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Gralshüter der deutschen Schrift und Sprache

 

Von Martin Dietzsch und Anton Maegerl. In letzter Zeit wird das Thema „Schutz der deutschen Sprache“ vermehrt von ultrakonservativer und rechtsextremer Seite thematisiert. Wir geben einen Überblick. Stand: September 1995.

Bei der Deutschen Bundesbahn (DB) heißt die Jahreskarte der 1. Klasse „BahnCard first“, nächtliche Städtebummler zwischen Berlin und München sowie Berlin und Bonn reisen im „Intercity Night“, der Fernmeldedienst der Post heißt „Telekom-Service“ …- beklagt die rechtsintellektuelle Wochenzeitung „Junge Freiheit“ (JF vom 9. September 1994).

Ganzseitig wird über die „Überfremdung des Deutschen“ und den „Verlust der Sprache“ lamentiert: „Eine Sprache, die ganze Lebensbereiche fast widerstandslos einer fremden Sprache überläßt, gibt sich auf“.

Bereitwillig druckte die JF deshalb auch die Anzeige zur Gründung einer „deutschen Sprachgemeinschaft“ ab, um im „Kampf gegen die künstliche Amerikanisierung der deutschen Sprache“ ein Zeichen zu setzen.

Beachtung fand die angekündigte Gründung einer „deutschen Sprachgemeinschaft“ auch im Thule-Netz, einem Verbund von neonazistischen Mailboxen in der Bundesrepublik. Dort heißt es lapidar: „Schließen wir uns also zusammen und bekämpfen die Anglomanen!“ (17. April 1995)

Daß Ultrarechte und Rechtsextremisten jeglicher Couleur seit Jahr und Tag den Schutz von „deutscher Schrift und Sprache“ propagieren, ist eigentlich nichts besonderes. Doch seit dem Vereinigungsprozeß der beiden deutschen Staaten erlebt dieses Thema regelrecht einen Boom.

Die NS-apologetischen „Huttenbriefe für Volkstum, Kultur, Wahrheit und Recht“, das Organ des „Freundeskreises Ulrich von Hutten e.V.“, orakeln über „Die Macht der Sprache als Hort der Volksseele“ (Dezember 1993), in den „Lebensschutz-Informationen“ (LSI; Nr.5/94) des braungefärbten „Weltbundes zum Schutze des Lebens“ (WSL) wird Deutsch als „die Sprache der Zukunft“ angepriesen, ebenso wie in „Recht und Wahrheit“ (RuW; Nr. 9-10/1994), einer Zweimontsschrift die der wegen einer drohenden Haftstrafe nach Spanien geflüchtete Nazi-Generalmajor Otto Ernst Remer ins Leben gerufen hat. Die „Deutsche Wochenzeitung“ aus dem Presse- und Politimperium von Gerhard Frey, Bundesvorsitzender der „Deutschen Volksunion“ (DVU), bejammert dagegen „Das Ende unserer Sprache“ (25. November 1994): „Die Überfremdung unserer Sprache ist (..) kein Thema ‚der heutigen Jugend‘, sondern sie zieht sich durch die gesamte Gesellschaft und ist schon viel, viel weiter fortgeschritten, als wir es vielleicht manchmal wahrhaben wollen.“

In die gleiche Kerbe haut ein Hartwig Wilde in den „Deutschen Annalen 1995“, dem „Jahrbuch des Nationalgeschehens“, das bereits im 24. Jahr von dem rechtsextremen Druffel-Verlag (Verlagsgesellschaft Berg) herausgegeben wird. Wilde nimmt Stellung zum „Verlust der Sprache“ und zur „Überfremdung des Deutschen“, dem man auf breitester Front begegnen müßte: „Was also ist zu tun? Ein erster Schritt wäre die Gründung einer deutschen Sprachakademie nach dem Vorbild der Academie Francaise, vor allem aber ein großes parteienübergreifendes Bündnis verantwortungsbewußter Politiker, Sprachwissenschaftler, einsichtiger Wirtschaftsführer, sprachbewußter Journalisten und seriöser Werbeagenturen, Männern und Frauen also, die erkannt haben, daß sich ein Volk als Kulturnation aufgibt, wenn es freiwillig darauf verzichtet, die täglich sich verändernde Welt mit eigenen Wörtern und Bildern zu benennen.“

Ähnliches ist in der revanchistischen Wochenzeitung „Das Ostpreußenblatt“, die von der Landsmannschaft Ostpreußen herausgegeben wird, in dem Beitrag „Pfingsthoffnung oder Sprachverwirrung?“ (3. Juni 1995) zu lesen: „Plötzlich fiel es den Menschen wie Schuppen von den Augen: Sie erkannten mit Freuden das einzig Verbindende, das ihnen blieb: die eigene, gemeinsame Muttersprache. Gleichsam merkten sie hocherfreut, daß das Verbindende stärker war als das Trennende“.

Beherzigt scheint diese Strategie der „Bund für deutsche Schrift und Sprache“ zu haben, der an der Spitze dieser selbsternannten Gralshüter steht. Zweck des Bundes, dem Einzelpersonen und juristische Personen als Mitglieder (Jahresbeitrag: DM 54,-) beitreten können, ist die „Pflege und Erhaltung der deutschen Schrift und Sprache“. Verwirklicht wird der Vereinszweck durch die Herausgabe der Zeitschrift „Die deutsche Schrift“ (Untertitel: „Vierteljahreshefte zur Förderung der deutschen Sprache und Schrift“) sowie durch die Herstellung und den Vertrieb von Werbedrucksachen und Büchern zu den Sachgebieten „Deutsche Schrift“ und „Deutsche Sprache“.

Seinen Sitz unterhält der seit seiner Neugründung 1951 als gemeinnützig anerkannte Verein in Hannover (Geschäftstelle im niedersächsischen Ahlhorn); bis zum 22. April 1989 firmierte man unter dem Namen „Bund für deutsche Schrift“.

In einer Werbebroschüre des Bundes, der seine Tradition auf den 1918 gegründeten „Bund für deutsche Schrift“ zurückführt, wird dessen politisches Selbstverständnis ‚zwischen den Zeilen‘ deutlich: „Wir Deutschen haben allen Grund, auf unsere Muttersprache stolz zu sein, in der schon im Mittelalter Werke von Weltrang verfaßt wurden.“ Einen Absatz weiter wird dann der ‚Rechts‘-Charakter dieser Gralshüter von deutscher Schrift und Sprache deutlich: „Wie eine Seuche greift nun schon seit Jahrzehnten die Fremdwortsucht um sich. Bundesbahn und Bundespost führen laufend neue Fremd- und Dummwörter ein. Gesetz- und Verordnungsgeber tragen ebenso zur Sprachverwilderung bei wie Funk, Fernsehen, Zeitungsverleger und verantwortungslose Pädagogen. Geradezu ein Tummelplatz des Sprachmißbrauchs ist die Werbung. Und als ob plötzlich die Rechtschreibung schwieriger geworden wäre, wird von bestimmten Kreisen auf eine grundstürzende Änderung unserer Rechtschreibung hingearbeitet, obwohl (oder weil?) hiermit ein schwerwiegender Kulturbruch verbunden wäre.“

Folgerichtig tritt der Bund dafür ein, „die deutsche Sprache und die deutsche Schrift als zwei schöne Blumen im Garten der Volkskulturen zu pflegen und zu erhalten; denn eine Welteinheitskultur wäre trostlos und öde.“ Schuld an der „Überfremdung“ des deutschen Sprach- und Wortschatzes tragen nach Auffassung des germanophilen Bundes, der alljährlich bei der Frankfurter Buchmesse vertreten ist, die Siegermächte des 2. Weltkrieges: „Die deutsche Niederlage des Jahres 1945 wirkte sich u.a. auch auf die deutsche Sprache verheerend aus; denn die Sieger und die in ihrem Sinne handelnden Kräfte legten naturgemäß keinerlei Wert darauf, die deutsche Sprache als eine der deutschen Eigenarten zu pflegen und zu erhalten, da sie annehmen konnten, die Pflege deutscher Werte würde zu einem Erstarken des deutschen Selbstbewußtseins führen. Aus diesem Grunde sind Liberalismus, Internationalismus, Völker- und Rassenvermischung gefragt.“

Blickt man in die Vorstandsliste des „Bundes für deutsche Schrift und Sprache“, wird der rechtsextreme Hintergrund offensichtlich. Im Vorstand vertreten ist u.a. Wieland Soyka-Körner vom Bremer „Faksimile“-Verlag. Spezialisiert hat sich der Verlag auf den Reprint-Druck von Büchern und Broschüren, die meist aus dem völkisch-antisemitischen Spektrum der Weimarer Republik stammen. Dabei arbeitet der „Faksimile“-Verlag unter dem Deckmantel des Anspruchs, Geschichte zu dokumentieren. Noch in diesem Jahr will dort der britische Holocaust-Leugner David Irving die dreibändige Dokumentation „Adolf Hitler und die Judenfrage“ abschließen, die Hitler vom „Auschwitz-Makel“ befreien soll.

Anhänger hat der „Bund für deutsche Schrift und Sprache“ auch unter den militanten Neonazis. Die berühmt-berüchtigte „Wehrwolf“-Diskette mit einer ausführlichen Sprengstoff- und Bomben-Anleitung, die aus dem Umfeld der NSDAP/AO verbreitet wurde, enthielt neben ein paar Bildschirmschonern mit Hakenkreuz-Motiven auch eine Sammlung von Windows-Schriften in Fraktur-Schrift – vermutlich eine Raubkopie. In der Gebrauchsanweisung wird der „Bund für deutsche Schrift und Sprache“ mit voller Adresse empfohlen.

Auch in Österreich sorgt man sich um „deutsche Schrift und Sprache“. Im „Eckartboten“ (Oktober 1994), dem Organ der „Österreichischen Landsmannschaft“, die sich selbst als „Schutzverein für die Altösterreicher deutscher Muttersprache in unseren Nachbarländern“ versteht, wurde die Veröffentlichung eines Buches mit dem Titel „‚Faszination Deutsch‘. Die Wiederentdeckung einer Sprache für Europa“ (Langen-Müller) positiv aufgenommen. Regelmäßig wird in dem Blatt gegen eine vorgebliche „Sprachbarbarei“ gewettert; so auch in der März-Ausgabe 1995 („Gegen die Verunglimpfung unserer Muttersprache“): „Wenn wir mit der Sprachbarbarei (..) fortfahren, können wir unsere Wesensart bald unter der geistlos pöbelhaften Oberflächlichkeit (..) (der) massenmedialen ‚Schönen Neuen Welt‘ begraben. Wir sind unserer Tradition verpflichtet und dürfen die Muttersprache, dieses teure, ererbte Gut, nicht ganz verwahrlosen lassen. Unsere Volksvertreter sowie Presse und Rundfunk sollten beispielgebend für rechte Sprache sein, Bewahrer, und nicht Totengräber unserer Kultur.“

Die ultrarechte österreichische Monatszeitschrift „Aula“ widmete die Dezember-Ausgabe 1994 dem Thema „Muttersprache“. Dazu die Redaktion: „Überaus profund widmet sich der diesmalige Schwerpunkt der AULA dem Thema Sprache. Wenn dafür der Titel ‚Deutsch light‘ gewählt wurde, so um provokativ darauf aufmerksam zu machen, wie sehr unsere Muttersprache durch Anglizismen, sozusagen durch geistige Überfremdung gefährdet ist. Dies wird vielleicht eine der zentralen intellektuellen Herausforderungen der kommenden Jahre sein: Wie weit wird sich die deutsche Sprache und damit deutsches Denken, deutsche Kulturleistung in allen Staaten deutscher Muttersprache im Rahmen des neuen Europas als überlebensfähig erweisen? Wird deutsch zur neuen lingua franca für Osteuropa? Wird es zur dritten Arbeitssprache in der Europäischen Union? Oder werden all jene Tendenzen, die in diese Richtung laufen, durch die Selbstaufgabe der deutschen Sprache bzw. ihrer Träger und durch eine Nivellierung, die im wesentlichen aus Anglisierung besteht, hinfällig gemacht?“

Durch die Agitation zum ‚Schutz der deutschen Sprache‘ versucht die extreme Rechte, ein Thema zu besetzen und in den Diskurs einzuführen. ‚Sprachpflege‘ ist für sie besonders interessant, da sich dadurch eine deutschnationale ‚Identität‘ entwickeln läßt, die auf Abgrenzung beruht, aber auch ohne rassistische Hetze gegen die hier lebende ausländische Bevölkerung auskommt. Die Stoßrichtung gegen Anglizismen deckt sich mit dem Feindbild fast der gesamten Rechten – neuer Hauptfeind sind die USA.

Angesichts der Tatsache, daß Englisch sich international als Wissenschaftssprache durchgesetzt hat, wirkt die Forderung nach ‚Sprachreinigung‘ provinziell. Jedoch sei in Erinnerung gerufen, daß beispielsweise neuere administrative Maßnahmen der französischen Regierung durchaus in eine solche Richtung gehen. Und selbst in einem linken Milieu wird man möglicherweise auf Zustimmung stoßen, wenn das weitverbreitete kulturpessimistische Unbehagen an der Verflachung und Durchkommerzialisierung der Medien geschickt als Einstiegsdroge für eine nationale Renaissance benutzt wird, zumal wenn dabei an einen affektbegründeten Antiamerikanismus angeknüpft wird.

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