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»Radikal umdenken«: wie?

Denkanstöße angesichts der Denormalisierung nach dem 11. September 2001. Von Jürgen Link. Erschienen in DISS-Journal 9 (2001)

 Die folgenden Thesen stellen einen Auszug aus einem Text dar, der vollständig in der neuen Ausgabe der kultuRRevolution sowie in dem Sammelband „Diese Rechte ist immer noch Bestandteil dieser Welt“ (hg. von Siegfried Jäger und Jobst Paul, DISS Duisburg 2001) abgedruckt ist. Es handelt sich hier vor allem um die Schlussfolgerungen, die Jürgen Link aus seinen Reflexionen zu den Ereignisse des 11.9.01 zieht.1

22. »Radikal umdenken?« – Aber wie, wenn nicht in Richtung Weltkrieg der dritten Art, Notständestaat und protonormalistischer2 Restauration? Illusionen über den möglichen Einfluß der »normalen Leute«, und zwar einschließlich der »normalen Intellektuellen«, auf die politischen Entscheidungsprozesse sind leider nicht angebracht, und um so weniger, je mehr Entscheidungen auf die militärische, geheimdienstliche, geheimtechnische usw. Ebene verlagert werden. Insofern sind die Zivilgesellschaft und unter den wichtigsten gesellschaftlichen Ebenen die allgemein kulturelle der entscheidende Ort, wo etwas bewirkt (was augenblicklich vor allem heißt: verhindert) werden kann. An diesem Ort kann die Meinungs- und Diskussionsfreiheit (einschließlich der wissenschaftlichen Forschungs- und Lehrfreiheit) als wichtigste Bedingung aller denkbaren Einflußnahmen auch auf die Medien und die Politik verteidigt werden. Der erste konkrete Schritt in der aktuellen Situation wäre die Verhinderung einer psychoterroristischen Gleichschaltung (und damit Ausschaltung) der Zivilgesellschaft durch die Proklamierung des »kulturellen Notstands« und des »kulturellen Burgfriedens« und die symbolische Gleichsetzung der Dissidenz gegenüber den notständestaatlichen Tendenzen mit »Verharmlosung von Terror«. Konkret geht es um folgende Punkte:

23. Es gilt, die notständestaatliche Reduzierung aller offenen Fragen und Probleme auf ein lediglich binäres Freund-Feind- bzw. Gut-Böse-Schema zu verhindern (die kRR3 hat früher in diesem Sinne von »Kretin-Alternativen« gesprochen; z.B.: ›Wer gegen Luftbombardements von Städten ist, ist für Saddam, Milosevic sowie andere neue Hitlers, also für Hitler‹ usw.). Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung sieht in der binären Reduktion die gefährlichste Eskalationsmaschine in den Köpfen. Er empfiehlt als praktisches Verfahren, bei der Analyse jedes Konflikts zunächst mindestens sieben verschiedene Positionen und Faktoren herauszufinden. Er empfiehlt ferner, selbst bei Feinden allgemeinen Abscheus zu fragen, in welchem Punkt sie möglicherweise etwas Zutreffendes sagen. Natürlich nicht, um solche Leute zu »verharmlosen« oder gar zu »verteidigen«, sondern um sie wirksamer und präventiver bekämpfen zu können, bevor sie noch mehr Unheil anrichten. Galtung scheut sich nicht, dieses Verfahren sogar auf Hitler anzuwenden und zu sagen, daß Hitler seine Hetzpropaganda leider punktuell mit der faktischen Einseitigkeit und Revanchelastigkeit des Versailler Vertrags ausstaffieren konnte. Hätte man den Vertrag rechtzeitig revidiert (wie es u.a. John Maynard Keynes schon 1922 eindringlich forderte), wäre uns – so Galtung – ein Reichskanzler Hitler möglicherweise erspart geblieben.

24. Es gilt, die offene und öffentliche Diskussion in der Zivilgesellschaft gegenüber der Geheimpolitik der tendenziell PINOschistischen4 Komplexe Militär, Geheimdienste und weitere notständische Sektoren der Exekutive zu verteidigen. Es ist gänzlich falsch, daß sowohl die großen strategischen Alternativen wie auch die groben konkreten militärischen Szenarios in ihrer Eskalationslogik (augenblicklich etwa die möglichen Szenarios von Vergeltungsschlägen und Kommandoaktionen gegen Afghanistan, Irak, Libanon, Sudan, Algerien u.a.) absolut vor der Bevölkerung geheimzuhalten sind. Die Öffentlichkeit muß das Recht haben, nicht über taktische Einzelheiten, wohl aber über strategische Entscheidungen informiert zu werden und öffentlich darüber diskutieren zu können. Gerade auch Friedensforscher(innen) und Deeskalationsexpert(inn)en müssen in solche Diskussionen einbezogen werden können.

25. Das gilt insbesondere fürdie öffentliche Diskussion über Risikoanalysen der notständestaatlichen und denormalisierenden Vorschläge. Was sind die Erfolgsaussichten bzw. Risiken der globalen Eskalationsstrategie, die dem NATO-Konzept einer »deterrence« und einer »flexible response« zugrunde liegt, sobald diese Strategie für einen »langen globalen Krieg gegen den Terror« ›umgeschrieben‹ werden sollte? Was wären umgekehrt die Erfolgsaussichten und Risiken einer alternativen, intelligenten Deeskalationsstrategie, wie sie von der kRR seit langem vorgeschlagen und wie sie in der Friedensbewegung diskutiert wurde,5 unter den besonderen Bedingungen der Bedrohung durch Massaker planende Terrornetze? (s. IIDS) Wieso soll die intensive und internationale, diplomatisch unterstützte primär kriminalistische und juristische Verfolgung der Täter durch einen »Krieg« ersetzt werden? Was sind die Erfolgsaussichten und Risiken beider »Optionen«? Welches sind insbesondere die Risiken der »Entgleisung« eines nach den Prämissen der Eskalationsstrategie geführten globalen Krieges? Droht ein solcher Krieg nicht ebenso und mehr noch als die verhängnisvollen Air-Land-Battles gegen den Irak und gegen Jugoslawien mit ihren menschenverachtenden »Kill-Rates« von 100000:100 bzw. 10000:0 seinerseits exterministisch zu werden? Welche Risiken birgt das NATO-Konzept der nach oben offenen Eskalationsstufenleiter (bis hin zu den ABC-Waffen) im Falle von »Pannen« oder Mißerfolgen niedrigerer Stufen?

26. Normalismustheoretisch ist vor der Illusion eines angeblich »normalen« Krieges zu warnen. Kriege sind prinzipiell nicht wie industrielle Prozesse normierbar und normalisierbar, wenn auch das Bombardieren nach »Fahrplänen« (»schedules«) und die Rhetorik eines kontrollierten »Herauf- und Herunterfahrens« der Eskalationsstufen oder gar der »Kill-Rates« einen solchen Eindruck erwecken sollen. Wenn Außenminister Fischer sagte: »Risiko ja, Abenteuer nein«, so lautet die einfachste Binsenweisheit: Das Risiko jeden Krieges ist seine jederzeit drohende »Entgleisung« zum Abenteuer (daran mag man die Kompetenz dieses Außenministers zur Führung eines »globalen Krieges gegen den Terror« ermessen). Ebenso prekär erscheint in normalismustheoretischer Perspektive der Versuch, den per definitionem »unnormalen« Krieg wasserdicht vom »normalen Leben« zuhause abzuschotten (dazu unten Punkt 30 a.). Leider tendieren alle Fronten, auch die Heimatfronten, über kurz oder lang zur Denormalisierung.

27. Weil Kriege nicht normalisierbar sind, muß die Illusion ihrer »Normalität« primär kulturell produziert werden. Um so wichtiger ist es, die Freiheit der Kultur zu wahren. Die Freiheit der Kultur kann nur gewahrt werden, wenn die Freiheit der Kritik gewahrt bleibt.

28. Nur so können Zivilgesellschaft und Kultur (einschließlich Wissenschaft) ihren dringend benötigten Beitrag zu einer wirklich effektiven mittel- und langfristigen Schwächung und nach Möglichkeit schließlichen Beseitigung des Massaker-Terrors leisten. Immer wieder wird momentan gefragt: Wie kann ein derartiger Haß auf Massenbasis entstehen und wie kann man ihn wieder loswerden? Er kann nicht zuletzt in Gesellschaften entstehen, die kulturell nach dem Prinzip der binären Reduktion funktionieren. Man wird ihn auf Dauer nur wieder loswerden können, wenn man mindestens (neben ebenfalls dringenden notwendigen sozialen Veränderungen) die binäre Reduktion aufknackt und schwächt. Das bei weitem Kontraproduktivste wäre es also, das gleiche Prinzip der binären Reduktion auch noch in den bisher halbwegs pluralistischen Zivilgesellschaften einzuführen. Diese Diskursstrategie gegen den binären Reduktionismus auf dann nur noch eine Meinung hängt direkt mit der Rolle zusammen, die Feindbilder bei der Erzeugung von Haß als notwendiger Motivation für Terror spielen. Es muß möglich bleiben, in der Zivilgesellschaft offen über Feindbildmechanismen zu forschen und zu diskutieren. Dazu gehört die Einsicht,daß es nicht nur auf einer Seite, sondern immer auf allen Seiten Feindbilder gibt, die sich gegenseitig hochschaukeln können, und daß es immer auch auf jeder Seite ›Wunsch-Feindbilder‹ gibt, d.h. Bilder vom Feind, wie er sein müßte, um ihn am intensivsten hassen zu können. Eine rationale Kritik solcher ›Wunsch-Feindbilder‹ nicht bloß der Gegenseite, sondern auch der eigenen Seite mittels ihrer Konfrontation mit Fakten muß nicht bloß vor der binären Reduktion (im schlimmsten Fall vor der Denunziation als »Verharmlosung«) geschützt bleiben, sondern erweist sich umgekehrt gerade als absolut notwendiges und mittelfristig effektives Instrument gegen Massaker-Terror. Einen ähnlich wichtigen Beitrag zur Schwächung potentiell prä-terroristischer Mentalitäten kann die Aufdeckung weiterer Feindbild-Mechanismen leisten (Rolle subjektloser, deshumanisierter, satanisierter usw. Feindbilder; Einsicht in das Spiel von Identifikationen und besonders auch Gegen-Identifikationen mit den Feindbildern des Feindes!), ferner die Analyse aggressiver As-Sociations-Wellen auf sei es religiöser oder nationalistischer Basis, wobei insbesondere die Instrumentalisierung von Märtyrern und Leichenbergen (Elias Canetti) zu berücksichtigen wäre. Schließlich: welche weiteren diskursiven Mechanismen (u.a. auch pseudo-normalistische wie extrem asymmetrische »Kill-Rates«) führen zur Entwertung von bestimmten Gruppen von Menschenleben in bestimmten Köpfen?

29. Unter normalismustheoretischem Aspekt ist vor den Tendenzen einer »protonormalistischen Restauration« zu warnen. Die aktuelle, flexibel-normalistische, »breite« Normalzone bildet eine wichtige Bedingung des Pluralismus. Die flexibel-normalistische Inklusion und Integration früher (im Protonormalismus) als »anormal« hingestellter Minderheiten (Behinderte, sexuelle und andere kulturelle bzw. sog. »ethnische« Minderheiten usw.) hat den Pluralismus zweifellos gestärkt. Die gleichschalterischen Tendenzen jedes, auch des flexiblen Normalismus sind bekannt – gegenüber bestimmten protonormalistischen Alternativen ist der flexible Normalismus aber unbedingt als tatsächlich kleineres Übel zu verteidigen. In diesen Zusammenhang gehört auch die Wendung mancher tendenziell notständisch argumentierenden Politiker gegen »unsere Spaßkultur«.

30. Allerdings ist ohne weiteres, gerade in den USA und ihrer Hemisphäre, ein Notständeregime PINOschistischer Tendenz denkbar, das die protonormalistische »Verhärtung« auf bestimmte Sektoren beschränkt und parallel damit in anderen Sektoren wie etwa der »normalen Freizeit« die »Spaßkultur« fortsetzt. Daraus könnten sich ggf. verschiedenste Verwerfungen und Zerreißproben von Subjektivitäten ergeben, die man sich momentan noch kaum vorstellen kann.

30a. Inzwischen (Zusatz 24.9.2001) erweist sich die Tendenz zu einem »gespaltenen Normalismus« als Haupttendenz bei den westlichen mediopolitischen Klassen und kulturellen Eliten. Insbesondere ist dieser »gespaltene Normalismus« das explizite Programm der Rede des Präsidenten der USA vom 20.9.2001. Nach diesem Programm sollen also bestimmte Sektoren der Gesellschaft (wie Terrorbekämpfung, militärische Komplexe, Luftverkehr, Tourismus, Staatsgrenzen, Immigration) unter eine Art tendenzielles PINO-Regime gestellt werden, während andere Sektoren (Wirtschaft, Kultur incl. Popkultur, Alltagsleben) »zur Normalität zurückkehren« dürfen. Die Medien sollen offenbar beide Sektoren »spiegeln« und dadurch irgendwie »integrieren«. Normalismustheoretisch gesehen, dürfte dieses Programm höchst prekär sein, da es den Gegensatz zwischen Protonormalismus und flexiblem Normalismus sowie die Rolle der Subjektivitäten nicht bedenkt. Soweit die militärischen Komplexe überhaupt pseudo-»normal« funktionieren können, sind sie auf Protonormalismus (Disziplin, Dressur, Autorität, Außenlenkung, klare und enge Normalitätsgrenzen, Kontrolle vom Typ der Überwachung, Klima der Denunziation) verwiesen. Das gleiche gilt für andere Sektoren, sobald sie PINOschistischen Regelungen unterworfen werden. Das Nebeneinander solcher protonormalistischer Sektoren mit flexibel-normalistischen (insbesondere in Gestalt der Fun-Kultur) fordert strenge gegenseitige Abschottung, weil sonst gegenseitige Interferenz- und ›Ansteckungs‹-Prozesse (in je eine der beiden Richtungen) in Gang kommen. Eine solche Abschottung setzt eine koloniale bzw. imperiale Trennung der Kriegsschauplätze von den Heimaten voraus. Gerade diese Trennung soll aber in dem neuen globalisierten Kriegstyp nicht gelten (außerdem ist sie nie länger als 3–5 Jahre durchzuhalten, wie die Beispiele Algerien und Vietnam gezeigt haben); insbesondere soll diese Trennung nicht in den Medien gelten. Ich habe im Versuch über den Normalismus die These begründet, daß und warum in dieser Art von Interferenz-Situation der Protonormalismus mittelfristig ›bessere Karten‹ hat (weil die protonormalistische Subjektivität6 »robuster« und »stabiler« ist). In dem Maße jedoch, in dem die Abschottung gelingt, wird sich die Tendenz zur erneuten Spaltung des Territoriums der reichen Länder in verschiedene Normalitätsklassen (Armuts- bzw. »ethnische« Zonen, Ghettos, Lager) wie vor 1945 verstärken.

30b. Da der proklamierte »globale Krieg gegen den Terror« insbesondere auch sehr arme Länder der 3. Welt betrifft, berührt er direkt das globale normalistische System von 5 Normalitätsklassen mit abgestuften Standards an »Normalität« (1. Welt, Zwischenklasse zur 3. Welt, obere 3. Welt = Schwellenländer, durchschnittliche 3. Welt, »ärmste Länder«). Bereits bisher stellten die Flüchtlingsbewegungen einen neuralgischen Punkt des flexiblen Normalismus dar, wie es die ›notgedrungen‹ protonormalistischen Grenzregime zwischen den Normalitätsklassen zeigten. Künftig dürften diese Grenzen noch hermetischer geschlossen werden. Bisher war es möglich und weitgehend üblich, Länder der 5. Normalitätsklasse (z.B. in Afrika, aber auch z.B. Irak und Afghanistan) »in ihrem Elend schmoren zu lassen«, da eine Integration in das Weltsystem zu große finanzielle Kosten nach sich zu ziehen schien. Wenn künftig nun alle Länder von den G 7 direkt kontrolliert werden sollen, um überall mögliche Brutstätten von Terror auszuräuchern, werden möglicherweise riesige Gebiete unter G 7-Protektorat zu stellen sein (wobei auf das tendenziell zweitstärkste G 7-Land Deutschland im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung  »wachsende Verantwortung« zukommen wird, an die unter diesem Schlagwort ursprünglich wohl kaum gedacht war). Es wird dann möglicherweise eine neue Form von weltweiter »Generalverwaltung der Lager« entstehen.

31. Für die öffentlichen zivilgesellschaftlichen Debatten ist jeweils ein ausreichender Zeitrahmen zu gewährleisten: Um bestimmte schwierige Probleme analysieren zu können, braucht es Zeit. Man erkennt die PINOschistischen Tendenzen nicht bloß an ihrer Geheimniskrämerei, sondern u.a. auch an ihrer extremen »Raserei«. Ein Beispiel für mögliche Interferenzen stellt die bereits vor dem Massaker laufende Debatte in der Bundesrepublik über Gentechnik dar. Dort drängten die einen auf sofortige Entscheidung, während die mehr analytisch und risikobewußten Positionen für längere Bedenkzeiten eintreten. Sollten die notständischen Instanzen ermächtigt werden, so wäre mit einer allgemeinen »Beschleunigung« und mit immer mehr (großenteils zudem geheimen) Blitzentscheidungen zu rechnen, was auch für bestimmte Wissenschaftler, Techniker, Juristen7 und Wirtschaftler zweifellos attraktiv sein könnte. Normalismustheoretisch gesehen, würden auch dadurch die Risiken von »Unfällen« jeder Art mit folgenden Paniken enorm vergrößert.

32. Daß die Massenmedien entscheidende Katalysatoren bei der Auseinandersetzung um eine offene und plurale Zivilgesellschaft sind, ist evident. Sie stehen zwischen Zivilgesellschaft und Staat. Idealiter sollten sie in erster Linie Stimme der Zivilgesellschaft gegenüber dem Staat sein. Wenn sie bloß noch Stimme des Staates oder gar seiner tendenziell notständischen Apparate wären, wäre das ihr GAU. Würden sie in die Zange zwischen einem tendenziellen Notständestaat und einer durch binäre Reduktion monotonisierten Zivilgesellschaft genommen, so wäre das Resultat dasselbe. Auch daran zeigt sich, wie wesentlich die Verteidigung von Pluralität und Dissidenz in der Zivilgesellschaft ist.

33.Schließlich ist gerade jetzt eine Stärkung der prognostischen Kapazität der Zivilgesellschaft dringend geboten, wozu die Normalismusforschung einen wichtigen Beitrag leisten kann. Vielleicht wäre sogar der Moment gekommen, um eine Art »Expertengewerkschaft« zu gründen, für all jene (zunächst vielleicht besonders prognostischen) Experten, die ihre Expertentätigkeit entschieden auf öffentlicher, zivilgesellschaftlicher Ebene (d.h. nicht auf notständestaatlich-geheimer, z.B. geheimdienstlicher) ansiedeln.
(13./14.9.2001)

 

  1. Eines der wichtigsten teilweise operativen kulturellen Dispositive westlicher Gesellschaften seit dem 19. Jahrhundert ist der Normalismus, d.h. die Gesamtheit aller sowohl diskursiven wie praktisch-intervenierenden Verfahren, Dispositive, Instanzen und Institutionen, durch die in modernen Gesellschaften »Normalitäten« produziert und reproduziert werden. Konstitutiv sind dabei insbesondere die Dispositive der massenhaften Verdatung, d.h. die statistischen Dispositive im weitesten Sinne (s. J.L., Versuch über den Nornalismus. Wie Normalität produziert wird, Opladen 1996, 2. Aufl. 1999). []
  2. Idealtypisch kann der Normalismus zwei entgegengesetzten Strategien folgen, wodurch (ebenfalls idealtypisch) zwei entgegengesetzte normalistische Spielarten entstehen: der Protonormalismus und der flexible Normalismus. Protonormalistisch sind ein enger Normalbereich, fixe und »harte« Normalitätsgrenzen und entsprechend ausgedehnte Zonen von »Anormalität«. Flexibel-normalistisch sind umgekehrt ein maximal breiter Normalbereich, flexible und »weiche« Normalitätsgrenzen mit breiten Übergangszonen sowie entsprechend verengte und auf minimale Extreme reduzierte Zonen von »Anormalität«. Den beiden Spielarten des Normalismus entsprechen idealtypisch zwei Spielarten von Subjektivität: eine »autoritäre«, »außengelenkte«, und eine flexible, sich selbst normalisierende, »innengelenkte«. Nach 1945 setzte sich in Nordamerika sowie in allen westeuropäischen Staaten der flexible Normalismus durch. []
  3. kRR = kultuRRevolution. zeitschrift für angewandte diskurstheorie; s. hier z.B. Nr. 25/1991: »Deutsche Wüstenstürmer«. []
  4. Ich habe seinerzeit den Begriff »PINOschismus« für ein Regime »Permanenter Industrieller Notstands-Ordnung« vorgeschlagen. Der Begriff ist nicht aufgegriffen worden, er war wohl terminologisch nicht besonders glücklich. Sein Sinn bestand darin, den Allerweltsbegriff des »Faschismus« für sämtliche permanenten, also nicht bloß kurzfristigen Notstands-Regime zu vermeiden. Dieser Begriff ist für solche neuen Tendenzen, wie sie jetzt diskutiert werden, gänzlich irreführend: Zwar ist Faschismus eine mögliche Form von PINO, aber keineswegs die einzige bzw. deckungsgleich damit. Auf der anderen Seite ist auch der Begriff des »Autoritarismus« völlig unbrauchbar, da analytisch nichtssagend – ebenso wenig würde »Totalitarismus« diesen Typ von Notständestaat zutreffend kennzeichnen.Der Anklang an Pinochet war dabei bewußt und gewollt: Tatsächlich bilden auch bestimmte Militärdiktaturen eine weitere Spielart von »PINOs«. In manchen westlichen Medien wurde das Regime sogar als ›beschränkt demokratisch‹ hingestellt; s. »rutschgefahren ins vierte reich?« kultuRRevolution 5 (1984): j.l./ ursula link-heer: zu dieser nummer (4f.) u. j.l.: diskursive rutschgefahren ins vierte reich? rationales rhizom (12–20) []
  5. S. »Initiative Intelligente Deeskalationsstrategie« (IIDS) []
  6. Die wir seit gestern auch »Schill-Subjektivität« nennen können (Zusatz 24.9.2001). []
  7. Vom Typ des Hamburger »Richters Gnadenlos« (Schill) mit seiner Vorliebe für »kurzen Prozeß«. Da der Protonormalismus sich grundsätzlich u.a. durch eine enge Rückbindung an Normativität auszeichnet, tendiert eine ›harte‹ Spielart von Juristen stets sozusagen ›automatisch‹ zum Protonormalismus (Zusatz 24.9.2001). []