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„Fähren ins Bewußtsein“ – Presse und Propaganda der Neuen Rechten

 

„Fähren ins Bewußtsein“ – Presse und Propaganda der Neuen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland. Von Siegfried Jäger. Überarbeitete und aktualisierte Fassung eines Vortrages, den Siegfried Jäger im Dezember 1989 an der Universität Kiel gehalten hat.1

Vorbemerkung: Über das Zusammenwirken rechtsextremer Propaganda und realer Lebenslagen

Besonders seit der Bonner Wende, also der Ablösung der SPD/FDP-Regierung durch die konservativ-liberale Koalition, ist in der Bundesrepublik eine Zunahme rechtsextremer und rechtskonservativer Aktivitäten besonders auch im Bereich der Publizistik zu beobachten. Eingebunden in die Notwendigkeiten heutiger Realpolitik und unter dem Eindruck mächtiger Modernisierungs- und Rationalisierungsschübe in Industrie und Wirtschaft, mit der auf die zunehmende Verwertungskrise des Kapitals geantwortet wird, haben die konservativen Kräfte in unserem Lande offensichtlich ihre Integrationskraft nach rechts ein Stück weit verloren. Insbesondere in den Feldern der Deutschland- und Ostpolitik, der Asyl- und Ausländerpolitik, aber auch der Familien- und Frauenpoltik, der Wohnungs- und Gesundheitspolitik usw. konnte die neue Koalition die Wünsche ihrer rechten Klientel teilweise nicht mehr befriedigen. Dazu kam, daß die versprochene Wende im geistig-moralischen Bereich bisher ausgeblieben ist. Rechtskonservative Denker wie Günter Rohrmoser sprechen in diesem Zusammenhang geradezu von einem „Debakel“ und fordern immer drängender die ausgebliebene Wende ein. Rohrnmonser klagt:

 „Die Koalition in Bonn hat eine historische Chance verspielt. Sie hat ihr Versprechen einer geistigen Wende in der Bundesrepublik Deutschland nicht erfüllt, sie hat es nicht gekonnt, und sie hat es wohl auch nicht gewollt.“ (Rohrmoser 1985, S. 18)

Noch vor kurzem meinte er in einem Interview, die CDU stehe gar in der Gefahr, von den Republikanern ersetzt zu werden.

Zugleich war zu beobachten, daß rechtsextreme Parteien und Gruppierungen zunehmend Erfolge auch bei Wahlen zu Landes- und Kommunalparlamenten und auch bei den Europawahlen aufweisen konnten, daß rechtsextreme Gruppierungen und Parteien wie die FAP, die Republikaner oder die DVU sich in der Öffentlichkeit und in den Medien immer deutlicher zu artikulieren begannen. Auf die Krisenerscheinungen dieser Gesellschaft reagieren sie mit Angeboten, die oft plausibel wirken und viele Menschen in unserem Lande beeindrucken.

Zu beobachten ist, daß neben den eher populistischen Aktivitäten rechtsextremer Parteien, die insbesondere bei Wahlkämpfen mit einfachsten Erklärungsmustern auf Menschenfang aus sind – so zielten die Wahlkämpfe der NPD und der DVU sowie die der Republikaner in den letzten Jahren durchweg auf die in der Bevölkerung vorhandene Ausländerfeindlichkeit – neurechte und rechtskonservative Gruppen und Zirkel angetreten sind, den Kampf um die Köpfe zu gewinnen, eine rechte kulturelle Hegemonie zu erlangen, als Voraussetzung dazu, eines Tages auch die politische Macht zu gewinnen, wobei auch vor Gewalt und Bürgerkrieg nicht halt gemacht werden soll. So schreibt etwa Pierre Vial in der neurechten Intellektuellen-Zeitschrift elemente, daß früher oder später der Zeitpunkt eintrete, „wo man die Feder gegen das Gewehr tauschen “ müsse. (elemente 2/87, S.11)

Nun wird der Einfluß rechtsextremer Propaganda heute gelegentlich zwar als ziemlich gering veranschlagt – bis hin zu der Behauptung, die rechtsextreme Presse habe kaum Leser und die Programme der Rechten seien weitgehend unbekannt. Dabei wird m.E. aber übersehen, daß die rechtsextreme Presselandschaft doch ziemlich groß und sehr differenziert ist und daß Leser solcher Presseprodukte ja in aller Regel auch als Multiplikatoren fungieren. Damit soll nicht gesagt sein, daß es die Propaganda etwa alleine wäre, die für die zunehmenden Erfolge der Rechtsextremen verantwortlich zu machen wäre. Sie stellt aber meines Erachtens heute einen wichtigen Faktor dar. Unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen kann solche Propaganda greifen. Dazu zunächst einige ganz knappe Bemerkungen:

In seinen soziologischen Arbeiten zum Faschismus ist Theodor W. Adorno zu dem Ergebnis gekommen, daß in Gesellschaften heutiger Art, in denen systematisch der Unterschied von Arm und Reich produziert und aufrechterhalten wird, für viele Menschen Lebensbedingungen entstanden sind, deren psychische Verarbeitung zu einem psychischen Reaktionspotential in Teilen der Bevölkerung führe, das sie prinzipiell für faschistische bzw. rechtsextreme Ideologie und Propaganda ansprechbar mache. In der heutigen Situation der Bundesrepublik gilt dies besonders, aber nicht nur, für das untere Drittel, also den Teil der Bevölkerung, der von der ungeheuren Modernisierungs- und Rationalisierungswelle in Wirtschaft und Industrie besonders stark betroffen ist oder aber doch fürchtet, in den Sog einer solchen Entwicklung zu geraten.

Die neuesten Wahlanalysen bestätigen diesen Trend insgesamt, – wenn auch nicht zu übersehen ist, daß sich das Rekrutierungspotential der Rechtsextremen nicht auf diesen Bevölkerungsteil beschränkt. Familientradition, Erziehung, bestimmte Besonderheiten der spezifischen Sozialisation usw. veranlassen auch manchen Angehörigen höherer sozialer Schichten, den Rechtsextremen sein Ohr zu leihen. Zwar ist nach den Wahlen im Jahre 1990, also nach der Öffnung der Mauer, ein Einbruch der rechtsextremen Parteien zu beobachten gewesen, weil sich die Aufmerksamkeit der gesamten Wahlbevölkerung der BRD fast ausschließlich auf diese Ereignisse konzentriert hat. Doch dieser Einbruch kann Episode sein; wenn die Folgen Der Wiedervereinigung sichtbarer werden, können auch die rechtsextremen Parteien wieder zulegen. Zu bedenken ist ferner, daß Wahlergebnisse die tatsächlichen Einstellungen der Menschen nur unzureichend wiedergeben. Zudem ziekt, wie bereits gesagt, der organisierte Rechtsextremismus nicht allein auf Wahlen, sondern auf den politischen Gesamtdiskurs, der sich außerdem seit dem Fall der Mauer nach unserer Einschätzung eher weiter nach rechtsverlagert hat.

Insgesamt möchte ich betonen, daß rechtsextreme Propaganda und bestimmte materielle Lebensbedingungen beim Zustandekommen rechtsextremer Einstellungen zusammenwirken und im Zusammenhang betrachtet werden müssen, wenn man z.B. zu einer Erklärung für das Wiedererstarken des Rechtsextremismus heute kommen möchte. Es sind nicht die Lebensbedingungen der Menschen allein, ebensowenig wie es die rechtsextreme Propaganda allein wäre, die hier als ursächlich auszumachen ist.

Der Schwerpunkt der folgenden Ausführungen liegt nun besonders beim Anteil der (Presse-)Propaganda der Rechtsextremen am Erfolg des heutigen Rechtsextremismus, bei den Inhalten und den Wirkungsmitteln ihrer Ansprache.

Ich werde deshalb zunächst einen Überblick über die rechtsextreme Presse- und Organisationslandschaft geben; in einem Zweiten Teil werden ich versuchen, die Art und Weise der Modernisierung und Intellektualisierung der heutigen rechtsextremen Ideologie aufzuzeigen, und in einem dritten Teil werde ich einige rechtsextreme Textpassagen einer etwas genaueren Analyse unterziehen.

1. Wie sieht nun diese Organisations- und Presselandschaft des heutigen Rechtsextremismus aus?

In der Bundesrepublik gibt weit über hundert rechts­extreme Organisationen mit etwa 150 regelmäßig erscheinen­den Zeitungen und Zeitschriften. Diese Schriften ereichen dabei Auflagen, die in einzelnen Fällen über 100.000 Exemplaren liegen, die sich aber größtenteils zwischen 5.000 und 40.000 bewegen. Insge­samt dürfte der rechtsextreme Ausstoß an Zeitungen und Zeitschriften über eine Million Exemplare betragen, so daß mit einer Leserschaft von rund ca.5 Millionen gerechnet werden muß. Zu bedenken ist natürlich, daß es sich hierbei nicht um Tageszeitungen handelt, sondern um Wochen-, Monats- oder vierteljährlich, gelegentlich auch völlig unregelmäßig erscheinende Produkte. (Auf die hunderte von revanchstischen, militaristischen, rechtschristlichen und esoterischen Schriften will ich an dieser Stelle nur verweisen.) Diese Organe nun erreichen potentielle Multiplikatoren rechtsextremer Ideologie und haben deshalb eine nicht zu unterschätzende Ausstrahlung.

Bei unseren Beobachtungen und Analysen dieser Organisations- und Presselandschaft haben wir festgestellt, daß diese Gruppierungen, Parteien und Zeitschriften einerseits miteinander konkurrieren; andererseits aber herrscht dichte Kooperation. Einerseits bekämpfen sich die unterschiedlichen Strömungen noch gegenseitig, andererseits schreiben Autoren solcher rivalisierender Gruppen in allen möglichen Organen, werden Austauschanzeigen geschaltet, beehrt man sich mit aufmunternden Leserbriefen, berichtet übereinander usw.

Das scheint sich auf den ersten Blick auszuschließen. Doch das wird verständlicher, wenn wir bedenken, daß innerhalb dieses Spektrums seit Jahren bzw. seit Jahrzehnten eine breit angelegte Diskussion darüber stattfindet bzw. stattgefunden hat, wie das lange Zeit vor sich hindümpelnde Schiff der Rechtsextremen in der BRD wieder auf Fahrt gebracht werden könne.

Im Grunde genommen hat diese Diskussion nach dem Scheitern der NPD bei der Bundestagswahl 1969 und dem Beginn der sozialliberalen Koalition angefangen. Diese politische Niederlage war für die Rechtsextremen der Anlaß, darüber nachzudenken, was falsch gemacht worden war. Es entstand eine rege Debatte, in deren Verlauf das Ideologiegebäude der Rechtsextremen einer deutlichen Modernisierung unterzogen wurde, weshalb heute auch mit einem gewissen Recht vielfach von einer „neuen“ im Unterschied zur „alten Rechten“ gesprochen wird.

Dieser Erneuerungsprozess äußerte sich auch darin, daß einige Leitorgane der Rechtsextremen erhebliche Kursänderungen vollzogen. Ich verweise nur auf die ehemals offen rechtsextreme Jugendzeitschrift MUT, die seit etwa 1984 unter dem Einfluß des Nationalrevolutionärs Gerd Klaus Kaltenbrunner die Zielgruppe wechselte und nun darum bemüht ist, ihr rechtsextremes Gedankengut wohlverpackt an die gesamte traditionalistisch bildungsbürgerlich geprägte konservative Familie heranzutragen. Die in Form und Inhalt der Ansprache sichtbar werdenden Neuerungen lassen sich inzwischen bis in die Zeitungen und Programme des populistischen Rechtsextremismus hinein verfolgen. Insgesamt ist ein ideologischer und organisatorischer Annäherungssprozess zu beobachten, der zwar noch nicht abgeschlossen, aber dennoch deutlich zu erkennen ist.

Seit Wahlerfolgen der Rechtsextremen hat dieses Bemühen um Zusammenarbeit weiter zugenommen. Der Trend geht dahin, daß eine Neurorientierung vor allem auf die REPs stattgefunden hat. Der Erfolg scheint die Rechtsextremen dazu zu zwingen, sich über manche noch bestehenden inhaltlichen und persönlichen Rivalitäten hinweg zu einer Sammlungsbewegung zusammen­zuschließen, zu einer einheitlichen Partei. Das feste Bündnis der NPD mit der DVU um Dr. Gerhard Frey, dem Herausgeber u.a. der „Nationalzeitung“, scheint sich zu lockern. Martin Mußgnug, der Vorsitzende der NPD, soll Schönhuber ein schriftliches Kooperationsangebot unterbreitet haben. Viele NPD-DVU-Mitglieder und Wähler wechseln zu den Republikanern. Diese scheinen derzeit eindeutig vorne zu liegen. Das muß nicht heißen, daß NPD und DVU aufgerieben werden oder sich auflösen. Gerade die NPD mit ihrer ausgebauten Infrastruktur und ihren Schulungszentren spielt für den Rechtsextremismus weiterhin ideologisch eine wichtige Rolle, zumal die Republikaner selbst noch nicht über eine sonderlich breite Funktionselite verfügen. Zur Zeit führt die NPD eine Fülle von Seminaren durch, in denen die Teilnehmer auf die Techniken des Kommunalwahlkampfes vorbereitet werden. Der Gebrauchswert der NPD für die Republikaner wird sich dadurch nicht unwesentlich erhöhen.

Der Lernprozeß, den die Rechtsextremen in den sechziger und siebziger Jahren durchlaufen haben, erklärt noch eine andere Auffälligkeit, auf die wir bei unseren Untersuchungen gestoßen sind: Nimmt man alle Zeitschriften zusammen, dann stellt man fest, daß nahezu alle sozialen Gruppierungen in der BRD flächendeckend angesprochen werden: Christen, Atheisten, Konservative, Grün-Angehauchte, Jugendliche, bildungsbürgerlich-traditionalistische ganze Familien, Mittelständler, Arbeiter, Freiberufliche usw. Es gibt dabei nur eine Ausnahme – es gibt eigentlich keine Frauenzeitschrift einer rechtsextremen Gruppierung. Hier existiert bisher nur ein kleines hektographiertes Blatt, das aus der militanten Szene der Rechtsextremen kommt: „Die Kampfgefährtin“. Doch nach neueren Informationen steht selbst diese Zeitung kurz vor dem finanziellen Ruin. Deutlich ist aber geworden, daß sich die Republikaner nach den Auswertungen der letzten Wahlen intensiv darum bemühen, auch die Frauen für sich zu gewinnen. Die Neuauflage des Programms, an der zur Zeit eine 60 -köpfige Programmkommission arbeitet und die bis Anfang 199o fertig sein soll, wird auch in bezug auf die Frauen- und Familienpolitik mit einigen Neuerungen aufzuwarten versuchen.

Ich will diesen allgemeineren Hinweisen zur rechtsextremen Presse noch hinzufügen, daß die Rechtsextremen nicht nur Zeitungen und Zeitschriften produzieren. Sie stellen auch eine große Anzahl von Büchern, Broschüren, Videos, Computerspielen her usw.. In dem 1981 gegründeten Thule-Seminar entstand z.B. nicht nur die stark von der französischen Neuen Rechten beeinflußte Intellektuellen-Zeitschrift „elemente“, sondern dessen Leiter Pierre Krebs verfaßt oder ediert selbst auch Bücher, in denen grundsätzliche ideologische Fragen aufgeworfen und beantwortet werden. Sein Buch „Das unvergängliche Erbe“ von 1981, in dem eine neurechte Programmatik vorgestellt wird und an dem eine Reihe prominenter Wissenschaftler mitgearbeitet hat, hat eine Riesenauflage erlebt.

2. Politikkonzept und Ideologie des heutigen Rechtsextremismus

Damit komme ich auch zu dem Politikkonzept, das die Rechtsextremen heute verfolgen. Es geht ihnen keineswegs allein und in erster Linie um Wahlerfolge und Mandate. Es geht ihnen um die Erringung der sog. „Kulturellen Hegemonie“ in der Bundesrepublik, die sich allerdings auch in Wahlerfolgen niederschlagen kann und soll. Insofern verfolgen die Rechtsextremen eine langfristige Strategie. Das bedeutet auch, daß ein kurzfristiges Zurückdrängen der Parteien die Gefahr, die heute vom Rechtsextremismus ausgeht, nicht beseitigt. Daß dies so ist, liegt nicht nur daran, daß die Rechtsextremen in den letzten Jahren eine solide Infrastruktur ausbauen konnten und daß sie, bedingt durch ihre Wahlerfolge, auch noch erhebliche finanzielle Mittel erhalten haben und weiter erhalten werden. Das liegt auch daran, daß sie ihre Ideologie in vielen Bereichen modernisiert und intellektualisiert haben.

Aus diesem Grunde bezeichnen sie sich, wie gesagt, auch mit einem gewissen Recht als Neue Rechte. Zu fragen ist natürlich: Was ist wirklich neu an ihren heutigen Auffassungen? Ich kann hier nicht die gesamte Ideologie der heutigen Rechtsextremen im Detail Revue passieren lassen und auch nicht auf alle Einzelheiten ihres strategischen Konzepts eingehen. Ich muß mich auf die Kernpunkte beschränken, die sozusagen Gemeingut all dieser Gruppen und Parteien sind und an denen sich das Neue oder angeblich Neue ihrer Vorstellungen festmachen läßt.

– Das auffallendste Merkmal neuer rechtsextremer Strategie ist das Bemühen, sich vom historischen Nationalsozialismus und damit auch vom Antisemitismus verbal deutlich zu distanzieren. Ihre Vertreter haben begriffen, daß sie in der Bundesrepublik nicht Fuß fassen können, ohne zum Hitler-Faschismus auf Distanz zu gehen.

– Das zweite Merkmal: Man gibt sich heute vielfach kompromißlos und kämpferisch gegenüber der westlichen wie der östlichen Entwicklungsrichtung: Dabei wird der Kapitalismus nicht wirklich angegriffen, sondern nur einige seiner Erscheinungsformen, wie z.B. das Verschwinden der Kleinen Läden oder ähnliches. Vehement wird natürlich die Sowjetunion kritisiert. Die Sowjetunion und der Kommunismus generell ist der Hort des schlechthin Bösen und der Hauptagent des Konzepts der Wesensgleichheit aller Menschen. Propagiert wird deshalb ein sogenannter 3. Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Das klingt für viele und auch für manche Angelinkten oder Grünen verführerisch. Doch bei näherem Hinsehen entpuppt sich dieser 3. Weg als ein aggressiver Kapitalismus, der ohne Krieg, bzw. Unterwer­fung anderer Nationen nicht gangbar ist. Zu bemerken ist hierzu allerdings noch, daß sich entlang der Frage des „Dritten Weges“ unter Faschisten und Rechtsextremisten immer wieder Auseinandersetzungen bis hin zu Spaltungen gegeben hat. Insofern kann man hier auch nur mit Einschränkung von einer Neuerung sprechen.

– Ein weiterer Schlüsselbegriff ist für die Rechtsextremisten bekanntlich die „na­tionale Identität“. Diese wird durch die Zugehörigkeit zur deutschen Nation begründet, einer Nation, die an ein bestimmtes geographisches Gebiet gebunden ist: an ein Deutschland in den Grenzen von 1937. Dieses Gebiet existiert aber in der Realität nicht als politische Formation. Insofern gründet der Begriff der deutschen Nation von vorneherein auf einem fiktiven, erst noch herzustellenden politischen Gebilde und stellt somit die derzeitigen Staatsgrenzen in Frage.

Das Bekenntnis zur eigenen Nation, so wird argumentiert, sei heute unverzichtbar. Alles andere bedeute eine weitere Unterwerfung unter fremde nationale Interessen. Insofern sei eine nationale Wiedervereinigung, bzw. Wiederherstellung Deutschlands unumgänglich.

Ein weiteres wichtiges ideologische Merkmal ist die „organische Demokratie“. Organische Demokratie bedeutet in Wirklichkeit das exakte Gegenteil von Demokratie. Gemeint ist die Herrschaft einer rassischen Elite, die kraft ihrer genetischen Sonderausstattung das Recht hat, über andere zu dominieren.

– Damit bin ich auch schon beim fünften Merkmal: Die Rechtsextremen zielen ab auf ein „Europa der freien Völker“, dessen Kern Deutschland, das genetisch besonders hervorragend ausgestatte Deutsche Volk, bildet, und in dem Ethnopluralismus herrscht.

Was ist nun Ethnopluralismus? Hier stoßen wir nun in den ideologischen Kern des heutigen Rechtsextremismus vor. Wörtlich übersetzt heißt Ethnopluralismus Vielgestaltigkeit der Völker. Praktisch ist damit Apartheid gemeint. Die Völker sollen unter sich bleiben. Wichtig ist hier, daß Völker unmittelbar gleichgesetzt werden mit Rassen. Unterschiedliche Völker = unterschiedliche Rassen. Und Rassenmischung darf es nicht geben. Dort, wo sie bereits stattgefunden hat, soll sie wieder rückgängig gemacht werden. Über den „Ethnopluralismus“ erkennen wir, daß auch der Nationalismus der Rechtsextremen auf Rassismus aufruht.

An dieser Stelle muß einmal ein klares Wort darüber gesagt werden, was denn eigentlich unter Rassismus zu verstehen ist.

Ich gehe davon aus, daß Rassismus immer dann vorliegt, wenn bestimmte körperliche Merkmale oder Eigenschaften qualitativ bewertet werden, z.B.wenn die Hautfarbe Rückschlüsse auf die geistigen Potenzen geben soll.- Des weiteren liegt Rassismus aber auch dann vor, wenn gelerntes Verhalten, z.B. Intelligenz, naturalisiert, d.h. als angeboren unterstellt wird. Das ist z.B. auch der Fall, wenn behauptet wird, daß Frauen per se weniger Rationalität, dafür von Geburt aus aber mehr Gefühl zukomme als Männern usw.

Der Rassismus des sogenannten „Ethnopluralismus“ liegt nun weiterhin darin, daß er eine Vermischung von Menschen, die unterschiedlichen Kulturen angehören, nicht zulassen will (kultureller Rassismus). Darin geht die Vorstellung ein, daß bestimmte vorhandene Eigenschaften dieser Völker sich nicht nur mit unseren nicht vertragen, sondern daß Rassen- und Kulturenmischung zur Degeneration der Menschheit, insbesondere zum Untergang der deutschen Menschheit, der deutschen Nation führe.

Der Rassismus der Rechtsextremen äußert sich heute in der Bundesrepublik also in der Tat meist nicht in Form von Antisemitismus, obwohl auch in dieser Hinsicht in allerneuester Zeit wieder alte Töne laut werden. Er geht darüber hinaus: Man will die Trennung aller sogenannten Menschen-Rassen voneinander. Den Wählern wird dies dann mit Parolen wie „Deutschland den Deutschen“, „Asylanten ausweisen“ oder aber auch „Ausländer raus“ nahezubringen versucht. Hier wird auch deutlich, daß die Rede von der Ausländerfeindlichkeit eigentlich bereits eine Verharmlosung darstellt, denn in den allermeisten Fällen liegt hier blanker Rassismus vor. Dieses Wort „Rassismus“, – in den anderen europäischen Ländern gang und gäbe – , ist in unseren Landen aber total verpönt. Es erinnert die Deutschen wohl zu sehr an die Verbrechen des Dritten Reiches.

Ethnopluralismus bedeutet aber nun keineswegs ein gleichberechtigtes Nebeneinander der Völker. Zusammen mit dem Anspruch auf Herstellung bzw. Bewahrung der „nationalen Identität“ des deutschen Volkes wird gleichzeitig immer auch der Besitzanspruch auf Gebiete der DDR und Polens formuliert, so daß von dem Ziel eines friedlichen, gleichberechtigten Nebeneinanderlebens verschiedener Völker nicht die Rede sein kann.

Die von den Rechtsextremen behauptete Ungleichheit der Menschen, die nach ihrem (neo)rassistischen Konzept gleichbedeutend mit einer Ungleichwertigkeit der Menschen ist, durchzieht mehr oder minder verdeckt die gesamte ideologische Ansprache der heutigen Rechtsextremen. Alle Menschen und Völker sind nach dieser Auffassung genetisch bedingt ungleich, und/oder ihre kulturell erworbenen Eigenschaften werden abgewertet. Die äußeren körperlichen Ungleichheiten von Menschen geraten den Rechtsextremen zu angeborenen Wesensunterschieden, die kulturell-bedingten als „abartig“.

Hier schließt sich der Kreis: Gelingt es den Rechtsextremen, sich wirklich vom Hitlerfaschismus im Bewußtsein der Menschen abzukoppeln, sich vom Antisemitismus zu distanzieren; gelingt es ihnen, den Dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus attraktiv erscheinen zu lassen, obwohl sie in Wirklichkeit knallhart prokapitalistisch eingestellt sind, ist für sie der Weg frei, über die Schleuse der in der Bevölkerung breit verankerten Ausländerfeindlichkeit und des in der BRD sehr verbreiteten rassistischen Denkens ihre im Kern faschistische Weltanschauung im Bewußtsein der Menschen weiter zu verbreiten. Sind die Menschen von Natur aus ungleich, ist wirkliche Demokratie nicht machbar, dann braucht das Volk eine starke Führung, eine genetische Elite, die den anderen sagt, wo es langzugehen hat. Sind die Menschen von Natur aus in ihrem Wesen ungleich, dann liegt doch auf der Hand, daß Frauen minderwertiger sind als Männer. Sind die Menschen ungleich, dann tut man gut daran, sich anderen Völkern gegenüber abzugrenzen, zumal wenn diese „rassisch oder kulturell minderwertig“ sind. Sind die Menschen durch die Natur bestimmt, dann ist es doch nur natürlich, von Geburt aus Behinderte von dem Übel, das ihnen die Natur angetan hat, zu befreien. Außerdem spart das Kosten und erhöht dies das Glück der Überlebenden. Sind die Menschen von Natur aus ungleich, dann ist es doch das Beste, die rassisch homogenen Völker voneinander abzugrenzen, was durch die Rechtsextremen mit der terminologischen Variante zum Ethnopluralismus als Sozial-Ökologie verkauft wird usw. usw.

Entsprechend dieser proklamierten Ungleichheit sind natürlich die Hauptfeinde der Rechtsextremen zugleich all diejenigen, die davon ausgehen, daß die Menschen in ihrem Wesen gleich sind, eben weil sie Menschen sind. Von daher müssen sich die rechtsextremen letztendlich gegen die wichtigsten Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft wenden.

Insgesamt kann gesagt werden: Auch die heutigen Rechtsextremen vertreten eine genuin faschistische Ideologie, die teilweise auf Ideen zurückgreift, die vor oder neben dem Nationalsozialismus entwickelt worden sind. Ihre Positionen sind undemokratisch und rassi­stisch. Das Neue daran ist aber nicht nur Tarnung und Ver­packung, wodurch sie nur bezweckten, nicht sofort als faschistisch erkennbar zu sein. Ihre Ideologie ist neu in ihrer Zukunftsorientierung. Nicht in jedem Falle rückwärts­gewandt, in dem Bestreben, Altes wieder herzustellen, greifen neurechte Ideologen vielmehr aktuelle Gegen­wartsprobleme auf wie u.a. Ökologie, Kriegsgefahr, Arbeitslosigkeit, Lehrstellenmangel, Sinnverlust und stel­len ihre Weltanschauung als diejenige dar, mit deren Hilfe alle diese Pro­bleme zu lösen sind. Ihre Propagandamaterialien bis hin zu den Parteiprogrammen zei­gen zudem, daß sie darum bemüht sind, ihre Theorien wissenschaft­lich abzusichern. Dabei betreiben sie häufig einen nicht geringen intellek­tuellen Aufwand und stützen sich auf Re­sultate bürgerlicher Wissenschaften, was nicht so schwer fällt, da diese häufig keineswegs ideologiefrei sind. Diese Technik ist bis in die populistischen Materialien und Zeitungen hinein zu verfolgen.

Insgesamt kann man deshalb im Vergleich zum historischen Faschismus, aber auch zum Rechtsextremismus der frühen Bundesrepublik, heute von einer gewissen Moder­nisierung und von einer gewissen neuen Qualität des Rechtsextremis­mus in der BRD sprechen. Zu diesem Erscheinungsbild trägt auch die Tatsache bei, daß es den Rechtsextremen zunehmend gelingt, auch Autoren aus konser­vativen politischen und wissen­schaftlichen Kreisen in ihren Zeitschriften zu Wort kommen zu lassen und selbst in kon­servativen Zeitschriften und in den Medien ganz allgemein an Einfluß zu gewinnen. Ich ver­weise dazu auch auf unser Buch „Rechtsdruck“ (1988), in dem diese Zusammenhänge aus­führlich dargestellt worden sind. (vgl. auch Jäger 1989a)

3. Beispiele für Textanalyse als Diskursanalyse (in Ausschnitten)

Im folgenden möchte ich einige Beispiele für unsere Analysen geben, wie gesagt, in Ausschnitten und eher resultathaft.

Etwas genauer möchte ich einen Text aus der Zeitschrift elemente vorstellen. Dabei ist es aber nicht einmal möglich, auch nur annähernd alle sprachlichen Befunde etc. darzustellen und zu analysieren. Ausführlicher werde ich mich auf bestimmte lexikalische Besonderheiten und auf eine besonders interessante Eigenart rechtsextremer Propaganda konzentrieren, die Ausnutzung der sog. Fährenfunktion von sprachlichen Bildern, Metaphern, Anspielungen, Redensarten usw.

elemente

Die Zeitschrift elemente wird von einer kleinen rechtsintellektuellen Organisation herausgegeben, die sich Thule-Seminar nennt. Diese Organisation ist 1981 gegründet worden und trat zuerst mit programmatischen Buchpublikationen an die Öffentlichkeit. Ich erwähnte bereits den charakteristischen Titel Das unvergängliche Erbe, herausgegeben von Pierre Krebs, der dann ab 1986 auch die Zeitschrift elemente herausgab. Krebs ist ein Intellektueller, der seine Ideologie fast ohne Abstriche von der französischen Neuen Rechten übernommen hat. Alain de Benoist, der Kopf der französischen Neuen Rechten, ist denn auch Mitarbeiter in der Zeitschrift elemente. Hier deutet sich schon an: elemente wird von Intellektuellen gemacht, und sie versucht auch, an Intellektuelle heranzukommen. Nicht, wie wir sehen werden, an beliebige Intellektuelle, sondern an eine ganz bestimmte Gruppe von ihnen, an traditionalistisch-nationalstisch vorgeprägte junge Akademiker, die heute, in einer Zeit zunehmender Zukunftsprobleme auch der Akademiker, dazu neigen, ihren Frust dadurch aufzufangen, daß sie die Schuld für ihre enttäuschten Zukunftserwartungen an der Demokratie festmachen, am demokratischen Gedanken der Gleichheit der Menschen und an allen, die diesen vertreten, von den Christen bis hin zu den Kommunisten. Heftig kritisieren sie auch den american way of life und – oberflächlich – auch einige Erscheinungsformen des Kapitalismus.

Verbunden mit der Ablehnung der Gleichheit ist natürlich die Ablehnung der Ausländer, die Verteufelung der Frauenemanzipation usw.usw. Die Vertreter dieser Richtung wollen ein starkes Europa mit Deutschland im Mittelpunkt. Ihre Strategie ist, in Europa die Kulturelle Hegemonie zu erlangen, um damit die Grundlage der Übernahme der Macht, auch durch bewaffneten Kampf, zu legen. Sie setzen nicht auf einen parlamentarischen Weg, sondern verfolgen ein sog. metapolitisches Konzept. Mit anderen Worten: Sie wollen eine Art rechter außerparlamentarischer Opposition aufbauen.

Zugleich verfolgen sie das Ziel, rechte Avantgarde zu sein und ihr neurechtes Weltbild in Europa zu verankern. Dieses Weltbild stellt sich dar als eine Mischung aus wissenschaftlichen und mythlogischen Ideen. Sie möchten die Völker Europas wieder in ihr Erbe einsetzen, die Verwurzelung der Völker in ihrer historischen Herkunft restaurieren und damit den Menschen dieser Völker wieder, wie sie sagen, ein sinnvolles Leben ermöglichen. Beim Versuch, dies zu tun, stört natürlich die deutsche Vergangenheit des sog. Dritten Reiches. Deshalb knüpfen sie auch ganz bewußt an idealistische und reaktionäre Konzepte vor 33 an oder an solchen Personen, die nicht direkt durch den Nationalsozialismus diskreditiert sind, aber inhaltlich rechtsextreme und reaktionäre Positionen vertreten. Dabei entnehmen sie ihre Argumente bevorzugt den Werken lebender und toter bürgerlicher Wissenschaftler und erarbeiten daraus ein Ideologie-Gebräu, das sich den Anschein wissenschaftlich begründeter Weltanschauung gibt, in Wirklichkeit aber seinen irrational-mythologischen Gehalt nicht verbergen kann. Was nicht heißt, daß die Auseinandersetzung damit leicht wäre.

Wer diese neurechte Weltanschauung im einzelnen widerlegen will, muß die wissenschaftsgetränkten und bildungshuberischen Texte, mit denen sie transportiert wird, sehr genau lesen und analysieren und selbst über eine ganze Menge Wissen verfügen oder sich aneignen.

Erschwerend kommt hinzu, daß diese Rechten auch vor Fälschungen und Verdrehungen nicht zurückschrecken. Da viele Menschen dies nicht durchschauen können und zudem auch noch häufig wissenschaftsgläubig sind, gelingt es den Rechts-Intellektuellen offensichtlich zunehmend, diese Wissenschaftsgläubigkeit auszunutzen, verschwommene rechtsextreme Weltbilder zu bestärken und weiter auszubauen. Und dies nicht nur innerhalb der rechten Szene selbst, sondern auch bei Konservativen. Der allgemeine Nutzen dieser Art von rechter Ideologiefabrikation wurde erst kürzlich noch von FAP-Häuptling Michael Kühnen besonders hervorgehoben. Für ihn stellt das Thule-Seminar einen willkommenen Zulieferer rechter Ideologie dar, die er, populistisch gewendet, breiteren Bevölkerungskreisen zugänglich machen möchte.

Doch sehen wir uns einen Text der elemente einmal etwas genauer an! Z.B. den Artikel von Pierre Krebs Alles Große steht im Sturm.

Krebs Sprache ist kriegerisch-polemisch und einschüchternd gegenüber den politischen Gegnern. Diese sind allzumal Schwätzer. Leisetreter, Zauberlehrlinge des Egalitarismus, verdummte Kasperle, gegen die der Kampf geführt werden muß, der den langen Marsch durch die Wüste erforderlich macht. Härtester Widerstand muß geleistet werden, wenn man das zerstümmelte und geschlagene Land zurückerobern will. Dazu ist ein Sturm zu entfachen, in dem die Rechte wachsen wird.

Gern greift Krebs auch zu Wörtern aus dem Bereich von physischer und psychischer Krankheit. Er sieht Schwachsinn und Gehässigkeit, Wahnwitz, Haß und Neid.-

Beliebt ist bei ihm auch der Wortschatz der Natursymbolik: Vom Wachstum der Ideen ist die Rede, ein Szenario von Wüsten und Morasten, von Wind und Sturm wird beschworen. In Verbindung damit tauchen die Kern-Begriffe rechter Ideologie fast ohne Ausnahme alle wieder auf: Nationale Identität, das Recht der Völker auf Verschiedenheit, andernorts auch Ethnopluralismus genannt; die Verdammung der Gleichheit, der rechte dritte Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus; dazu ein mythologisch überhöhter Begriff von Heimat und das deutsche Sendungsbewußtsein. Sich selbst faßt Krebs als Führer auf, als Vertreter einer geistigen Elite, die dem gemeinen Volk zeigt, wo es längs zu gehen hat.

Doch nicht das Vokabular allein, sondern die Art seiner Verwendung ist hochinteressant:

Verbunden werden diese Ideen mit festen Redewendungen, sprachlichen Bildern und Anspielungen aus dem kulturellen Erbe der Europäer und insbesondere der Deutschen. Diese Verbindung rechter Ideologeme mit Redewendungungen, Metaphern, festen Jargonelementen, die alle auf den Wissenshorizont der Leser zielen, bezeichnet man auch als Fähren ins Bewußtsein. Damit ist folgendes gemeint: Wie auf einer Fähre werden rechte Ideologie-Brocken auf sprachlich fixiertes Wissen sozusagen aufgedrückt und unter Ausnutzung der Tatsache, daß dieses Wissen dem Leser bekannt ist, sozusagen in seinen Hinterkopf hineingeflößt. Diese Fährenfunktion, die in allen von uns untersuchten Texten sehr häufig zu beobachten ist, ist den Rhetorikern lange bekannt. Sie wird von den Rechtsideologen und -propagandisten aber offensichtlich ganz bewußt ausgenutzt. Ich möchte dieses Verfahren an einem besonders reichhaltigen Beispiel aus Krebs Artikel einmal etwas genauer illustrieren:

Zu Beginn des 2. Absatzes des Artikels heißt es:

„Vor fünf Jahren setzten wir voller Idealismus zum langen Marsch durch die deutsche metapolitische Wüste an. Wir hätten uns tausendmal verlaufen können in den unzähligen Morasten der Resignation … Wir hätten tausendmal vor Wut und Verzweiflung zerspringen können angesichts des kulturellen und politischen Stillstandes dieses verstümmelten, von geschickt manipulierten Schuldkomplexen zerschlagenen Landes, angesichts eines gefügigen Deutschlands im Dienste der Way-of-life-Diktatoren, das anscheinend endgültig den Geist gegen den Bauch vertauscht hat.“

„Der lange Marsch durch die Wüste“ ist eine komplexe feste Redewendung. Während und nach der Studentenbewegung brachen viele zum langen Marsch durch die Wüste der Institutionen auf. Krebs, als Verfechter rechter Ideologie, und seine Kampfgefährten, führen diesen Marsch voller Idealismus durch, – soll assoziiert werden. Voll Idealismus, der hier positiv besetzt ist. Sie, die Rechten, sind also die guten, die den langen Marsch auf sich nehmen. Dieser Gedanke wird an die Formulierung „langer Marsch“, der in der Erinnerung vieler anpolitisierter Leute der späten sechziger und frühen siebziger Jahre positiv besetzt war, angekoppelt. Die Rechten sind es, das soll verdeutlicht werden, die diesen langen Marsch, der zugleich auch persönliches Opfer ist, auf sich nehmen. Dieser Marsch führt durch die metapolitische Wüste. Metapolitik ist ein Kernwort dieser Richtung rechten Denkens. Sie haben diesen Begriff von Antonio Gramsci übernommen und für ihre Zwecke umgedeutet. Für sie ist damit die politische Strategie angesprochen, durch die der Kampf um die Kulturelle Hegemonie gewonnen werden kann. Der Zweck ist, das Konzept rechter Metapolitik hervorzuheben und im Bewußtsein des Lesers zu verankern.- Das Bild vom Marsch durch die Wüste zielt darüberhinaus ein anderes sehr allgemeines Wissenselement an: Den Marsch des Volkes Israel durch die Wüste nach dem Auszug aus Ägypten. Im Hintergrund des Lesers, bei dem Bibelwissen vorausgesetzt werden kann, soll assoziiert werden: Seht her, wir sind das auserwählte Volk! Moderne und christlich-mythologische Kollektivsymbolik sind hier zugleich verwendet worden ,-hier, um die besondere Wichtigkeit dieser rechten Intellektuellen-Truppe, die sich als Avantgarde verkaufen will, herauszustreichen und das Konzept Metapolituk von rechts im Bewußtsein des Lesers zu verankern.- Krebs malt diesen Marsch nun noch gebührend aus: „Wir hätten uns tausendmal verlaufen können in den unzähligen Morasten der Resignation.“- Wir, die Kämpfer, haben uns aber nicht verlaufen. Wir haben diesen Marsch bestanden.- Das Motiv des Verlaufens ist aber auch aus den Märchen der Brüder Grimm bekannt. Hänsel und Gretel verirrten sich im Wald. Sie haben sich verlaufen, mußten schlimme Abenteuer bestehen, haben aber am Ende doch noch die böse Hexe verbrennen können.- Und auch Rotkäppchen ist nicht vom rechten Weg abgekommen!

Hier wird an tiefsitzende Kindheitserfahrungen und Ängste angeknüpft, die aber zugleich entkräftet werden: Wir hätten uns verlaufen können, haben uns aber nicht verlaufen. Und wo hätte man sich verlaufen können? In den unzähligen Morasten der Resignation! Hier wird das Naturbild des Morastes mit einem seelischen Zustand verbunden, womit gleichzeitig darauf hingewiesen werden soll, daß Resignation nicht die Sache dieser Rechten ist, daß sie erfolgreich und kämpferisch sind. Und wie im ersten Teil dieser Passage wird auch hier an christliche Vorstellungen appelliert: Der Gläubige und Auserwählte darf nicht vom rechten Weg abkommen, ein Bild das in der Bibel an vielen Stellen aufzufunden ist.

Diese Technik der Fähre wird bereits im nächsten Satz erneut bemüht: „Wir hätten tausendmal vor Wut und Verzweiflung zerspringen können.“ Da geistert Rumpelstilzchen im Hintergrund herum, dessen „Gut daß niemand weiß“ eine herbe Enttäuschung erfahren mußte. Der Konjunktiv rettet den Leser und Krebs und seine Leute: Wir hätten zerspringen können, sind es aber nicht. Wir sind groß und stark, wir werden das Kind der Königin in unseren Besitz bringen, kurz, wir werden siegen.

Und sprachlich damit damit verkoppelt wird die Teilung Deutschlands (zerstümmeltes Land), das gefügig ist und sich erniedrigt hat; dessen Bevölkerung von Schuldkomplexen geschüttelt ist, die natürlich völlig überflüssig sind, aber durch geschickte Manipulation aufrechterhalten werden usw. Und Krebs gibt nicht nach: Dieses Volk hat den Kopf gegen den Bauch vertauscht, sagt er – ein Bild,  bekannt durch Fabeln und moderne Buchtitel, ein bei seiner Zielgruppe unterstelltes Hintergrundwissen, auf das der Autor hier abzielt.

Diese Technik könnte man auch als eine Art Propftechnik bezeichnen: Auf den gewachsenen Stamm, das Hintergrundwissen des Lesers, werden die neuen – angeblich neuen – Zweige rechter Ideologie gepfropft, wo sie dann blühen und gedeihen sollen. –

Diese kurzen Bemerkungen müssen an dieser Stelle genügen. Natürlich gibt es noch eine Fülle anderer Beobachtungen, die zeigen, mit welchen Mitteln rechte Ideologen ihre Weltanschauung an den Mann und an die Frau heranzutragen versuchen. Das besprochene Beispiel vermag aber zu zeigen, daß hier ein ganz bewußter, keineswegs ungeschickter Wille zur wirksamen Propaganda am Werk ist, der in den anderen von uns untersuchten Texten ebenfalls, wenn auch in modifizierter Form zu beobachten ist.

Nation Europa

In der Zeitschrift „Nation Europa„, dem Zentralorgan für rechtsextreme Funktionäre unterschiedlichster Organisationszugehörigkeit, wird eine andere Spielart der Fährenfunktion ins Spiel gebracht: Durch Sprache und formale Befolgung wissenschaftlicher Arbeitsweise (Zitieren, auf Quellen verweisen) wird z.B. die Ideologie des Rassismus abzusichern versucht, vorhandene Vorurteile sollen durch wissenschaftliches Tamtam bestärkt werden. Der durchaus Gebildete, aber nicht wissenschaftlich geschulte Leser wird durch die angebliche wissenschaftliche Autorität manipuliert. Hier dient der wissenschaftliche Duktus als Fähre ins Bewußtsein.- Hauptthema von Nation Europa ist die wissenschaftliche Begründung des Rassismus, der als allen Menschen angeboren unterstellt wird. Das in jeder Ausgabe auftauchende Rubrik mit dem Titel „Nachrichten von der Überfremdungsfront“ operiert im übrigen mit direkten Fälschungen und Lügen.

MUT

In Zeitschriften wie MUT, ehemals eine rechtsradikale Jugendzeitschrift, heute aber ein Blockadebrecher der Rechtsextremen gegenüber Konservativen, läßt sich die Fährenfunktion, neben anderen rhetorischen Tricks, ebenfalls sehr gut nachweisen. Auffällig ist hier die Häufigkeit, mit der dieses Mittel angewandt wird. Pro Satz konnten wir im Schnitt jeweils etwa drei Beispiele dafür ausfindig machen. Zielgruppe ist hier die ganze traditionell gebildete konservativ-bürgerliche Familie, bürgerlicher Mittelstand.

Der Republikaner

Populistische, die Breite Masse der Bevölkerung ansprechende bzw. ansprechen wollende Organe der Rechten, wie z.B. Der Republikaner, zielen mit leicht verständlicher Umgangssprache und gebräuchlichen Redewendungen und Schlagwörtern aufs unbedarftere Gemüt, wobei ebenfalls die beschriebene Fährenfunktion von Sprache zu beobachten ist. Hervorsticht der Wortschatz des Militärischen, aber auch christlich-mythologisches Vokabular wird gern verwendet. Der Chef der Republikaner, Franz Schönhuber, spricht so z.B. von der Notwendigkeit der „Befreiung unseres Volkes aus der geistigen babylonischen Gefangenschaft“. Im Bewußtsein vieler Leser ist das schemenhafte Wissen vorhanden, daß die babylonische Gefangenschaft der Israeliten irgendwann auch ein Ende hatte und eine Fortsetzung der nationalen Existenz und Erneuerung folgte.-

Klartext

Sehr interessant sind auch die Jugendzeitschriften der Rechtsextremen. Wir haben uns mit der Zeitschrift „Klartext“ besonders befaßt, ein Organ der Nationalistischen Front, die der FAP nahesteht, mit Sitz in Bielefeld. Von der Untersuchung der sprachlichen Wirkungsmittel her kann man sagen, daß die Texte dieser Zeitschrift insbesondere arbeitslose Jugendliche aus Arbeiterfamilien, aber auch Jugendliche der Alternativscene anzusprechen suchen. Hier taucht z.B. die Bullizei auf; da bezeichnet man sich anbiedernd als „die da unten“; da agieren „Sozialspitzelkontaktarbeiter“, usw. Propagiert wird hier die Notwendigkeit der Anwendung von Gewalt gegen Andersdenkende, besonders aber gegen Ausländer. Hier wird der Versuch gemacht, die Ideologie der Nationalistischen Front unter Zuhilfenahme sprachlicher Fährenfunktion in das Bewußtsein der jugendlichen Leser hineinzutransportieren. Ihre Kern-Lehre ist Gewalt und Terror.-

Schlußbemerkung

Damit habe ich nur einige unserer Beobachtungen skizzieren können. Insgesamt muß gesagt werden, daß die von uns untersuchten Texte der rechten Presse keineswegs so ungeschickt und borniert mit Sprache und ihrer Funktion für das menschliche Bewußtsein umgehen, wie ein erster flüchtiger Blick vielleicht suggerieren könnte. Es ist davon auszugehen, daß die rechtsextreme Presselandschaft das Bewußtsein des gesamten sozialen Potentials der Bevölkerung sozusagen arbeitsteilig anzuzielen versucht, ohne irgendeine Gruppierung besonders hervorzuheben. Man versucht an alle heranzukommen. An Arbeiter und Akademiker, an Konservative und traditionell Rechte, aber auch an Sozialdemokraten und Grüne.

Die Wirkungsabsicht ist dabei die eine Seite. Die tatsächliche Wirkung hängt von vielfältigen Faktoren ab, von der Lebenslage der Betroffenen, von ihren Zukunftsaussichten, insgesamt von deren materieller, sozialer und psychischer Situation. Hier sind weitere Untersuchungen erforderlich, die wir in Duisburg in Zusammenarbeit mit Sozialwissenschaftlern auch durchzuführen beabsichtigen. Feststehen dürfte aber eines, nämlich daß Arbeitslosigkeit und Abbau der sozialen Sicherheit, Veränderung der industriellen Beziehungen im Verlauf des technischen Fortschritts (Stichwort: Zweidrittelgesellschaft), soziale Vereinzelung am Arbeitsplatz und im Privatbereich usw., alles Faktoren, die sich seit der sog. Wende zunehmend negativ entwickelt haben, die Auftreffsbedingungen rechter Propaganda verbessert haben. Darauf wird man besonders zu achten haben. Wir sollten darum bemüht sein, auch im propagandistisch-ideologischen Bereich Gegenstrategien zu entwickeln. Dabei ist aber immer daran zu denken, daß solche Gegenstrategien nicht wirklich greifen werden, wenn sich nicht zugleich die Lebensbedingungen der Menschen zum Besseren wenden lassen.

Literatur zum Thema:

Jäger, Siegfried: Text- und Diskursanalyse. Eine Anleitung zur Analyse politischer Texte, 2. Aufl. Duisburg 1989

ders.(Hg.): Rechtsdruck. Die Presse der neuen Rechten, Bonn 1988

ders.: Die neue Qualität der NPD. Umfeld, Geschichte, Ideologie und Organisation einer rechtsradikalen Partei und ihre Bedeutung in der Bundesrepublik der Gegenwart, Duisburg  2. Aufl. 1989

ders.: Rechtsextreme Propaganda heute, in: K. Ehlich: Sprache im Faschismus, Frankfurt 1989, S. 289 – 322 (= stw 760)

ders.: Faschismus – Rechtsextremismus – Sprache. Eine kommentierte Bibliographie, Duisburg 1989

Kellershohn, Helmut: Der völkische Nationalismus der Republikaner. Ideologie und Programmatik, Duisburg 1989

Kühnl, Reinhard: Nation, Nationalismus, Nationale Frage. Was ist das und was soll das? Köln 1986

Link, Jürgen: Kollektivsymbolik und Mediendiskurse, kultuRRevolution 1(1982).

ders.: Was ist und was bringt Diskurstaktik, kutuRRevolution 2(1983)

Maas, Utz: „Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand.“ Sprache im Nationalsozialismus, Opladen 1984

Rohrmoser, Günter: Das Debakel. Wo bleibt die Wende? Fragen an die CDU, Krefeld 1985


  1. Der Vortrag fasst Ergebnisse der im Jahr 1988 veröffentlichten Studie “Rechtsdruck. Die Presse der Neuen Rechten” zusammen. []

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