaftlichen Flecken hinzuweisen (was nicht heißen soll, dass das nicht höchst sinnvoll wäre). Einen Modellfall könnte hier vielleicht wirklich die Geographie bilden, denn wir haben ja einerseits die Aufnahme diskursanalytischer Elemente in die Geographie (besonders im Kontext der ‚Raum’- und ‚Globalitätsdiskussionen’), andererseits einen ‚geographical turn’ in den Literatur- und Kulturwissenschaften. Hier läge Annäherung auf dem Weg über Foucault möglicherweise besonders nahe.

Manche „Linke“ machen Foucault und seinen RezipientInnen gelegentlich den Vorwurf des Reformismus oder beklagen, dass Diskurse gut und schön seien, dass dies aber den von Armut und Krankheit Betroffenen völlig egal sein könnte. Handelt es sich hierbei nicht um ein gravierendes Missverständnis der Foucaultschen Diskurstheorie?

Solche Vorwürfe gegen die Foucaultsche Diskurstheorie trennen scharf nach ‚Diskursivem’ und ‚Nicht-Diskursivem’, während Foucault sich ja gerade für die Kopplungen interessiert hat, zum einen die von Spezialdiskursen untereinander (inter-diskursiv), dann aber auch von Diskursen zu nicht-diskursiven Elementen sozialer Praxen (extra-diskursiv); so schwer gerade letztere zu fassen sind. Von daher geht bei Foucault gerade nicht alles in Diskursen auf, von denen dann – so ja der gängige Vorwurf – kein direkt sichtbarer Weg zur Verbesserung der Situation von Arbeitslosen, Flüchtlingen, Armen und Kranken führe. Aber Foucault sagt ja nirgendwo ‚Die Welt sie war nicht, ehe der Diskurs sie schuf’. Vielmehr besteht ja bei Foucault zwischen dem Rede- und dem Handlungsaspekt von Diskursen ein Zusammenhang und damit wiederum einer zwischen Diskursen und Macht. Weiter stellen Diskurse Anschlüsse bereit für die Ausbildung von individuellen, aber auch kollektiven Subjektivitäten; sie generieren also Subjekteffekte, nach denen Individuen dann wiederum ihr Handeln ausrichten.

Von daher ist politisches Handeln (gerade auch intervenierendes!) direkt mit Diskursen verknüpft. Man kann wohl nicht oft genug sagen, dass Diskurse eminent materielle Produktionsinstrumente bestimmter sozialer Praktiken sind, auch solcher, die Kranke, Arme, Hartz IV-Empfänger usw. sehr direkt betreffen. Und schließlich: Das Wissen um diskursive Regularitäten lässt sich immer auch gegenhegemonial, gegen vorhandene Machtstrukturen wenden. Erst indem die Tätigkeit des diskurstheoretisch arbeitenden Archäologen die Regularitäten, denen soziale Praktiken unterliegen, überhaupt erst sichtbar macht, eröffnet sie auch die Möglichkeit zu diskurstaktischer Intervention. Dann aber kann man kaum noch sagen, dass Foucaults Diskursbegriff die Denkmöglichkeit einer Resistenz gegen ‚die Macht’ fehle. Das mag möglicherweise den von Armut und Krankheit in ihren elementaren Lebensbedürfnissen Betroffenen wenig nützen, aber diejenigen, die mit vielleicht langfristigen Effekten intervenieren und für eine andere Politik kämpfen wollen, bekommen analytische Werkzeuge in die Hand, die nicht zu unterschätzen sind.

(Wie) entging Foucault der „Unerbittlichkeit der Historizität“ (Ulrich Brieler)?

Das hat Uli Brieler viel besser ausgeführt, als ich es hier kann. Daher nur exemplarisch am Beispiel der Konzeption von Subjektivität: In der „Ordnung der Dinge“ hat Foucault gezeigt, dass das Verhältnis von Subjekt und Wissen als Subjektivierung, als Subjektformung verstanden werden muss, die innerhalb eines ganz bestimmten historischen Rahmens, aber nicht zeitenübergreifend gültig ist, nicht von einem sich selbst ewig gleichen menschlichen Subjekt handelt. Hier kommt das radikal historische Denken Foucaults zum Zuge, das Ulrich Brieler in seiner Arbeit herausgearbeitet hat, und auf das Foucault selbst in dem längeren Aufsatz »Die Wahrheit und die juristischen Formen« hingewiesen hat, in dem es heißt, dass es ihm um ein Subjekt gehe, das sich innerhalb der Geschichte immer wieder neu konstituiere, das beständig neu von der Geschichte begründet werde. Allen ahistorischen bzw. transzendentalen Festlegungen menschlicher Subjektivität entgeht Foucault also durch forciertes Historisieren. Hinzu kommt, dass Foucault uns wie vielleicht kein anderer klar gemacht hat, dass wir als ein empirisches Subjekt in der Regel auch gleichzeitig mit verschiedenen soziale Subjektivierungen zu tun haben.

Das Interview führte Siegfried Jäger.

 

Clemens Kammler / Rolf Parr / Ulrich Johannes Schneider (Hrsg.)
Foucault-Handbuch
Leben – Werk – Wirkung
Unter Mitarbeit von Elke Reinhardt-Becker
2008 Stuttgart: Metzler
978-3-476-02192-2
454 S., 49,95 €

Tags: , ,

Drucken Drucken
 

No comments

Be the first one to leave a comment.

Post a Comment