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Soll der Begriff „Integration“ kritisiert oder verteidigt werden?

Ein Gespräch von Siegfried Jäger mit Manuela Bodjadzijev1und Serhat Karakayali2 vom Netzwerk Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung3 zum Umgang mit Begriffen im Einwanderungsdiskurs. Erschienen in DISS-Journal 20 (2010)

DISS: Eure Stellungnahme zur gegenwärtigen „Integrationsdebatte“, die mittlerweile von knapp 3000 Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Praktikerinnen unterschrieben wurde, ist bei uns im DISS und seinem Umfeld teilweise kontrovers diskutiert worden. Dabei wurde ihre grundsätzliche Stoßrichtung „gegen Rassismus“ natürlich nicht in Frage gestellt. Dennoch tun sich aus diskursanalytischer Sicht einige Fragen auf. Zunächst zum Konzept der Integration allgemein: Wenn „Integration“ in den öffentlichen Debatten semantisch mit (Zwangs-)Assimilation gleichgesetzt wird, ist das natürlich klar abzulehnen. Aber sollten wir nicht das Konzept einer „gegenseitigen Integration“ gegen die neuen und alten Rassisten mit aller Kraft verteidigen?

Manuela Bojadzijev & Serhat Karakayali: Die Gegenfrage ist, ob es einen Begriff der „gegenseitigen Integration“ geben kann und ob der Versuch, das ganze egalitär-solidarisch zu besetzen, aussichtsreich ist. Denn der Begriff und das Konzept der Integration sind schon lange – zumindest in der Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland – ordnungspolitisch ausgerichtet. Er taucht in der Vergangenheit dort auf, wo nach 1973 – dem Jahr, in dem der Anwerbestopp verhängt wurde – von der Entstehung von Ghettos und damit von sozialen Unruheherden und „sozialem Sprengstoff“ geredet wird. Auch diese Rede ist, ebenso wie der sich zu dieser Zeit etablierende Diskurs der Integration, als Reaktion auf die politischen und alltäglichen Organisierungsbemühungen von Migrantinnen und Migranten zu lesen. Vermutlich ließe sich zeigen, dass es hier eine bis in die Anfänge der Sozialpolitik zurückreichende Genealogie gibt, etwa den Umgang mit den berühmten „gefährlichen Klassen“. Integration impliziert unter einer solchen Perspektive eine strukturelle Asymmetrie: Integriert wird in etwas, nämlich die herrschende soziale Ordnung. Zugleich geschieht noch etwas Weiteres: Diese Ordnung wird samt ihrer Bevölkerung als existent und in gewisser Weise auch homogen gedacht und gesetzt. Sexistische Geschlechterverhältnisse, Klassenkämpfe etc. werden mit dem gleichen Wisch negiert. Insofern werden damit allerlei soziale Kompromisse organisiert. Solidarität stellen wir uns aber anders vor. Mit anderen Worten, wenn wir Integration kritisieren, so nicht oder nicht nur, weil damit in Wirklichkeit oft oder meistens Assimilation gemeint ist. Mehr noch, wir glauben, dass der Begriff spezifisch die seltsame Verschränkung von Bürgerschaft mit ethnifizierter Majorität, von Klassenkonflikten und Rassismus operationalisiert.

Im Umfeld der so genannten Integrationsdebatte werden einige weitere problematische Begriffe immer selbstverständlicher verwendet. Auch die Rede von der Zuwanderung sollte überdacht werden, meine ich. Auch hier liegt ein semantisches Problem vor. Denn ZU-Wanderung betont das von Außen in unser Inneres eindringen. Mitgedacht ist dabei, dass man das verhindern müsse, dass man es steuern müsse, dass Einwanderung zu beschränken sei, erschwert werden müsse, von Integrationsvorgaben für Einwanderinnen, die tendenziell auf Assimiliation zielen, abhängig gemacht werden müsse etc. Zuwanderung enthält somit eine gegen Einwanderinnen gerichtete Polemik, gegen die anzugehen sei. Haltet Ihr das für übertrieben?

Dass insbesondere konservative Kräfte mit dem Begriff der Zuwanderung genau dieses angesprochene Machtverhältnis zum Ausdruck bringen wollen, ist unübersehbar. Diese Politiken der Begriffs-Etikettierung sind aber u. E. zu einem großen Teil kontingent. Mit anderen Worten, man könnte sich auch ein Szenario vorstellen, in dem die jeweiligen Begriffe genau umgekehrt besetzt werden. Die angesprochenen semantischen Gehalte könnte man schließlich auch für den Begriff der Einwanderung reklamieren. Aber es ist auch richtig, dass wir in der letzten Dekade eine Auseinandersetzung beobachten können, in der die zukünftige Einwanderung so mit Integration der niedergelassenen Bevölkerung verschränkt werden soll. Auf diese Weise wird quasi wieder aberkannt, was ja erst vor zehn Jahren offiziell zugegeben wurde, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Denn darüber zu reden, dass zukünftige Einwanderung nicht gewollt ist, meint damit auch, ein Signal an die migrantische Bevölkerung nach innen zu setzen. Aufgrund des demografischen Bedarfs nach Arbeitskräften wird sich dieser Gegensatz in der Zukunft weiter zuspitzen.

Auch die Rede von „Migranten“, ist problematisch, da dieser Begriff und seine Ableitungen („Migration“, „Migrationshintergrund“) inzwischen alle negativen Assoziationen hervorrufen, die alte und neue Rassisten schon immer gegen Einwanderinnen ins Feld geführt haben. Solche Begriffe sind inzwischen in aller Munde, o.k. Aber sollten wir uns deshalb auch solcher rassistisch aufgeladener Begriffe bedienen?

Die Frage ist, ob es unschuldige Begriffe geben kann. Kann es Begriffe, Ausdrücke oder Namen geben, die sich schlechterdings nicht vereinnahmen oder umkehren lassen? In der insbesondere migrantischen antirassistischen Praxis zeigt sich diese Problematik gleichsam mit umgekehrten Vorzeichen, wenn z.B. rassistische Begriffe rekuperiert werden. Am Beispiel der US-amerikanischen Geschichte der Selbstbezeichnungen im Antirassismus kann man sehr gut sehen, dass die Frage der Bedeutungsgehalte, die mit Bezeichnungen transportiert werden, mit der Geschichte der Entwicklung dieser Bewegungen zusammengedacht werden muss: Es würde in die Irre führen, den Weg vom „Negro“ über „Black“ zu „People of Color“ als eine lineare Aufklärungsgeschichte darzustellen.

Der Begriff Migrant hat unseres Erachtens ein anderes Problem, das in der Ambivalenz eben dieser Sache liegt. Er suggeriert, dass auch noch in der 3. und 4. Generation die Personen nicht nach Deutschland gehören. Insofern kann die Selbstbeschreibung als Migrantin eben diese rassistischen Konnotationen transportieren und ggf. zur Sprache bringen. Deshalb sind Bezeichnungen wie „Migranten“ nicht per se rassistisch aufgeladen. Unserer Einschätzung nach ist das auch nicht der Fall. Vielmehr soll ja in der aktuellen Situation (auch wenn das Spiel alt ist) nicht nur Migration an sich problematisiert werden, sondern, wie sich Seehofer ausdrückte, werden „Menschen aus bestimmten Kulturkreisen“ ins diskursive Assoziationsfeld gerückt. Etikette wie „muslimisch“ dienen genau dieser kulturellen Askription.

Entsprechendes gilt für „Parallelgesellschaft“. Dieser Begriff ist inzwischen bei Vielen absolut negativ aufgeladen, vielfach sogar kriminalisiert. Sollten wir nicht darauf bestehen, dass solche Communities ihr eigenes Existenzrecht haben, ihre eigene Sprache und ihre eigene Kultur und auch ihre eigene Religion pflegen können? Wir sollten doch auch in dieser Hinsicht nicht hinter das Grundgesetz zurückfallen, indem wir „mit dem Strom schwimmen“. Gerade in Deutschland besteht die Notwendigkeit, sich gegen biologistische oder kulturalistisch Formen des Rassismus zu wenden, denn dieser hat in Gestalt des Antisemitismus erst vor ein paar Jahrzehnten zum millionenfachen Massenmord geführt.

Das ist ein verwickeltes Problem. Zunächst einmal sollte man den Begriff der Parallelgesellschaft gründlich hinterfragen. Zu Recht haben Wissenschaftler und Publizisten immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass es für einen solchen Begriff eigentlich keinerlei überprüfbare Indikatoren gibt, die nicht auch auf andere gesellschaftliche Gruppen, also bestimmte Berufsgruppen etwa oder Subkulturen zutreffen würden. Norbert Elias hat einmal gesagt, dass nicht die gänzlich Exkludierten, die ein Leben außerhalb der herrschenden sozialen Ordnung führen, den Hass der „Normalen“ auf sich ziehen, sondern jene, die gerade an der Inklusions-Schwelle stehen und Schulen besuchen, in Mietshäusern wohnen, in Supermärkten einkaufen und Ärzte aufsuchen. Was man also zurückweisen sollte ist die Unterstellung einer selbst gewählten Abschottung. Erst kürzlich wurde gezeigt, dass es nicht türkischstämmige Bürger sind, die deutschstämmige (wie soll man Differenz markieren, ohne Differenz zu markieren?) Nachbarn ablehnen, sondern umgekehrt (Studie von Pfeiffer).

Trotzdem wäre es ein Versuch, den Begriff der Parallelgesellschaft, zumindest ironisch, positiv zu konnotieren. Die Erfahrungen aus der Geschichte der Migration und der Praxis der Einwanderungsbewegung zeigt, dass Netzwerke einen erheblichen Stellenwert dabei haben, dass Migration überhaupt stattfindet und wie sich das Leben nach der Ankunft und in der Diaspora, um einen für Deutschland eher ungewöhnlichen Begriff zu bemühen, organisiert. Was aber trotzdem interessant ist und was man untersuchen muss, sind die Überlebensstrategien, die sich in solchen Communities entwickeln: Der familiäre Zusammenhalt, der eben auch mit einer Reaktivierung so genannter traditioneller Normen und Werte einhergehen kann aber nicht muss. Der hohe Stellenwert, der der Familie beigemessen wird, gilt auch für die in aller Regel nichtmuslimischen Einwanderer aus Lateinamerika oder Asien. Was sie gemeinsam haben, ist ihre prekäre soziale und rechtliche Situation.

Außerdem ist die Ablehnung von „Parallelgesellschaften“ völlig absurd, wenn wir an das vereinigte Europa denken. Sollen die Niederlande, England, Frankreich oder die Türkei ebenfalls mit diesem Begriff traktiert werden?

Solange die infamen Anderen woanders leben, kann man sie sogar genießen. Das ist ja bereits im klassischen Orientalismus der Fall. Wir denken aber, der Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist unter den gegenwärtigen Diskurskonstellationen wenig hilfreich. Man muss zwar einerseits zeigen, dass der Kulturalismus, mit dem wir es hier zu tun haben, kontingent ist, „im Prinzip“ also jede Gruppe treffen kann, sobald sie in eine Konfliktkonstellation tritt. Darauf hatten bereits Adorno und Horkheimer in ihren Thesen zum Antisemitismus aufmerksam gemacht. Andererseits aber gibt es historisch spezifische Konjunkturen des Rassismus, die diese Kontingenz einschränken: Im England des neunzehnten Jahrhunderts traf es die irisch-katholischen Einwanderer, heute sind es vor allem in Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern die als muslimisch etikettierten Anderen. Eine historische Perspektive kann dazu beitragen, konstitutive Elemente des Rassismus herauszuarbeiten und zum Beispiel zu zeigen, wie dabei soziale Schichtungsprozesse mit kulturellen Praxen zusammenwirken, wie sich Gruppen in sozialen Kämpfen überhaupt erst bilden und wie auch der Widerstand gegen den Rassismus den Rassismus verändert.

Die um das Konzept „Integration“ kreisenden Begrifflichkeiten werden offenbar in den laufenden Debatten umgedeutet und verkehrt. Haltet Ihr dies nicht auch für eine politisch notwendige Form der Gegenwehr?

Es wäre gut zu verstehen, welche Begriffe du als um das Konzept „Integration“ kreisend siehst. Wir denken ja, dass der Begriff nicht zu halten ist. In unserer Stellungnahme haben wir ihn dem Demokratiebegriff entgegengesetzt, zugegebenermaßen ist dies ein sehr emphatischer Begriff von Demokratie, der aber zumindest in der aktuellen Konstellation den Vorteil hat, die Gegenseitigkeit, die du in deiner ersten Frage ansprichst, herauszustellen. Wir sind der Meinung, dass Migration ein gesellschaftliches Verhältnis und zugleich ein Konfliktfeld produziert, das alle betrifft. Diese Aussage erscheint zunächst banal. In der aktuellen politischen Situation kann man mit ihr aber zeigen, dass Migration konstitutiv für diese Gesellschaft ist und eben  kein Randproblem, ausgelöst durch die „Ränder der Gesellschaft“.

  1. Manuela Bojadzijev hat zur Geschichte und Gegenwart von Rassismus und Migration in Deutschland promoviert und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist Mitglied der Sound Art-Gruppe Ultra-red. []
  2. Serhat Karakayali war aktiv in einem Arbeitskreis des DISS, bevor er in Frankfurt am Main Soziologie, Politikwissenschaften und Philosophie studierte und über „Gespenster der Migration“ promovierte. Zurzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie an der Universität Halle und Mitglied des Netzwerks Kritische Migrations- und Grenzregimeforschung. []
  3. Das Netzwerk versammelt vorwiegend Forscher/innen, aber auch Künstler/innen und Aktivist/innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die einen neuen Weg in der Migrationsforschung und -politik ein- und vorschlagen möchten. []