Home » Online-Bibliothek: Artikel & Aufsätze » Graswurzelrevolution von rechts?

 
 

Graswurzelrevolution von rechts?

 

Zum Versuch jüngerer Vertreter der „Neuen“ Rechten, in der Dark-Wave-Szene Fuß zu fassen. Von Alfred Schobert. Zuerst erschienen im Reader zur Konferenz gegen Rechts „Wider die Gewöhnung – der rechte Zeitgeist und seine Abwehr“ in Nürnberg 15./16. Mai 19981

1. Rechtsextreme Infiltrationsstrategie: Entwurf und Umsetzung

„Pardon, ich höre Popmusik“, überschrieb der frühere Neonazi ud spätere FPÖler Jürgen Hatzenbichler (vgl. Kellershohn 1994b, S. 77-86) leicht ironisch einen Artikel in Nation & Europa (3-4/91, S. 86-88). Hatzenbichler thematisierte die „durch-amerikanisierte Kunstöffentlichkeit von heute“ (S. 86) und die rechte Abneigung gegen derartige „Massenkultur“. „Amerikanismus“ definiert Hatzenbichler als die „totale Durchsetzung unserer Kultur mit einem künstlichen Produkt, amerikanischer ‚Kultur‘ eben, das sich aus mehreren kulturellen Einflüssen afrikanischer und europäischer Art bildete“ (ebd.). Ist die rechte Kritik am „Amerikanismus“, besonders wenn „Hollywood“ ins Spiel kommt, meist mit einem antisemitischen Baß unterlegt (vgl. Schobert 1996b, S. 33), schlägt Hatzenbichler rassistische Saiten an. Heutzutage setzten sich „immer stärker die afrikanischen Strömungen“ (S. 86) durch, worunter Hatzenbichler „schnelle Rhythmen und auf Gestammel reduzierte Texte“ (S. 87) versteht. Panisch verzerrt registriert Hatzenbichler einen Sachverhalt, den Diedrich Diederichsen (1993, S. 54) so faßte: „Alle weltweiten Jugendkulturen beruhten in der Nachkriegszeit auf Dekontextualisierungen schwarzer amerikanischer Kultur (was sie von den Vorkriegsjugendkulturen sehr zu ihrem Vorteil unterscheidet).“

Dennoch plädiert Hatzenbichler für ein Sich-Einlassen auf Popmusik, um eine rechte „Gegenkultur und Alternativkultur“ herauszubilden. Das war eine Zumutung an eine Leserschaft, der man nicht völlig zu Unrecht einen Musikgeschmack zwischen Wagner-Opern und Wehrmachts-Märschen zuschreibt. Deshalb war sie wohl mit dem warnenden Hinweis „Provokation“ im Untertitel versehen. Und verhallte vorerst ohne nennenswertes Echo.2

In der Jungen Freiheit (JF) trat Roland Bubik (vgl. Kellershohn 1994b, S. 86-89) im Herbst 1993 in die Stiefelabdrücke seines österreichischen Redaktionskollegen. Ohne Pardon präsentierte er „Die Kultur als Machtfrage“ und schreckte in seiner Variante der von Karlheinz Weißmann propagierten rechten Graswurzelrevolution (vgl. Kellershohn 1994a, S. 34f.) nicht vor unkonventionellen Ideen zurück, die traditionelleren Kameraden wohl die Haare zu Bergen stehen ließen.

Bubik repetiert Gedanken Armin Mohlers zur „Konservativen Revolution“ und streut Reizworte, um seinen „jungen, revolutionären Konservatismus“ zu profilieren. Unter der Zwischenüberschrift „Reaktionäre Ästhetik und Konservative Revolution“ schreibt er: „Während auf emotionaler Ebene ein Mangel an Gemeinschaft besteht, entwickeln sich im Bereich der Kommunikationsnetzwerke neue Möglichkeiten, auf Menschen einzuwirken. Insbesondere die Unterhaltungsindustrie […] hat einen Einfluß bislang ungeahnter Totalität. […] Versierte Marketing-Konzepte machen sich das Innerste des Menschen, seine Psyche, zum Zielobjekt: eine Welt von Images, Bildern, Kennsymbolen prägt Menschen“ (JF 10/93, S. 23).

Angesichts von Gemeinschaftsverlust einerseits und neuen Kontroll- und Lenkungsmöglichkeiten andererseits lotet Bubik Bedingungen neuer, um Macht zentrierter Gemeinschaft aus. Die im MTV-fixierten Medienkonsum der „Kids“ verortete „Machtfrage“ ist dabei insofern besonders attraktiv, als es um „nicht-kognitive[(.] Übermittlung von Botschaften“ (JF 10/93, S. 23) gehe. In dieser Ausschaltung von Rationalität sieht Bubik seine Chance, zumal inhaltlich Anknüpfungspunkte zu konservativ-revolutionären Ideologemen bestehen.

„Dieser [der „Machtfrage“; AS] gilt es, sich zu stellen, die Jugendkultur von heute bietet erfolgversprechende Ansätze hierfür. Der Gedanke des ‚Kreisbildes‘ von Geschichte, in dem die ‚Moderne‘ nie Endzustand sein kann und ‚Postmoderne‘ als Hilfsvokabel zur Umschreibung der Pulverisierung aufklärerischen Erbes fungiert, scheint Bestandteil vieler Jugendkulturen zu sein. Ein merkwürdiges Bewußtsein, in einer Phase des Niedergangs zu leben, ist virulent, vom ‚age of destruction‘ ist die Rede […]. Man […] mißtraut der Erklärbarkeit der Welt, wendet sich sogar rückwärts, etwa in Form der verschiedenen Independent-Szenen“ (JF 10/93, S. 23).

Via „Kreisbild“ und „Postmoderne“ knüpft Bubik an Armin Mohlers Postmoderne-Rezeption an.3 Gestützt auf diese Autorität kann Bubik sich dann die Frechheit erlauben, der JF die Begrenztheit ihres Tuns vorzuhalten, um dann seine angeblich bereits praktisch fortgeschrittene Alternative aufzuzeigen: „So kennzeichnet es die Lage trefflich, daß im besten Sinne reaktionäre Ästhetik und Lebensauffassung nicht von ‚rechten Postillen‘ am erfolgreichsten verbreitet wurden, sondern mittels silberner CD-Scheiben. Neo-Folk, Gothic, Gruppen wie ‚Dead can dance‘ oder ‚QNTAL‘ (Leser der JF-Musikkritik wissen Bescheid) sprechen eine andere Sprache als die der Moderne“ (JF 10/93, S. 23).

Die inhaltliche Qualifikation der von Bubik vereinnahmten Musik bleibt auffallend unbestimmt, und die genannten Bands fügen sich nicht seiner Strategie (vgl. Schobert 1997, S. 391f.). Auf Anschlußfähigkeit an Julius Evolas „Aufstand“ oder „Revolte gegen die moderne Welt“ setzend (vgl. Schobert 1995, 67-70), geht es Bubik hier vage um eine „andere Sprache als die der Moderne“, andernorts – dies zeigt die Beliebigkeit seines Denkens – „um eine andere Sprache als die der Postmoderne“ (Bubik 1994, S. 193).

Jedenfalls macht sich Bubik Hoffnungen und sieht im unübersichtlichen Terrain von Kultur und Kommunikation „gute Zeiten für Partisanen“ (JF 10/93, S. 23) heraufziehen. Kurz darauf nahm unter seiner Regie die Operation Dark Wave in der JF Gestalt an (vgl. Schobert 1996a). Über einen Nachwuchswettbewerb wurde eine auf Musik spezialisierte Autorin gewonnen. Eine Reihe von Autoren (bzw. Pseudonymen), darunter Hatzenbichler, präsentierten fortan Musikgruppen. Zwischenzeitlich wurde ein JF-Stammautor, Peter Boßdorf (vgl. Kellershohn 1994b, S. 97-100), als ständiger Mitarbeiter im – der Auflage nach – wichtigsten Organ der Dark-Wave-Szene, dem Zillo installiert.

Bubik versuchte, die Band Forthcoming Fire, deren Frontman Josef Klumb alias Jay Kay aus Bingn sich durch die Verbreitung neonazistischer Propagandathesen und einer antisemitischen Verschwörungstheorie in Musikmagazinen4 hinreichend qualifiziert hatte, als JF-Hausband aufzubauen (vgl. JF 6/96, S. 24 u. 8/96, S. 3). Ein Foto von Forthcoming Fire schmückte die Anzeige, mit der sich die JF im Zillo (2/96, S. 8 ) als „romantisch, anders, frei“ anpries. Über die Anzeige kam es zu einem heftigen und zähen Streit in der Dark-Wave-Szene. Trotz Protesten aus der Musikszene5 hielt Zillo-Herausgeber Rainer „Easy“ Ettler lange an seinem Mitarbeiter Boßdorf fest; auch bot er Forthcoming Fire mehrfach die Möglichkeit, sich einem größeren Publikum zu präsentieren.6 Erst kürzlich verschwandt Peter Boßdorf aus dem Impressum und trat auch nicht mehr als Zillo-Autor auf.

2. Entsteht eine rechtsextreme Infrastruktur in der Dark-Wave-Szene?

Die jüngeren Kulturstrategen der „Neuen“ Rechten können lediglich aufgreifen, was sich innerhalb der von ihnen angpeilten Subkultur tut, und bestimmte Tendenzen verstärken bzw. bestimmte strategische Positionen in der Szene-Infrastruktur zu besetzen versuchen. Es überschreitet hingegen ihre Möglichkeiten, selbst initiativ und aktiv zu werden und autonom kulturelle Praxis zu entfalten. Wie steht es also um die Anknüpfungspunkte in der Dark-Wave-Szene? Entsteht gar eine komplette Infrastruktur (Bands, Labels, Fanzines und Magazine, Tourveranstalter und Auftrittsmöglichkeiten) für rechtsextreme Dark Wave?

Die Bands und Musikprojekte, die sich als rechtsextreme Überzeugungstäter der ‚eurechten‘ Kulturstrategie anbieten, können hier, auch wenn es sich um eine Minderheit innerhalb der Musikszene handelt, nicht alle benannt und aaalsiert werde. Das Spektrum reicht in der musikalischen Vielfalt der Independent-Szene vom Industrial oder Noise bis zum Neofolk, von hypermoderner Elektronik bis zur Klampfe, von lärmend hart bis soft und eingängig. So ist der als „Industrial-Legende“ gefeierte Musiker Jean-Marc Vivenza aus Grenoble als Referent in die Aktivitäten der Europäischen Synergien um den Belgier Robert Steuckers eingebunden.7 Die britische Band Death In June, die seit 1981 besteht und allein daher schon – wie die Compilation „Heilige Tod. A beneficial tribute to Death in June“ (Palace of Worms Records/Semaphore 1995) zeigt – historisch international als Vorbild fungiert, verdiente eine ausführliche Analyse, ergänzt um die Darstellung der personell eng mit Death In June verbundenen Bands und Projekte wie Sol Invictus um Tony Wakeford und Current 93.

Welche politische Brisanz und welches terroristische Potential im Flirt des um ein honoriges Image bemühten intellektuell aufgemotzten Rechtsextremismus mit Teilen der Dark-Wave-Szene stecken, zeigt ein Blick auf das Treiben des auch in Deutschland tätigen US-Amerikaners Michael Jenkins Moynihan. Mit seinem Musik-Projekt Blood Axis genießt Moynihan hierzulande in der Independent-Szene ein gewisses Ansehen; er tauchte gar in den Club-Charts des Zillo auf. Zumeist findet man ihn irgendwie „kontrovers“ und fällt ahnungslos auf seine verlogenen taktischen Selbstdarstellungen herein. Das elitäre Szene-Selbstverständnis steht in krassem Gegensatz zur Uninformiertheit, mit der das Zillo und Fanzines wie Black über Moynihan schreiben. Ihre Naivität macht sie zur Manövriermasse einer braunen Kulturoffensive.8

Im Interview mit No Longer A Fanzine (H. 5, S. 8 ) erklärt Moynihan seine Sympathie für Auschwitzleugner und rechtfertigt die nazistische Vernichtungspolitik: „Einerseits denke ich, daß die Zahl 6 Millionen nur zufällig und ungenau und wahrscheinlich eine grobe Übertreibung ist. Ich habe revisionistische Bücher gelesen, die gut gegen den Holocaust-‚Kanon‘ argumentieren, und selbst die jüdischen Historiker verändern fortwährend ihre Ansprüche [!]. Doch mein Hauptproblem bezüglich der Revisionisten ist, daß sie von der Annahme ausgehen, das Töten Millionen unschuldiger Menschen sei als solches ‚böse‘. Mehr und mehr neige ich zur entgegengesetzten Schlußfolgerung. Ich geriete nicht aus der Fassung, wenn ich herausfände, daß die Nazis jede ihnen zugeschriebene Grausamkeit begangen hätten – ich zöge es vor, wenn es wahr wäre.“

Wer das zur dem Showbusiness geschuldeten Provokation eines Mundwerksburschen herunterspielt, übersieht das ideologische System, das dahintersteckt. Gewiß, Moynihan ist ein publicitygeiles Großmaul. Doch er ist politischer Überzeugungstäter, und das macht es brandgefährlich, wenn er – wie es in Auf Abwegen /H. 20, S. 37) heißt – „seine Vision voll durch[zieht]“.

1994 absolvierte er den Wulfing Initiationsritus. Der Tribe of the Wulfings ist Teil der nordischen Religionsgemeinschaft Asatrú. Zu den Wulfings gehören weitere mit Moynihan kooperierende Musiker und Publizisten, so Robert Ward (früher Herausgeber von The Fifth Path) und Markus Wolff von Crash Worship, auch Herausgeber von Minotaurus. Die Fotos vom Initiationsfest im Asatrú-Blatt Vor trú (H. 53, S. 47) wirken albern folkloristisch. Liest man die Empfehlung der von Jürgen Rieger für die nazistische Artgemeinschaft herausgegebenen Nordischen Zeitung (Vor trú H. 52, S. 42 u. H. 53, S. 50) oder das sympathisierende Porträt des in Norwegen wegen Mord und Brandstiftung einsitzenden Varg Vikernes von der Black-Metal-Band Burzum9, wird deutlich, daß Asatrú in der Tradition einer „Lagerfeuer-Romantik“ steht, die schon einmal unromantisch in Pogrom-Feuern und Konzentrationslagern endete. Daher sollte man den vor Jahren zunächst bzgl. Death In June von der Zeitschrift Spex (4/91, S. 40) kritisch, aber dennoch in verharmlosender Tendenz eingeführten Topos „Lagerfeuer-Romantik“ verabschieden.

Moynihan ist Multifunktionär. Er betätigt sich als Verleger und vertreibt in den USA das „Grüne Buch“ Gaddafis, das auch hierzulande bei Nationalrevolutionären äußerst beliebt ist. Aus Flugschriften des inhaftierten US-Neonazis James Mason, stellte Moynihan für seinen Verlag Storm Books das Buch „Siege. The Collected Writings of James Mason“ zusammen und versah diese Melange aus Nazismus und Charles Mansons „Universal Order“ mit einer einfühlsam erläuternden Einleitung.

Als Autor war Moynihan in verschiedenen Organen tätig. Für diverse Musikmagazine interviewte er u.a. Charles Manson (Seconds H. 32, S. 64-74), den Satanisten Anton LaVey (ebd., H. 27, S. 56-60), die Industrial-Band Whitehouse (ebd., H. 28, S. 60-62) und skandinavische Metaller wie Unleashed (ebd., H. 30, S. 9-11; vgl. auch Vor trú H. 52, S. 46f.) und Bathory (The Fifth Path H. 5, S. 36-41; Reprint in Vor trú H. 53, S. 14-18) oder auch die britische Band In The Nursery (The Fifth Path H. 5, S. 8-14). Ebenso interviewte er Peter Steele von Type ‚o‘ Negative; eine deutsche Übersetzung dieses sozialdarwinistischen Interviews erschien in der JF (47/94, S. 20).

Plexus. A National Socialist Theoretical Journal veröffentlichte 1994 zwei Aufsätze Moynihans. Plexus wird herausgegeben von W.H. Kendall und von der National Workers League, einer – so das deklarierte Selbsterständnis – „National Socialist Labor Union“, gesponsert. Eifrig Alfred Rosenberg zitierend, demonstrierte Moynihan dort nazistische Gesinnungsstärke.

Musikalisch ist Moynihan ein Fuzzi, und man muß sich wirklich wundern, woher sein relativer Erfolg rührt. An der Musik kann es nicht liegen. Interesse, auch kommerzielles, erregen indes seine kultische Selbstinszenierung und persönliche Legendenbildung. Sie sind attraktiv für ein auf „Geheimnisse“ abfahrendes Publikum (vgl. Schobert 1997, S. 387-389). Der heidnische Hype hat drei Komponenten. (1) Moynihan operiert mit einem Symbolverständnis, demzufolge Symbole (heilige) Zeichen mit Eigenmacht („power“) seien; der Gebrauch bestimmter Symbole, so vor allem Blut und Kruckenkreuz, suggeriert Aura. (2) Entsprechend bedeutend ist Moynihans Reisetätigkeit, die ihn – zeitweise begleitet vom Österreicher Kadmon10 – zu diversen Kultstätten in Deutschland und Österreich führte. Zur Medieninszenierung fotografisch dokumentiert, tankt Moynihan hier demonstrativ den Rohstoff für die charismatische Selbstinszenierung. (3) Moynihan versteht es, als Trittbrettfahrer am Ruf anderer Underground-Kultfiguren teilzuhaben. Die Chance dazu bot ihm Boyd Rice (NON), der – trotz seines Sozialdarwinismus und seiner Bewunderung für Alfred Rosenberg – in Industrial-Kreisen hohes Ansehen genießt.

Boyd Rice nahm Moynihan, der bis dahin nur unter dem Namen Coup de Grâce pubertäre Lärmexperimente auf Cassetten vorweisen konnte, 1989 mit nach Japan. So gehörte Moynihan neben Douglas Pearce von Death In June und Tony Wakeford von Sol Invictus zur Crew der legendären Osaka-Performance („Total War“) und war an einigen Alben von Boyd Rice beteiligt. Seither zehrt Moynihan vom Kult-Status. Mittlerweile gibt sich der Boyd-Rice-Epigone gereift, reklamiert künstlerische Anteile an NON (vgl. Black. Das alternative Musikmagazin H. 6, S. 35) und äußert sich frostig über Boyd Rice (vgl. Auf Abwegen H. 20, S. 38).

Unterstützung im deutschsprachigen Raum fand Moynihan durch die Kooperation mit dem Moerser Label Cthulhu und durch Kadmon, der Blood Axis in einer Ausgabe seiner Schriftenreihe Aorta (H. 19) hochjubelte. Unter dem Namen Blood Axis veröffentlichte Moynihan auf dem eigenen Label Storm gemeinsam mit Allerseelen eine Single.

Schließlich erschien nach verschiedenen Compilation-Beiträgen 1995 bei Cthulhu die CD „The Gospel of Inhumanity“. Dieses „Evangelium der Unmenschlichkeit“ ist eine unerträgliche Mischung aus Nietzsche-Rezitation, Anleihen bei Bach und Serge Prokofiev sowie Samples von Ezra Pound, Charles Manson u.a. Im US-Nazi-Skin-Blatt Resistance (H. 6, S. 38), wurde „The Gospel of Inhumanity“ begeistert aufgenommen und als „faschistische Symphonie“ gefeiert. Moynihan nahm diese Einladung zum Bündnis an: Er bedankte sich mit einer ganzseitigen kommerziellen Anzeige im Blatt und stellte sich so in eine Reihe mit der NSDAP/AO, die für T-shirts mit Hakenkreuz-Motiv warb. Auch hierzulande entdeckt die militante Nazi-Szene nun Moynihan: Einheit und Kampf. Das revolutionäre Magazin für Nationalisten (Aufruhr-Verlag Bremen) besprach (H. 18, S. 29) „The Gospel of Inhumanity“ in den lobendsten Tönen.

Zwei kleinere Zeitschriften aus dem Dark-Wave- und Indepedent-Spektrum müssen eindeutig der rechtsextremen Publizistik zugeordnet werden. An erster Stelle zu nennen ist das einem heidnischen Faschismus und dem Traditionalismus Evolas verpflichtete Dresdener Blättchen Sigill, im Untertitel früher als Magazin, neuerdings als Zeitschrift für die konservative Kulturavantgarde Europas charakterisiert (vgl. Schobert 1996a, S. 70f.). Wie Sigill bundesweit verbreitet wird auch das im Osten Berlins erscheinende Europakreuz. Europas Kunst, Kultur & Kraft. Europakreuz betreibt offen das Bündnis mit der Naziskinhead-Szene: Im Sommer 1997 erschien im braunen Skin-Magazin Rock Nord ein Artikel des Europakreuz-Herausgebers Marco Thiel, der Death In June per Vergleich mit dem Nazi-Barden Frank Rennicke, kurz zuvor Interviewpartner in Europakreuz (H. 19, S. 9-12), dem Publikum schmackhaft zu machen versuchte. Im „Kalender“ führte Europakreuz (H. 19, S. 28) zwischen Konzertterminen den (verbotenen) Leipziger Nazi-Aufmarsch zum 1. Mai auf; außerdem wurden die Nummern mehrerer „nationaler Infotelefone“ angegeben.

Die Entstehung durchweg rechtsextremer Label von solcher Größe, daß sie die Bezeichnung Plattenfirma verdienten, ist bisher nicht festzustellen. So viel gehört heutzutage nicht mehr zur Produktion eines Tonträgers in Kleinstauflage. Gebilde wie die eng mit Sigill kooperierende Dresdener Mjölnir Tonkunst sind noch vernachlässigbare Größen; das gilt auch noch für die umtriebigere L.O.K.I.-Foundation im sächsischen Aue.11

Schwer ist das Moerser Label Cthulhu Records einzuordnen, das – neben dem erwähnten Album von Blood Axis – auch einschlägige Compilations veröffentlichte, so „Im Blutfeuer“. Cthulhu-Chef Willi Stasch (auch Mitarbeiter bei Sigill) gibt sich immer unpolitisch, doch kann der Mann so naiv (um nicht zu sagen: blöd) sein, wie er vorgibt?12 Das harte neonazistische Treiben seines „Künstlers“ Michael Moynihan kann ihm nicht verborgen geblieben sein. Dennoch brachte Stasch 1997 – vermutlich auf Vermittlung Moynihans – ein weiteres Produkt von Glaubenskämpfern der Asatrú-Gemeinschaft auf den Markt: „Fire of Life“ von Changes.13

Im Zuge stärker werdender rechtsextremer Tendenzen versucht das den Unabhängigen Freundeskreisen verbundene rechtsextreme Kommerzunternehmen VAWS (= Verlag + Agentur Werner Symanek), sich – ähnlich wie man auch im Buchgeschäft sowohl als Versand wie als Verlag tätig ist – ergänzend zu den Mailorder-Geschäften mit Tonträgern auch zum Label emporzuarbeiten. VAWS vertreibt mittlerweile auch ein Produkt der Mjölnir Tonkunst; wenn solche Kooperationen ausgeweitet würden, könnte mit der Finanzkraft von VAWS in der Tat ein rechtsextremes Label für die Dark-Wave-Szene entstehen. Erstes VAWS-Labelprojekt war eine unter tatkräftiger Mithilfe Jay Kays entstandene Doppel-CD nebst Begleitbuch zu Ehren der Nazi-Kulturikone Leni Riefenstahl.14

Das Echo im rechtsextremen Szeneteil ist geteilt: Während Sigill H. 13, S. 40) die CD als repräsentatives Produkt feiert und auch die F (10/97, S. 24) sich voll des Lobes zeigt, publiziert Einheit und Kampf (H. 18, S. 20) einen herben Verriß. Die harten Kämpfer monieren „esoterisch-naive Lobhudelei auf die Schwarze Sonne“ und fürchten, SS-Mitglieder würden angesichts dieser Harmlosigkeit „wohl im Grabe rotieren“.

3. Zwischenbilanz der politischen Auseinandersetzung

An diesem unterschiedlichen Echo auf die Riefenstahl-Compilation läßt sich präzisieren, worum es der „Neuen“ Rechten bei der Operation Dark Wave geht, um die Zwischenbilanz der politischen Auseinandersetzung nicht auf eine zu simple Basis-Unterscheidung zu stellen: Es geht nicht darum, ob „die“ Dark-Wave-Szene nazistisch sei oder ob Teile dieser Szene nazistisch seien oder nicht. Die Infiltrationsversuche sind, sieht man von den erst kürzlich aufgetretenen Trittbrettfahrern aus der militanten Szene ab, bei weitem komplizierter angelegt, als es dieser platte Binarismus zu denken erlaubt.

Hintergrund der diverierenden Einschätzungen der Riefenstahl-CD sind die verschiedenen politischen und strategischen Optionen der extremen Rechten (vgl. Kellershohn 1994a, S. 30-33). Vertretern der terroristischen Option sind die notwendigen Rücksichtnahmen und die Langfristigkeit der metapolitischen Option wohl nicht begreiflich. Vertreter der metapolitischen Option hingegen kalkulieren, wann sie offen auftreten und wann sie Mimikry betreiben. Ihnen geht es nicht darum, kurzfristig Dark Waver als Mörder „im Auftrag Odins“ (nach dem Muster des mehrfachen Mörders Thomas Lemke) zu rekrutieren. Auch braune Blitzkarrieren nach dem Vorbild der vorübergehend aus der Musikszene rekrutierten JF-Autorin werden nur als Einzelfälle angestrebt.

Metapolitisch geht es um einen allgemeinen Umschwung, der eine Grundstimmung aufgreift und verzerrt. Etappenziele sind die Enttabuierung von Nazi-Symbolen (insbesondere die praktische Aufweichung juristischer Sanktionen durch subkulturell selbstverständliche Überschreitung) und völkisch-nationalistischen Ideologemen. Man will gerade an diejenigen Jugendlichen heran, die man durch originalgetreue Soldatenlieder und SA-Gesänge verschrecken würde, die jedoch der von Death In June präsentierten Fassung des Horst-Wessel-Liedes ästhetisch etwas abgewinnen können. Und an Jugendliche, die gewiß die medizinischen Experimente des SS-Ahnenerbes ablehnen, sich von geheimnisumwobenen SS-Esoterikern und der Mythologie der Wewelsburg indes faszinieren lassen können. Ist der Nazismus so erst einmal teilweise enttabuisiert, hat man gar vermeintlich „positive Seiten“ des Nazismus ausgemacht, kann die extreme Rechte weitersehen.

Diese schleichende Besetzung kultureller Räume mit Symbolen und Ideologemen des Vökischen Nationalismus ist im Gange, gestützt auf eine noch unvollständige eigenständige Infrastruktur und an entscheidenden Stellen gebilligt durch Teile der Musikszene. Hält man sich dies vor Augen, kann trotz der Erfolge, die von aufgeklärten und kritischen Teilen der Musikszene im Zusammenspiel mit thematisch Interessierten aus der Antifa erzielt wurden, keine Entwarnung gegeben werden. Gewiß, es gibt Widerständiges aus der Szene (vgl. Schobert 1997, S. 389-391). Gewiß, es ist ein Erfolg, daß im Mai 1997 in Hamburg und Bochum nach öffentlichem Druck die Konzerte von Death In June u.a. abgesagt wurden und daß es in Rostock und in Plauen Proteste gab. Gewiß, das Bochumer Konzert von Forthcoming Fire am 28.2.97 wurde durch eine Bühnenbesetzung verhindert. Gewiß, der Flirt zwischen JF und Zillo ist vorbei, was aber hauptsächlich daran liegt, daß sein Garant, Zillo-Herausgeber Ettler, im April 1997 verstarb.

Eine kritische Aufarbeitung der Verstrickung des Zillo in den organisierten Rechtsextremismus im Zillo blieb aus, und die Dark-Wave-Szene hat kein Medium, wo die Debatte geführt werden könnte. Es herrschen immer noch eine erschreckende Naivität und ein Informationsdefizit in der Szene.15 Besonders deutlich zeigt sich dies bei den Organisatoren des jährlichen Leipziger Pfingstfestivals hier findet die JF weiter Ansatzpunkte, ihr Werben um die Dark-Wave-Szene fortzusetzen.16

Die ’neurechte‘ Operation Dark Wave stößt also auf Widerstände, die rechtsextreme Szene-Infiltration konnte eingedämmt werden, doch die „Neue“ Rechte hält Territorium besetzt und weiteres könnte ihr zufallen. Bewährt haben sich inhaltlich fundierte Auseinandersetzungen „vor Ort“, so zuletzt als im Frühjahr 1998 eine antifaschistische Nachbarschaftsinitiative in Mühlheim an der Ruhr VAWS dazu zwang, den gerade neu bezogenen Verlagsstandort wieder aufzugeben.17 Der Ausgang des Konfliktes ist offen, das alles andere als statische Operationsgebiet unübersichtlich – gute Zeiten für Aufklärer?

Literatur

Bubik, Roland: Herrschaft und Medien. Über den Kampf gegen die linke Meinungsdominanz. In: Schwilk, Heimo/Schacht, Ulrich (Hg.): Die selbstbewußte Nation. „Anschwellender Bocksgesang“ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte. Frankfurt a.M./Berlin 1994, S. 82-94

Diederichsen, Diedrich: Freiheit macht arm. Das Leben nach Rock ’n‘ Roll 1990-93. Köln 1993

Kellershohn, Helmut: Das Projekt Junge Freiheit. Eine Einführung. In: ders. (Hg.) 1994, S. 17-50 (= 1994a)

Kellershohn, Helmut: Die selbsternannte Elite. Herkunft und Selbstverständnis des Personals der Jungen Freiheit. In: ders. (Hg.) 1994, S. 51-116 (= 1994b)

Kellershohn, Helmut (Hg.): Das Plagiat. Der Völkische Nationalismus der Jungen Freiheit. Duisburg 1994

Mason, James: Siege. The Collected Writings. Edited and Introduced by Michael M. Jenkins. Denver 1992

Mohler, Armin: Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1932. Ein Handbuch. 3. erw. Aufl. Darmstadt 1989

Schobert, Alfred: Mitte und Normalität. Zur Gleichzeitigkeit von moderner Kollektivsymbolik und traditioneller institutionalistischer Symbolik. In: Schulte-Holtey, Ernst (Hg.): Grenzmarkierungen. Normalisierung und diskursive Ausgrenzung. Duisburg 1995, S. 53-73

Schobert, Alfred: Kreuz, Totenkopf und Gruft. Dark Wave und „Neue Rechte“. In: Jäger, Margret/Wichert, Frank (Hg.): Rassismus und Biopolitik. Werkstattberichte. DISS-Forschungsbericht 1996. Duisburg 1996, S. 67-74 (= 1996a)

Schobert, Alfred: Der Wahn von Sinn und Selbst. In: links H. 316/317, S. 31-33 (= 1996b)

Schobert, Alfred: Geheimnis und Gemeinschaft. Die Dark-Wave-Szene als Operationsgebiet ’neurechter‘ Kulturstrategie. In: Cleve, Gabriele u.a. (Hg.): Wissenschaft Macht Politik. Intervention in aktuelle gesellschaftliche Diskurse. Münster 1997, S. 384-395

  1. Veranstaltet vom der AG Rechtsextremismus beim Parteivorstand der PDS []
  2. Mittlerweile hat Nation + Europa (6/97, S. 51-53) Heinz Rudolf Kunze als den „Botho Strauß des Rock ’n‘ Roll“ entdeckt. []
  3. „Die sogenannte ‚Postmoderne'“, schrieb Mohler (1989 II, S. 20) forsch, „ist ein illegitimes Kind der Konservativen Revolution“; vgl. Criticón H. 96, S. 157-161; H. 99, S. 38 u. H. 106, S. 81-83. []
  4. Vgl. Gothic. Magazine for Underground Culture H. 23, S. 30f. u. The Gothic Grimoire. Musikmagazin für Dark-Wave & Life-Style 1/96, S. 9. []
  5. Auch die oben erwähnte Musikspezialistin der JF, die die Zeitung 1995 entsetzt verlassen hatte, griff ihn diesen Streit ein mit einem offenen Brief an den Zillo-Herausgeber, in dem sie vor der JF warnte (dok. in Schobert 1996a, S. 72f.; vgl. auch ihr Interview in taz v. 8./9.6.96, S. 13f.). []
  6. Vgl. Zillo 11/96, S. 54-56 u. 2/97, S. 34f.; vgl. vom Vf. Tore, die ’n Hammer haben. In: junge Welt v. 5.2.97, S. 13. []
  7. Vgl. vom Vf. Rechte Synergien. In: junge Welt v. 28.10.96, S. 13. []
  8. Das gilt mit Abstrichen selbst für das Moynihan-Interview in Auf Abwegen (H. 20, S. 37-39), obwohl der Interviewer des durchaus kritischen und sehr informativen Magazins sich Moynihan sehr kritisch nähert. []
  9. Vgl. Vor trú H. 52, S. 6; vgl. auch The Fifth Path H. 5, S. 7. Moynihan arbeitet an einem Buch über die skandinavischen Metal-Berserker und besuchte Vikernes zu diesem Zweck im Gefängnis. Vikernes betreibt aus dem Gefängnis heraus weiter eine Plattenfirma. Seine Mutter, die 49jährige Lene Bore, wurde Anfang April 1997 von der norwegischen Polizei als Kopf einer neonazistischen Terrorgruppe bei Bergen festgenommen. Bei der Festnahme stellte die Polizei ein umfangreiches Waffenarsenal und detaillierte Pläne für Attentate auf führende norwegische Politikerinnen und Politiker sicher (vgl. taz v. 14.4.97, S. 2). []
  10. Zu Kadmon (= G. Petak) und seinem Musikprojekt Allerseelen vgl. vom Vf. Sounds aus der Hölle. In: junge Welt v. 5.11.96, S. 14. []
  11. Zur L.O.K.I.-Foundation und dem ihr nahestehenden Turbund Sturmwerk, verantwortlich für die 1992 in Erlangen erschienene stramm antisemitische Publikation Sturmgeweiht. Wille & Vermächtnis der Organisation Tyr, vgl. vom Vf. Wirrköpfe und Polit-Banditen. In: junge Welt v. 9.1.97, S. 11 (u. die barschen Reaktionen in Sigill H. 13, S. 5 u. Europakreuz H. 19, S. 24). []
  12. Vgl. seine Presseerklärung vom 30.5.1996. Gegen die Präsentation der Compilation „Im Blutfeuer“ in der Jungen Freiheit (35/1995, S. 20) protestierte Staschs allerdings mittels eines Leserbriefes, der unter dem Titel „Künstler, wehrt Euch!“ abgedruckt wurde (JF 37/95, S. 23). []
  13. Vgl. Vor trú H. 53, S. 47 u. das vom Glaubensbruder Markus Wolff geführte Interview in Sigill H. 13, S. 24-28. []
  14. Vgl. vom Vf. In Riefenstahl-Gewittern. In: junge Welt v. 9.12.96, S. 13. []
  15. Eine positive Ausnahme ist das Fanzine Auf Abwegen (Bochum und Münster), das zunehmed deutlicher Stellung bezieht. []
  16. Vgl. JF 20/97, S. 20; 23/97, S. 24 u. 24/98, S. 24; vgl. v. Vf.: Scheinbar romantisch und versponnen. In: Freitag 23/98, S. 4. []
  17. Vgl. Mark Hagel: Heliozentriker ohne Zentrum. In: Jungle World 21/98, S. 9. []

Tags: , ,

Drucken Drucken
 

No comments

Be the first one to leave a comment.

Post a Comment