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Faschistoide Phantasmen

 

Botho Strauß, Deutschlands meistgespielter Theaterautor der Gegenwart. Von Brigitta Huhnke, erschienen in DISS-Journal 1 (1998)

In der Kultur kündigen restaurative Tendenzen schon lange vorher an, was viel später erst im politischen Diskurs mündet. Diese These des amerikanischen Politologen Murray Edelman belegt kein anderer so umfassend wie Botho Strauß, Deutschlands meistgespielter Theaterautor.

Dieser begann das patriarchale Raunen nicht erst mit seinem Traktat „Anschwellender Bocksgesang“. Schon seine frühen ästhetischen Stücke durchziehen misogyne und nationalistische Deutungsmuster. In Paare, Passanten (1981), seiner wohl erfolgreichsten Veröffentlichung, schaut der Strauß’sche Erzähler vom Podest des vereinzelten ‚Genies‘, angewidert von der „plappernden“ Masse. Die Feuilletonisten jubelten, die (deutsche) wissenschaftliche Literaturkritik schläft bis heute.

In Paare, Passanten, dieser Ansammlung von Alltagsbeobachtungen, stiften immer wieder Frauen Männer zur Sinnlosigkeit an. Gleich am Anfang empört sich das alter ego des Autors über eine (namenlose) Frau, die von „Zeit zu Zeit, wenn ihr eben danach ist“, einen „gutgekleideten, kräftigen Burschen“ aufsucht, mit dem sie sich offensichtlich sexuell vergnügt. Doch das geht der lebensüberdrüssigen Grundhaltung total gegen den Strich, und latente Aggression schleicht sich ein:

„Vor dem Haus streichelt sie dem Mann in seinen weißen Hosen zum Abschied über die Wange. Weich und dankbar sieht es aus, lebensklug und nicht frivol. Eine umfassende Gebärde gleichwohl für die lasche Güte und die Auswegsfülle, in der mittlerweile das Lieben abseits der Liebe verläuft. Wir haben es hier eher zu tun mit einer liberaldemokratischen Einrichtung, chaoslos und angstfrei, die Liebe dem Guten untergeordnet, domestiziert und der Freiheit gewidmet. Die Angst gehört den Atomkraftwerken. Keiner ist mehr gezwungen, sie an seiner geschlechtlichen Quelle selbst zu ertragen. (Paare, Passanten 1984, 16). Diese zeitgemäße Abwandlung der roten Hure ist also Demokratin, demonstriert vor dem Atomkraftwerk und verschafft sich sexuellen Genuß ohne Schmerz und Versagung. Das allerdings gefährdet in der Tat die sexuelle Identität vieler Männer. Und auch das ‚Gute‘, das sich die Liebe unterordnet (!), wird hier bereits zehn Jahre, bevor der „Gutmensch“ als Schimpfwort in den öffentlichen Diskurs fließt, negativ konnotiert.

Huren, die ihn nicht bedrohen, findet der Erzähler nur im Kind weiblichen Geschlechts. Vorsorglich hat Strauß seine pädophilen Gewaltvorstellungen mit „Dämmern“ überschrieben. Doch nicht einmal notdürftig bleibt der Schein des Somnabulen gewahrt. Das erste Kind – wie auch die anderen „Beute“ genannt – erwartet ihn vor seinem Auto: „Wir sprachen nicht. Verschlossen sah sie zur Seite, legte das Kinn auf ihr Knie. Die Schweißperlen des einsamsten Sich-überlassen- Seins. Dann begnügte sie sich damit, mein Geschlecht in den Mund zu nehmen. Ich begriff, daß wir einer Welt der vollkommenen sexuellen Gleichgültigkeit entgegenschwebten.“

Mit der nahenden Ejakulation kommt dann nichts als Verachtung hoch: „Das nackte Huhn! Ich drückte ihren brustlosen Oberkörper zwischen meine Beine, preßte beide Hände flach in ihre kleinen Achselkuhlen und starrte auf ihren schmalen, wundgescheuerten Babypopo“ (Paare, Passanten, 127 ff).

Vom Tatort Kinderstrich flüchtet er in den Mythos: „Die menschliche Sexualität und ihre Kultur waren das Mythenreservoir – die stumme Götterwelt dieser untergetauchten, geheimnisvollen Wesen. Ein müdes Bedürfnis zu lieben und dabei müde zu bleiben, hob sie dann und wann zu uns empor“ (Paare, Passanten, 128).

Auch seine politische Grundhaltung beschreibt Strauß bereits in diesen halbfiktiven Beobachtungen sehr klar. So erzählt er von A., „nur ein Mitläufer im Nazi-Regime“, der sich im Kino in einer alten Wochenschau wiedererkennt: „Ja, denkt er und fühlt sich anonym bis in die Fingerspitzen, ich war dabei, ich habe geschrien, ich war ein Volk – ein Schrei. Jetzt sitze ich allein unter vielen Jungen in einem dunklen Kino, lauter kritische Köpfe, die sich nur wundern können über unseren Schrei, die sogar in johlendes Gelächter darüber ausbrechen und keinerlei Ehrfurcht vor dem Bösen empfinden“ (Paare, Passanten, 173).

Die Progrome im Deutschland der neunziger Jahre rechtfertigt Botho Strauß im Anschwellenden Bocksgesang als notwendiges Ritual: „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind ‚gefallene‘ Kultleidenschaften, die ursprünglich einen sakralen, ordnungsstiftenden Sinn hatten“. Deshalb: „Der Fremde, der Vorüberziehende wird ergriffen und gesteinigt, wenn die Stadt in Aufruhr ist. Der Sündenbock als Opfer der Gründungsgewalt ist jedoch niemals lediglich ein Objekt des Hasses, sondern ebenso ein Geschöpf der Verehrung: Er sammelt den einmütigen Haß aller in sich auf, um die Gemeinschaft davon zu befreien. Er ist ein metabolisches Gefäß“ (Der Spiegel 8.2.93).

Diese politische Alltagsprosa ist aus der Jungen Freiheit bekannt. Doch Strauß hat seinen Bocksgesang im Spiegel publiziert, im drittgrößten politischen Wochenblatt der Welt. Strauß will für die konservative Elite den ‚höheren Auftrag‘, auch wieder gegen das „Gutgemeinte“.

Vagheiten, überbordende Metaphorik, Bildbrüche und einschlägiges Assoziationsspiel gehören zu seinem ästhetischen Handwerkzeug. Die Sehnsucht nach einer transzendentalen Autorität, nach der gewaltvollen Entladung, ist ebenso lange im Werk angelegt wie seine klischeehaften Alltagsbeobachtungen. Diese Mischung verkörpert die Leere einer flackernden Depression, gepaart mit dem kalten Wunsch nach einem autoritären Korsett, um dem Hedonismus der (beneideten) Anderen im Alltag Einhalt zu gebieten.

Als Ignatz Bubis mehr als ein Jahr nach dem Bocksgesang Strauß zum „Phänomen des intellektuellen Rechtsradikalismus“ zählte, kanzelte Ulrich Greiner dies in Die Zeit als „ungeheuerlichen“ Vorwurf ab. Im Spiegel durfte Strauß selbst nachtreten. Im Gestus rechtsextremistischer Rabulistik empört er sich: Niemand würde gegen einen Schriftsteller, der für den „demokratischen Sozialismus“ einträte, „den Vorwurf“ erheben, er mache „Stimmung für die Wiederkehr stalinistischer Blutbäder“. Und er bekommt den Dreh zum „pc“-Diskurs: „Es droht von der Linken keinerlei geistige Anregung mehr; sie wird sich allenfalls beteiligen an der Organisation des gesellschaftlichen Zerfalls in Form der politischen Korrektheit“ (Der Spiegel 18.4.94).

Dann kam es, wie es kommen mußte, zur umfassenden Hommage an den Dichter: Die Selbstbewußte Nation. Zum nationalen Raunen finden sich in diesem Band 27 Autoren zusammen, unterstützt von einer einzigen Frau, Brigitte Seebacher-Brandt, kein brauner Schlägertrupp also, sondern vielmehr ordentliche Professoren, Journalisten, Sachbuchautoren sowie eine ehemalige Sozialdemokratin. Aber genau diese ehrenwerte Gesellschaft mit ihren rechtsextremistischen Ansichten ist das eigentliche Problem.

Unterdessen ist Strauß weiter ästhetisch aktiv. In Ithaka entwirft er 1996 die erlösende Vision. Mit geschwollenem Pathos erzählt Strauß die Geschichte der Heimkehr von Odysseus zu seiner Frau Penelope nach und pointiert auf seine Weise, mit „Abschweifungen, Nebengedanken, Assoziationen“. Geschützt durch die Göttin Athene mordet Odysseus am Ende wie im Rausch die verschwendungssüchtigen Freier, die sein Eigentum, das Schloß und Penelope, belagert haben. In dieser unschwer erkennbaren Metapher auf die abgelehnte moderne Konsumgesellschaft liberaler Ordnung kommt es am Schluß zu einer Art völkischem Manifest:

„Da nun wieder vereint ist das Paar, tritt durch sie beide die heilige Ordnung wieder in Kraft. Odysseus gebietet über die Insel und alle Städte und Stämme, die um die kluge Penelope warben. Eide der Treue schwören ihm Festland und Inseln. Wir aber verfügen, was recht ist: aus dem Gedächtnis des Volkes wird Mord und Verbrechen des Königs getilgt. Herrscher und Untertanen lieben einander wie früher. Daraus erwachsen Wohlstand und Fülle des Friedens den Menschen. Aus göttlichem Spruch entstand der Vertrag.“ (Ithaka 1996, 103)

Die Gewalt des Führers ermöglicht auch den ‚wahren‘ Eros. Liebe heißt Entsagung, wie Strauß am Verhalten Penelopes zeigt. Die hatte sich nämlich aus Kummer, im masochistischen Warten auf Odysseus, eine unförmige Körperhülle angefressen, fast bis zur Bewegungsunfähigkeit. Doch als die Kunde über des Geliebten richtende Hand zu ihr dringt, erwachen ihre sinnlichen Kräfte. Am Ende ist sie schön und „seltsam verjüngt“: Das martialische Abschlachten als symbolische, orgiastische Stimulanz.

Damit ist er endlich ausformuliert, der Gegenentwurf zu der jungen Frau in Paare, Passanten, die „liberal-demokratisch“ ihre Sexualität genießt und gegen den Wahnsinn patriarchaler Rationalitätskonstruktionen wie Atomkraftwerke demonstriert. Wahre Liebe bedeutet vor allem für Frauen Qual. Gewalt gehört zu den geheimen Kräften männlicher Sexualität und verschafft Führungscharisma. Damit wären wir bei den abgestandensten aller Männermythen angelangt. Doch so banal kommen faschistoide Phantasmen meistens daher.

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