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		<title>Der Diskurs der Elite</title>
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		<pubDate>Wed, 22 Feb 2012 10:41:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>mj</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Seine Funktion für die Reproduktion des Rassismus. Von Teun A. van Dijk. Mit einem Vorwort von Siegfried Jäger. Zuerst erschienen als DISS-Text Nr. 141 Nachrichten in der Presse, Politikerreden, wissenschaftliche Texte, Schulbücher und Alltagsgespräche spielen eine wichtige Rolle für die massenhafte Verbreitung und Stabilisierung rassistischen Denkens. Da die Eliten besonders [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Seine Funktion für die Reproduktion des Rassismus. Von Teun A. van Dijk. Mit einem Vorwort von Siegfried Jäger. Zuerst erschienen als DISS-Text Nr. 14<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_0_2837" id="identifier_0_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="pad &amp;#8211; P&auml;dagogische Arbeitsstelle, Dortmund 1991 ISBN 3-88515-123-5">1</a></sup></strong></p>
<p><em>Nachrichten in der Presse, Politikerreden, wissenschaftliche Texte, Schulbücher und Alltagsgespräche spielen eine wichtige Rolle für die massenhafte Verbreitung und Stabilisierung rassistischen Denkens. Da die Eliten besonders leichten Zugang zu den Medien haben, sind sie auch im Allgemeinen diejenigen, die für die (manchmal subtile und indirekte) »Vorformulierung« von Rassismus verantwortlich sind. Mit Hilfe der Massenmedien verbreitet sich dieser »Rassismus der Eliten« in der Bevölkerung, wird in populärere Formen umformuliert, die dann in ihren besonderen sozialen, ökonomischen und kulturellen Kontexten Wirkung entfalten können.</em></p>
<p><strong>Vorwort</strong></p>
<p>Der Diskurs des Rassismus ist für die Bundesrepublik Deutschland bisher nur in gewissen Ausschnitten untersucht worden,<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_1_2837" id="identifier_1_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. z.B. die Arbeiten von Delgado 1972; Panini 1980; Segal 1981; Merten /Ruhrmann et. al. 1986; Ruhrmann /Kollmer 1987">2</a></sup> Ja, das Wort »Rassismus« scheint im offiziellen Diskurs der Bundesrepublik eher verpönt zu sein, während es in anderen europäischen Ländern gang und gäbe ist. Jemanden als Rassisten zu bezeichnen ruft in der Bundesrepublik heftige Gegenreaktionen hervor. So verließ die Fraktion der schleswig-holsteinischen CDU am 14.11.1990 den Landtag, als Gert Börnsen, Fraktionsleiter der SPD, die Haltung der CDU zum Einwandererwahlrecht als »im Kern ein Stück Rassismus« bezeichnete. (FR vom 15.11.1990 und vom 29.11.1990)</p>
<p>Dabei ist rassistisches Denken (und rassistisch motiviertes Handeln) in der Bundesrepublik außerordentlich verbreitet, auch wenn es nicht immer offen geäußert und zugegegeben wird.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_2_2837" id="identifier_2_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Dies gilt ebenfalls und wahrscheinlich sogar in noch st&auml;rkerem Ma&szlig;e f&uuml;r den Teil der deutschen Bev&ouml;lkerung, der im Gebiet der ehemaligen DDR lebt.">3</a></sup> Diese Tatsache wird europaweit durchaus zur Kenntnis genommen, wie ein Bericht des Europäischen Parlaments vom Juli 1990 nachdrücklich unter Beweis stellt. Dort wird eine Umfrage zitiert, die zu dem folgenden Ergebnis kam:</p>
<blockquote><p>»Laut einer im September 1989 veröffentlichten Meinungsumfrage waren 75% der befragten Westdeutschen der Meinung, es gebe zu viele Ausländer in der Bundesrepublik Deutschland. 69 % meinten« die Asylbewerber mißbrauchten das soziale Netz und 93% waren für eine Verringerung der Zahl der sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge. Etwa 20% der Befragten, in der Mehrheit Anhänger der Republikaner, hegten rassistische Gefühle gegenüber Afrikanern und Asiaten. Obwohl Wanderarbeitnehmer (Gastarbeiter) in geringerem Maße abgelehnt werden als Asylbewerber, belegt die Umfrage die Existenz starker negativer Gefühle gegenüber den Türken, deren Lage mit dem wachsenden Zustrom von Aus- und Übersiedlern immer prekärer wird. Vor allem den Aussiedlern aus Polen und der Sowjetunion wird laut Umfrage der Mißbrauch des sozialen Netzes (54%), die Verschärfung von Arbeitslosigkeit (61%) und Wohnungsnot (69%) vorgeworfen.«</p></blockquote>
<p>Legt man die Rassismus-Definition des englischen Soziologen <em>Stuart Hall</em> zu Grunde, der neben einem genetischen Rassismus auch einen kulturellen Rassismus beobachten zu können glaubt (Hall 1989), dann sind rund Dreiviertel der BRD-Bevölkerung rassistisch eingestellt, wobei Rassismus nur selten offen zugegeben wird. Im allgemeinen bekennen sich, wie dies an der zitierten Umfrage ebenfalls deutlich wird, nur die Anhänger rechtsextremer Parteien offen dazu, rassistische Ansichten zu vertreten.</p>
<p><em>Teun A. van Dijk</em>, der in vergleichenden Untersuchungen zu den Niederlanden, den den USA und Großbritannien die verschiedenen Diskurse des Rassismus analysiert hat, orientiert sich mit seinem Verständnis von Rassismus ebenfalls an den Bestimmungen Stuart Halls und verwendet damit einen relativ weiten Rassismus-Begriff; meines Erachtens mit gutem Grund, denn auch die verschiedenen Diskriminierungen von Einwanderern, die sich nicht (allein) an körperlichen Merkmalen festmachen, sondern auch an Sitten und Gebräuchen, Werten und Normen, unterliegen dem gleichen Zweck: Ausgrenzung und Betonung des eigenen Überlegenheitsgefühls. Dieser erweiterte Rassismusbegriff ist deshalb sehr wohl geeignet, den tatsächlichen gesellschaftlichen Problemen, die mit dem Entstehen und und der Ausbreitung multikultureller Gesellschaften einhergehen, Rechnung zu tragen und jeder Diskriminierung von Menschen »anderer« Herkunft entgegenzuwirken.</p>
<p>Die Arbeiten <em>van Dijks</em> werden in dieser Broschüre einem deutschen Publikum in Form eines Forschungsüberblicks erstmals in deutscher Sprache vorgestellt. Wenn auch die Ergebnisse nicht in jedem einzelner. Punkt auf die Situation der Bundesrepublik zu übertragen sind, so zeigt doch der Vergleich der für die Niederlande gewonnenen Ergebnisse mit den USA und Großbritannien, daß wir es hier mit einem internationalen Phänomen bis fast ins Detail hinein zu tun haben. Ich bin daher der Ansicht, daß die Veröffentlichung dieses Überblicks auch oder sogar gerade für die Diskussion in der Bundesrepublik von Wichtigkeit ist, zumal diese in der Regel besonders stark verharmlosend und verschleiernd zu agieren bemüht ist – ebenfalls, wie van Dijk zeigt –, ein typisches Merkmal des Diskurses der Eliten.</p>
<p>Damit ersetzen die Arbeiten <em>van Dijks</em> nicht die sehr notwendigen Untersuchungen zum Phänomen des Rassismus in der Bundesrepublik; im Gegenteil: sie sind dazu angetan, solche Untersuchungen anzuregen und ihnen ein Stück weit Orientierung zu geben,<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_3_2837" id="identifier_3_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Die in Seminaren an der Universit&auml;t Duisburg und im Duisburger Institut f&uuml;r Sprach- und Sozialforschung inzwischen ebenfalls durchgef&uuml;hrten (teilweise erst noch explorativen) Studien best&auml;tigen den Befund van Dijks. Vgl. dazu J&auml;ger (Hg.) 1988, Krieg 1989, Rother 1989, J&auml;ger 1991, J&auml;ger / J&auml;ger 1991">4</a></sup> Der Eigenwert der <em>van-Dijkschen</em> Untersuchungen wird darüberhinaus darin deutlich, daß sie generell auf Probleme moderner Industriegesellschaften aufmerksam machen, die in einer Zeit weltweiter politischer Turbulenzen zunehmend mit sozialen Fragen konfrontiert werden, die genauer Analyse bedürfen, sollen die erreichten Ziele heutiger demokratischer Gesellschaften nicht rückgängig gemacht werden,<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_4_2837" id="identifier_4_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Vgl. dazu und zum Problem &raquo;Interkulturelles Lernen&laquo; Haller 1989 u. 1990.">5</a></sup> Die Tatsache, daß Rassismus ein Einfallstor auch weiterer rechtsextremistischer Einstellungen darstellen kann, sollte für sich sprechen.</p>
<p>Die vorliegende Übersetzung des bisher unveröffentlichten Manuskripts aus dem Englischen ist von <em>Teun A. van Dijk</em> authorisiert und für die Reihe DISS-Texte des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung freigegeben worden.</p>
<p style="text-align: right;">Duisburg, Januar 1991<br />
Siegfried Jäger</p>
<p> <strong>Der Diskurs der Elite und seine Funktion für die Reproduktion des Rassismus<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_5_2837" id="identifier_5_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Dieser Brosch&uuml;re liegt das Manuskript eines Vortrages zu Grunde, den Teun A. van Dijk auf der Konferenz &uuml;ber europ&auml;ischen Rassismus vom 25.-30. September 1990 in Hamburg gehalten hat. &Uuml;bersetzung aus dem Englischen: Siegfried J&auml;ger">6</a></sup></strong></p>
<p><strong>1. Einleitung und Hintergründe</strong></p>
<p>In dieser Arbeit diskutiere ich einige der Schlußfolgerungen, die ich aus einem Jahrzehnt Forschung über die Reproduktion des Rassismus in verschiedenen Diskurs- und Kommunikationstypen ziehen kann. Diese Arbeiten wurden an der Universität Amsterdam seit den frühen 80er Jahren durchgeführt. Die Kernthese dieses Forschungsprogramms ist, daß der Diskurs, und darunter verstehe ich institutionalisierte wie auch interpersonelle Texte und Dialoge, eine wesentliche Rolle beim Entstehen, der Verbreitung, der Rechtfertigung und der Akzeptanz rassistischen Denkens in der Gesellschaft spielt (van Dijk 1984, 1987a, 1987b, 1991).</p>
<p>Durch sozialisierende Gespräche und Kinderbücher in der Kindheit, durch Schulbücher bis hin zu den verschiedenen massenmedialen, politischen, geschäftlichen und beruflichen Diskursen sind die Mitglieder weißer Gruppen und weiße Institutionen täglich in eine Vielfalt unterschiedlicher Diskurse verwickelt, die ihre Überlegenheit zum Ausdruck bringen und festigen. Sie können sich aktiv daran beteiligen, so zum Beispiel wenn sie sich rassistisch gegenüber Mitgliedern von Minderheitengruppen äußern oder wenn sie untereinander vorurteilsbeladene Geschichten erzählen über »jene Fremden«; es geschieht aber auch, daß die Menschen eher passiv mit der Darstellung ethnischer Ereignisse und Minderheiten in Nachrichtensendungen, bei der Werbung, im Kino oder durch andere Medienansprache konfrontiert werden.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_6_2837" id="identifier_6_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="van Dijk verwendet den Terminus ethnisch immer so, da&szlig; damit Ereignisse, Darstellungen etc. von Minderheiten bezeichnet werden. Wir w&uuml;rden in der BRD wahrscheinlich immer von Ereignissen etc. sprechen, in die Ausl&auml;nder verwickelt sind. Der Terminus Ausl&auml;nder ist aber bereits ausgrenzend. Wenn van Dijk Personen direkt meint, spricht er von Einwanderern. Fl&uuml;chtlingen oder Mitgliedern von Minderheiten/gruppen, S.J.">7</a></sup></p>
<p>Es ist ferner davon auszugehen, daß solche Diskurse nicht etwa harmlose sprachliche Fehlleistungen darstellen oder gar seltene Formen sprachlich-sozialer Interaktion. Im Gegenteil: es ist eher richtig, daß diese einen sehr starken Einfluß auf das soziale Wissen der Mitglieder der herrschenden Gruppen haben, das heißt, auf den Erwerb, die Festigung und die Normierung von Ansichten, Einstellungen und Ideologien, die sich hinter den sozialen Wahrnehmungen, Handlungen und Strukturen verbergen. Mit anderen Worten: Rassismus wird sozial gelernt, und der Diskurs ist von zentraler Bedeutung für seine ideologische Produktion und Reproduktion.</p>
<p>Das wichtigste Ziel unserer Untersuchungen ist es daher, eine Reihe von gebräuchlichen Diskurstypen über ethnische Minderheiten genau zu analysieren. Diese diskursanalytische Herangehensweise überschreitetet die traditionellen Methoden der Inhaltsanalyse und richtet ihre Aufmerksamkeit auf verschiedene diskursive Strukturen und Strategien wie z.B. Gliederung, thematische (Tiefen-)Struktur (Gesamtinhalt), Schema-Organisation (zum Beispiel Geschichtenerzählen und Argumentation), Redewendungen, Stil, Rhetorik und andere Eigenschaften von Text und Dialog. Bisher haben sich unsere Untersuchungen mit Alltagsgesprächen, Schulbüchern und Nachrichten bzw. mit Berichten in der Presse befaßt. Was aussteht, ist, neben anderem, eine Analyse verschiedener Arten des politischen Diskurses und dem des Wirtschafts- und Arbeitslebens.</p>
<p>Das zweite Ziel unseres Forschungsprogramms ist es, die Strukturen, Strategien und Inhalte ethnisch geprägter sozialer Wissensinhalte im Detail zu untersuchen, also z.B. Vorurteile und verwandte ethnische Einstellungen (attitudes). Dieser kognitive »Zugriff« macht es uns einerseits möglich, die Beziehungen zwischen direkten Aktivitäten, einschließlich Diskursen, und verbreiteten Annahmen weißer Gruppen und (Darstellungen von) gesellschaftlichen Strukturen andererseits zu verdeutlichen. Es ist dies auch der Ort, an dem die Mikro- und die Makroebenen des Rassismus theoretisch gefaßt werden müssen. Es sollte daher betont werden, daß diese Art der Analyse des sozialen Wissens keine Spielart der Individual-Psychologie oder traditioneller Vorurteilsforschung darstellt. Im Gegenteil: sie ist in erster Linie soziale Analyse, mit anderen Worten: Analyse der Wissensinhalte, die von Mitgliedern von Gruppen oder (ganzer S.J.) Kulturen geteilt werden.</p>
<p>Ferner: Die Diskursanalysen und die soziokognitive Analysen berücksichtigen das gesellschaftliche, politische und kulturelle Umfeld des Rassismus, in dem strukturelle und ideologische Formen und Funktionen rassistischer Diskurse und Inhalte von Bedeutung sind. Auf dieser Ebene untersuchen wir z.B. die Rolle rassistischer Schulbücher oder Nachrichten im institutionellen Rahmen der Erziehung oder der Massenmedien. Ferner trägt eine solche Analyse, neben der Untersuchung der Machtverhältnisse zwischen Gruppen, zu einer angemesseneren Kenntnis der kulturellen Mechanismen bei, die bei der Reproduktion von Rassismus, Ethnozentrismus und verwandten Herrschaftsformen eine Rolle spielen.</p>
<p>Dieser dreiteilige Ansatz (Diskurs, soziales Wissen und sozio-kulturelle Kontexte) ist komplex und verlangt ein multidisziplinäres Vorgehen. Das Bindeglied ist der Diskurs, den wir als eine Form des Sprachgebrauchs und der Kommunikation betrachten, als soziale Bedeutung und Aktion und als eine sozio-kulturelle, politische und ideologische Praxis, die gesellschaftliche Systeme und Strukturen bestimmt. Interdisziplinäre Diskursanalyse untersucht sehr präzise die Beziehungen zwischen diesen Formen des Diskurses, und deshalb kann sie detaillierte Erkenntnisse über die verschiedenen Arten und Dimensionen der Reproduktion rassistischen Denkens in der Gesellschaft zu Tage fördern.</p>
<p><strong>2. Der Rassismus der Elite</strong></p>
<p>Eine wichtige These im Rahmen unserer Theorie, die sich stufenweise aus diesem umfangreichen Forschungsprogramm entwickelt hat, betrifft die besondere Rolle der »Eliten«. Obwohl dieser Begriff überaus vage ist (Domhoff/Bollard 1968), soll er hier dazu dienen, diejenigen Gruppen im sozio-politischen Machtgeflecht zu bezeichnen, die die zentralen Politikkonzepte entwickeln, die einflußreichsten Entscheidungen treffen und die die Modalitäten ihrer praktischen Umsetzung kontrollieren: Regierung, Parlament, Direktoren oder Gremien staatlichen Handelns, Führende Politiker, Arbeitgeberverbände, Direktoren und Manager, einflußreiche Wissenschaftler etc.</p>
<p>Ohne auf weitere Feinheiten der politischen Analyse dieser Gruppe näher einzugehen, konzentrieren wir uns für unsere Zwecke bei der Definition von Eliten auf ihre Rolle in der Ordnung des Diskurses. Das heißt, sie sind diejenigen, die die Formen institutioneller und öffentlicher Texte und Reden am stärksten und am einflußreichsten initiieren, steuern und kontrollieren. Sie haben bevorzugten Zugang zu den Massenmedien, sie können die Themen des öffentlichen Diskurses und der Meinungsbildung bestimmen oder ändern, sie bereiten Berichte vor und geben sie heraus, sie führen Forschungen durch und veröffentlichen deren Ergebnisse – und kontrollieren dadurch den akademischen Diskurs – und so weiter. Mit anderen Worten: die Macht spezieller Elite-Gruppen ergibt sich direkt aus dem Maß des Zugangs zu und der Kontrolle über die Mittel symbolischer Reproduktion in der Gesellschaft bzw. über den öffentlichen Diskurs.</p>
<p>Während die Eliten natürlich auch traditionell nach Maßgabe der Formen und der Reichweite ihrer Kontrolle über die Handlungen und Aktionen anderer definiert werden könnten oder nach Maßgabe ihres Zugriffs auf Gewalt und Strafe, wodurch sie Willfährigkeit einfordern, erweist sich die Macht »moderner« Eliten-Herrschaft aber als viel raffinierter und zudem als viel manipulativer. PR-Management, wirkungsvolle Kommunikation, manipulative Diskurse, raffinierte Einflußnahme und ganz allgemein die kluge Herstellung von Konsens sind zu weitaus stärkeren Mitteln der Kontrolle der öffentlichen Meinung und demzufolge auch des sozialen Handelns geworden, (Herman/Chomsky 1988)</p>
<p>Das gilt auch für ethnische Fragen und für die Reproduktion des Rassismus. Weil Rassismus im Kern als Dominanz weißer Gruppen über verschiedenerlei charakterisierte Minderheiten- oder Einwanderergruppen definiert wird, oder allgemeiner: als die Dominanz der europäischen bzw. europäisierten Gruppen über nicht-europäische, muß diese Dominanz in den vielfältigen Zusammenhängen einer multiethnischen Gesellschaft täglich reproduziert werden. Trotz der nicht zu leugnenden Existenz eines »alltäglichen Rassismus« (Miles 1982; Phizacklea / Miles 1979), haben wir gute Gründe anzunehmen, daß solch ein »Graswurzel«-Rassismus von erheblich geringerem Einfluß und viel weniger spontan ist. Wir sind der Ansicht, daß viele Elemente des alltäglichen Rassismus durch verschiedene Gruppen der Elite vorgefertigt sind, manchmal in Gestalt von scheinbar indirekten, subtilen oder sogar »toleranten« Formulierungen. Mit anderen Worten: Der Elite-Diskurs spielt eine fundamentale Rolle für die Bereitschaft der »Weißen« insgesamt, sich an der Herrschaft über die Minderheiten zu beteiligen.</p>
<p>Die Rolle der Eliten bei der Reproduktion des Rassismus sollte auch auf dem Hintergrund von Diskursänderungen und ideologischen Verschiebungen des Rasse-Begriffs, z.B. innerhalb der Mittel-Klasse, betrachtet werden. Während der traditionelle Rassismus das Prinzip der weißen Dominanz völlig krass und offen vertritt, was sich in der Bejahung der Skalverei, der Segregation und der Apartheid ausdrückt, sind »moderne«, »neue« oder »symbolische« Formen des Rassismus besonders bei den Eliten heute viel verbreiteter anzutreffen (Dovidio / Gaertner 1986). Typisch für diese »weißen« Haltungen sind das Ressentiment gegen die Bereitstellung von Schulbussen und andere Formen von Hilfs-Aktionen für Angehörige von Minderheitengruppen, besonders aber Beschwerden über angebliche »Privilegien« für Minderheiten und ganz allgemein über bestimmten Formen sozialer Gerechtigkeit, Gleichheit und Unterstützung, die dabei als »unfair« oder als »Diskriminierung von Weißen« dargestellt werden.</p>
<p>Mit anderen Worten: Rassismus bei den Eliten wird nicht nur sichtbar, wenn ihre eigenen Angelegenheiten betroffen sind (Wellmann 1977), sondern auch, wenn die Vorteile und die Dominanz der weißen Gruppe als Ganzer durch eine Sozialpolitik, die auf wirkliche Gleichheit gerichtet ist, als bedroht angesehen werden. Wir werden weiter unten sehen, daß einer der Hauptaspekte dieser Form des »modernen« Rassismus bei den Mittelklassen-Eliten die Leugnung des Rassismus ist, eben deshalb weil sie sich selbst als höchst tolerant und pluralistisch ansehen. Ferner wird sich zeigen, daß der »modernen« Rassismus nicht mehr von »Rasse« spricht sondern die bei weitem weniger negativ gefärbten Begriffe »Kultur« und »kulturelle Differenz« verwendet. (Mullard 1985)</p>
<p>Während solche Elite-Diskurse öffentliche Aktionen legitimieren und steuern können, sind Eliten darüberhinaus ganz wesentlich und sehr viel direkter in die konsequenzenreicheren Formen des institutionalisierten Alltags-Rassismus verwickelt. Sie entscheiden über Ein-wanderungs- und Niederlassungspolitik, kontrollieren Polizeiaktionen gegen Minderheitsgruppen, sind damit einverstanden (oder eher: verweigern), daß Hilfsmaßnahmen gesetzlich absichert oder durchgeführt werden, sie stellen Leute an und entlassen sie wieder oder führen Forschungen und Beratungen über ethnische Angelegenheiten durch. Mit anderen Worten, wenn die weiße europäische Mehrheit dominiert, dann muß ihre Dominanz selbst gemanaged werden, und es sind die Eliten, die die Manager dieser Form der Gruppenkontrolle darstellen.</p>
<p>Zwar gibt es gesetzliche und soziale Begrenzungen der Macht der Elite. Verordnungen und Gesetze mögen rigide Diskriminierungen verbieten, allgemeine Menschenrechte mögen in ausreichendem Maße verinnerlicht sein, um die extremeren Formen rassistischer Unterdrückung formal zu verdammen (und doch zu tolerieren), und gute internationale Beziehungen und die öffentliche Meinung mögen die Exzesse des Hasses gegen nicht-europäische Einwanderer begrenzen. Noch wichtiger: die Dominanz findet ihr Gegenbild im Widerstand in der Regel von Minderheitengruppen, aber auch bei kleineren Teilen der weißen Gruppe, z.B. in antirassistischen Organisationen. Das bedeutet, daß die dominante weiße Gruppe und ihre Eliten nicht geschlossen am rassistischen System teilhaben und daß es kleinere oppositionelle Elite-Gruppen gibt, die eine Rolle im Anti-Rassismus spielen (Tagiueff 1988). Daher wäre es keine unpassende Annahme, daß es sowohl unter Schwarzen wie Weißen ebenfalls die Eliten sind, die die wesentlichen Leitlinien des Anti-Rassismus präformulieren und dadurch dazu beitragen, daß breitere populäre Formen des Widerstands gegen Rassismus entstehen. Diese These steht keineswegs im Widerspruch zu derjenigen, die in dieser Studie vertreten wird, obwohl das hier nicht weiter untersucht werden soll.</p>
<p>Diese Bedingungen und Formen des Widerstands verlangen spezifische Strategien der Legitimierung und der Herstellung von Konsens sowohl bei der Mehrheit als auch bei den Minderheitengruppen. Das heißt, daß wiederum Diskurs und Kommunikation bei der persuasiven Inszenierung und Verteidigung der Herrschaft involviert sind. Wir können deshalb erwarten, daß Elite-Diskurse zu ethnischen Fragen strategisch auf den Erhalt sowohl der Macht der Eliten selbst ebenso wie auf den Erhalt der Dominanz der weißen Gruppe insgesamt gerichtet sind. Eine dieser Strategien, neben vielen anderen, kann darin bestehen, Rassismus als »alltäglich-normale Abneigung« gegen weitere Einwanderung zu deuten, wodurch der Rassismus als Problem der unteren Klassen hingestellt wird; zugleich wird dadurch erreicht, daß die Opposition gegen ihre eigene falsche Politik verhindert wird, wie z.B. gegen die Fehlentwicklung der Innenstädte, der Wohnungspolitik, der Beschäftigung oder der Erziehung.</p>
<p>Es braucht nicht weiter betont zu werden, daß solche Formen des Elite-Diskurses nicht konspirativ sind. Im Gegenteil, trotz interner Widersprüche und konfligierender Interessen halten sie durch schlichten Konsens effektiv zusammen. Ferner: weil der weiße Rassismus im Prinzip im Interesse der weißen Gruppe als Ganzer ist, ist größerer Widerstand gegen solche Konsens-Politik wenig wahrscheinlich. Im Gegenteil: Sobald die offiziellen, quasi-toleranten Formen des Rassismus einmal formuliert sind, mag sich die breite Masse der Bevölkerung berechtigt fühlen, ihre eigenen ablehnenden Gefühle gegen diejenigen zu richten, die sie im Alltag unter Kontrolle bekommen können: einzelne Mitglieder von Minderheitengruppen. Die durchdringende Gestalt des alltäglichen Rassismus, wie sie in vielen neueren Forschungsarbeiten nachgewiesen ist, legt von dieser mondäneren Form rassistischer Unterdrückung beredtes Zeugnis ab.</p>
<p>Innerhalb dieses globalen begrifflichen Rahmens wollen wir im folgenden einige Arten des Elite-Diskurses und der Elite-Kommunikation untersuchen und zeigen, wie sie die weiße Gruppendominanz zum Ausdruck bringen und weiter verankern.</p>
<p><strong>3. Der Mediendiskurs</strong></p>
<p>Obwohl es in der Massenkommunikationsforschung widersprüchliche Annahmen über die Wirkungen der Massenmedien gibt, haben wir gute theoretische Gründe und empirische Belege für die Annahme, daß der Diskurs der Massenmedien eine zentrale Rolle für die diskursive, symbolische Reproduktion von Rassismus durch die Eliten spielt (Hartmann / Husband 1974, van Dijk 1991). Zwar mögen Zeitungen und Fernsehen ebenso wie der einzelne Journalist selbst teilweise abhängig sein von anderen machtvollen Elite-Gruppen, auch was die Definition einer ethnischen Situation betrifft. Sie mögen versuchen, »objektiv« über die Regierungspolitik zu berichten, über Polizeiaktionen, Fälle vor Gericht, Einwanderung, soziale Belange oder Verbrechen, und sich für jedes dieser Gebiete auf Quellen und Quellentexte beziehen, die sich scheinbar außerhalb ihres Einflusses befinden. Journalisten mögen so die Illusion hegen, eine ausgewogene Sicht ethnischer Dinge vorzutragen.</p>
<p>■ Einstellung von Arbeitskräften</p>
<p>Theoretische Prognosen und Forschungsergebnisse weichen jedoch voneinander ab, So partizipieren ebenso wie Verbände oder halbstaatliche Organisationen auch die Massenmedien am Arbeitsmarkt, und einfache Statistiken zeigen, besonders in Europa, daß im Grunde genommen die Medien nur in seltenen Ausnahmefällen Journalisten aus den Minderheitengruppen beschäftigen; das gilt besonders für Herausgeberschaft und Management (Wilson / Gutierrez 1985). Neben dieser Form der Diskriminierung, die man im allgemeinen mit vorgeblichen Sprach- oder sonstigen »Mängeln« der Einwandererjournalisten zu rechtfertigen versucht, bedeutet diese Ausschließung der Einwandererjournalisten ferner, daß die Nachrichtensendungen oder Fernsehprogramme flächendeckend vorherrschend weiß sind, mindestens was Inhalt und Stil angeht. Und was hinzukommt: eine Reihe von Faktoren veranlaßt weiße Reporter, weißen (offiziellen) Quellen mehr Gewicht und Glaubwürdigkeit zu geben, also z.B. Regierungsstellen, der Polizei oder »Minderheitsexperten«.</p>
<p>■ Zugang zu den Medien</p>
<p>Das bedeutet, daß Minderheitsorganisationen weniger Zugang zu Medien haben, weniger Kontrolle über die Definition ethnischer Situationen und weniger Einfluß auf ihre öffentliche Darstellung. Eine Analyse der Zitierpraxis stützt diese Hypothese: Minderheiten werden in den Nachrichten, auch wenn es sich um solche handelt, die sie direkt betreffen, systematisch seltener zitiert; oder ihre Aussagen werden durch Aussagen von Weißen »ausbalanciert«. Es ist eine Tatsache, daß Sprecher von Minderheiten selten alleine zitiert werden. Auch werden sie, wenn sie zitiert werden, auf eine weniger glaubwürdige Art und Weise zitiert. Typischerweise werden Beschwerden gegen Diskriminierung und Rassismus in Anführungszeichen zitiert oder von Wörtern wie »vorgeblich« oder »behauptet« begleitet.</p>
<p>Untersuchungen über Nachrichtenstrukturen und Nachrichtenproduktion haben immer wieder gezeigt, daß die Nachrichtenagenten der Elite einen besonders leichten Zugang zu den Medien haben, weil man sie für wichtig hält, weil sie für die Journalisten Nachrichtenwert haben und über Glaubwürdigkeit verfügen (Galtung / Ruge 1965). Eliteorganisationen und Nachrichtenagenten haben ihren Zugang zu den Medien mit Hilfe institutionalisierter diskursiver Praktiken organisiert wie z.B. Presseerklärungen, Pressekonferenzen und Aktivitäten ihrer eigenen PR-Büros. Weil dies bei Minderheitengruppen und -Organisationen kaum der Fall ist, auch nicht für deren Sprecher, wird die ethnische Situation vorzugsweise von weißen Eliten definiert. Nicht nur, daß auf diese Weise die Eliten Nachrichten und Ereignisse so interpretieren und darstellen, daß sie die Weißen favorisieren, sondern zugleich wird darauf geachtet, daß ihre eigenen Aktivitäten hinsichtlich der Minderheiten so positiv wie möglich präsentiert werden.</p>
<p>Wenn das Fernsehen oder die Zeitungen auch bestimmten Weißen, die nicht zur Elite gehören, einen (nur begrenzten) Zugang erlauben, z.B. in Gestalt von Leserbriefen oder in Interviews und Talkshows, dann äußern diese oft Meinungen und Ansichten, die mit denjenigen der Medien konform sind. Oder, wenn sie reden dürfen, werden sogar radikalere einwandererfeindliche Ansichten zitiert, erstens um ihre eigene Toleranz zu betonen, und sei es nur durch den Kontrast, zweitens um Rassismus als Form alltäglicher Abneigung zu verniedlichen oder drittens, um »moderatere« negative Ansichten über die ethnische Situation verteidigen zu können. Das gilt nicht nur für die Massenmedien, sondern auch für die Politik, z.B. wenn rechtsextreme rassistische Parteien geduldet werden oder sogar Propaganda machen dürfen, wie dies in den meisten westlichen Ländern der Fall ist. Mit anderen Worten: Sowohl für die politischen Eliten als auch für die Medien haben diese radikalen Rassisten eine wichtige Funktion. Deshalb ist es nicht überraschend, daß solche Gruppen, Organisationen oder Parteien, obwohl sie außerhalb des gesellschaftlichen Konsens angesiedelt sind, selten verboten oder gar ernsthaft verfolgt würden.</p>
<p>■ Themen und Gegenstände</p>
<p>Das Fehlen von Journalisten aus den Minderheiten, die flächendeckenden weißen Interessen und Perspektiven der meisten Reporter und Herausgeber sowie die Rolle, die die weißen Eliten bei der Gestaltung von Nachrichten einnehmen &#8211; das alles hat auch Konsequenzen für die Selektion und den Umgang mit neuen Themen und Gegenständen. Das heißt, daß Minderheiten, wenn man sich überhaupt mit ihnen befaßt, in den Nachrichten meist unter Themen behandelt werden, die für weiße Leser allgemein und für die Eliten in besonderer Weise »interessant« sind.</p>
<p>Frühere Untersuchungen und unsere eigenen Analysen der britischen und niederländischen Presse zeigen, daß genau dies der Fall ist: Die Minderheiten werden nur im Rahmen eng begrenzter und stereotyper Themenbereiche präsentiert. So finden wir unter den fünf häufigsten Themen (oder besser: Themenbündeln oder »Gegenständen«) &#8211; was Umfang und Häufigkeit angeht &#8211; im allgemeinen solche wie (1) Einwanderung, (2) Gewalt, Verbrechen, Unruhen und andere Formen der Abweichung, (3) ethnische Beziehungen, (4) kulturelle Unterschiede und, besonders in den USA, (5) Musik und Sport (Hartmann / Husband 1974; Martindale 1986; Merten et al. 1986; Johnson 1987; van Dijk 1983, 1991).</p>
<p>Diese Einseitigkeit bei der Auswahl von möglichen berichtenswerten Ereignissen wird dadurch weiter verschärft, daß diese Ereignisse ständig negativ behandelt werden. Das heißt, Einwanderung wird immer als »für uns« problematisch, konfliktbeladen und mit Schwierigkeiten verbunden hingestellt (Übervölkerung, illegaler Grenzübertritt oder Aufenthalt, fehlende Mittel) und ganz selten als ein Problem »für sie«, z.B. die Drangsalierungen, denen Einwanderer durch Beamte ausgesetzt sind, Ablehnung von Zuzug oder Aufenthalt, selbst wenn sie ein Anrecht darauf haben. Dieselbe dramatische Negativperspektive liegt vor, wenn über Gewalt, Verbrechen oder abweichendes Verhalten berichtet wird. In ganz ähnlicher Weise werden kulturelle Unterschiede oft zumindest als problematisch charakterisiert, wenn nicht als bedrohlich für die Mehrheitskultur, wie dies typischerweise der Fall ist beim spezifischen Interesse am Islam und an moslemischen Verhaltensweisen und Werten.</p>
<p>Das gesamte Themenspektrum ethnischer Beziehungen konzentriert sich zudem auf Konflikte, wobei auch Beispiele von Diskriminierung gegen Minderheiten eingeschlossen sind. Während jedoch Rassismus generell durch die Presse abgestritten oder abgemildert wird, wird Diskriminierung oft als zufällig behandelt und nicht als Manifestation struktureller Ungleichheit und Unterdrückung. Allgemein gesagt, sind die Großthemen selbst völlig einseitig auf die Präsentation von Einwanderung, Einwanderern oder Minderheiten als problembehaftet, konfliktbeladen oder sogar als bedrohlich ausgerichtet.</p>
<p>Die Konzentration auf einige wenige stereotype Themen hat ferner zur Folge, daß andere Themen, die routinemäßig für weiße Nachrichtenagenten reserviert sind, unterrepräsentiert sind, sobald ethnische Minderheiten involviert sind. Infolgedessen bestimmen Themen, die von großer Wichtigkeit für Minderheiten sind, wie etwa Aufenthaltsrecht, soziale Angelegenheiten, Wohnung, Gesundheitswesen, Erziehung, (Nicht-) Beschäftigung oder Rassismus kaum die Schlagzeilen der weißen Presse. Im Sinne der Hauptthese diese Studie ist das nicht überraschend, wenn wir bedenken, daß dies exakt die Bereiche sind, in denen mangelhafte politische Konzeptionen und Praktiken der weißen Eliten eine herausragende Rolle spielen.</p>
<p>■ Kleinere semantische Tricks</p>
<p>Während Themen als globale semantische Makrostrukturen des Diskurses definiert werden, sind auch die kleineren Bedeutungseinheiten im Nachrichtendiskurs von Wichtigkeit für unser Verständnis der Darstellung von Minderheiten und ethnischen Belangen in den Medien. Auf dieser Ebene finden wir die konkrete Beschreibung ethnischer Personen und Ereignisse, und solche Beschreibungen sind selten harmlos. Um diese kleineren Formen von vereinseitigtem Diskurs zu verstehen, müssen wir die Gesamtziele und Schwerpunkte des Diskurses über ethnische Angelegenheiten kennen. Wie auch in der Alltagskonversation (van Dijk 1987a) finden wir hier zwei komplementäre und sich scheinbar widersprechende Strategien, nämlich positive Selbstdarstellung und negative Fremddarstellung. Infolgedessen gibt es, wie wir bei unserer Zusammenfassung der Themenanalyse bereits feststellen konnten, eine Gesamttendenz, Minderheiten negativ darzustellen, daß heißt in der Verbindung mit Problemen, Konflikten und Bedrohungen.</p>
<p>Diese negative Präsentation wird jedoch durch Gesetze, Normen und Werte eingeschränkt, so daß explizit und offen rassistische Berichte, besonders in der liberalen Spitzenpresse, selten geworden sind. Die offizielle Norm, daß offene Diskriminierung nicht erlaubt ist, ist ziemlich gut bekannt und wird bis zu einem gewissen Punkt beachtet. Um Minoritäten in der Presse negativ darzustellen, braucht die Presse nun auch diskursive Formen, die ein Gegengewicht gegen diese Negativität darstellen, z.B. indem beteuert wird, daß »wir keine Rassisten sind, aber &#8230;« Solche Figuren, die in vielerlei Gestalt auftreten, sind Routine und zeigen sich in direktem Abstreiten des Rassismus, aber auch in Gestalt von gewissen Konzessionen (»Es gibt auch intelligente / hart arbeitende usw. Schwarze, aber &#8230;«) In solchen Fällen können wir zum Beispiel Erfolgsgeschichten über einzelne Mitglieder von Minderheitengruppen erwarten. Doch genau diese »Solo«-Rolle der einzelnen Ausnahme festigt mit Sicherheit für die weiße Öffentlichkeit die Haltung, daß (1) einige Mitglieder der Minderheitengruppen »es schaffen«, so daß man uns nicht tadeln kann, aber daß (2) die Minderheitengruppe als Ganze immer noch an »ihrem Platz« bleibt, so daß »sie« nicht dominant werden.</p>
<p>Die Mikro-Semantik des rassistischen Diskurses muß notwendigerweise verschleiert werden. »Wirkliche« Meinungen und Haltungen müssen, besonders im öffentlichen Diskurs wie dem der Massenmedien, abgeschwächt oder auf andere Weise weniger direkt geäußert werden. Das heißt, daß Implikationen, Unterstellungen und Suggestivität eine wichtige Rolle spielen. In der Tat ist der Diskurs über ethnische Angelegenheiten in hohem Maße kodiert, in der Weise, daß scheinbar neutrale Wörter verwendet werden, um die rassistischen Implikationen der wirklichen Absichten und Meinungen zu verbergen. So benutzen z.B. weite Teile der westlichen Presse im Verein mit den Autoritäten (Regierung, Ministerien) heute den Terminus »Wirtschafts«-Flüchtling. Das scheint eine mehr oder minder neutrale Formulierung zu sein, die aber impliziert, daß es sich nicht um »wirkliche« Flüchtlinge handelt, und ferner, daß sie nur hergekommen sind, »um hier auf unsere Kosten zu leben«, wobei es sich hier um die direkter geäußerten Vorurteile in der Alltagssprache handelt.</p>
<p>■ Die Leugnung und Umkehrung des Rassismus</p>
<p>Der generelle Unterschied, den wir auch auf der Ebene lokaler Bedeutungen beobachten können, nämlich der zwischen positivem »wir« und negativem »sie«, impliziert, daß die Medien Weiße durchgängig nicht als Rassisten darstellen, sondern als tolerant und hilfsbereit und die Einwanderer zumindest als undankbar und unangepaßt. Dieser Kontrast verlangt eine komplexe Verleugnungsstrategie. In solchen Verleugnungs-Strategien werden Wendungen gebraucht wie die oben erwähnte (»wir sind keine Rassisten, aber &#8230;«), ferner systematisch Signale des Bezweifelns, die auch erwähnt wurden, und zwar immer dann, wenn Minderheiten oder weiße Anti-Rassisten Weiße wegen Diskriminierungen oder Vorurteilen anklagen, wegen des Umgangs mit Zitaten (wobei Minderheiten, die über rassistische Praxen Auskunft geben könnten, nicht zitiert werden) und weiter bei der Redewendung der Umkehrung: Sie sind die wirklichen Rassisten.</p>
<p>Besonders in der britischen Rechtspresse sind die Wendungen der Verleugnung und der Umkehrung höchst auffällig (Gordon / Rosenberg 1989; Murray 1986, van Dijk 1991). So geschah es, als Eltern und antirassistische Gruppen 1985 den Schulleiter Honeyford beschuldigten, weil er rassistische Artikel über Erziehung und seine Schule veröffentlicht hatte, worauf er entlassen wurde, daß die Rechtspresse eine breite Verteidigungskampagne für diesen »mutigen Mann« startete, »der die Wahrheit über multikulturelle Erziehung zu sagen wagte«. Seine Gegner und überhaupt alle Anti-Rassisten werden also beschuldigt, jemanden daran zu hindern, die Wahrheit zu sagen, sie werden also der Ausübung von Zensur und als Leute bezichtigt, die gleichzeitig gegen (weiße) Engländer und Bretonen agitierten, was als eine Form umgekehrten schwarzen Rassismus angesehen wird. Diese Umkehrung impliziert, daß »wir die wirklichen Opfer sind«, eine Aussage, die auch sehr oft in Alltagsgesprächen zu hören ist.</p>
<p>Diese und andere Wendungen und Strategien auf dem Feld der Mikro-Semantik der Presseberichterstattung sind typisch für Elitepositionen zu ethnischen Angelegenheiten. Politiker, Journalisten, Forscher und andere Eliten, ob liberal oder konservativ, haben ein Selbstbild, das nicht vereinbar ist mit Intoleranz und besonders Rassismus. Verleugnungen, Beteuerungen, tolerant zu sein, und Verdrehungen sind daher wesentlich dafür, dieses positive Selbstbild zu bewahren.</p>
<p>Gegensätzliche Darstellungen der Situation werden daher brüsk zurückgewiesen und attackiert, wie dies auch in der Marginalisierung oder offenen Aggression gegen antirassistische Gruppierungen zum Ausdruck kommt. Besonders wenn diese selbst Angehörige der Eliten sind, wie dies bei einigen Politikern (typisch für die »verrückte Linke«), »den Soziologen« und Lehrern der Fall ist. Mit anderen Worten: Es gibt nicht nur eine Machtrelation zwischen der weißen Gruppe als ganzer und den Minderheitengruppen, sondern auch zwischen dominanten Eliten und radikaloppositionellen Eliten, was die Kontrolle der symbolischen Ebene von Normen und Moral betrifft.</p>
<p>Wir nähern uns hier den wesentlichen Merkmalen des Elite-Diskurses über ethnische Angelegenheiten. Die Interessen von Journalisten und anderen dominierenden Elitegruppen sind in dieser Hinsicht weitgehend identisch und stehen daher selten in Widerspruch zueinander. Das heißt auch, daß Anklagen wegen rassistischer Aussagen, die sich gegen die Presse, einschließlich die liberale, richten, auf effektive Weise marginalisiert und zensiert werden: Sie werden nicht abgedruckt. Zweitens: Trotz der Wichtigkeit von Diskriminierung als Thema berichtet die Presse selten über andere Formen eines elitären Rassismus, z.B. den der Behörden. Rassistische Einwanderungspolitik, die von Einwanderergruppen und anderen Gruppen dokumentiert wird, wird selten in den zahlreichen Berichten über Einwanderung erwähnt. Manchmal wird über Drangsalierungen und Brutalitäten der Polizei gegenüber schwarzen männlichen jugendlichen diskutiert, aber gewöhnlich in übertrieben anklägerischem Ton, wodurch die Glaubwürdigkeit beeinträchtigt wird bis hin zur Lächerlichkeit. Auch Rassismus, Vorurteile und Vereinseitigungen durch die Gerichte werden, jedenfalls in Europa, ebenfalls ausgeblendet. Das gleiche gilt für andere Eliteinstitutionen.</p>
<p>Die einzige Ausnahme von der Regel, daß Informationen über den Rassismus der Eliten zensiert werden, scheinen die ziemlich häufigen Berichte über Diskriminierungen im Geschäfts- und Erwerbsleben zu sein, besonders in der liberalen Presse. Doch auch diese Aussage verdient nähere Betrachtung. Erstens sind, trotz der Häufigkeit solcher Berichte, diese doch bei weitem seltener als die konkreten Fälle von Diskriminierung. Zweitens vermitteln solche Berichte keineswegs, daß Diskriminierungen bei Einstellungen und Beschäftigung ein umfassendes soziales Problem darstellen. Im Gegenteil, solche Fälle werden als Ausnahmefälle behandelt, nicht als strukturelle Gegebenheiten, zum Beispiel als ein Hinweis für die Erklärung der Arbeitslosigkeit bei den Minderheiten. Drittens werden nur die hervorstechenden und öffentlichen Fälle von Diskriminierung erwähnt, zum Beispiel wenn eine Organisation, wie etwa eine Gewerkschaft oder eine Aktionsgruppe, es fertiggebracht haben, die öffentliche Aufmerksamkeit auf einen Fall zu lenken. Viertens wird ein solcher Fall normalerweise nicht als ein Verbrechen behandelt, sondern als eine Frage von Ansichten und Interpretationen. Im Unterschied zu anderen Kriminellen wird diskriminierenden Arbeitgebern oft die Gelegenheit gegeben, sich zu verteidigen oder ihre Meinung zu äußern. Fünftens, und das gilt besonders für die liberale Presse, gibt es z.B. eine geringere Affinität zwischen Journalisten und Geschäftsleuten, weil letztere nicht als Wettbewerber im symbolischen Bereich angesehen werden. Tatsächlich mögen Journalisten manchmal merken, daß sie den Geschäftsleuten intellektuell und moralisch überlegen sind, und ihre Berichte über Diskriminierungen im Geschäftsleben mögen einer der Versuche sein, die geringere Moral der Unternehmer unter Beweis zu stellen. Letztens: Wie bereits oben gezeigt, tendiert besonders die Rechtspresse dazu, solche Ereignisse zu bezweifeln, zu verspotten oder lächerlich zu machen, während zugleich der Spieß umgedreht wird, indem die Ankläger beschuldigt werden, einen bekannten weißen Geschäftsmann als Rassisten gebrandmarkt zu haben. Insgesamt: Auch die Diskriminierung im Arbeits- und Geschäftsleben tendiert dazu, Teil der Gesamtstrategie zu sein, die Bedeutung des Elitenrassismus herunterzuspielen oder, gelegentlich, ihn nur einer bestimmten Gruppe zuzuweisen.</p>
<p>Unsere Analyse verweist darauf, daß die Nachrichtenmedien allgemein und die Presse insbesondere zutiefst in die Reproduktion eines Rassismus der Eliten verwoben sind. Dies deshalb und zuallererst, weil sie eng mit den Machtstrukturen verbunden sind, und ferner, weil sie den ethnischen Konsens der dominanten politischen Eliten selbst teilen (vgl. auch Ebel / Fiala 1983). Zweitens verfügen die Medien über spezifische Mittel, ethnischen Konsens zu produzieren, zu reproduzieren und zu verstärken; durch sie wird die eigene weiße Gruppe neutral oder positiv dargestellt, besonders wenn es um ethnische Angelegenheiten geht, während Einwanderer, Ausländer, Flüchtlinge oder ansässige Minderheiten als Quelle von Schwierigkeiten, Konflikten und Bedrohungen porträtiert werden. Natürlich gibt es Unterschiede in Art und Stil zwischen den verschiedenen Medien. So mag die liberale Presse die positive Rolle der weißen Liberalen betonen, indem sie z.B. als »Helfer« von Minderheitengruppen dargestellt werden, wogegen die konservative oder rechtsextreme Presse dazu tendiert, sich auf die negativen Eigenschaften der »Fremden« zu beschränken.</p>
<p><strong>4. Bildungsdiskurse: Schulbücher</strong></p>
<p>Eine weitere Quelle für die Reproduktion des Rassismus ist der Bildungsdiskurs (Klein 1986; Milner 1983; Preiswerk 1980). Neben der Primärsozialisation und dem Lernen durch die Kommunikation mit den Eltern bedeuten Kinderbücher und Fernsehprogramme, Unterrichtsstunden und Schulbücher die erste Begegnung mit institutionalisierter erzieherischer Kommunikation über Wissen, Glauben, Normen und Werte. Dies ist der Ort, an dem weiße Kinder in westlichen Ländern, manchmal zum ersten Mal, von Gruppen und Menschen anderer Hautfarbe und von anderen Kulturen, Kontinenten und Nationen hören dürften.</p>
<p>Heute, wo die Minderheitspopulationen immer stärker ins Auge fallen, sind die Kinder sehr gut dafür präpariert. Wir gehen davon aus, daß sie schon, besonders in den Städten, durch eigene Wahrnehmung und Interaktion, Familiengespräche wie auch durch Kinderbücher und Fernsehen eine ganze Menge an ethnisch relevantem Diskurs konsumiert haben. Tatsächlich zeigen Ergebnisse der Forschung, daß die Kinder sich bereits ab dem 4. Lebensjahr oder sogar noch früher auf diese Weise ihrer eigenen ethnischen Identität bewußt werden (Aboud 1988; Katz 1976). Die Untersuchungen zeigen ferner, daß ethnische Vorurteile, die Favorisierung weißer Ingroups und die Zurückweisung von Outgroups, schon in dem Alter, in dem die Kinder eingeschult werden, sehr stark sein können. Ob durch einseitiges Gerede ihrer Eltern ermutigt oder nicht: die Kinder lernen doch sehr bald, sich an der weißen Kultur zu beteiligen und sich darauf zu beziehen, einschließlich der darin enthaltenen stereotypen oder vorurteilsbeladenen Diskurse.</p>
<p>Sowohl das offizielle wie das heimliche Curriculum und seine Einbettung in die Interaktion im Klassenzimmer, formale Unterrichtsstunden und Lernmaterialien sind ebenfalls Teil dieser dominanten Kultur. Obwohl eine stetig wachsende Zahl von Kindern aus den Minderheitengruppen in die Klassen westlicher Schulen einzieht, bleibt der dominierende Erziehungsdiskurs im seinem Wesen weiß geprägt (Brandt 1986). Menschen, Kulturen und Nationen der Dritten Welt werden unter westlicher Perspektive betrachtet, und das Gleiche gilt für Minderheitengruppen und -kulturen in Nordamerikanischen und Europäischen Gesellschaften. Trotz wachsender formaler Zugeständnisse, die man in verschiedenen Ländern im Hinblick auf die Notwendigkeit »multikultureller Erziehung« macht, beginnen die täglichen Erziehungspraktiken, die Lehrerausbildung und die Inhalte der Schulbücher solche Politik erst ganz allmählich zu berücksichtigen (Banks / Lynch 1986).</p>
<p>Die Erforschung von Schulbüchern in mehreren Ländern hat dies immer wieder bestätigt, zumindest was den eher formalen Lerndiskurs betrifft (Preiswerk 1980; Klein 1986). Solche Untersuchungen stimmen völlig unzweideutig in ihren Ergebnissen überein, und man kann sie so zusammenfassen, daß die Schulbücher, ob völlig offen wie in der Vergangenheit oder subtiler wie heute, nicht-westliche Menschen, Gesellschaften und Kulturen ignorieren, marginalisieren, erniedrigen oder problematisieren.</p>
<p>Dieses Ergebnis ist ebenso traurig wie überwältigend. Auf alten Ebenen und in allen Schultypen sind die Schulbücher für Gesellschaftskunde, Geographie und Geschichte, die Sprachlehrbücher und auch die Lektionen in Biologie oder Mathematik, voll von negativen Stereotypen über nicht-westliche Menschen, Minderheiten oder Einwanderer. Zugleich betonen sie subtil oder auch völlig offen die Überlegenheit der westlichen, d.h. »unserer« Kultur und Gesellschaft. Für weiße Kinder ist die Botschaft völlig eindeutig und unterscheidet sich überhaupt nicht von den Inhalten des dominanten Diskurses sonstiger kultureller Domänen.</p>
<p>Ich möchte die Modalitäten dieser Art des Schulbuchrassismus und -ethnozentrismus in aller Kürze beschreiben, wobei ich einige eigene Untersuchungsergebnisse zusammenfassen werde (van Dijk 1987b).</p>
<ul>
<li>Erstens zu Vorkommen und Umfang: Von den 43 Gesellschaftskundebüchern, die 1985 in den Niederlanden in höheren Schulen in Gebrauch waren, verschwendeten etwa die Hälfte keinen einzigen Abschnitt auf die Anwesenheit der großen ethnischen Minderheiten im Land, die zusammen mehr als 700 000 Menschen ausmachen. Trotz der wachsenden Zahl von Kindern aus Minderheiten in den Schulenporträtieren solche Schulbücher die Niederlande als ein rein weißes Land. In den meisten anderen Schulbüchern wird der Anwesenheit von Minderheitengruppen oder der Bedeutung ethnischer Angelegenheiten nur geringe Aufmerksamkeit gewidmet. Das Gleiche gilt für Geschichts- und Erdkundebücher. Wir haben gute Gründe anzunehmen, daß sich für die meisten Europäischen Länder ganz entsprechende Ergebnisse zeigen.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_7_2837" id="identifier_7_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Das gilt auch f&uuml;r die BRD, wie Stichproben anhand von Schulb&uuml;chern und Unterrichtsmaterialien sowie Untersuchungen von Informationen f&uuml;r Lehrer, die millionenfach kostenlos verteilt werden, ergeben haben. Vgl. S. J&auml;ger: Die Nutznie&szlig;er, Vorlesungsmanuskript Universit&auml;t Duisburg SS 1989 (S.J.) ">8</a></sup> US-Schulbücher, wo auch sonst ihre Mängel liegen mögen, haben sich im letzten Jahrzehnt in dieser Hinsicht gebessert.</li>
<li>Zweitens finden wir, daß Minderheitengruppen, wenn sie überhaupt dargestellt werden, nur unter ein paar Hauptgesichtspunkten erwähnt werden, die erstaunlich denen entsprechen, die in der Massenpresseauftauchen: 1. Einwanderung, 2. Kulturelle Unterschiede, 3. Rassenbeziehungen, 4. Kriminalität und abweichendes Verhalten. Darüber hinaus handelt es sich in der Regel um Negativdarstellungen bzw. Darstellungen von Schwierigkeiten, Konflikten, Bedrohungen für »uns«(westliche Kultur, »unser« Land usw.). Dazu kommt daß die Passagen über Einwanderer nicht einfach die Fakten nennen, z.B. welche Gruppe wann und warum eingewandert ist, sondern sich sogleich auf das Problem der Übervölkerung konzentrieren. Beiträge zur Wirtschaft, die auf Wanderarbeit oder auf Ausbeutung billiger Arbeitskräfte basieren, werden selten angeführt.</li>
</ul>
<p>Kulturelle Differenzen, das Hauptthema der Gesellschaftskundebücher in den Niederlanden, werden in ähnlicher Weise mit Schwierigkeiten in Verbindung gebracht sowie mit angeblichem Mangel an Anpassungsbereitschaft, merkwürdigen Bräuchen, Schwierigkeiten beim Erlernen der Sprache oder abweichendem Verhalten, z.B. im Hinblick auf die verschiedene Religion, besonders beim Islam, pathologischen Familienstrukturen, untergeordneter Stellung der Frau oder irritierenden Essensvorschriften. Eine Schlußfolgerung aus diesen Details ist völlig klar, gleichviel ob die Darstellung ein wenig stereotyp oder offen vorurteilshaft ist, nämlich daß »wir« ganz offensichtlich überlegen sind: moderner, fortgeschrittener, rationaler und sogar toleranter.</p>
<p>Gelegentlich befassen sich Schulbücher auch mit »Rassen«-Beziehungen, z.B. mit Fällen von Vorurteilen und Diskriminierung. In vagen Allgemeinplätzen oder durch ein kurzes Beispiel wird zugestanden, daß Minderheiten manchmal Ungleichbehandlung erfahren oder daß »wir« nicht immer so tolerant sind wie wir meinen. Aber wie die Medien verfügen auch die Schulbücher über einen großen Vorrat an Strategien, solche Tatsachen herunterzuspielen oder Einzelheiten zu verschweigen. Holländische Schulbücher tun dies in typischer Weise so, daß sie auf die Rassentrennung in den USA eingehen oder auf die Apartheid in Süd-Afrika. Wie in den Medien wird ausländischer Rassismus weniger verschleiernd behandelt als der Rassismus im Inland. Eine andere Taktik besteht darin, einen Teil der Schuld den Mitgliedern der Minderheitengruppen zuzuschieben, die solche weißen Reaktionen »provozieren« oder indem sie bei der Beschreibung diskriminierender Praktiken zu Verniedlichungen greifen. Natürlich wird der Terminus »Rassismus« in den Schulbüchern selten definiert. Intoleranz, Stereotypisieren oder Diskriminierung im Klassenzimmer (oder in Schulbüchern) ist natürlich ein verbotenes Thema.</p>
<p>Wenn Minderheitengruppen in holländischen Schulbüchern vorkommen, befassen sich die wenigen Zeilen nur mit den Haupt-Gruppen, mit Kriminalität und abweichendem Verhalten wie Drogenhandel oder Drogenkonsum bei Surinamesen oder Chinesen, terroristischen Gewalttaten molukkischer Jugendlicher oder kulturell begründeten Vergehen bei Türken und Marokkanern. Manchmal folgen solchen Informationen Einschränkungen wie »daß sie natürlich nicht alle gleich sind«.</p>
<p>Solche Themen beherrschen die größte Zahl der Passagen über »Fremde« in unseren heutigen Schulbüchern. Informationen über relevante andere Themen wie soziale Fragen, Erziehung, Geschichte, Kultur und auch über die Schwierigkeiten, die Einwanderer auf allen Ebenen haben, fehlen völlig. Außer in neueren US-Schulbüchern werden die sozialen, ökonomischen oder kulturhistorischen Beiträge der größeren Einwanderer- oder Minderheitengruppen im allgemeinen nicht behandelt. Folglich gibt es nirgends Identifikationsanker für Kinder aus den Minderheiten. Selbst die reichen nord-afrikanischen, arabischen und türkischen Kulturen werden selten als Hintergrundinformation für für die Einwanderung und die Anwesenheit von Minderheiten aus den Mittelmeerländern akzeptiert. Afrikanern, Asiaten oder amerikanischen West-Indiern (aus Surinam oder von den holländischen Antillen), die noch seltener erwähnt werden als die »wirklichen« Fremden, d.h. die »Gastarbeiter«, wird unterstellt, sie hätten überhaupt keine Kultur.</p>
<p>Entsprechendes läßt sich für die Geschichts- und Geographiebücher nicht nur in den Niederlanden feststellen (Mok 1990). Wie gesagt, wird die Geschichte der Einwanderergruppen oder -minderheiten in der Regel ignoriert, ihre Herkunftsländer werden, wenn überhaupt, äußerst schlicht als Teil der Weltgeschichte oder -geographie dargestellt. Die Hauptgründe der Einwanderung, nämlich Sklaverei, Kolonialismus oder die Armut, die teilweise durch die heutigen Formen des Imperialismus und der Ausbeutung durch das internationale Kapital und den Handel verursacht sind, werden gelegentlich in Geschichts- und Geographiebüchern angesprochen. Einige dieser Schulbücher tun dies sogar in moderat kritischer Weise, vor allem wenn sie sich mit der Vergangenheit befassen; nur selten tun sie dies jedoch bei der Beschäftigung mit der Gegenwart. Einzelheiten über Ausbeutung und Greueltaten kommen selten vor. Wie beim zeitgenössischen Rassismus sehen wir uns mit Sondererklärungen und Euphemismen konfrontiert und auch mit dem Bemühen, die Schuld den Opfern anzulasten. Einige Schulbücher fahren ungebrochen damit fort, den Kolonialismus damit zu entschuldigen, daß er erheblich zur ökonomischen oder kulturellen Entwicklung der kolonisierten Völker beigetragen habe. Bewaffneter Widerstand gegen den Kolonialismus wird gelegentlich als Gewalt, Terrorismus und »Brutalität« dargestellt. Das Bild ist wohlbekannt und muß hier nicht weiter ausgemalt werden.</p>
<p>In vielen Hinsichten ist die Darstellung von Völkern der Dritten Welt in Geographie- und Geschichtsbüchern der Darstellung von Einwanderern oder Minderheiten erstaunlich ähnlich. Bis auf den heutigen Tag fördern Untersuchungen die bekannten Muster des Eurozentrismus oder Ethnozentrismus zu Tage, was den Umfang betrifft, die Thematisierung, den Stil, die Metaphern und die pädagogischen Folgerungen. Die folgende zusammenfassende Auflistung stellt nur eine Skizze dar (für Einzelheiten s. z.B. Klein 1976):</p>
<ol>
<li>Völker der Dritten Welt, Gesellschaften, Länder, Kulturen oder Nationen werden nicht differenziert, sondern alle gleich dargestellt. Diese Homogenisierung wird dadurch weiter betont, daß der Unterschied zu »unserem« und allen anderen westlichen Ländern und Kulturen besonders hervorgehoben wird. Dieses Wahr-nehmungs- und Darstellungskonzept ist aus sozialpsychologischen Untersuchungen über Ingroup- und Outgroupkategorisierungen und Stereotypisierungen wohlbekannt.</li>
<li>Die Diskussion der Geschichte der Völker der Dritten Welt beschränkt sich gewöhnlich auf den Zeitraum der Anwesenheit westlicher Völker bzw. erfolgt in Verbindung mit dieser Anwesenheit. Vorkoloniale oder nachkoloniale Perioden früherer Kolonien werden ziemlich vernachlässigt. Nicht-westliche Länder undKontinente scheinen erst nach der »Entdeckung« durch westliche Reisende existent geworden zu sein.</li>
<li>Die Themen, die überhaupt angesprochen werden, werden sehrknapp und oft in stereotyper Weise abgehandelt. Armut, Analphabetismus, technologische oder soziokulturelle »Rückständigkeit«und ländliche Subsistenzwirtschaft erweisen sich als Hauptthemen der Schulbücher. Nähere Erläuterungen zu diesen Feststellungen tendieren dazu, die Opfer zu beschuldigen, oder sie werden so formuliert, daß sie die angeborenen Eigenschaften (den Charakter)nicht-westlicher Völker oder sogar anderer »Rassen« hervorheben. Gelegentlich werden Kolonialismus oder der gegenwärtige Handelsimperialismus kurz und euphemistisch als zusätzliche Beiträge zu den derzeitigen Problemen vieler Länder der Dritten Welt diskutiert. Ökonomischer Erfolg, die Vorteile und Fortschritte alternativer sozio-kultureller Konzeptionen, städtisches Leben, Modernisierung, die Abhängigkeit der westlichen Wirtschaft von den Rohstoffen oder jedes andere Thema, das die Dritte Welt ein wenig mehr wie »wir« aussehen läßt, werden tendenziell ignoriert.</li>
<li>Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen wirtschaftlicher, politischer oder soziokultureller Unterschiede zwischen Nord und Süd werden nach Maßgabe westlicher Normen und Werte hinsichtlich Technik, Demokratie und Kultur verzerrt. Eine unterstellte westliche Überlegenheit auf allen Ebenen kommt auch in Stil und Wortwahl zum Ausdruck, so im häufigen Gebrauch von»Hütten« (statt »Häusern«), »Stämmen« (statt »Völkern« oder »Gruppen«), »Aberglaube« (statt »Religion«), »primitiv« (statt »nichtindustrialisiert« oder »traditionell«), »Zauberdoktor« (statt»Doktor«), »sich bemalen« (statt »Make-up anlegen«), etc.</li>
</ol>
<p>Dies sind die Hauptmerkmale eines Erziehungsdiskurses, der die Perspektive, die Stereotypen und Vorurteile der dominanten weißen Kultur reproduziert. Wegen des üblichen Zeitabstands zwischen Produktion und Gebrauch der Lernmaterialien ebenso wie aufgrund der pädagogischen Notwendigkeit von Vereinfachung und Selektion sind diese Darstellungen von Minderheiten und (anderer) Völker der Dritten Welt meist weniger differenziert und »modern« als vergleichbare Inhalte in den Medien oder in anderen Formen des gegenwärtigen Elite-Diskurses.</p>
<p>Die Vereinfachungen und Beschränktheiten der Schulbücher ganz allgemein fördern unzulässige Verallgemeinerungen und folglich Stereotypisierungen. Der pädagogische Diskurs konzentriert sich nicht auf Subtilitäten, Einzelheiten und Zusammenhänge. Kinder können natürlich nicht alle historischen, kulturellen und gesellschaftlichen Besonderheiten aller Völker, Länder, Kulturen oder Nationen aufnehmen. Aber es ist die dominante weiße Perspektive, das beständig negative Urteil bei diesen Stereotypen und die Betonung der westlichen Überlegenheit, was solche Darstellungen ethnozentrisch und rassistisch macht.</p>
<p>So reproduzieren Schulbücher und deren Autoren einen herrschenden Diskurs. Ein Teil der Eigenarten eines solchen Diskurses entwickelt sich mehr oder minder autonom innerhalb der Grenzen des Erziehungssystems und des Curriculums, angeleitet durch die Eliten des Erziehungssytems. Das heißt, daß Schulbücher dazu neigen, andere Schulbücher zu imitieren. Themen, Methoden und Sprachstil setzen eine lange Tradition des Schulbuchdiskurses fort. Teile dieser Inhalte und dieses Stils verdanken sich den Haltungen und Ideologien der (meist weißen, männlichen) Schulbuchautoren selbst.</p>
<p>Doch werden andererseits die Annahmen der Schulbücher und ihrer Autoren durch ideologische Mächte auch von außen modelliert, wie z.B. durch den Diskurs akademischer Fächer, durch die Lehrerbildung und die Massenmedien. Mit anderen Worten: Es gibt vielfältige Beziehungen zwischen dem Elite-Diskurs der Erziehung und den Elite-Diskursen anderer gesellschaftlicher Bereiche. Für Schulbücher gilt, daß es für sie zusätzliche Zwänge direkter und indirekter Einflußnahme und Entscheidungen von Eltern, Schulaufsichtsbehörden, Bürgerorganisationen, Verlegern, Wirtschaftsverbänden, politischen Parteien, Regierungen, den Kirchen und vielen anderen gesellschaftliche Gruppierungen gibt, die ein Interesse an den Inhalten von Schulbüchern haben. Und wieder sind die meisten dieser Gruppen oder Organisationen weiß, und sie weigern sich, die erzieherische Bedeutung der ethnischen oder internationalen Situation zu akzeptieren, was dazu führt, daß sie direkt oder indirekt in die Reproduktion weißer oder westlicher Macht verwickelt sind, die gegen die Minderheiten oder gegen die Dritte Welt gerichtet ist.</p>
<p>Abschließend sollte daran gedacht werden, daß diese Formen eines ethnozentrischen Erziehungsdiskurses nicht nur bei der Einschärfung und der Reproduktion der herrschenden Kultur und der damit verbundenen sozialen Wahrnehmungen eine Rolle spielen. Sie sind zusätzlich auch Teil der gesellschaftlichen Funktionen der Schule und der Erziehung selbst, d.h. bei der Vorbereitung von Kindern für die Gesellschaft und für den Arbeitsmarkt. Das wirkt sich so aus, daß die Schulbücher, indem sie die Marginalisierung und Subordination ethnischer Minderheiten-Gruppen und von deren Kinder darstellen, die Minderheitenkinder auf eine Gesellschaft vorbereiten, in der für sie eine ganz besondere Position reserviert ist, nämlich die eines niedrigeren Status und schlechter Arbeit. Die Erziehungsstatistiken reflektieren eindeutig die Schulerfahrungen und Perspektiven der Kinder der meisten Minderheitengruppen; sie zeigen, wie Leistung, Fortschritte, Abbrüche und erreichte Diplome nicht nur, oder nicht so sehr, eine Funktion der sozio-ökonomischen Klasse oder der angeblichen Erziehungs-»Kultur« der Gruppe sind, sondern eher vom Erziehungssystem und den Schulen selbst abhängen. Schulbücher zeigen einige der Implikationen dieses sehr viel allgemeineren Prozesses.</p>
<p><strong>5. Der akademische Diskurs</strong></p>
<p>Was den akademischen Diskurs angeht, so können wir uns kurz fassen, denn anti-rassistische Forscher sind täglich mit der Rolle konfrontiert, die dieser Diskurs in rassistischen Gesellschaften spielte und spielt; daher dürften sie in der Lage sein, selbst einschlägige Beispiele zu finden. Unsere knappe Zusammenfassung dient deshalb nur der Abrundung dieses Berichts und verfolgt die Absicht, die These von der Dominanz des Elite-Rassismus zu untermauern.</p>
<p>Erstens: Es ist sehr bekannt und gut dokumentiert, daß der gelehrte Diskurs seit mehreren Jahrhunderten eine wichtige Rolle bei der Produktion und für die Legitimation ethnozentrischer und rassistischer Ideologien gespielt hat (für neuere zusammenfassende Darstellungen vgl. z.B. Miles 1989; Haghighat 1988). Obwohl heute subtiler verfahren wird als früher, gilt dies auch für den gegenwärtigen akademischen Diskurs. In der Vergangenheit konzentrierten sich die Wissenschaftler auf die Unterschiede zwischen Europäern und Nicht-Europäern als unterschiedliche »Rassen«, einhellig schlußfolgernd oder implizierend, daß die »weiße Rasse« in allen relevanten Belangen der Humanitas überlegen sei (Barker 1981; Todorov 1989; Unesco 1983). Oft ist hervorgehoben worden, daß diese Formen des wissenschaftlichen Rassismus nicht nur dem akademischen Ziel der Beschreibung, Erklärung oder dem Begreifen diente, sondern zugleich der Legitimierung von Raubzügen, des Kolonialismus und der Unterdrückung.</p>
<p>Heute sind solche Diskurse selten geworden. »Rasse« ist als wissenschaftlicher Terminus obsolet geworden, es sei denn, er werde in sozio-kultureller Hinsicht verwendet, nämlich um die Art und Weise zu bezeichnen, wie die Menschen die Anderen verstehen und kategorisieren. Stattdessen wird heute oft von »Kultur« gesprochen, um Gruppen zu beschreiben und »ethnische« Gruppenunterschiede zu erklären. Trotzdem hat sich die zugrundeliegende Logik der Sache nicht in jedem Falle geändert. Unter dem Deckmantel kultureller »Inkompatibilität« wird auf diese Weise die eigene Gruppe gegen Einwanderung anderer ethnischer Gruppen, die allerdings häufig »zufällig« farbig sind, abgeschottet. Mit anderen Worten: Was implizit gefürchtet wird und wovor mithilfe einer Rhetorik kultureller »Autonomie« gewarnt wird, das ist in Wirklichkeit die Rassen»mischung«, um »Rassenreinheit« und natürlich die »rassische« Vorherrschaft der Weißen zu verteidigen. Auch bei wohlwollender Interpretation solcher Diskurse stellt sich heraus, daß bei kulturellen Unterschieden unterstellt wird, sie führten zu Konflikten, z.B. weil »die Anderen« sich unserer Kultur nicht anpassen (können). Entsprechend wird die eigene, westliche Kultur explizit oder implizit als überlegen unterstellt, wie wir das auch bei der Betrachtung der Schulbücher im Hinblick auf das Thema Dritte Welt gesehen haben.</p>
<p>Man möchte meinen, solch eine Ideologie sei als rechtsextrem einzuschätzen und sie stünde weit außerhalb des dominanten wissenschaftlichen Diskurses. Das ist in dem Sinne richtig, daß seine explizite und offene Version sich auf kleine Gruppen konservativer Wissenschaftler beschränkt. Andererseits gibt es subtilere und indirektere Versionen dieser Ideologie, die als legitime, wenn nicht gar als richtige Annahmen über ethnische Gruppenbeziehungen angesehen werden (Barker 1981). So lassen sich bis heute Erklärungen über die »benachteiligten« schwarzen Völker (oder andere farbige Einwanderer) in den USA oder in Europa finden, über ihre pathologische »Familienkultur«, über das Fehlen einer »Erziehungskultur« oder über ihr Leben in einer »Kultur der Armut«. In ähnlicher Weise wird der niedrige sozio-ökonomische Status türkischer oder nord-afrikanischer Einwanderer, auch im wissenschaftlichen Diskurs, als »Kultur des Islam« und dessen Implikationen dargestellt. So werden viele der negativen Begleiterscheinungen solcher sozialer Lebenspraxen, wie Arbeitslosigkeit oder fehlende Ausbildung, den Opfern in die Schuhe geschoben.</p>
<p>Kulturelle Erklärungen ethnischer oder rassischer Ungleichheit sind in einer dominanten weißen Kultur willkommen, in der Gefühle rassischer Überlegenheit nicht mehr als legitim angesehen werden. In Wirklichkeit aber handelt es sich hier nur um eine Strategie zur Legitimierung weißer Gruppendominanz. Eine weitere ins Auge fallende Begleiterscheinung des heutigen Rassismus im akademischen (wie im Medien-)Diskurs ist die Leugnung jeglichen Rassismus. Ähnlich wie Journalisten fühlen sich viele weiße Wissenschaftler, auch solche, die sich mit ethnischen Fragen befassen, sehr verunsichert beim Thema »Rassismus« (Essed 1987). Sie neigen im erster Linie dazu, ihn als irrelevant zu betrachten, weil Gefühle rassischer Überlegenheit als veraltet gelten und der Begriff der Rasse wissenschaftlich höchst dubios ist. Zweitens betrachten sie ihn als wertenden, politischen Begriff, der nur in Verbindung mit Anschuldigungen Verwendung findet und nicht als beschreibender wissenschaftlicher Terminus. Sie mögen der Ansicht sein daß es ethnische Vorurteile und daß es Diskriminierung gibt, und sogar befürworten, daß solche Praxen bestraft werden, aber sie verweigern sich einer weiteren strukturellen Analyse solcher rassistischer Diskriminierungs-Praxen. Wie viele Journalisten neigen sie dazu, solche Praxen als »übertrieben« anzusehen und als unpassend zur Charakterisierung der kleinen Ungleichheiten des Alltags. Hier wird deutlich, daß Rassismus in wissenschaftlichen Diskursen tendenziell ignoriert und verharmlost wird oder als irrelevant bzw. übertrieben dargestellt wird. So kommt es, daß die wissenschaftliche Erforschung des Rassismus sowohl in den Niederlanden wie auch sonstwo auf weniger selbstbelastende Studien reduziert wird, die meist von weißen Wissenschaftlern durchgeführt werden, wie zum Beispiel »gruppenspezifische Kontakte und Konflikte«, »ethnische Beziehungen« und »interkulturelle Kommunikation«.</p>
<p>Diese sehr allgemeine Charakterisierung der Entwicklung eines akademischen Rassismus soll durch einige Beispiele spezieller akademischer Diskurse der jeweiligen Disziplinen ergänzt werden. So besteht eine alte Tradition in der Sprachwissenschaft darin, im Vergleich zu »primitiven« nicht-westlichen Sprachen eine logische oder rhetorische Überlegenheit der jeweiligen westlichen Sprachen zu konstatieren, was Ausdruck der ökonomischen und kulturellen Kraft des betreffenden Landes bzw. der betreffenden Sprache sei. In ähnlicher Weise wird den Pidgin- oder Kreolsprachen oder dem »Schwarzen Englisch« in den USA oft ein Mangel an Ausdrucksfähigkeit, Genauigkeit oder Logik im Vergleich zu ihren (westlichen) Ausgangssprachen bescheinigt (Smitherman-Donaldson 1988). Obwohl solche »Primitiv«-Wissenschaft bei den meisten Wissenschaftlern nicht mehr ernstgenommen wird, lebt sie als Laienversion in anderen Diskursen weiter.</p>
<p>Diese theoretische Position schlägt sich jedoch nicht immer in einer dementsprechenden Sprachpolitik nieder. In der gleichen Weise wie manchmal die »eigene Kultur« als schutzbedürftig gegenüber der »Invasion« anderer Kulturen betrachtet wird, so wird auch »unsere Sprache« zum Objekt nationalistischer, wenn nicht ethnozentrischer und rassistischer Interessen.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_8_2837" id="identifier_8_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Auch scheinbar harmlose Untersuchungen wie z. B. die empirische Erforschung der internationalen Stellung der deutschen Sprache m&uuml;ssen sich die Frage stellen lassen, welche politische Perspektive damit verbunden ist. S.J.">9</a></sup> In den meisten westlichen Ländern herrscht eine Bildungs- und sonstige Politik vor, die die dominante (westliche) Sprache privilegiert. Unterricht in »der eigenen Sprache und Kultur« gibt es zwar, wie oben gezeigt, doch seine Durchführung und seine Bedeutung werden skeptisch und kritisch beurteilt, egal welche wissenschaftlichen Aussagen hinsichtlich seines Nutzens für die Kinder vorliegen mögen (Skutnabb-Kangas 1984).</p>
<p>Auch die westlichen Forschungen auf dem Gebiet der Literatur und der Künste sind jahrhundertelang ähnlich ethnozentrisch orientiert gewesen. Theoretisch werden nicht-westliche Literaturen und Künste heute wiederum als wertvoll und ästhetisch gleichwertig angesehen, doch in der Praxis sieht es so aus, daß Kunstwerke aus der Dritten Welt wenig Zugang zu den westlichen Medien, Verlagen und Galerien erhalten, daß sie weniger Prestige und allgemein einen geringeren Status zugewiesen bekommen, wenn man sie denn überhaupt beachtet. Ausnahmen werden für »Exotica« gemacht, besonders wenn sie unsere eigenen Schriftsteller und Künstler beeinflussen, oder für einige vergangene Epochen, wie zum Beispiel die Ägyptische Klassik oder andere Künste des Mittleren Ostens, die nun in »westliche« Traditionen (und seine Museen) inkorporiert werden. Ganz ähnlich erhalten nicht-westliche Kunst und nicht-westliche Künstler in einigen Bereichen, wie z.B. Musik, spezielle Nischen, doch finden sie wiederum nicht die gleiche Wertschätzung wie westliche Musik. Für die meisten westlichen Universitäten genügt ein Blick auf die Verteilung der Fächer und Forschungsmittel, um zu sehen, daß die Gesellschaftswissenschaften weiterhin durch und durch ethno- und euro-zentrisch ausgerichtet sind.</p>
<p>Das gleiche Bild ergibt sich, wenn man die anderen Disziplinen der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften betrachtet (z.B. Geschichte), vor allem aber Psychologie, Soziologie und Anthropologie, die den zentralen Ort kultureller und ethnographischer Analyse nicht-westlicher Volker ausmachen; die Darstellungen der Wurzeln und der Geschichte dieser Volker, worauf ich hier nicht im einzelnen eingehen will, können aber als exemplarisch für die Entwicklung der herrschenden wissenschaftlichen Zugriffsweise auf nicht-westliche Kulturen angesehen werden. Die indirekten, trivialisierten Folgen solcher Diskurse überleben in den heutigen Schulbüchern. Das gleiche gilt für die Psychologie und die Soziobiologie, wo die Wissenschaftler bis heute fortfahren, mehr oder minder offen oder verdeckt nach angeborenen »Unterschieden« zwischen den »Rassen« zu suchen, z.B. was die Intelligenz angeht (Barker 1981; Haghighat 1988; Unesco 1983).</p>
<p>Zum Abschluß dieser kurzen Bemerkungen ist festzustellen, daß der akademische Diskurs kaum größere Glaubwürdigkeit verdient als andere Formen des Diskurses der Eliten. Seine verschiedenen Disziplinen haben nicht-westliche Völker (»Rassen«) in der Vergangenheit beständig und grobschlächtig diffamiert, und sie tun dies auch heute noch, allerdings mit subtileren Mitteln als früher, indem sie von ethnischen, sozialen oder kulturellen Unterschieden schwätzen. Selbst wenn sie theoretisch Gleichheiten und Ähnlichkeiten zwischen den »Rassen« zugeben, konzentrieren sich wissenschaftliche Untersuchungen und deren praktische Umsetzungen auf die besondere Stellung westlicher Sprachen, Literaturen, Künste, westlicher Gedankenlogik, Geschichte, sozialer Organisation, Technik oder Kultur ganz allgemein. Nahezu alle einflußreichen wissenschaftlichen Zeitschriften werden im Norden verlegt und von weißen Wissenschaftlern beherrscht.</p>
<p>Diese akademische Form des Elite-Rassismus steht aber nicht für sich alleine da. Schon oft konnte gezeigt werden, daß die Autorität und das Prestige der Wissenschaft ihren Diskursen einen besonderen Status verleiht. Heutige rechtsextremistische Gruppen legitimieren weiterhin ihre fremdenfeindlichen Ansichten durch Verweis auf rassistische Forschung von Gestern (und manchmal auch von heute), und sie bedienen sich fleißig dieses Diskurses. Ethnische, rassische oder Einwanderer-Politik, Konfliktmanagement in Krisenzeiten (z.B. nach Unruhen), Erziehung, die Medien und viele andere gesellschaftliche Institutionen benutzen die Ergebnisse der Forschung über Ethnizität und Rassenbeziehungen.</p>
<p>Mit anderen Worten: Akademische Eliten und ihre Rolle bei der Reproduktion von Rassismus sind keineswegs unschuldig. Wenn sie sich nicht direkt an der öffentlichen Debatte in den Medien beteiligen, was aber oft der Fall ist, könnte man annehmen, daß ihre Arbeiten sich kaum auf die öffentliche Meinung auswirken. Doch nichts wäre falscher als dies. Obwohl manchmal mit einer Verzögerung von Jahren oder Jahrzehnten, werden viele der Annahmen und Ideologien, die diesen Arbeiten zugrundeliegen bzw. sich daraus ableiten lassen, ebenfalls öffentlich und von anderen Eliten verbreitet (besonders von politischen Eliten, dem Erziehungswesen und den Medien) und dadurch in den Alltagsdiskurs eingespeist, in dem »Laien-Theorien« über ethnische und rassische Unterschiede, wenn nicht gar über die weiße oder westliche Überlegenheit, ein langes Leben führen. Ja, es kann gut sein, da der akademische Diskurs im Konzert des gesamten rassistischen Elite-Diskurses die erste Geige spielt und von allerhöchstem Einfluß ist.</p>
<p><strong>6. Der politische Diskurs</strong></p>
<p>Innerhalb der komplexen Machtstrukturen der meisten westlichen Länder dürfte die politische Macht offiziell die anderer Eliten odsr Organisationen übertreffen, auf jeden Fall aber z.B. die der Medien und der Wirtschafts-Verbände. »Ethnische Angelegenheiten« werden jedoch größtenteils von lokalen oder nationalen Regierungen gemanagt, von gewählten Körperschaften (Parlamente oder Stadträte) und von der Administration, die die wichtigsten Entscheidungen über Einwanderung, Ansiedlung, spezielle Beschäftigungsprogramme, Wohnungsbauprogramme, Gesundheitswesen und über die Erziehung von Minderheitengruppen oder Einwanderern treffen und durchsetzen und die einige der ethnischen Beziehungen regulieren (z.B. durch Anti-Diskriminierungsgesetze) .</p>
<p>Diese politischen Entscheidungen sind in hohem Maße diskursiv. Politik, Regeln und Verordnungen, Gesetze und allgemeine Prinzipien werden auf allen Ebenen lokaler oder nationaler Hierarchie informell diskutiert und auch formell bei Versammlungen von Kommitees oder auf Sitzungen gewählter Gremien besprochen und danach von solchen Institutionen verabschiedet. Danach werden sie an verschiedene Organisationen und Agenturen weitergegeben, z.B. die Polizei, den Einwandererdienst oder die Schulen oder, durch die Massenmedien, an die breite Öffentlichkeit.</p>
<p>Mit anderen Worten: Politische Kommunikation und politischer Diskurs sind in vielen Frühstadien des Entscheidens über relevante Aspekte ethnischer Angelegenheiten engstens beteiligt. Es ist offensichtlich, daß weder solche Entscheidungen noch ihre charakteristischen Diskurse autonom sind noch frei von Einflüssen anderer gesellschaftlicher Sektoren. Die öffentliche Meinung, die in höchstem Grade durch die Massenmedien, Anhörungen, Beratungen durch eine Vielzahl von Experten, Kommitees, Organisationen und Institutionen, Entscheidungen politischer Parteien, die Ministerialbürokratie oder andere staatliche Institutionen zum Ausdruck kommt und durch sie orchestriert wird, die Ansichten und Aktivitäten von Minderheitengruppen ebenso wie die verschiedenen »Sachzwänge« der sozio-ökonomischen Situation (z.B. die Arbeitslosenstatistik) und die internationale Situation (Ankunft von Flüchtlingen, Einwanderung und Flüchtlingsverträgen), sie alle stellen den Input und das Feedback bereit für diese Entscheidungsprozesse und damit für den politischen Diskurs.</p>
<p>Dieses dichte Beziehungsnetz von Macht, Einfluß und von Informationsprozessen bedeutet auch, daß wir den »politischen Diskurs« nicht einfach mit den persönlichen Ansichten der Politiker oder politischer Organisationen, wie sie in Texten und Reden zum Ausdruck kommen, gleichsetzen können. Die politische Stimme ist in der Regel nicht nur eine repräsentative Stimme, sondern auch eine vielgestaltig zusammengesetzte Stimme, die die Ansichten und selbst den Stil anderer mächtiger Organisationen und ihrer Eliten in sich birgt. Doch trotz dieser Heterogenität der Quellen und Einflüsse, und so etwas gibt es natürlich auch in anderen Bereichen (so zum Beispiel typischer Weise bei den Massenmedien), werde ich hier den politischen Diskurs und die politische Kommunikation in einem engen und begrenzten Sinne als Corpus von Texten und Reden von Politikern verstehen, also von Mitgliedern der nationalen und lokalen Exekutive und Legislative und von politischen Parteien und Organisationen.</p>
<p>Wissenschaftliche Untersuchungen zu Art und Weise des politischen Diskurses über ethnische Angelegenheiten sind leider höchst selten angestellt worden, oder sie analysieren bedauerlicherweise diese Diskurse nicht auschließlich als solche (Reeves 1983). Es gibt eine Vielzahl von Untersuchungen über die Politik im Bereich ethnischer Angelegenheiten, aber sie tendieren dazu, in der üblichen Terminologie politischen Meinens und Entscheidens formuliert zu sein und nicht in der von Diskurs- und Kommunikationsstrukturen und -Strategien. Beispiele von politischem Diskurs über »Rasse« gibt es in der Literatur die Hülle und Fülle, aber nur in sehr verkürzter Form, nämlich in Gestalt von Illustrationen. Es gibt nur ganz wenige Untersuchungen, die sich speziell auf den politischen Diskurs über ethnische Angelegenheiten konzentrieren, und noch weniger, die dies mithilfe eines diskursanalytischen Ansatzes tun oder mit der Perspektive, die Bedeutung des Diskurses für die Reproduktion von Rassismus in der Gesellschaft zu verstehen (s. jedoch neben anderen Untersuchungen: Hall et al. 1978; Seidel 1985, 1987, 1988a, 1988b).</p>
<p>Eine der allgemeinsten Eigenarten, die den politischen Diskurs charakterisieren, ist die Tatsache, daß er, zumindest in gewissen Hinsichten, anderen Formen des Elitediskurses, z.B. dem der Medien, der Erziehung oder der Forschung, sehr ähnlich ist. Einer der Hauptgründe für diese Ähnlichkeit ist ein sehr einfacher: Die meisten Politiker, besonders in Europa, sind Weiße. Zweitens: Die meisten Wähler sind Weiße, und die meisten Politiker werden deshalb in erster Linie (im Prinzip) die Interessen ihrer (weißen) Wähler beachten. Oder umgekehrt: Es ist unwahrscheinlich, daß sie Entscheidungen zugunsten von Minderheitengruppen und nicht zugunsten der Weißen treffen. Drittens: Die meisten Organisationen, die systematischen Zugriff und Einfluß auf politische Entscheidungen haben, sind ebenfalls weiß. Nur in einigen Sonderfällen, z.B. bei Anti-Diskriminierungsgesetzen und Unterstützungsaktionen, lassen sich Entscheidungen finden, die möglicherweise Mitglieder von Minderheitengruppen stärker (zu) begünstigen (scheinen) als Mitglieder von Mehrheitsgruppierungen.</p>
<p>Dieses komplexe Bündel von Interessen and Einfluß bildet die Basis der vorherrschend weißen Ausrichtung des politischen Diskurses. Es gibt jedoch viele politische und ideologische Varianten, z.B. zwischen der Rechten und der Linken, obwohl solche Unterscheidungen im Hinblick auf ethnische Angelegenheiten nicht immer als zuverlässige Indikatoren fungieren. Obwohl kommunistische Politiker, die an ihre (weißen) Wähler in den Armutsvierteln der Innenstädte denken, gelegentlich vielleicht fremdenfeindliche Ansichten vertreten, wie das in Frankreich geschehen ist, können wir im Großen und Ganzen jedoch davon ausgehen, daß es eine hohe Korrelation zwischen der politischen Rechten und der »ethnizistischen Rechten« gibt. Die »ethnizistische Rechte« setzt sich aus solchen Politikern oder Organisationen zusammen, die ganz allgemein weitere Restriktionen gegen Einwanderer, wenn nicht gar Rückführungen, favorisieren, die gegen ei-ne multiethnische Gesellschaft sind, gegen besondere Maßnahmen zugunsten der Minderheitengruppen und insgesamt dafür, die dominante weiße Kultur ohne Wenn und Aber zu verabsolutieren (Gordon / Klug 1986).</p>
<p>Um uns ein Bild von den Hintergründen des dominanten politischen Diskurses über ethnische Angelegenheiten zu machen, wollen wir in aller Kürze den neuen Bericht des Untersuchungskommitees »Rassismus und Fremdenangst« des Europäischen Parlaments betrachten, der Auskunft gibt über ethnische Angelegenheiten in den jeweiligen Mitgliedsländern,<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_9_2837" id="identifier_9_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Zur Zeit der Abfassung des Papers noch nicht ver&ouml;ffentlicht; inzwischen aber beim Europarlament erh&auml;ltlich, S.J.">10</a></sup> Diese Berichte geben auch einen Überblick über die Standpunkte politischer Führer und Gruppen. Hier eine Auswahl aus verschiedenen EG-Ländern:</p>
<p style="padding-left: 30px;">(1) Der Innenminister der Belgischen Regierung nannte 1987 Einwanderer »Barbaren«. Die Rechtspartei Parti des Forces Nouvelles (PFN) verteilte ungestraft Flugblätter mit der Parole »Schluß mit den Barbaren«.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(2) Trotz gesetzlicher Anerkennung des Unterrichts in Islam in Belgien weigerten sich zwei Bürgermeister, Moslem-Kurse in den lokalen Schulen zu erlauben.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(3) Einer dieser Bürgermeister, Herr <em>Nols</em> aus dem Brüsseler Stadtteil Schaarbeek, stellte, daneben, daß er ein rassistisches Buch über Einwanderer verfaßte, 150.000 Exemplare einer »Informationsschrift« her, in der Nord-Afrikaner als Terroristen, religiöse Fundamentalisten und Drogenabhängige verleumdet wurden, und ließ sie an den Schulenverteilen. Bei einer Sitzung des Stadtrats bezeichnete er Marokkaner als Ursache mangelnder Sicherheit und als »die Barbaren von heute«.Herr <em>Nols</em> war so populär bei der weißen Bevölkerung von Schaarbeek, daß sogar die sozialistischen Parteien mit ihm ein Abkommen zu erreichen versuchten.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(4) Ein königliches Dekret erlaubte sechs Stadtteilen in Brüssel, für fünf Jahre jede Registration von neuen Einwanderern zu verweigern.1900 wurde dieses Verdikt durch die Regierung um zwei Jahre verlängert.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(5) In Dänemark gibt es keine anti-rassistische Gesetzgebung. Forderungen nach einer solchen Gesetzgebung wurden vom Justizministerabgelehnt, der meinte, Fremde erfreuten sich jetzt schon eines ausreichenden Schutzes durch die bestehenden Gesetze.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(6) Als ein Mitglied einer ultrarechten Partei Dänemarks, der Fremskridt Partei (die 1988 fast 10 % der Wählerstimmen auf sich ziehen konnte) Flüchtlinge als »die riesigen Horden von Terroristen, die hieraus dem Mittleren Osten und Sri Lanka hereinfluten«, bezeichnete und behauptete, »daß sie sich wie Ratten vermehren«, stimmte der Justizminister mit dem Staatsanwalt darin überein, daß dies »angesichts des Kontextes, in dem diese Bemerkungen fielen«, keine hinreichenden Gründe für eine Bestrafung nach dem Anti-Diskriminierungs-Paragraphen seien.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(7) Der Rat der Stadt Ishoj stimmte 1988 dafür, die Zahl der Einwanderer zu begrenzen, »um die Integration in die Dänische Gesellschaft zu erleichtern« und »Fremdenangst zu verhindern«. Der sozialdemokratische Bürgermeister bezichtigte Türken der »Khomenisierung« Ishojs.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(8) Wie auch anderswo zu beobachten, beschloß die Gruppe der Abgeordneten der BRD im Europaparlament keine besonderen legislativen Maßnahmen auf der Grundlage der Anerkennung der Erklärung der Deklaration gegen Rassismus und Fremdenangst, als sie erfuhr, »dass die Bundesregierung der Ansicht ist, daß die bestehenden gesetzlichen Instrumente ausreichen, ungewünschten Entwicklungen wirksam zu begegnen.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2012/02/der-diskurs-der-elite/#footnote_10_2837" id="identifier_10_2837" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Selbst das Grundgesetz der BRD geht in Art. 3 (3) davon aus, da&szlig; es menschliche Rassen gebe, was wissenschaftlich seit langem widerlegt ist. Es f&ouml;rdert dadurch ein rassistisches Menschenbild. S.J.">11</a></sup></p>
<p style="padding-left: 30px;">(9) Die Bonner Regierung hat sich systematisch geweigert, jedem Projekt des Europäischen Sozialfonds zur Unterstützung der Sinti und Roma zuzustimmen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(10) Trotz der wachsenden Zahl rassistischer Morde in Frankreich stellte ein Französischer Repräsentant im Europaparlament bei einer Anhörung entgegen allen Forderungen von Menschenrechtsgruppen fest, daß »die Einführung neuer Gesetze nicht als Priorität angesehen werde«. Neue Gesetze wurden erst dann angekündigt, als später drei weitere Nordafrikaner umgebracht worden waren. Nur die Sozialistische Partei votierte für dieses 1990er Gesetz; alle anderen stimmten dagegen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(11) Bürgermeister verschiedener französischer Städte haben den Minister für Erziehung öffentlich aufgefordert, daß er Kinder aus Nicht-EG-Ländern nicht zu den lokalen Schulen zuließe, um auf diese Weise die Politiker mit einem »Schock« dazu zu bringen, der Einwanderung Zügel anzulegen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(12) Präsident <em>Mitterand</em> bediente sich eines stark rechtsextremen Diskurses, als er erklärte, »die Schwelle der Toleranz« (gegenüber Einwanderung) sei erreicht.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(13) Die konservativen Oppositionsparteien in Frankreich übernahmeneinige der Vorschläge, die früher von Le Pens Front National erhoben worden waren.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(14) Nach vielen rassistischen und antisemitischen Äußerungen von Le Pen und vielen anderen lokalen Politikern in Frankreich zur Einwanderungsfrage äußerte der Vertreter der Front National im Europaparlament, Herr <em>Autant Lara</em>, Bedauern darüber, daß die Nazis es versäumt hätten Frau <em>Simone Weil</em>, ehemalige Präsidentin des EP und prominentes Mitglied der dezimierten französisch-jüdischen Gruppe, zu vergasen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(15) Wie die konservative Opposition beschloß auch die Sozialistische Regierung in Frankreich, ihre Pläne, (einigen) Einwanderern das kommunale Wahlrecht zu gewähren, nicht weiter voranzutreiben.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(16) Trotz zunehmender rassischer Intoleranz hat Italien keine neueren Gesetze oder Verordnungen verabschiedet, um Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(17) In der Schweiz gibt es keine Gesetzgebung, durch die Rassismus und Fremdenfeindlichkeit bekämpft werden könnten.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(18) In Norwegen gewann die extrem rechte Fremskrit-Partei 13 % der Stimmen bei den nationalen Wahlen 1989, wodurch sie zur drittstärksten politischen Kraft im Lande wurde.</p>
<p>Das ist nur eine kleine Auswahl der politischen Fakten, die dem Kommittee des EP berichtet worden sind, Fakten, die selbst nur die Spitze eines Eisbergs von Rassismus in Europa darstellen. Doch wir erhalten dadurch einen Eindruck vom politischen Kontext, den Ideologien, Praxen und Diskursen über Minderheiten und Einwanderung. Wir können einige der wichtigsten Punkte zu diesen politischen Ideologien und Diskursen wie folgt auflisten:</p>
<p style="padding-left: 30px;">(a) Die Weißen sind überlegen. Einwanderer sind kulturell und moralisch minderwertiger (»Barbaren«, Verbrecher, Drogenabhängige, religiöse Fanatiker, Schnorrer usw.)</p>
<p style="padding-left: 30px;">(b) Rassismus, Diskriminierung oder Fremdenfeindlichkeit sind keine Probleme, für die es einer nationalen Gesetzgebung bedarf, und sie haben auch keine politische Priorität. Die gegebene Gesetzeslage reicht aus. Trotz wiederholter Aufforderungen anti-rassistischer Organisationen haben die Europäischen Staatsmänner niemals bindende Verpflichtungen verabschiedet und erst recht keine ernsthaften Maßnahmen gegen Rassismus in Europa ergriffen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(c) Rechtsextremistische rassistische Äußerungen brauchen nicht(ernsthaft) verfolgt zu werden, selbst wenn dabei gegen bestehende Gesetze verstoßen wird.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(d) In »Not«-Fällen dürfen die Politiker diskriminierende Handlungen gegen die Einwanderung, die Ansiedlung oder die Einführung der Bürgerrechte vornehmen.</p>
<p style="padding-left: 30px;">(e) Es wird davon ausgegangen, daß Gesellschaften und Kulturen eine »Schwelle« der Akzeptanz von Einwanderern besitzen, die z.B. an absoluten Zahlen oder Prozenten festgemacht wird. Das bedeutet, daß weiße Kommunen schlicht erklären können, daß ihre »Toleranzschwelle« überschritten und Diskriminierung deshalb rechtens sei.</p>
<p>Die Konsequenzen, die aus diesen Ideologieversatzstücken zu ziehen sind, bringen einen aus der Fassung. Während die extremistischen Rechten einen offenen rassistischen Diskurs pflegen, verwenden die dominanten politischen Kräfte zwar die gleiche Ideologie, ihre Aktivitäten gegen Einwanderung und gleiche Rechte sind jedoch »moderater«. Mit anderen Worten: Der Rassismus der Rechtsextremen ist dafür nützlich, daß solche Formen des Rassismus verwendet werden können, die vergleichsweise weniger krass zu sein scheinen. Deshalb ist es auch nicht überraschend, daß der politische und ideologische Extremismus weder mit aller Kraft zensiert noch sonstwie gesetzlich geahndet wird. Rassistische Parteien werden nicht aufgelöst, auch wenn sie außerhalb des gesellschaftlichen Konsens gestellt werden. Die Taten und die Propaganda ihrer Mitglieder werden nur symbolisch bestraft. Eine generelle Gesetzgebung gegen Diskriminierung wird selten oder gar nicht beschlossen oder verschärft, weil dies nicht nur dazu führen würde, den (nützlichen) Rechtsextremismus weiter an den Rand zu drängen oder zu zerstören, sondern weil sich das auch auf die »moderaten« Formen des Rassismus anderer politischer Gruppen auswirken würde, und mehr noch, auf die Mehrheit der weißen Bevölkerung. Weil diese Mehrheit einen solchen Rassismus kategorisch bestreitet, betrachtet man eine anti-rassistische Gesetzgebung als einen nicht zu tolerierenden Angriff auf den moralischen Status der Weißen.</p>
<p><strong>7. Der Diskurs im Geschäfts- und Arbeitsleben</strong></p>
<p>Obwohl Diskriminierung im Geschäftsleben auf breiter Ebene nachgewiesen ist (Fernandez 1981; Jaynes / Williams 1989; Jenkins 1986; Jenkins / Solomos 1987), gibt es kaum Daten und Forschungsergebnisse über den Wirtschaftsdiskurs über ethnische Angelegenheiten. Anders als bei politischen, sozialen, erzieherischen oder akademischen Diskursen wird über diese Formen von Diskriminierung in Text und mündlicher Rede nur selten in den Medien berichtet; und wenn das auch nur daran liegt, daß dieser Bereich für Journalisten kaum zugänglich ist. Großfirmen und ihre PR-Abteilungen üben penibel Kontrolle über das aus, was in der Presse berichtet wird, und sie geben nicht so schnell Einblick in die alltäglichen Formen der Entscheidungsfindung und die täglichen Praxen von Einstellung, Beförderung, Interaktion und Geschäftstransaktionen, die Minderheitengruppen betreffen.</p>
<p>Doch aus Untersuchungen über die Erfahrungen, die Mitglieder von Minderheitengruppen gemacht haben, geht unzweideutig hervor, daß der Grad des täglichen Rassismus und der diskriminierenden Praxen im Geschäftsleben erheblich ist (Essed 1984, 1991). Diese Praxen können selbst diskursiv sein oder in Schrift und Rede gerechtfertigt werden. Die hervorstechenden Eigenarten dieses Diskurses korrespondieren mit den allgemeinen Zielen des kapitalistischen Wirtschaftens, und das sind Wettbewerb und Profit. Wenn Angehörige von Minderheiten seltener eingestellt und befördert werden, dann wird dies mit unterstellten Bildungs- und Ausbildungs»defiziten« gerechtfertigt, mit vermuteten »Schwierigkeiten&#8221;, die Beschäftigte, die aus Minderheitengruppen stammen, verursachen, oder damit, daß die Präsenz von Beschäftigten aus Minderheiten die Wettbewerbsfähigkeit mindere. Besonders in Europa wird jede Hilfestellung oder jedes auf Minderheiten bezogene Bemühen, der eklatanten Arbeitslosigkeit bei Minderheitengruppen zu begegnen, resolut als Form unerträglicher Einmischung in die »Freiheit der Wirtschaft« zurückgewiesen. Mit Hinweis auf die Minderung der Wettbewerbsfähigkeit kommen die Firmen, was die Verweigerung einer Einstellung betrifft, in der Regel ungeschoren davon.</p>
<p><strong>8. Der Alltagsdiskurs</strong></p>
<p>Diese verschiedenen Formen des Elite-Diskurses werden, zumindest teilweise, durch die Massenmedien an die breite Bevölkerung weitergegeben. Unsere Analysen in Verbindung mit dem Forschungsprojekt über die Reproduktion von Rassismus in Alltagsgesprächen haben immer wieder gezeigt, daß solche elitären Formen des Rassismus einen riesigen Einfluß auf die alltäglichen Ansichten und Diskurse haben (van dijk 1987a). Die Themen des Alltagsdiskurses über Minderheiten sind größtenteils mit denen der Massenmedien identisch. Beispiele und Illustrationen zeigen, daß nur wenige weiße Sprecher Geschichten erzählen, die auf persönlichen Erfahrungen beruhen. Die Argumentation, bestimmte Redewendungen und der Stil sind häufig direkt aus dem (öffentlichen) Mediendiskurs entliehen. Negative Geschichten über Minderheiten können dadurch abgesichert werden, daß darauf verwiesen wird, »man lese so etwas täglich in den Zeitungen«. In ganz ähnlicher Weise können Mitglieder rassistischer politischer Parteien Laienversionen rassistischer Pseudo-Wissenschaft formulieren. Mit anderen Worten: Ein Großteil des Alltags-Diskurses über »Rasse« scheint in den Elite-Diskursen präformuliert zu sein.</p>
<p>Doch der Alltagsdiskurs über ethnische Minderheiten hat auch gewisse autonome Dimensionen, die z.B. von den Besonderheiten der sozio-ökonomischen Situation abhängig sind. Weiße in armen innerstädtischen Nachbarschaften äußern ihren Zorn über schlechte Wohnungen und Arbeitslosigkeit, indem sie die Einwanderer dafür verantwortlich machen. Ja, sie können sogar der Regierung (oder anderen Eliten) vorwerfen, daß sie »diese Leute hereinkommen ließen«. Mit anderen Worten: Es gibt auch einen »Volkszorn« gegen liberale oder moderate Haltungen gegenüber dem Zuzug von Einwanderern. Rassistische Parteien, wie die Front National in Frankreich, nutzen diesen Aspekt des Volkszorns mit großer Präzision für ihre Zwecke aus. Das heißt, selbst wenn volkstümliche Formen des Zorns gegen Einwanderer in Alltagserfahrungen der Klassenunterdrückung begründet sein mögen, können sie von rechtsgerichteten politischen Eliten »gemanaged« werden. Ganz ähnlich rechtfertigen und, infolgedessen: stärken, die dominanten politischen Parteien und die Regierungen umgekehrt diesen volkstümlichen Rassismus, indem sie ihre eigenen Formen ethnischer Ausschließung und Marginalisierung verwenden, zum Beispiel indem sie die Einwanderung einschränken oder, wie dies in Frankreich und Deutschland der Fall ist, indem sie den Einwanderern das Wahlrecht vorenthalten.</p>
<p>Es gibt verschiedene Gründe dafür, weshalb der alltägliche Rassismus nur begrenzt autonom ist. Erstens kann er nur einflußreich sein, wenn er in der ganzen Bevölkerung verbreitet ist, und das ist ohne Zutun der Massenmedien unmöglich. Zweitens: Unsere Forschungsergebnisse zeigen, daß der volkstümliche Rassismus sich nicht nur in ethnisch gemischten Wohnvierteln findet und daher nicht nur auf persönlicher Erfahrung gründet, noch daß er in erster Linie von sozio-ökonomischen Faktoren wie schlechten Wohnungen, Verfall der Innenstädte oder Arbeitslosigkeit abhängig ist. Drittens: Einwanderer und Minderheitengruppen, die nicht oder nur selten von den Massenmedien negativ dargestellt werden, z.B. die Vietnamesischen Bootsflüchtlinge, Flüchtlinge aus anderen kommunistischen Ländern oder weiße Einwanderer sind bedeutend seltener Ziel des Volkszorns. Mit anderen Worten: Diese und andere Faktoren scheinen darauf zu verweisen, daß die volkstümliche Feindlichkeit gegen Minderheiten und Einwanderer größtenteils von den Medien und den politischen Eliten gemanaged und manipuliert wird.</p>
<p><strong>9. Schlußfolgerungen</strong></p>
<p>Wir haben behauptet, daß Eliten, und aus diesem Grunde auch der Elite-Diskurs, eine herausragende Rolle bei der Reproduktion von Rassismus spielen. Während Rassismus auf der Makroebene in der Sprache weißer Gruppenmacht definiert wird, die über Minderheiten, Einwanderer oder (andere) Menschen aus der Dritten Weit ausgeübt wird, übt der Diskurs diese Dominanz auf der Mikroebene der Kommunikation aus. Dies geschieht sowohl entlang der Dimension sozialen Handelns, nämlich wenn der Diskurs selbst als diskriminierende Handlung, die sich gegen Minderheiten richtet, interpretiert wird, oder entlang der Dimension sozialer Erkenntnis und Ideologie, wo Diskurs als Mittel der Bewußtseinsbildung angesehen wird. In letzterem Falle funktioniert der Diskurs innerhalb der weißen Gruppe als der Hauptkanal für den Erwerb sozialen Wissens über ethnische Angelegenheiten. Dieses soziale Wissen ist umgekehrt die Kernbedingung für rassistisches Handeln.</p>
<p>Weil der Diskurs eine derart bedeutende Rolle bei der Reproduktion der Macht spielt, ist ferner angenommen worden, daß diejenigen (weißen) Gruppen, die die Mittel der Ideologieproduktion besitzen oder aber doch leichten Zugang dazu haben, auch eine (teilweise) Kontrolle über diejenigen Diskurse ausüben, die ihre eigene Herrschaft rechtfertigen. So kommt es, daß, obwohl die weiße Gruppe als Ganze die Minderheitengruppen dominiert, die Eliten wiederum den öffentlichen Diskurs kontrollieren und damit die Bedingungen der Ideologieproduktion innerhalb der weißen Gruppe, einschließlich der herrschenden Ideologien über ethnische Angelegenheiten. Deshalb nehmen wir an, daß, obwohl es Formen eines »volkstümlichen« Rassismus gibt, ihre ursprüngliche Ausarbeitung durch verschiedene Eliten vorgenommen wird.</p>
<p>Um die Implikationen dieser Annahmen zu überprüfen, haben wir ein paar typische Diskursformen, die von den Eliten kontrolliert werden, untersucht, nämlich den Diskurs der Massenmedien, den des Ausbildungswesens, der Wissenschaft und der Politik, Auf jeweils unterschiedliche Weise haben diese Diskurstypen bestimmte Formen von sozialem Einfluß auf die Öffentlichkeit allgemein, ebenso wie auf andere Diskurstypen.</p>
<p>So konnten wir feststellen, daß die Behandlung ethnischer Angelegenheiten in der Presse ein zentrales Einfallstor für andere Formen des Elite-Diskurses darstellt. Die Presse berichtet über politische, soziale, wissenschaftliche oder die Erziehung betreffende Diskurse über ethnische Angelegenheiten; doch sie durchbricht diese scheinbar »passive« Rolle, indem sie ihre eigenen Strategien der Nachrichtenproduktion entwickelt, einschließlich Quellen und Quellentextauswahl und -rekonstruktion, Zusammenfassung, stilistischer Überarbeitung, Schwerpunktsetzung, verschiedener Formen des Erzählens und, besonders in Hintergrundartikeln und bei Leitartikeln, ihrer eigenen Argumentationsstrategien. Auf diese Weise kann die Presse den Diskurs von Minderheiten ignorieren, die Diskurse bestimmter politischer Gruppen dramatisieren oder verharmlosen und ganz allgemein ihr eigenes Bild der ethnischen Situation zeichnen. Die Analyse der Themen, der Nachrichtenschemata, der hierarchischen Anordnung, der lokalen Redewendungen, von Stil und Rhetorik und die der Argumentationsmuster zeigen, wie Journalisten ethnische Ereignisse kognitiv repräsentieren und sozial präsentieren. Wir haben herausgefunden, daß dieses »Bild« in hohem Maße stereotyp ist, wenn nicht sogar gelegentlich mit Vorurteilen gespickt und rassistisch, besonders in der Rechtsaußenpresse. Überall werden die Minderheiten so (re-)präsentiert, daß sie Probleme machen, Konflikt erzeugen und die weiße Mehrheit bedrohen, welche selbst neutral bis positiv gezeichnet wird. Besonders in Europa werden Journalisten aus den Minderheiten kaum eingestellt, und es gibt, ganz allgemein gesagt, keine Minderheitenperspektive bei der Präsentation ethnischer Ereignisse. Nicht nur, daß die Weißen die Definitionsmacht über alle Situationen behaupten; besonders den weißen Eliten des Staates und anderer Institutionen wird darüber hinaus absolute Priorität eingeräumt, wenn nicht sogar Exklusivität hinsichtlich der Herrschaft über den öffentlichen Diskurs.</p>
<p>In kleinerem Rahmen gilt dies auch für Schulbücher. Als die wichtigsten Mittel, erzieherische Curricula und Praxen zu unterstützen, statten solche Lernmaterialien die Kinder mit der ersten Definition »anderer« Völker aus, wie Minderheiten und (andere) Völker der Dritten Welt. Unsere eigenen Untersuchungen bestätigen, was bei vielen anderen Studien in verschiedenen Ländern festgestellt werden konnte, nämlich daß solche Schulbücher bis weit in die 80er Jahre entweder dazu tendieren, die gesellschaftlichen, geographischen oder historischen Tatsachen über Minderheiten und Völker der Dritten Welt zu ignorieren oder zu marginalisieren oder diese Gruppen in einer stereotypen oder sogar negativen Weise zu präsentieren. In solchen Schulbüchern wird davon ausgegangen, daß der Klassenraum immer noch weiß ist, wie am Stil und den Bebilderungen der Lektionen über ethnische Angelegenheiten leicht abzulesen ist. Hauptthema ist die kulturelle Differenz, die meist in stereotyper oder vorurteilshafter Sprache geschildert wird, nämlich als Quelle von Schwierigkeiten und Konflikten. Die eigene, weiße (westliche, europäische) Gruppe wird, mit einigen winzigen Ausnahmen (gelegentliche Kritik an Kolonialismus, Sklaverei oder Diskriminierung), durchweg neutral oder positiv dargestellt.</p>
<p>Der politische Diskurs über ethnische Angelegenheiten ist Ausdruck und bedeutet zugleich Verankerung von Entscheidungsmacht und der damit verbundenen Interessen. Hier dienen Rechtfertigung und Kontrolle im Kern dazu, neben anderen Angelegenheiten Einwanderungspolitik und die Praxis des Umgangs mit Einwanderern, Ansiedlung, Sozialhilfe, (Nicht-)Beschäftigung, Gesundheitsversorgung und Erziehung vorzubereiten oder darüber Rechenschaft abzulegen. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, daß der Machtkampf in der Politik zu einer Ideologie eines (weißen) »ethnischen Konsensus« führt. Dieser Konsens rechtfertigt in erster Linie die weiße Vorherrschaft, indem Rassismus geleugnet wird oder sein Vorkommen auf die Gedankenwelt von Rechtsextremisten beschränkt wird. Zweitens suggeriert er Gleichheit, Fairness oder Toleranz in einer pluralistischen Sozialordnung. Ungleichheit wird dadurch erklärt und entschuldigt, daß die Opfer angeklagt werden, z.B. indem man den Minderheiten Mangel an Lern-Motivation, unzureichende Arbeitsmoral oder andere negative Eigenschaften andichtet. Eine weitere Erklärung für den Mißbrauch von Bürgerrechten ist der »Notfall«, der gegeben sei, wenn »die Schwelle der Toleranz« überschritten sei, z.B. durch große Einwandererzahlen oder soziale Konflikte. In diesem Rahmen positiver Selbstdarstellung und negativer Darstellung der Anderen, was auch den Medien-Diskurs charakterisiert und deshalb als Vorbild für die gesamte weiße Öffentlichkeit dient, werden antirassistische Gesetze oder die Verschärfung von Anti-Diskriminierungsgesetzen und -paragraphen für überflüssig gehalten.</p>
<p>Der rassistische Diskurs im Wirtschafts- und Erwerbsleben tritt im wesentlichen in den folgenden drei Formen auf, nämlich (1) als dis-kursiver Rassismus als Teil der mit der Arbeit verbundenen Interaktionen, (2) als Rechtfertigung diskriminierender Praxen bei Einstellung und Beförderung, und (3) als Ablehnung von Chancengleichheit und Hilfsmaßnahmen. Obwohl weniger offen und weniger öffentlich als andere Formen des rassistischen Diskurses, ist es aber genau diese Gestalt des Alltags-Rassismus bei der Arbeit und im Geschäftsleben, die vielleicht die unangenehmsten Konsequenzen für das Alltagsleben der Angehörigen von Minderheitengruppen in sich trägt.</p>
<p>Auf scheinbar noch niedrigerer Ebene stellt der rassistische akademische Diskurs die zentrale Rechtfertigung für den ethnischen Diskurs anderer Eliten bereit, z.B. in der Politik, den Medien und im Bereich der Erziehung und auch im Arbeitsleben. Seit einigen Jahrhunderten und bis heute haben Wissenschaftler die ideologischen Eckpfeiler bereitgestellt, die sehr schön zu den Laienversionen ethnischer Ungleichheit paßten, z.B. indem sie von rassischer Minderwertigkeit, genetischen Besonderheiten, kulturellen Unterschieden, Vererbungslehre und anderen Pseudo-Theorien schwafelten, die allesamt nichts anderes darstellen als raffinierte (und auch manchmal nicht einmal so sehr raffinierte) Reformulierungen der rassistischen Vorstellungen ihrer Urheber. Obwohl weiterhin und bis heute die krassen Versionen dieser Formen von Sozial-Darwinismus, Vorherrschaft der Eliten oder weißer (männlicher, bürgerlicher, westlicher etc.) Überlegenheit veröffentlicht und diskutiert werden, stellen sie nicht mehr den Hauptstrom dar, obwohl ihre Vertreter gelegentlich immer noch hervorragende Posten einnehmen. Obwohl sie eine unbedeutende Rolle in der Wissenschaft spielen, gelten sie weiterhin als legitim: Sie werden nicht aktiv zensuriert, verboten oder verfolgt. Ihre Legitimität wird auch darin gesehen, daß sie »Diskussionen« lostreten, die zu einer Art »Körnchen Wahrheit«-Effekt in moderateren wissenschaftlichen Versionen von »Theorien« über soziale und ethnische Ungleichheit führen. Diese aber sind es, die den politischen, den Medien- und Erziehungsdiskurs beeinflussen, wie wir das leicht an den herrschenden neo-konservativen und neo-liberalen Ideologien sehen können, die mit der Haltung: »Das ist doch kein Unsinn!« die Beschäftigung mit ethnischen Fragen verteidigen, wodurch die sozialen, ökonomischen und kulturellen Folgen des Rassismus wirkungsvoll verschleiert werden.</p>
<p>Wir haben ferner behauptet, daß jener »völkische« oder Alltags-Rassismus, der zwar eine gewisse Eigenständigkeit besitzt, wenn er sich auf alltägliche sozio-ökonomische Erfahrungen bezieht, in hohem Maße aber durch die diversen Diskurse der Eliten vorformuliert und gemanaged wird. Die Menschen neigen oft dazu, ihre Anti-Einwanderer-Stories und -argumente durch Verweis auf »Fakten«, die die Medien berichtet haben, abzusichern. Und obwohl der völkische Rassismus im allgemeinen dazu tendiert, die »Politiker« für die »ethnische Situation« verantwortlich zu machen, rechtfertigen und d.h. verstärken die meisten politischen Parteien den Volkszorn, indem sie zunehmend harte Entscheidungen zur Einwandererfrage verabschieden. Andere Belege zeigen, daß der Volkszorn gegenüber Einwanderern eine direkte Folge des von der Elite kontrollierten öffentlichen Diskurses über solche Einwanderer darstellt, wie man leicht an den verschiedenen Einstellungen gegenüber unterschiedlichen Flüchtlingsgruppen ablesen kann. Wir können deshalb insgesamt schlußfolgern, daß es die Eliten und ihre Diskurse sind, die den ethnischen Konsens herstellen, der die Basis für den heutigen Rassismus abgibt.</p>
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<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_2837" class="footnote">pad &#8211; Pädagogische Arbeitsstelle, Dortmund 1991 ISBN 3-88515-123-5</li><li id="footnote_1_2837" class="footnote">Vgl. z.B. die Arbeiten von Delgado 1972; Panini 1980; Segal 1981; Merten /Ruhrmann et. al. 1986; Ruhrmann /Kollmer 1987</li><li id="footnote_2_2837" class="footnote">Dies gilt ebenfalls und wahrscheinlich sogar in noch stärkerem Maße für den Teil der deutschen Bevölkerung, der im Gebiet der ehemaligen DDR lebt.</li><li id="footnote_3_2837" class="footnote">Die in Seminaren an der Universität Duisburg und im Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung inzwischen ebenfalls durchgeführten (teilweise erst noch explorativen) Studien bestätigen den Befund van Dijks. Vgl. dazu Jäger (Hg.) 1988, Krieg 1989, Rother 1989, Jäger 1991, Jäger / Jäger 1991</li><li id="footnote_4_2837" class="footnote">Vgl. dazu und zum Problem »Interkulturelles Lernen« Haller 1989 u. 1990.</li><li id="footnote_5_2837" class="footnote">Dieser Broschüre liegt das Manuskript eines Vortrages zu Grunde, den Teun A. van Dijk auf der Konferenz über europäischen Rassismus vom 25.-30. September 1990 in Hamburg gehalten hat. Übersetzung aus dem Englischen: Siegfried Jäger</li><li id="footnote_6_2837" class="footnote">van Dijk verwendet den Terminus <em>ethnisch</em> immer so, daß damit Ereignisse, Darstellungen etc. von Minderheiten bezeichnet werden. Wir würden in der BRD wahrscheinlich immer von Ereignissen etc. sprechen, in die Ausländer verwickelt sind. Der Terminus <em>Ausländer</em> ist aber bereits ausgrenzend. Wenn van Dijk Personen direkt meint, spricht er von Einwanderern. Flüchtlingen oder Mitgliedern von Minderheiten/gruppen, S.J.</li><li id="footnote_7_2837" class="footnote">Das gilt auch für die BRD, wie Stichproben anhand von Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien sowie Untersuchungen von Informationen für Lehrer, die millionenfach kostenlos verteilt werden, ergeben haben. Vgl. S. Jäger: Die Nutznießer, Vorlesungsmanuskript Universität Duisburg SS 1989 (S.J.) </li><li id="footnote_8_2837" class="footnote">Auch scheinbar harmlose Untersuchungen wie z. B. die empirische Erforschung der internationalen Stellung der deutschen Sprache müssen sich die Frage stellen lassen, welche politische Perspektive damit verbunden ist. S.J.</li><li id="footnote_9_2837" class="footnote">Zur Zeit der Abfassung des Papers noch nicht veröffentlicht; inzwischen aber beim Europarlament erhältlich, S.J.</li><li id="footnote_10_2837" class="footnote">Selbst das Grundgesetz der BRD geht in Art. 3 (3) davon aus, daß es menschliche Rassen gebe, was wissenschaftlich seit langem widerlegt ist. Es fördert dadurch ein rassistisches Menschenbild. S.J.</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Eine Stimme von anderswo</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Jan 2012 15:39:14 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[Alfred Schobert (1963-2006) – eingreifender und illegitimer Intellektueller. Maike Weißpflug und Richard Gebhardt rezensieren: Alfred Schobert, Analysen und Essays. Extreme Rechte &#8211; Geschichtspolitik &#8211; Poststrukturalismus. Rezension erschienen in: DAS ARGUMENT, Ausgabe 294/2011, S. 753-756. Die Frage, wer Intellektueller ist, oder besser: was genau intellektuelle Tätigkeit sei, ist nicht zu trennen von jener anderen: wer [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><strong>Alfred Schobert (1963-2006) – eingreifender und illegitimer Intellektueller. </strong>Maike Weißpflug und Richard Gebhardt rezensieren: Alfred Schobert, <a href="http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,310,13.html" target="_blank">Analysen und Essays. Extreme Rechte &#8211; Geschichtspolitik &#8211; Poststrukturalismus</a>. Rezension erschienen in:</strong><strong> <a href="http://www.inkrit.de/argument/index.htm" target="_blank">DAS ARGUMENT</a>, <strong>Ausgabe 294/2011, S. 753-756.</strong></strong></p>
<p>Die Frage, wer Intellektueller ist, oder besser: was genau intellektuelle Tätigkeit sei, ist nicht zu trennen von jener anderen: wer über diese Frage mit befinden darf. (Bourdieu 1988, 346) Als Alfred Schobert überraschend im November 2006 gestorben war, schrieb Moshe Zuckermann, dieser sei »einer der luzidesten Intellektuellen der Bundesrepublik, aber auch einer der Unbekanntesten« gewesen (zit.n. Jäger 2007). Siegfried Jäger, Leiter des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS), widersprach dem zweiten Teil dieser Einschätzung: Schobert hatte seit 1993 für das DISS gearbeitet und dort u.a. das umfangreiche Archiv zum Neofaschismus mitaufgebaut. Er war Ansprechpartner für zahlreiche Medien, seine Expertisen vor allem zur extremen Rechten fanden in der Presse und in öffentlich-rechtlichen TV-Sendungen oder Nachrichtenmagazinen (<em>Monitor, Spiegel</em>) Resonanz. Schobert war Experte für die ›Neue Rechte‹ in Deutschland und Frankreich und als Vortragsreisender in der Bundesrepublik bekannt; durch seine Tätigkeit für linke Zeitschriften (<em>Graswurzelrevolution, junge Welt, konkret, jungle world, Freitag</em>) hat er sich einen Namen als scharfsinniger Kritiker gemacht.</p>
<p>Seine wissenschaftliche Tätigkeit hat er als studentische Hilfskraft des kritischen Gehlen-Schülers Karl-Siegbert Rehberg begonnen, Anfang der 1990er Jahre veröffentlichte er mehrere Rezensionen im <em>Argument</em>. Geprägt vom Studium bei Jacques Derrida in Paris und Kurt Lenk in Aachen, orientierte er sich gleichermaßen an der Kritischen Theorie wie am ›Poststrukturalismus‹. Der bevorzugte Ort seines Wirkens lag allerdings jenseits der Bücher. Er verstand sich als eingreifender Intellektueller in der Tradition von Zolas J’accuse, suchte die Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit und initiierte so manche Debatte innerhalb der Linken. Zugleich blieb er eine »Stimme von anderswo«, ein Paria-Wissenschaftler und Grenzgänger. Einen akademischen Titel hat er nie erworben – und wurde doch bald einer der prägenden Köpfe des DISS. Jenseits der Zwänge des akademischen Betriebs bewährte sich seine Arbeit in gegenhegemonialen Instituten und Organen: um den – am Ende zu hohen – Preis prekärer materieller Existenz.</p>
<p>Martin Dietzsch, Siegfried Jäger und Moshe Zuckermann haben dreißig der etwa dreihundert von Schobert publizierten Texte herausgegeben (Schobert 2009), darunter sind minutiös recherchierte empirische Analysen und theoretisch ausgerichtete Arbeiten.</p>
<p><strong>Über Diskurspiraten und andere Vordenker der extremen Rechten</strong></p>
<p>Die scharfe Kritik an der extremen Rechten, der detaillierte Nachweis ihrer Einflussversuche, zum Beispiel auf die Jugendkultur der ›Gothics‹, brachte Schobert Schmähartikel und sogar Morddrohungen ein. Schoberts Aufmerksamkeit gilt den »Interdiskursproduktionen«, die er vorzugsweise am Beispiel der Texte des Vordenkers der französischen <em>Nouvelle Droite</em>, Alain de Benoist, anschaulich macht. Die Analysen sind kein ›alternativer Verfassungsschutzbericht‹, der sich auf den bloßen Nachweis von Strukturen und personellen Netzwerken beschränkt, sondern haben die nach rechts offenen Flanken der bürgerlichen Gesellschaft im Blick. Dabei bedient sich Schobert aus einem vielfältigen Fundus an Primärquellen: darunter entlegene Blätter französischer Faschisten und abseitige Internetforen ihrer deutschen Kameraden. Der 2006 gehaltene Vortrag <em>Zum Judenbild der konterrevolutionären Rechten und der intransigenten Katholiken</em> analysiert das Weltbild dieser christlichen Rechten und wirkt vor dem Hintergrund des Skandals um die Piusbruderschaft wie ein fundierter Hintergrundartikel zur jüngeren Politik.</p>
<p>Schobert schreibt ebenso vergnügliche wie anschauliche Werkstattberichte, in denen z.B. von der detektivischen Recherchearbeit während eines Aufenthalts in Frankreich berichtet wird. In der Detailschilderung eines Moments lässt er politische Stimmungen und gesellschaftliche Tendenzen aufblitzen: »›RRRR-i-v-a-rrrr-o-l‹ stieß der junge Verkäufer am Zeitungskiosk der Gare de Lyon laut und spürbar angewidert aus, als ich ihm das aus der untersten Etage gefischte Blatt zwecks Barzahlung hinhielt. Das war ungefähr so wie jene Szene in einem Spot der AIDS-Aufklärung, in der der Kunde möglichst diskret eine Packung Kondome erwerben will, die Kassiererin hingegen in allergrößter Selbstverständlichkeit durch den Supermarkt schreit: ›Was kosten die Kondome?‹ Und was hätte es gebracht, wenn ich nun erklärt hätte, ich bräuchte das Schmierblatt, weil ich […] einen Überblick über die französische rechte Publizistik geben wollte?« (Schobert 2009, 186). – Das nach dem monarchistisch orientierten, von Ernst Jünger in Deutschland popularisierten Schriftsteller Antoine de Rivarol benannte Blatt ist eines der in Deutschland nahezu unbekannten Blätter, die regelmäßig in den bis 2004 erschienenen Archiv-Notizen des DISS vorgestellt wurden.</p>
<p>Schobert weist nach, wie Rechtsintellektuelle aus dem »vormals verpönten Signifikanten ›Kulturrevolution‹« eine von rechts zu besetzende Vokabel machen und die »Entwendungen aus der Kommune« (Bloch) auf die Spitze treiben. »Kulturrevolution von rechts« bzw. »Gramscianismus von rechts« war eine berüchtigte Kampfparole der<em> Nouvelle Droite</em> in den 1980er Jahren. Anhand der Publikationen der Historiker Rolf Peter Sieferle, Karlheinz Weißmann und des Sozialphilosophen Günter Rohrmoser zeigt Schobert, wie »Kulturrevolution« auch in Deutschland nicht mehr mit »Reeducation« oder der Revolte von 1968 in Verbindung gebracht wird. ›Kulturrevolution‹ ist für diese Intellektuelle nicht mehr das verpönte Symbol des diskursiven Antipoden, kein Verfall suggerierender Signifikant, im Gegenteil – »die ›kulturelle Revolution‹ soll gerade dagegen Abhilfe schaffen« (29).</p>
<p><strong>Geschichtspolitische Interventionen</strong></p>
<p>Die Analysen zur Walser-Rede und dessen Verständnis von Nation sind minutiös und beinahe überbordend mit Fußnoten, Referenzen und Querverweisen. Schobert weist Walsers deutschnationale Ressentiments innerhalb seines Werkes nach. Er schärft den Blick für die politischen Implikationen und Auffälligkeiten der Forderung nach einer »Normalisierung« Deutschlands: »Nun hatte diese Politik der ›Normalisierung‹ bisher immer den Makel, dass so penetrant von ›Normalisierung‹ geredet, ›Normalität‹ beschworen wurde, und das ist alles andere als normal.« (227f) Die Diskursanalyse der am Tag der Deutschen Einheit 2003 gehaltenen »Tätervolk«-Rede des damaligen hessischen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann bietet das Handwerkzeug, um eine Korrespondenz zwischen extremer Rechter und bürgerlicher Mitte nachzuweisen. Schobert zeigt, wie Hohmann zu Beginn seiner Ausführungen Individuum gegen Gemeinschaft setzt und über die Rechtmäßigkeit der Höhe der Entschädigungszahlungen an Zwangsarbeiter sinniert. Um zu seiner Pointe zu gelangen – die Schuldzuweisung an »gottlose« Ideologen und Exkulpierung der Deutschen vom Vorwurf des »Tätervolks« durch einen Vergleich mit »dem jüdischen Volk«, dessen vermeintliche Rolle 1917 erörtert wird –, zitierte Hohmann aus zeitgenössischer Literatur zur Rolle der Juden in der Oktoberrevolution und Passagen aus dem antisemitischen Klassiker <em>Der internationale Jude</em> von Henry Ford. Minutiös seziert Schobert den Gebrauch des Konjunktivs in der Rede, gibt Auskunft über historische Referenzen und die Rezeption der Rede und zeigt das »erschreckende Novum« (309), dass ein Bundestagsabgeordneter (unter Beifall eines der wichtigsten Generäle der Bundeswehr) einen zentralen ideologischen Komplex des Nazi-Antisemitismus reproduziert. Fast möchte man nicht das Treiben der Neonazis, sondern den neuen Eliten-Antisemitismus für bedenklicher halten; doch damit würden falsche Alternative aufgemacht und das Ineinandergreifen von rechtem Rand und Mitte der Gesellschaft übersehen: die harte Naziszene sah sich mit einiger Berechtigung durch Hohmanns Rede bestätigt und angefeuert. Schoberts Texte bieten – so schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung mit Recht – »in Form und Inhalt mannigfache Denkanstöße für eine notwendige intellektuelle Debatte« (Einleitung, 5).</p>
<p><strong>»Derrida ist kein Postmodernist«</strong></p>
<p>Auf den ersten Blick scheinen die theoretischen Arbeiten unvermittelt neben den konkreten Analysen zu stehen. Der Vorschlag, <em>Derrida politisch zu lesen</em>, zeugt von einer kritischen Aneignung, die ganz praktisch auf emanzipatorische Politik aus ist. Auch hier wird die intellektuelle Haltung Schoberts deutlich: stets kritischer Stachel gegen die Gemütlichkeiten des Status quo zu sein. »Derrida ist kein Postmodernist« (321), heißt es knapp. Denn Derridas Absage an die Metaphysik bedeute nicht das Ende der Geschichte und Politik wie in ›der Postmoderne‹, deren »Programm politischer Selbstbescheidung « (322) das emanzipatorische Verlangen, die Menschen aus den sie bedrückenden Verhältnissen zu befreien, ad acta legt. Schobert fügt spitz hinzu, ob die »fragwürdige Epochendiagnose« nicht für einen »legitimierte[n], gemütliche[n] Rückzug, sich keinen Ärger einzuhandeln und Verpflichtungen auszuweichen« (ebd.) genutzt werde. Nicht so bei Derrida: »Nichts scheint mir weniger veraltet zu sein als das klassische emanzipatorische Ideal.« (1991, 58) Können im Anschluss an Derrida politische Fragen und Gesellschaftskritik angemessen formuliert werden – ohne in »alt-philosophische oder bürgerliche Positionen zurück zu rutschen« (Reitz 2004, 827)? Schobert versucht es.</p>
<p>In <em>Marx’ Gespenster</em> liest Derrida Marx und Shakespeare neben- und ineinander, um die »Möglichkeit des Gespenstes [...] zu denken« (1995, 30), das bei Marx und im <em>Hamlet</em> eine wichtige Rolle spielt, im »›Namen der Gerechtigkeit‹ […] zwischen den Generationen, […] gegenüber den Vergangenen, […] den noch Kommenden« (Schobert 2009, 327). Der Zustand des politischen Gedächtnisses, »die hier in Frage kommenden Verbrechen, die Fälle von Zensur, die Amnesien und Verdrängungen, die Manipulationen und Verdrehungen der Archive, all dies kennzeichnet einen bestimmten Zustand der Zivilgesellschaft, des Rechts und des Staates, in denen wir leben« (Derrida nach Schobert, 328). Es gehe nicht um jenseitige Gerechtigkeit, sondern um eine Form von Gedächtnis-Politik, die – wenn auch in »Ungleichzeitigkeit der Gegenwart mit sich selbst« – <em>stattfinde</em>: Einer Gesellschaft, in der der Opfer vergangener Verbrechen nicht gedacht werden kann, bleibe die Gewalt eingeschrieben. »Als Bürger dieses Staates oder Weltbürger jenseits der Staatsbürgerschaft und des Nationalstaates müssen wir alles tun, um dem Unerträglichen ein Ende zu setzen.« (Ebd.) Schobert zitiert hier – und darin liegt die politische Konkretion – aus einer Erklärung Derridas anlässlich einer Veranstaltung zum Gedenken an das Massaker an algerischen Demonstranten, das in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1961 in Paris stattfand – ein Ereignis, das bis heute im politischen Gedächtnis Frankreichs wenig präsent ist. Derrida tritt dem Unerträglichen, der Gewalt der Auslöschung entgegen, die heute fortgesetzt wird, wenn die Erinnerung an die Getöteten auf staatlicher, juristischer und zivilgesellschaftlicher Ebene verhindert wird. Die Öffnung des Gedächtnisses könne also konkret als politischer, den Zustand der Welt verändernder, und ethischer, der Gerechtigkeit dienender Akt verstanden werden.</p>
<p>Ob diese »Politik des Gedächtnisses« (327) Marx’ Erbschaft legitimerweise antritt? Diese Frage bleibt offen: »MarxistInnen, gleich welcher Richtung, macht es Derrida in <em>Marx’ Gespenster</em> allerdings nicht leicht.« (326) Und man möchte hinzufügen: Schobert macht es uns ebenfalls nicht leicht. Die Auswahl seiner auf gut 400 Seiten versammelten Texte zeugt von einer – für sich selbst und andere – unbequemen intellektuellen Haltung, eine (heraus)fordernde Form des Denkens und Handelns in (gegen)öffentlichen Räumen. Es bleibt Schoberts Stimme von anderswo, die uns etwas aufträgt: »Strenge des Denkens, ethische Wachsamkeit und politische Arbeit« (1995, 397).</p>
<p><strong>Literatur</strong><br />
Bourdieu, Pierre, <em>Homo academicus</em>, Frankfurt/M 1988<br />
Derrida, Jacques,<em> Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der Autorität«</em>, Frankfurt/M 1991<br />
ders., <em>Marx’ Gespenster. Der Staat der Schuld, die Trauerarbeit und die neue Internationale</em>, Frankfurt/M 1995<br />
Jäger, Siegfried, »Alfred Schobert: Luzider Intellektueller, avancierter Publizist, politischer Wissenschaftler, Streiter für Frieden und Gerechtigkeit«, in: <em>Graswurzelrevolution</em> 315, Januar 2007, 19<br />
Reitz, Tilman, »Endlich fassbar. Zum Tode Jacques Derridas«, in: <em>Das Argument</em> 258, 46. Jg., 2004, 826-32<br />
Schobert, Alfred, »[Rezension] Kertész, Imre: Galeerentagebuch«, in: <em>Das Argument</em> 209, 37. Jg., 1995, H. 2/3, 396f<br />
ders., <em>Analysen und Essays. Extreme Rechte – Geschichtspolitik – Poststrukturalismus</em>, hgg.v. Martin Dietzsch, Siegfried Jäger u. Moshe Zuckermann, Münster 2009</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>DISS-Neuerscheinung: &#8220;Das hat doch nichts mit uns zu tun!&#8221;</title>
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		<pubDate>Tue, 29 Nov 2011 17:38:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rvr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Ab sofort im Buchhandel und beim Verlag erhältlich: Regina Wam­per / Eka­te­rina Jadt­schenko / Marc Jacob­sen (Hg.) &#8220;Das hat doch nichts mit uns zu tun!&#8221; Die Anschläge in Nor­we­gen in deutsch­spra­chi­gen Medien. Edi­tion DISS Bd. 30. 184 Sei­ten, 18 Euro Am 22. Juli 2011 explo­dierte in Oslo eine Auto­bombe, die acht Men­schen tötete. Wenig [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ab sofort im Buchhandel und beim <a href="http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,386,7.html" target="_blank">Verlag</a> erhältlich:</p>
<p><strong><a href="http://www.diss-duisburg.de/wp-content/uploads/2012/01/t000000000386-02.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1189" title="Das hat doch nichts mit uns zu tun" src="http://www.diss-duisburg.de/wp-content/uploads/2012/01/t000000000386-02.jpg" alt="" width="250" height="366" /></a>Regina Wam­per / Eka­te­rina Jadt­schenko / Marc Jacob­sen (Hg.)<br />
<a href="http://www.unrast-verlag.de/unrast,2,386,7.html" target="_blank">&#8220;Das hat doch nichts mit uns zu tun!&#8221;<br />
</a>Die Anschläge in Nor­we­gen in deutsch­spra­chi­gen Medien.<br />
</strong><strong>Edi­tion DISS Bd. 30.<br />
184 Sei­ten, 18 Euro</strong></p>
<p>Am 22. Juli 2011 explo­dierte in Oslo eine Auto­bombe, die acht Men­schen tötete. Wenig spä­ter tötete der glei­che Täter auf der Insel Utøya 69 junge Sozi­al­de­mo­kra­tin­nen. Nach sei­ner Fest­nahme äußerte er anti­mus­li­mi­sche und anti­mar­xis­ti­sche Ansich­ten. Die Auto­rin­nen ana­ly­sie­ren deut­sche Medien unter dem Gesichts­punkt, wie dort die­ses Ereig­nis ein­ge­ord­net wurde, ob und wel­che Dis­kurs­ver­schie­bun­gen statt­ge­fun­den haben. Ver­schrän­kun­gen mit anti­mus­li­mi­schen Dis­kur­sen und deren der Extre­mis­mus­be­kämp­fung wer­den beson­ders beach­tet. Ana­ly­sen zu der Reak­tion extrem rech­ter Medien beleuch­ten Dis­tan­zie­run­gen und Solidarisierungen.</p>
<p><strong>Mit folgenden Beiträgen:</strong></p>
<ul>
<li>Anders Beh­ring Brei­viks ›Mani­fest‹: Skizze einer Wahnideologie? (<em>Ber­nard Schmid</em>)</li>
<li>Ein neo­li­be­ra­ler Ter­ro­rist? Gedan­ken zum Mas­sen­mör­der, Ayn Rand und unse­rer Fortschrittspartei (<em>Jonas Bals</em>)</li>
<li>Der anti­mus­li­mi­sche Dis­kurs in Deutschland (<em>Sebas­tian Fried­rich und Han­nah Schul­tes</em>)</li>
<li>»Wirr nicht wir!« Die Extre­mis­mus­theo­rie am Bei­spiel der Exklu­sion Anders B. Brei­viks aus der »Mitte der Gesellschaft« (<em>Astrid Hanisch</em>)</li>
<li>Was, wenn sich der Kon­text ändert? Die Anschläge in Nor­we­gen zwi­schen isla­mis­ti­schem Ter­ro­ris­mus, Rechts­ex­tre­mis­mus und Wahnsinn (<em>Mar­ga­rete Jäger und Eka­te­rina Jad­schenko</em>)</li>
<li>»Nicht rechts, nicht links, nur böse«? Die Bericht­er­stat­tung hege­mo­nia­ler Print­me­dien zu den Anschlä­gen in Norwegen (<em>Regina Wam­per</em>)</li>
<li>Rech­ter Popu­lis­mus: Eine häss­li­che Fratze Europas (<em>Sebas­tian Rein­feldt</em>)</li>
<li>Die jung­kon­ser­va­tive Neue Rechte im »Vorbürgerkrieg« (<em>Hel­mut Kel­ler­s­hohn</em>)</li>
<li>Abwehr und Angriff. Die Reak­tio­nen in den extrem rech­ten Print­me­dien nach den Anschlä­gen in Norwegen (<em>Marc Jacob­sen</em>)</li>
<li>Agent dunk­ler Mächte, Irrer oder einer von uns? Die deutsch­spra­chi­gen Hass-Blogs und die Anschläge von Oslo (<em>Mar­tin Diet­zsch</em>)</li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>15 M: Year Zero</title>
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		<pubDate>Mon, 28 Nov 2011 22:18:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rvr</dc:creator>
				<category><![CDATA[DISS-Journal]]></category>
		<category><![CDATA[Sozialproteste]]></category>
		<category><![CDATA[Spanien]]></category>

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		<description><![CDATA[Der folgende Text erschien unter dem Titel &#8220;15M, año cero&#8221; in der Septembernummer der spanischen Monatsschrift Revista de Occidente1 (gegr. 1923), die von der Fundación Ortega y Gasset herausgegeben wird. Die beiden Autoren sind Mitglieder der Fakultät für Medienwissenschaften der Complutense Universität Madrid und der Studiengruppe für die Semiotik der Kultur (GESC). Der Begriff 15M verweist auf den 15. Mai 2011, den [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><img class="alignleft" title="DISS-Journal+ nur online" src="http://www.diss-duisburg.de/wp-content/uploads/2011/11/Bildschirmfoto-2011-11-28-um-23.08.46.png" alt="" width="207" height="67" />Der folgende Text erschien unter dem Titel &#8220;15M, año cero&#8221; in der Septembernummer der spanischen Monatsschrift <em>Revista de Occidente<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/15-m-year-zero/#footnote_0_1075" id="identifier_0_1075" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Nr. 364, 2011, 121-124.">1</a></sup> </em>(gegr. 1923), die von der <em>Fundación Ortega y Gasset</em> herausgegeben wird. Die beiden Autoren sind Mitglieder der Fakultät für Medienwissenschaften der Complutense<em> </em>Universität<em> </em>Madrid und der <em>Studiengruppe für die Semiotik der Kultur</em> (GESC). Der Begriff <em>15M </em>verweist auf den 15. Mai 2011, den Tag, an dem es auf der <em>Puerta del Sol</em>in Madrid zu einer ersten Großdemonstration des sozialen Protestes in Spanien und zur Gründung eines Zeltlagers kam. Die Übersetzung ins Englische besorgte Guadalupe Moreno (Redaktion: Jobst Paul). Die Autoren haben die Übersetzung autorisiert.</strong></p>
<p><em>By Jorge Lozano and Marcello Serra<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/15-m-year-zero/#footnote_1_1075" id="identifier_1_1075" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Jorge Lozano Hernandez lehrt&nbsp;Informationswissenschaften und Marcello Serra arbeitet im Bereich der Medienwissenschaften.">2</a></sup></em></p>
<p>In the Puerta del Sol of Madrid, to the seat of government Autonomous Region, a plaque marks the km 0, the point from that all distances are measured from the Kingdom of Spain. For some time, this geometric point of extraordinary force indicates also another origin: the time 0 of the 15M Movement. In recent months a collective actor devoid of history has built an event. Or rather a rupture, a discontinuity, an explosion of meaning: a space of unpredictability which opens into the timeline.</p>
<p>This &#8220;murmured novelty&#8221; (Braudel) has broken with force both on the agenda of the media and in public and intellectual discourse. Not only in Spain. The fact of being recognized as an event, which by definition would have a brief temporality has favored a quick read and the urgency of an interpretation. Therefore, the information density of the event has been reduced with the implementation of a scheme of predictability and the search for causal antecedents that would have led to 15M. That is usually the interpretative strategy that is taken from any event. And also it is the best way to overshadow its novelty.</p>
<p>In this case, the operation has found an obstacle in the fact that, being in principle something punctual, the event has taken a durative aspect. As a result, the old labels and categories that are used to relegate the 15M to the order of <em>déjà</em><em> vu</em> are deactivated by the permanence and dilation, by the insistence of the movement in being a continuous transformation, because of their efforts to go forward without an aim decided in advance.</p>
<p>Obviously, there are experiences and practices that for different reasons would be entitled to be considered the background of this what we are witnessing in recent months. It would be foolish to deny, but to start looking for the origins of the movement is an operation less relevant from the semiotic point of view particularly considering that the 15M is been presented itself as a source. Journalists, philosophers, politicians, opinion leaders from various sources have repeatedly asked the movement to expresses clear goals and objectives. This demand is extremely out of place, as it is witnessed here, rather than an end, an origin. At the same time the origin of some styles and forms of political life, build a future memory, a deposit of procedures, practices, passions and sign systems on which to base the evolution itself.</p>
<p>The fact that it is a movement that puts the accent on the form rather than on the aims has created obvious problems of definition. Thus, the journalistic urgency to <em>recognize</em> the event, that is to reduce it to an explanatory diagram known, has led the media to the comforting operation of <em>framing</em> that always involves applying a label, an element that directs the performative path. And so it has been, <em>passion oblige</em>, to talk about the movement of the &#8220;indignants&#8221; by clinging the title of a successful book misunderstood by the spirit of the times. In support of the teleological sort of explanation a predictable passion has been invoked -almost perfect by synonymous to the anger of Greimasian<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/15-m-year-zero/#footnote_2_1075" id="identifier_2_1075" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Algirdas Julien Greimas (1917-1922) was a French semiotician of Lithuanian origin. He studied structural semiotics inspired by Ferdinand de Saussure and Louis Hjelmslev. More info:&nbsp;http://www.signosemio.com/greimas/index-en.asp">3</a></sup> memory &#8211; which would lead to momentary and thoughtless reaction.</p>
<p>This operation reveals the need to redirect the event to an intelligible narrative, inserting it into a pattern of predictability in which some known actors move in common spaces in accordance to certain specific times. But none of that. The 15M is an unprecedented movement that meets in anywhere and stands out from the times of institutional policy.</p>
<p>Likewise, its personal economy is far from being definable as anger; instead it is culturally constructed through not lexicalized passions and necessarily unpredictable. It is based on a family of such vague feelings and emotions as discontent, powerlessness and dissatisfaction. It is precisely because of such an indefinable discontent that this wide strip of the Spanish civil society has been able to find a way to be recognized together.</p>
<p>A key to understanding the organization, both the formal and the passionate of the movement, probably lies in the pervasive practice in assemblies, in which procedures have been developed that strive to reduce the intensity and pathemic tensivity. It avoids sarcasm and communicates approval or disagreement by one formalized gestural system; participants refrain from clapping to prevent the making of decissions by passionate infection or by acclamation. The search for agreement between all the meeting members triggers the unpredictable practices of the translation of the untranslatable. Rather than following a predefined passionate score, the polyphony of the 15-M participants, from the most diverse traditions, find an understanding through a continuous exercise of agreements, personal concessions and unprecedented synthesis.</p>
<p>It is clear, therefore, that the essential is not the message, but the form and manner in which it is built. Thus, the spread of the movement has not occurred due to the transmission of content, but by resonance, a reverberation of forms of life. In the origin of 15M there is no ideology or a passion defined, but there is raw material which expects being shaped: a grammar, a style, the memory of the policy of the future.</p>
<p style="text-align: right;">Note: There is a print link embedded within this post, please visit this post to print it.</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1075" class="footnote">Nr. 364, 2011, 121-124.</li><li id="footnote_1_1075" class="footnote">Jorge Lozano Hernandez lehrt Informationswissenschaften und Marcello Serra arbeitet im Bereich der Medienwissenschaften.</li><li id="footnote_2_1075" class="footnote">Algirdas Julien Greimas (1917-1922) was a French semiotician of Lithuanian origin. He studied structural semiotics inspired by Ferdinand de Saussure and Louis Hjelmslev. More info: <a href="http://www.signosemio.com/greimas/index-en.asp">http://www.signosemio.com/greimas/index-en.asp</a></li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>DISS-Journal 22 erschienen</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Nov 2011 17:01:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rvr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>

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		<description><![CDATA[Das DISS-Journal 22 ist erschienen &#8211; und hier kostenfrei als pdf-Datei herunterzuladen. Der Schwerpunkt dieser Ausgabe trägt den Titel &#8220;Arabischer Frühling, westlicher Herbst?&#8221;: Ein neues Protestlabel hat die Welt erobert: „Occupy!“ heißt es auf den Straßen von Sydney und Oakland bis Tel Aviv und Hongkong. Im Internet lassen sich die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="mceTemp">
<h6 class="wp-caption-dd"><strong><a href="http://www.diss-duisburg.de/download/dissjournal-dl/DISS-Journal22_2011.pdf" target="_blank"><img class="alignleft size-medium wp-image-1057" style="border: 1px solid black; margin-top: 4px; margin-bottom: 0px;" title="DISS-Journal22_kl" src="http://www.diss-duisburg.de/wp-content/uploads/2011/11/DISS-Journal22_kl-212x300.jpg" alt="" width="212" height="300" /></a>Das DISS-Journal 22 ist erschienen &#8211; und <a href="http://www.diss-duisburg.de/download/dissjournal-dl/DISS-Journal22_2011.pdf" target="_blank">hier</a> kostenfrei als pdf-Datei herunterzuladen. Der Schwerpunkt dieser Ausgabe trägt den Titel &#8220;Arabischer Frühling, westlicher Herbst?&#8221;:</strong></h6>
</div>
<p>Ein neues Protestlabel hat die Welt erobert: „Occupy!“ heißt es auf den Straßen von Sydney und Oakland bis Tel Aviv und Hongkong. Im Internet lassen sich die Proteste in Echtzeit verfolgen. Immer wieder berufen sich die europäischen, israelischen und US-amerikanischen  Bewegungen auf den ‚arabischen Frühling‘. In dessen Ursprungsland, also Tunesien, hat die Bevölkerung nun ein knappes Jahr nach dem Beginn der Jasmin-Revolution eine verfassungsgebende Versammlung gewählt – und dabei auch religiös-konservative Politikansätze gestärkt.</p>
<p>Was haben die westlichen Protestbewegungen mit den demokratischen und sozialen Aufständen in der arabischen Welt zu tun? Hängen sie überhaupt zusammen? Auf welche Werte berufen sich die Aktiven jeweils, und welche Begründungstraditionen werden thematisiert? Welche Tendenzen sind zu erkennen und wie könnte es weitergehen? Diesen Fragen widmet sich unser Schwerpunkt.</p>
<p><strong>Die Artikel im Einzelnen:</strong></p>
<ul>
<li><strong><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/die-deutsche-hoch-sprache-als-eintrittskarte/">Die deutsche (Hoch-)Sprache als Eintrittskarte…</a></strong><br />
…in die Chefetagen und die deutsche Nation überhaupt. Einige Bemerkungen zu den Fallstricken des gesunden Menschenverstandes. Von Siegfried Jäger.</li>
<li><strong><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/">Das Stigma „Gutmensch“</a></strong><br />
Der Begriff „Gutmensch“ ist in der politischen Rede mittlerweile zu einem Kampfbegriff geworden. Von Astrid Hanisch und Margarete Jäger.</li>
<li><strong><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/facetten-des-antimuslimischen-diskurses/">Facetten des antimuslimischen Diskurses</a></strong>
<div>Hannah Schultes rezensiert Farid Hafez (Hg.), Jahrbuch für Islamophobieforschung 2011.</div>
</li>
<li><strong><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/ein-hype-in-all-seiner-entlarvenden-schonheit/">Ein Hype in all seiner entlarvenden Schönheit</a></strong><br />
Siegfried Jäger rezensiert Sebastian Friedrich (Hg.): Rassismus in der Leistungsgesellschaft.</li>
<li><strong><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/%e2%80%9edas-hat-doch-nichts-mit-uns-zu-tun%e2%80%9c/">„Das hat doch nichts mit uns zu tun!“</a></strong><br />
Die Anschläge in Norwegen in deutschsprachigen Medien. Von Ekaterina Jadtschenko, Marc Jacobsen und Regina Wamper.</li>
</ul>
<p style="padding-left: 30px;">DISS-Journal Schwerpunkt: Arabischer Frühling, europäischer Herbst?</p>
<ul style="padding-left: 60px;">
<li><strong><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/athen-metropolitane-blockade-direkte-demokratie/">Athen: Metropolitane Blockade, direkte Demokratie</a></strong><br />
Von Margarita Tsomou, Vassilis Tsianos, Dimitris Papadopoulos.</li>
<li><strong><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/spanien-die-rechte-nutzt-die-unzufriedenheit-uber-die-soziale-ungerechtigkeit-aus/">Spanien: Die Rechte nutzt die Unzufriedenheit über die Soziale Ungerechtigkeit aus</a></strong><br />
Von Xavier Giró.</li>
<li><strong><a href="../2011/11/%e2%80%9eunser-schutzschild-ist-das-buch%e2%80%9c/">„Unser Schutzschild ist das Buch!“</a></strong><br />
Stimmen aus dem Studierendenkollektiv, Fakultät Politikwissenschaften, Universität Sapienza, Rom. Das Gespräch führte Jörg Senf.</li>
<li><strong><a href="../2011/11/die-israelische-protestbewegung-to-eat-the-cake-and-have-it/">Die israelische Protestbewegung: to eat the cake and have it</a></strong><br />
Von Moshe Zuckermann.</li>
<li><strong><a href="../2011/11/%e2%80%9eich-spreche-uber-die-veranderung-der-grundlegenden-werte%e2%80%9c/">„Ich spreche über die Veränderung der grundlegenden Werte“</a></strong><br />
Rede zur Versammlung Occupy Wall Street, am 6. Oktober 20111, von Naomi Klein.</li>
<li><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/wenn-man-uber-das-militar-spricht/"><strong>„Wenn man über das Militär spricht, dann spricht man über Geheimnisse…“</strong></a><br />
Ein Interview mit Mohammed Abdel Rahem. Das Gespräch führte Jobst Paul.</li>
<li><strong> <a href="../2011/11/wie-finanzieren-wir-nach-der-revolution-die-soziale-gerechtigkeit-in-agypten/">Wie finanzieren wir nach der Revolution die soziale Gerechtigkeit in Ägypten?</a></strong><br />
Von Wael Gamal</li>
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</ul>
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<ul>
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Diskursive Rahmenbedingungen für präventiven Arbeits- und Gesundheitsschutz. Von Ursula Kreft.</li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://www.diss-duisburg.de/download/dissjournal-dl/DISS-Journal22_2011.pdf" target="_blank">Das DISS-Journal 22 komplett als pdf-Datei.</a></p>
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		<title>Die deutsche (Hoch-)Sprache als Eintrittskarte&#8230;</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Nov 2011 16:02:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rvr</dc:creator>
				<category><![CDATA[DISS-Journal]]></category>
		<category><![CDATA[Integration]]></category>
		<category><![CDATA[Sprache]]></category>

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		<description><![CDATA[&#8230;in die Chefetagen und die deutsche Nation überhaupt. Einige Bemerkungen zu den Fallstricken des gesunden Menschenverstandes. Von Siegfried Jäger, erschienen in DISS-Journal 22 (2011). Sich verständigen zu können, das ist eine feine Sache. EinwanderInnen die Hochsprache abzuverlangen und diesem Verlangen mit bestimmten Sanktionen Nachdruck zu verleihen, das ist aber eine [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>&#8230;in die Chefetagen und die deutsche Nation überhaupt. Einige Bemerkungen zu den Fallstricken des gesunden Menschenverstandes. Von Siegfried Jäger, erschienen in DISS-Journal 22 (2011).</em></p>
<p><strong>Sich verständigen zu können, das ist eine feine Sache. EinwanderInnen die Hochsprache abzuverlangen und diesem Verlangen mit bestimmten Sanktionen Nachdruck zu verleihen, das ist aber eine ganz andere.</strong></p>
<p>Dann nämlich findet eine Verkettung von Gründen statt, die auf den ersten Blick nicht erkennen lässt, was mit der Forderung nach der Beherrschung der deutschen Sprache über den Zweck der Verständigung hinaus beabsichtigt ist.  Außer einigen Sprachwissenschaftlerinnen dürfte dies kaum jemandem bewusst sein. Dahinter steckt die immer noch vorherrschende Auffassung in Bildungsinstitutionen, Politik und Medien, dass die Beherrschung der deutschen Hochsprache die Voraussetzung dazu darstelle, Deutsche oder Deutscher zu werden, deutsch zu fühlen und zu denken – mithin erst zu einer deutschen Identität führen könne. Dieses sprachwissenschaftliche und sprachphilosophische „Wissen“ verbirgt sich jedoch hinter der auf den ersten Blick plausiblen Forderung, die deutsche Sprache als Mittel zu Verständigung und Kommunikation beherrschen zu können. Da ist ja auch etwas dran, etwas. In beiden Fällen, also der sprachidealistischen und der kommunikationsplausiblen Überlegung verbirgt sich nämlich ein Alltags-Mythos, wie Roland Barthes wahrscheinlich sagen würde. Aber Barthes ist tot; er ist vor 31 Jahren unter eine Straßenbahn geraten und auf der Stelle gestorben und er kann diese Mythen des Alltags nicht mehr enttarnen. Und so können die Mythen (fast) ungestört weiterleben.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/die-deutsche-hoch-sprache-als-eintrittskarte/#footnote_0_1038" id="identifier_0_1038" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Barthes &bdquo;Mythen des Alltags&ldquo; sprechen vom Mythos der Transparenz und Universalit&auml;t der Sprache, so in der erweiterten Neuausgabe dieses wichtigen Buches auf Seite 64 (Frankfurt am Main: Suhrkamp 2010).">1</a></sup> Sie haben die gesamte Sprachwissenschaft, nicht nur in Deutschland, überlebt und können ihr Unwesen auch in der sogenannten Integrationsdebatte ungestört weiter treiben.</p>
<p>Bis Ende des 19. Jahrhunderts gab es keine deutsche Hochsprache, trotz Luther und seiner Bibelübersetzung, deren Sprache ein Gemisch aus den verschiedensten deutschen Dialekten darstellte. Der Grund war, dass der Reformator die Bibel für alle Deutschen lesbar machen wollte, und so griff er zur Sprache ostmitteldeutscher Siedler, die aus den verschiedensten Siedlungsgebieten herstammten. Wer heute die authentische Lutherbibel lesen möchte oder Texte aus dem Barock wie etwa den weithin bekannten Erziehungsroman Grimmelshausens vom „Simplizius Simplizissimus“, wird schnell ins Stolpern geraten und große Mühe haben zu verstehen, was eigentlich gemeint ist. Selbst Goethe schrieb mal so und mal so und seine Mutter, die Probleme mit der Kommasetzung hatte, setzte 24 Kommastriche ans Ende eines Briefes an denselben und meinte, setz doch du die Kommas ein, was Du ja als der größte deutsche Dichter aller Zeiten wohl beherrschen wirst. Goethe soll sich krumm und schief gelacht haben und verwies auf die große mittelalterliche Dichtung wie zum Beispiel das Nibelungenlied, in dem nicht nur die Kommas standen, wo sie mochten, sondern auch die Wörter in unterschiedlichsten Verkleidungen einherkamen.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/die-deutsche-hoch-sprache-als-eintrittskarte/#footnote_1_1038" id="identifier_1_1038" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Das ist nat&uuml;rlich ein wenig J&auml;ger-Latein. Aber immerhin h&auml;tte es so gewesen sein k&ouml;nnen.">2</a></sup> Das ging so bis etwa 1901, als Konrad Duden den Duden erfand. Doch auch dieser entbehrte weitestgehend jeder inneren Logik, worunter – trotz zigfacher Korrekturen – alle Schulkinder und Azubis heute noch zu leiden haben. Darüber ist immer wieder herzlich gelacht worden. Eigentlich gemein, oder? Nun gibt es den Duden auch heute noch. Wie er auch in seiner zigsten Auflage zu Stande kommt, naja, alle wissen es. Die Leute am Bibliographischen Institut in Mannheim gucken regelmäßig in die Zeitungen (bevorzugt in die FAZ) und beobachten, wie denn was aktuell geschrieben wird. Hat sich hier eine neue Schreibweise zu mehr als 50 % durchgesetzt, also etwa zu 51 %, wird die ältere aufgegeben. Alle wissen es, aber offenbar will keiner es wissen. Lauter regelmäßige Rechtschreibreformen, die auch nicht viel an diesem Unfug ändern! Fazit: So richtig deutsch konnten unsere Vorfahren niemals gewesen sein und sind auch unsere Zeitgenossen nicht. Und wenn man heute durch die (Sprach-) Landen fährt, kann einem ganz schlecht werden. Beim Überschreiten der einen oder anderen deutschen Grenze oder eines Flusses versteht man nur noch Bahnhof, Bayrisch oder garnix. Die reden doch alle anders, nur nicht deutsch. Logischerweise sind nach dieser nationalistischen Doktrin alle Deutschen in Wirklichkeit Ausländer, nur z.B. die Bayern nicht.</p>
<p>Ein wenig komplizierter ist es mit der Kommunikation und der Verständlichmachung. Ein bisschen Deutsch ist dafür natürlich nützlich. Aber nicht die Beherrschung der Groß- und Kleinschreibung oder des richtigen Kasus-Gebrauchs (der/die, des, dem/der, den/die etc.). Das kann man täglich beobachten. Bei Nachrichten, Dichterlesungen, beim Zeitungslesen und auf der Arbeit. Selbst die goldenen Federn produzieren Fehler über Fehler, schriftlich und besonders mündlich. Legte man den Maßstab der korrekten deutschen Hochsprache an sie an, gäbe es nur noch schlechte Noten. Nützlich ist diese nur zur Produktion von Sprachbarrieren für deutsche und eingewanderte Kinder. Da erweist sich das schöne Edeldeutsch nämlich als ausgezeichnetes Selektionsinstrument, als Integrationshemmnis für deutsche Kinder und Kinder mit Einwanderungs-Hintergrund, kurzum, als Herrschaftsmittel, das diejenigen, die unten sind, auch unten hält. Der Maßstab des korrekten Deutsch? Auch er gehört in die nationalistische Mottenkiste, wie Thilo und seine Thilosophen selbstverständlich auch.</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1038" class="footnote">Barthes „Mythen des Alltags“ sprechen vom Mythos der Transparenz und Universalität der Sprache, so in der erweiterten Neuausgabe dieses wichtigen Buches auf Seite 64 (Frankfurt am Main: Suhrkamp 2010).</li><li id="footnote_1_1038" class="footnote">Das ist natürlich ein wenig Jäger-Latein. Aber immerhin hätte es so gewesen sein können.</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Das Stigma &#8220;Gutmensch&#8221;</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Nov 2011 15:56:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rvr</dc:creator>
				<category><![CDATA[DISS-Journal]]></category>
		<category><![CDATA[Gutmensch]]></category>
		<category><![CDATA[Nationalsozialismus]]></category>
		<category><![CDATA[Political Correctness]]></category>

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		<description><![CDATA[Von Astrid Hanisch und Margarete Jäger, erschienen in DISS-Journal 22 (2011). Der Begriff „Gutmensch“ ist in der politischen Rede mittlerweile zu einem Kampfbegriff geworden, mit dem politische Gegner und Andersdenkende diffamiert und abqualifiziert werden sollen. Allerdings findet diese Diffamierung in der Regel nur von Seiten konservativer bis hin zu extrem [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Von Astrid Hanisch und Margarete Jäger, erschienen in DISS-Journal 22 (2011).</em></p>
<p><strong>Der Begriff „Gutmensch“ ist in der politischen Rede mittlerweile zu einem Kampfbegriff geworden, mit dem politische Gegner und Andersdenkende diffamiert und abqualifiziert werden sollen. Allerdings findet diese Diffamierung in der Regel nur von Seiten konservativer bis hin zu extrem rechter Personen statt und richtet sich gegen diejenigen, die sich für ein friedlich-schiedliches Miteinander unterschiedlicher Personengruppen einsetzen.</strong></p>
<p>Bei der Zurückweisung der Stigmatisierung als „Gutmensch“ wird von den Betroffenen auch schon einmal darauf hingewiesen, der Begriff sei bereits im Nationalsozialismus verwendet worden. Implizit wird damit angeprangert, dass sich hier eine faschistische Sprech- und Denkweise fortsetze. In diesem Zusammenhang geistert im Internet das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung als eine Quelle dieser Behauptung.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/#footnote_0_1036" id="identifier_0_1036" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Bis vor kurzer Zeit wurde dies etwa in der Online-Enzyklop&auml;die Wikipedia behauptet. Mittlerweile ist diese Behauptung allerdings aus dem entsprechenden Wikipedia-Artikel verschwunden und kann nur noch auf der Diskussionsseite nachgefolgt werden.">1</a></sup> Obwohl vom DISS niemals behauptet worden ist, der Begriff des „Gutmenschen“ gehöre zum nationalsozialistischen Sprachrepertoire, sind wir dieser Behauptung nachgegangen. Dabei interessierte uns auch und vor allem seine diskursive Funktion.</p>
<p>Als Beleg für den nationalsozialistischen Bezug wird ein Beitrag von Julius Streicher im Stürmer genannt.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/#footnote_1_1036" id="identifier_1_1036" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Julius Streicher: Der Kampf gegen Alljuda. Der St&uuml;rmer. Jg. 37, 1941, 1-2.">2</a></sup> Die dortige Rede vom „guten Menschen“ hat allerdings eine andere Bedeutung, so dass nicht davon gesprochen werden kann, dieser Begriff stamme aus der Sprache der Faschisten. Allenfalls lässt sich sagen, dass mit dem Terminus des „Gutmenschen“ eine Diskursstrategie eingeschlagen wird, die auch im Nationalsozialismus praktiziert wurde und mit der politische Gegner<em>innen</em> diffamiert und isoliert werden sollen.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/#footnote_2_1036" id="identifier_2_1036" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Dies hat auch Volker Wei&szlig; herausgearbeitet (Wei&szlig; 2011). Im Folgenden beziehen wir uns daher auch auf den Abschnitt &bdquo;Feindbestimmung: &bdquo;der gute Mensch&ldquo; aus seinem Buch (97-106) S. auch die Rezension von Helmut Kellershohn in dieser Ausgabe S. 44.">3</a></sup></p>
<p>In dem Artikel von Julius Streicher heißt es:</p>
<blockquote><p>„Veranlagung und Erziehung machen den guten und den schlechten Menschen. Es kennzeichnet den guten Menschen, daß er an das Vorhandensein des Schlechten erst dann glaubt, wenn er es mit eigenen Augen sehen kann. Auf die Gutgläubigkeit der Guten baute sich die Berechnung jener auf, die ein Interesse daran hatten, das jüdische Volk als ein ausgewähltes Gottesvolk in Erscheinung treten zu lassen.“</p></blockquote>
<p>Die Unterstellung von Gutgläubigkeit kommt zwar dem Vorwurf gegenüber den `Gutmenschen` nahe, diese seien naiv und verblendet. Aber das ist es dann auch schon. Dem „guten Menschen“ wird hier eine andere Bedeutung zugewiesen: Sie gehören zu den ‚Volksgenossen’, deren Menschenbild durch die Nationalsozialisten korrigiert werden kann, in dem diese die „Berechnung jener […], die ein Interesse daran hatten, das jüdische Volk als ein ausgewähltes Gottesvolk in Erscheinung treten zu lassen“ ,durchkreuzen.</p>
<p>Die Gegner sind in der Perspektive von Julius Streicher also nicht die „guten Menschen“, sondern die Juden. Die “guten Menschen“ können allenfalls als Werkzeuge in den Händen anderer gelten.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/#footnote_3_1036" id="identifier_3_1036" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Weitere Quellen, in denen in national-sozialistischen Schriften das Kompositum &bdquo;Gutmensch&ldquo; auftaucht, liegen uns nicht vor.">4</a></sup></p>
<p>Das ist im derzeitigen Anti-PC-Diskurs anders. Hier gelten „Gutmenschen“ nicht bloß als irregeleitet, gutgläubig und naiv, die die Bedrohung durch `Ausländer`, `Drogenabhängige`, `Kriminelle` oder durch den `Islam` etc. ignorieren. Ihnen wird darüber hinaus eine machtvolle Position zugeschrieben. Sie mache es möglich, dass durch ihre Ignoranz die degenerierenden und zersetzenden Effekte für die Gesellschaft überhaupt erst zur Gefahr würden. Dies ist ein zentraler Unterschied zu Streichers `guten Menschen`. Diese werden vom `Juden` missbraucht – der `Gutmensch` missbraucht seine Macht.</p>
<p>Dass aktuelle Vertreterinnen des Anti-PC-Diskurses meinen, die Vorherrschaft der `Gutmenschen` durch vermeintliche `Tabubrüche` bekämpfen zu müssen, verweist darauf, dass sie von deren `Meinungsdiktat` ausgehen. Vielfach argumentieren sie sogar, die vermeintliche Tabuisierung durch die `Gutmenschen` würde die Meinungsfreiheit und letztlich die Demokratie gefährden. Diese Abwehrhaltung produziert auch Thilo Sarrazin, wenn er schreibt:</p>
<blockquote><p>„(…) dass die sogenannten Gutmenschen über mich herfielen, als ich in einem Interview beiläufig erwähnte, dass das Tragen eines Pullovers helfen könnte, Energiekosten zu sparen, da man dann weniger heizen müsse.“ (Sarrazin 2010, 10)</p></blockquote>
<p>Die so genannten `Gutmenschen` entwickeln offenbar eine Aggressivität, gegen die man sich augenscheinlich verteidigen muss, denn sie `fallen über einen her`. Volker Weiß spricht in diesem Zusammenhang von einer „Paranoia vor einer political correctness und dem Begriff des ‚Gutmenschen’“, der  „eine interessante Variante der Abwehraggression inne[wohne]. Sie richtet sich gegen eine Position, die im Verdacht ethischer Überlegenheit steht, und pocht dabei regelrecht darauf, selbst nicht „gut“ zu sein, also nunmehr ausschließlich im Partikularinteresse handeln zu können.“ (Weiß 2011, 101)<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/#footnote_4_1036" id="identifier_4_1036" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Wie stark die Sinnestr&uuml;bungen der PC-Kritiker sein k&ouml;nnen, l&auml;sst sich in der Debatte um das Buch von Thilo Sarrazin sehr gut nachzeichnen. Immer wieder wurde von Zensur und Einschr&auml;nkung der Redefreiheit gesprochen und dabei &uuml;bersehen, dass es in zwei wichtigen meinungsbildenden Organen, Dem Spiegel und der Bild-Zeitung Vorabdrucke des Buches gab.">5</a></sup></p>
<p>Doch die Bedeutung des Terminus „Gutmensch“ war nicht immer so eindeutig. 1997 deklarierte sich Kurt Scheel, Autor, Journalist und Mitherausgeber des Merkur- Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken in der Frankfurter Rundschau zum Schöpfer des Wortes ‚Gutmensch’:</p>
<blockquote><p>„Als Erfinder des Wortes Gutmensch – es stand zum ersten Mal 1992 im Januarheft des ‚Merkur‘ &#8211; möchte ich darauf hinweisen, daß es nur ‚als süffisante, Heiterkeit erzeugende Bemerkung angesichts eines berufsmäßigen Moralisten‘ benutzt werden darf.“ (zitiert nach: Eichinger / Wiesinger 2004: 148)</p></blockquote>
<p>In dieser überspitzten und eher humoristischen Bedeutung sollte der Begriff offenbar in Umlauf gebracht werden. Doch demonstriert die Genese des Bedeutungswandels dieses Begriffes auch, dass es nicht einzelne Personen sind, die über die Bedeutung von Begriffen entscheiden, sondern dass es sich hierbei um einen diskursiven Prozess handelt.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/das-stigma-gutmensch/#footnote_5_1036" id="identifier_5_1036" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Von der Gesellschaft f&uuml;r deutsche Sprache wird noch eine weitere Quelle des Begriffs `Gutmensch` angegeben. So habe die US-amerikanische Zeitschrift Forbes 1985 den Begriff auf den damaligen IG Metall-Gewerkschaftsf&uuml;hrer Franz Steink&uuml;hler bezogen. Die Gesellschaft will aber hieraus keinen Transfer zum deutschen Sprachgebrauch ableiten. Dies auch deshalb, weil &bdquo;das grammatische Muster &sbquo;ungebeugtes Adjektiv + Substantiv&rsquo; im Deutschen seit Jahrhunderten existiert und viele Komposita hervorgebracht hat&ldquo; (http://www.gfds.de/index.php?id=112, Abruf 14.10.2011).">6</a></sup></p>
<p>Volker Weiß führt die Popularität und Reichweite des Begriffs auf das Wörterbuch des Gutmenschen zurück. (Weiß 2011: 99) Dieses Wörterbuch wurde von Klaus Bittermann und Gerhard Henschel 1994 als Kritik an einer inhaltsleeren Sprache herausgegeben, mit der politischer Protest zu einer lediglich moralischen Empörung weichgekocht werde. Der Untertitel des Wörterbuches des Gutmenschen lautete deshalb auch: Zur Kritik der moralischen Schaumsprache. Die Herausgeber wendeten sich gegen den moralisierenden Impetus der `Gutmenschen`. Sie verstanden das „Wörterbuch […] vor allem (als) ein Projekt der Selbstkritik. Primär ging es darum, eine denkfaul gewordene Linke aus ihrer geistigen Verfettung zu schrecken, indem man sie dessen bezichtigte, was ihre Vorväter am meisten gehasst hatten: des biederen Moralismus.“ (Weiß 2011: 99) Insofern ist das Wörterbuch des Gutmenschen in die Tradition von Gustave Flauberts Wörterbuch der Gemeinplätze, Victor Klemperers Lingua Tertii Imperii oder dem Wörterbuch des Unmenschen von Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm Süskind zu stellen. (Vgl. Weiß 2011: 99.)</p>
<p>Die Kritik im Wörterbuch des Gutmenschen richtete sich aber nicht nur gegen die Moralisierung und Entpolitisierung von Sprache. Sie benannte auch einen Trend zum Konservativismus und Na-tionalismus. Formulierungen wie „Gerade wir als Deutsche“ würden das damals jüngst vereinigte Deutschland auf einen nationalen Normalisierungskurs bringen:<br />
„Mit den Verbrechen der Nazis lässt sich jedoch keine ‚besondere Verantwortung’ begründen. […] Wenn sich aus der Vergangenheit etwas ableiten ließe, dann höchstens: Gerade wir als Deutsche sind besonders verpflichtet, die Klappe zu halten.“ (Bittermann / Henschel 1994: 64f.)</p>
<p>Die konservative Wende bzw. das Schlussstrichdenken nach 1989 scheint in der Tat dazu beigetragen zu haben, dass der Begriff des `Gutmenschen` so populär wurde. Er konnte und wurde umgehend von einem Anti-PC-Diskurs adaptiert, der in Deutschland vor allem von der politischen Rechten beflügelt wird. Dadurch wurde die ursprünglich selbstreflexive, ironische Bedeutung negiert und der Begriff zu einem Kampfbegriff umgedeutet.</p>
<p>Solche Diskursstrategien sind allerdings überhaupt nicht neu. Anhand eines Artikels von Heinrich von Treitschke aus dem Jahr 1879 arbeitet Volker Weiß interessante Parallelen zur Sarrazin-Debatte 2010 heraus. Der Treitschke-Text enthalte „wohlfeile Angriffe auf Positionen, die heute als ‚gutmenschlich’ bezeichnet werden würden. […] Mit der Geste, über Minderheiten schonungslos zu sagen, was andere aufgrund menschenfreundlicher Konventionen nicht auszusprechen wagen, konnte man also schon im 19. Jahrhundert Furore machen.“ (Weiß 2011: 102)</p>
<p>Auch der Abdruck der Rede von Gerhard Wagner, seinerzeit Leiter des Hauptamtes für Gesundheit, zum Thema Rasse und Volksgesundheit auf dem NSDAP-Parteitag von 1934 enthält eine Passage, in der dem politischem Gegner Gefühlsduselei und Irrationalität unterstellt wird:</p>
<blockquote><p>„Mit aller Schärfe sei aber auch an dieser Stelle noch einmal der Gedanke zurückgewiesen, daß der Eingriff in die Lebensrechte der erblich Schwachsinnigen, Geisteskranken oder sonst schwer Belasteten aus ethischen und religiösen Gründen abzulehnen sei. Die göttliche Kraft, die die Welt schuf und ihr ihre Gesetze gab, hat selbst die Gesetze der Auslese im Daseinskampf, d.h. die oft brutale Vernichtung des Untauglichen und nicht voll Tüchtigen auch über das Leben und die Menschen gestellt. Und indem wir diesen Gesetzen mit humanen Mitteln nach einer langen Zeit der Verwirrung wieder Geltung verschaffen, dienen wir in Wahrheit dem wirklichen Willen des Schöpfers nach Aufstieg und Gesundheit des Menschengeschlechts, den eine falsche und krankhafte Humanitätsduselei durchkreuzt und verraten hat.“ (Wagner 1934, 271f.)</p></blockquote>
<p>In heutiger Zeit hätte er auch von „Gutmenschen“ sprechen können.</p>
<p>Eine ähnliche rhetorische Funktion hat mittlerweile auch der Begriff „political correctness“, der auch einem Bedeutungswandel unterzogen wurde. Auch er ist in der politischen Auseinandersetzung zu einem negativen Kampfbegriff geworden. Im „Heimatland“ USA war das nicht immer so. Unter „political correctness“ wurde zunächst ein bewusster Umgang mit Sprache verstanden, der Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnisse sichtbar und kritisierbar machen kann. Dieses Ansinnen ging stark von amerikanischen Universitäten aus und wollte durch das Verbot oder die Tabuisierung bestimmter sprachlicher Wendungen dazu beitragen, Minderheiten vor Diskriminierungen zu schützen. So wurden z.B. Lehrpläne und Studienordnungen sprachlich so abgeändert und modifiziert, dass gesellschaftliche Minderheiten explizit berücksichtigt oder diskriminierende Effekte ausgeschaltet wurden. Dies führte zu Reaktionen von neokonservativer Seite, die die Meinungsfreiheit und das Leistungsdenken dadurch eingeschränkt sahen. Das war in Deutschland anders. Hier war Political Correctness „von Beginn an eng mit der Frage historisch korrekten Sprechens verbunden, das heißt, ‚Political Correctness’ trat hier vor allem als ‚historische Korrektheit’ in Erscheinung […] (die) bis heute dazu dient, revisionistische und antisemitische Themen öffentlichkeitswirksam zu aktivieren.“ (Hölscher 2008: 64)<br />
Mit der Kritik an `Gutmenschen` und ‚political correctness’ soll eine Kritik an ausgrenzenden Diskursen und Praktiken mundtot gemacht werden, in dem deren Verfechterinnen zu Feinden der Nation stilisiert werden. Der offenbar zur kritischen Selbstreflexion eingeführte Begriff des `Gutmenschen` kann heute allein als eine diffamierende Fremdzuschreibung durch die politische Rechte bezeichnet werden, der darauf abzielt, demokratische und emanzipative Bestrebungen abzuwerten und zu verspotten.</p>
<p><strong>Literatur:</strong></p>
<p>Bittermann, Klaus; Henschel, Gerhard (Hg.) 1994: Das Wörterbuch des Gutmenschen. Zur Kritik der moralisch korrekten Schaumsprache, Berlin.</p>
<p>Hölscher; Lucian (Hg.) 2008: Political Correctness. Der Sprachpolitische Streit um die nationalsozialistischen Verbrechen, Göttingen.</p>
<p>Eichinger, Ludwig M.; Wiesinger, Peter (Hg.) 2004: Neuer Wortschatz. Neologismen der 90er Jahre im Deutschen, Berlin.</p>
<p>Sarrazin, Thilo 2010: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München: DVA</p>
<p>Wagner, Gerhard 1934: „Rede über Rasse und Volksgesundheit auf dem NSDAP-Parteitag 1934“, in: Streicher, Julius (Hg.), Reichstagung in Nürnberg 1934. Herausgegeben im Auftrage des Frankenführers Julius Streicher, Berlin, 249-284.</p>
<p>Weiß, Volker 2011: Angriff der Eliten: Von Spengler bis Sarrazin, Paderborn.</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1036" class="footnote">Bis vor kurzer Zeit wurde dies etwa in der Online-Enzyklopädie Wikipedia behauptet. Mittlerweile ist diese Behauptung allerdings aus dem entsprechenden Wikipedia-Artikel verschwunden und kann nur noch auf der Diskussionsseite nachgefolgt werden.</li><li id="footnote_1_1036" class="footnote">Julius Streicher: Der Kampf gegen Alljuda. Der Stürmer. Jg. 37, 1941, 1-2.</li><li id="footnote_2_1036" class="footnote">Dies hat auch Volker Weiß herausgearbeitet (Weiß 2011). Im Folgenden beziehen wir uns daher auch auf den Abschnitt „Feindbestimmung: „der gute Mensch“ aus seinem Buch (97-106) S. auch die Rezension von Helmut Kellershohn in dieser Ausgabe S. 44.</li><li id="footnote_3_1036" class="footnote">Weitere Quellen, in denen in national-sozialistischen Schriften das Kompositum „Gutmensch“ auftaucht, liegen uns nicht vor.</li><li id="footnote_4_1036" class="footnote">Wie stark die Sinnestrübungen der PC-Kritiker sein können, lässt sich in der Debatte um das Buch von Thilo Sarrazin sehr gut nachzeichnen. Immer wieder wurde von Zensur und Einschränkung der Redefreiheit gesprochen und dabei übersehen, dass es in zwei wichtigen meinungsbildenden Organen, Dem Spiegel und der Bild-Zeitung Vorabdrucke des Buches gab.</li><li id="footnote_5_1036" class="footnote">Von der Gesellschaft für deutsche Sprache wird noch eine weitere Quelle des Begriffs `Gutmensch` angegeben. So habe die US-amerikanische Zeitschrift Forbes 1985 den Begriff auf den damaligen IG Metall-Gewerkschaftsführer Franz Steinkühler bezogen. Die Gesellschaft will aber hieraus keinen Transfer zum deutschen Sprachgebrauch ableiten. Dies auch deshalb, weil „das grammatische Muster ‚ungebeugtes Adjektiv + Substantiv’ im Deutschen seit Jahrhunderten existiert und viele Komposita hervorgebracht hat“ (http://www.gfds.de/index.php?id=112, Abruf 14.10.2011).</li></ol>]]></content:encoded>
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		<title>Facetten des antimuslimischen Diskurses</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Nov 2011 15:42:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rvr</dc:creator>
				<category><![CDATA[DISS-Journal]]></category>
		<category><![CDATA[Antimuslimischer Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine Besprechung von Hannah Schultes, erschienen in DISS-Journal 22 (2011). In sieben Beiträgen und zwei Rezensionen werden in dem 2011 zum zweiten Mal erschienenen „Jahrbuch für Islamophobieforschung“ bedenkenswerte Entwicklungen im extrem rechten und im hegemonialen Diskurs mit Analysen auf der Ebene der Medien und Politik belegt. Darüber hinaus beinhaltet die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Eine Besprechung von Hannah Schultes, erschienen in DISS-Journal 22 (2011).</em><br />
<strong></strong></p>
<p><strong>In sieben Beiträgen und zwei Rezensionen werden in dem 2011 zum zweiten Mal erschienenen „Jahrbuch für Islamophobieforschung“ bedenkenswerte Entwicklungen im extrem rechten und im hegemonialen Diskurs mit Analysen auf der Ebene der Medien und Politik belegt. Darüber hinaus beinhaltet die von Farid Hafez herausgegebene Publikation auch eine theoretische Intervention sowie einen Beitrag aus dem Feld der Cultural Studies.</strong></p>
<blockquote><p>Farid Hafez (Hg.)<br />
<strong>Jahrbuch für Islamophobieforschung 2011</strong><br />
2011 Innsbruck: StudienVerlag<br />
128 S., 22,90 Eur</p></blockquote>
<p>Eine Nachzeichnung des politischen Diskurses um das durch eine Schweizer Initiative verbreitete Anti-Minarettplakat im Herbst 2009 liefert Doris Angst in ihrem Beitrag. Eher unterbelichtet bleibt in dem Beitrag jedoch leider die grundsätzliche Ambivalenz von Meinungsfreiheit und auch eine kritische Hinterfragung staatlicher Verbote findet nicht statt. Dass die Verbotsdebatten und Verbote die Anschlussfähigkeit und Verbreitung des kritisierten Inhaltes nicht verhindern konnten, zeigt schließlich die Karriere des Plakats, das zum antimuslimischen „Propaganda-Hit“ (22) wurde.</p>
<p>Mit dem antimuslimischen Gehalt der österreichischen Medienberichterstattung zum Schweizer Minarettverbot beschäftigt sich Astrid Mattes in einer Kritischen Diskursanalyse, in der sie zu dem Schluss kommt, dass eine bewundernde Haltung gegenüber dem Schweizer Volksentscheid vorherrscht, während Musliminnen als „anders, gefährlich, unterlegen oder unerwünscht“ (34) dargestellt werden.</p>
<p>Ergänzend dazu verhält sich eine sprachwissenschaftliche Betrachtung zweier Spiegel-Artikel aus 2004, in denen die Konstruktion des muslimischen „Anderen“ anhand der Referenzpunkte „9/11“, Irak-Krieg und der Anschläge von Madrid vollzogen wird. Der Autor Abdel-Hafiez Massud kommt dabei unter anderem zu dem Schluss, dass etablierte Stereotype durch selektive Ausblendung von Informationen und eine Konzentration auf die „superkongruenten Fälle“ (80) perpetuiert werden.</p>
<p>Um das rassistische Stereotyp des hypermaskulinen, frauenunterdrückenden Südländers dreht sich Martin Meyraths an den Cultural Studies orientierter Beitrag „Superösterreicher. Zur Konstruktion eigener und fremder Männlichkeiten im Lied ,Supertürke‘“. Meyrath konstatiert dabei als Grundlage des Liedtextes der österreichischen Popgruppe Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) sowohl eine klassisch rassistische „Primitivität-Zivilisations-Dichotomie“ (46) als auch spezifisch antimuslimische Aspekte wie die Vorstellung von Religion als Kultur. Deutlich wird zudem die Verknüpfung von antimuslimischem Rassismus mit der Kategorie Klasse und dem „Pseudo-Feministischen Viktimisierungsdiskurs“ (49) der weißen männlichen Kritisierenden.</p>
<p>Eine „Entflechtung der Kritiklinien“ (59) strebt auch Petra Klug in ihrer Auseinandersetzung mit Judith Butlers Argumentationen gegen die Instrumentalisierung von Frauenrechten und sexuelle Selbstbestimmung im antimuslimischen Rassismus an. Klug zufolge dürfe aus antirassistischer Kritik keine „Ethnisierung der Standards“ (60) folgen – dabei wirft sie Butler nicht nur das Verharren in der Logik des Kulturalismus vor, sondern auch die Projektion des von ihr kritisierten Säkularismus auf religiöse Minderheiten und die Ausblendung der heterogenen Positionen innerhalb dieser Minderheiten durch die Einnahme einer Fürsprecherinnen-Rolle.</p>
<p>Hinsichtlich extrem rechter Feindbilder und der Rolle des Islams darin sind besonders die Beiträge von Phillip Becher und Farid Hafez interessant. So konstatiert Becher nach einer umfangreichen Medieninhaltsanalyse von „Europa vorn“/„Signal“, dass diese neurechten Periodika ab Mitte der 90er Jahre die „Blaupause für die Agitationsmuster geliefert [haben], die ein Jahrzehnt später von ,pro Köln‘ aufgegriffen werden sollten“ (110). Antikommunismus, Antiamerikanismus, antimuslimische Haltungen und der vorgebliche Einsatz gegen soziale Ungleichheit in der „Neuen Rechten“ bedienen dabei weit verbreitete Wahrnehmungen und Haltungen in der Bevölkerung. Hafez hingegen analysiert die Wahlkampfstrategien der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) im Wiener Landtagswahlkampf 2010 und stellt den Topos der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) als „Islamistenpartei“ heraus. Dabei wird der SPÖ der Einsatz für „Kopftuchzwang“ und muslimische „Gegengesellschaften“ zugeschrieben, als muslimisch markierte SPÖ-Kandidatinnen werden als „Proto-Islamisten“ (89) dargestellt.</p>
<p>Das Jahrbuch bietet interessante Einblicke in unterschiedliche Formen und Intensitäten des gegenwärtigen antimuslimischen Diskurses – besonders hervorzuheben ist dabei die sich in der extremen Rechten immer wieder abzeichnende proklamierte Allianz zwischen dem Feindbild Islam und Repräsentantinnen anderer Feindbilder. Die unterschiedlichen Positionen zu Vergleichen und Analogiebildungen zwischen Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus verdeutlichen allerdings den Diskussionsbedarf auch kontroverser Themen, der innerhalb der relativ jungen Forschungsrichtung herrscht.</p>
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		<title>Ein Hype in all seiner entlarvenden Schönheit</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Nov 2011 15:35:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rvr</dc:creator>
				<category><![CDATA[DISS-Journal]]></category>
		<category><![CDATA[Einwanderungsdiskurs]]></category>
		<category><![CDATA[Normalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Sarrazin]]></category>

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		<description><![CDATA[Siegfried Jäger rezensiert Sebastian Friedrich (Hg.): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. Die Besprechung ist erschienen in DISS-Journal 22 (2011). Die Linke habe sich zu Sarrazin kaum bis überhaupt nicht geäußert. So rumort es in den hegemonialen Feuilletons. Das stimmt, wenn es denn überhaupt irgendwie wahr war, ab jetzt nicht mehr. Für [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Siegfried Jäger rezensiert Sebastian Friedrich (Hg.): Rassismus in der Leistungsgesellschaft. Die Besprechung ist erschienen in DISS-Journal 22 (2011).</em></p>
<p><strong>Die Linke habe sich zu Sarrazin kaum bis überhaupt nicht geäußert. So rumort es in den hegemonialen Feuilletons. Das stimmt, wenn es denn überhaupt irgendwie wahr war, ab jetzt nicht mehr. Für genauere und seriösere Analyse, so einem denn daran gelegen ist, bedarf es einer gewissen Zeit. Mit dem soeben erschienenen Sammelband, herausgegeben von Sebastian Friedrich, liegt eine Kritik vor, die tiefschürfend und anregend ist und sich nicht mit dem Bürger Sarrazin allein befasst, sondern seine Ideologie zutiefst in deutscher Geschichte und aktueller bürgerlicher Gesellschaft verankert sieht. Zu Recht!</strong></p>
<p>Wer sich jemals gründlicher mit dem Nationalsozialismus und seinen Vorläufern beschäftigt hat, wer die deutsche Politik nach 1945 und den fortdauernden Antisemitismus und Rassismus verfolgt hat, kann Sarrazin nicht als politischen Unfall verstehen, sondern als Ausdruck einer fortdauernden Biopolitik, kaum unter der Tarnkappe versteckt, die eine Form der Regierung der Bevölkerung darstellt, die mit wirklicher Demokratie nicht viel zu tun hat. In diesem Band, zu dessen Lektüre eine spannende Einleitung des Herausgebers einlädt, das sei noch einmal deutlich gesagt, geht es nicht primär um Sarrazin und seine Person und sein sehr spezifisches Verhältnis zur Wissenschaft, sondern um den aktuellen und historischen Kontext, in dem sein Buch eine derartige Wirkung erzielen konnte.</p>
<p><strong>Die Angst vor einer Bedrohung Deutschlands durch Einwanderung erzeugt neue Rassismen</strong></p>
<p>Sabine Hess wirft ein kritisches Licht auf die wissenschaftliche Wissensproduktion zum Thema Einwanderung der letzten gut 60 Jahre und auf die neuere Integrationsdebatte in Deutschland. Der Normalfall Einwanderung werde durchweg zum Problem hochstilisiert. Vorschläge für alternative Sicht- und Herangehensweisen, so etwa die, Einwanderung und Integration aus dem Blickwinkel der EinwanderInnen zu erforschen, runden diesen Beitrag ab.</p>
<p>Yasemin Shooman notiert, dass Kultur – und  beim Antiislamismus  auch Religion – in den einflussreichen Medien und der Öffentlichkeit insgesamt einen ähnlichen Stellenwert einnehmen wie dies traditionell der biologistische Rassismus getan hat (und dies teilweise immer noch tut). Zugleich seien als Muslime markierte Menschen und Gruppen als Rassen zurechtkonstruiert worden und als parasitär hypostasiert worden – eben nicht nur von Sarrazin.</p>
<p>Sebastian Friedrich und Hannah Schultes untersuchen den aktuellen Diskurs Einwanderung in hegemonialen Medien (Der Spiegel, Süddeutsche Zeitung, FAZ/FAS). Es gehe in den untersuchten Zeitungen um das Verständnis von Integration und damit um die Frage: Integriert, vielleicht nur teilweise integriert oder nicht integriert? Rassismus als Integrationshemmnis werde nicht thematisiert. Plakative Portraits von Integrierten und Nicht-Integrierten ersetzen die Analysen. Dabei werde durchaus auf Sarrazin Bezug genommen, die Medienanalysen erbrächten jedoch nicht Neues im Vergleich zu anderen vorliegenden Analysen. So heißt es: „Die gegenwärtigen Repräsentationsformen von Migrant_innen sind geprägt durch ein Gebilde aus herrschendem Integrationsparadigma, der Negierung und Unsichtbarkeit rassistischer Strukturen und Regierung im Sinne einer leistungsorientierten Selbstdisziplinierung bei gleichzeitiger Kontrolle durch Instanzen der Mehrheitsgesellschaft.“</p>
<p>In seinem Beitrag zum „Reflexiven Eurozentrismus“ geht Serhat Karakayali von der von Beobachtung aus, dass in neuere Formen von Rassismus vermeintlich emanzipative Kritiken eingehen und von ihm gleichsam vereinnahmt werden. Gefragt wird, wie und auf welche Weise die einzelnen Merkmale dieses Syndroms miteinander in Beziehung stehen. Reflexivität sei sowohl modus operandi des Syndroms als auch Distinktionskriteriuum des neuen Eurozentrismus, in dem der muslimisch Andere als nichtreflexiv markiert werde. Dieser Zusammenhang wird sowohl macht- und subjekttheoretisch interpretiert. In der Sarrazindebatte werde die Trennlinie zwischen den „fahrlässigen“ und den reflexiven Subjekten vor allem entlang staatlicher Grenzen gezogen: nicht der Grenzen des deutschen Staates, sondern eines sich herausbildenden staatlichen Gebildes namens Europa, dessen Identitätsanrufungen sich nicht mehr auf nationale Kollektive richten, sondern wahlweise auf religiöse Gemeinschaften oder Mentalitäten.</p>
<p>Vassilis Tsianos und Marianne Pieper gehen von der Frage aus, weshalb es diese Debatte um Integration überhaupt gebe. Sie kommen zu dem Ergebnis, es gehe um das Bedrohungspotential durch „Risikopopulationen“. „Gelinge es nicht, ‚die Ausländer’ zu integrieren, seien zukünftig gesellschaftliche Konflikte wie in den französischen Banlieus  unvermeidbar.“ (125) Das sei der Grund dafür, dass es in dieser Debatte um die Vermeidung von Ghettos gehe, angebliche Parallelgesellschaften abgelehnt werden und damit eine bestimmte Form von (assimilativer) Integration eingefordert werde; um eine Integration also, bei der es ausschließlich um deutsche Interessen gehe. Sie wollen den Begriff der “biopolitischen Assemblage“ für die Rassismusanalyse fruchtbar machen, als das verschränkte Auftreten von Rassismus mit anderen Diskursen, das aber dazu führe, rassistische Positionen durch scheinbar liberale Argumente zu verschärfen.</p>
<p>Damit liegen hoch interessante Überlegungen vor, die den Auftakt zur weiteren Ausdifferenzierung der Rassismus-Forschung darstellen können. Tsianos und Pieper schlagen als Ausgangspunkt dafür den Begriff der biopolitischen Assemblage vor. Es handle sich dabei um neue (post-)koloniale, antisemitische, und antiislamische Konfigurationen.</p>
<p><strong>Biopolitische Assemblagen</strong></p>
<p>Solche neuen Formen von Rassismus untersucht Juliane Karakayali. Sie diskutiert sie anlässlich der aktuellen Integrationsdebatte am Beispiel neuer Geschlechterpolitiken wie etwa der Förderung der Geburtenzahl bei Akademikerinnen. Ein weiteres bilde die Bereitstellung von Elterngeld. Auf diese Weise werden vorhandene soziale Ungleichheiten zu natürlichen Ungleichheiten umgedeutet. Das geschehe im Rahmen eines neoliberalen Diskurses, der gerade jungen Frauen die Einlösung feministischer Forderungen nach Teilhabe verspreche.</p>
<p>In diesem Horizont versucht Moritz Altenried eine biopolische Erklärung nach Foucault, wie man sie in der gesamten ausschweifenden Debatte um Integration bisher nicht finden konnte. Er begreift Integration als Dispositiv im Sinne Foucaults und zeigt, dass es gar nicht um Integration im eigentlichen Sinne gehe, sondern um einen diskursiven Knotenpunkt, der verschiedene Diskurse miteinander verschränkt: ökonomische, rassistische und nationalistische. Offenbar sieht sich die mit Einwanderung konfrontierte mediopolitische Klasse selbst in einem Notstand, dem sie unter Einbringung bürgerlicher Ideologeme zu begegnen sucht.</p>
<p>Elke Kohlmann erkennt Sarrazins Argumentation mit dem Humankapital als einen Versuch, seinen Rassismus weiterhin in den Vordergrund zu rücken und sieht Sarrazins primäres Anliegen darin, die Kosten, die Einwanderinnen und Arme verursachen, zu senken. Ihm sei jedes Mittel recht, die ökonomisch „Unproduktiven“ ausfindig zu machen. Sie fragt, ob nicht neue analytische Werkzeuge gebraucht werden, weil Sarrazin mit dem Vorwurf Rassismus und Neo-Rassismus nicht wirklich und restlos zu kritisieren sei. Sie zeigt, dass die Ökonomie als vorrangiges Analysemittel für den Lebenswert der Individuen von Sarrazin etabliert wird. Zu fragen sei daher, ob Rassismus und Neorassismus überhaupt angeführt werden sollen, um Sarrazins Argumentation auseinander schrauben zu können. Sarrazin bediene sich ihrer und anderer Mittel möglicherweise nur, um seine Beweisführung zu stützen.</p>
<p><strong>Auf der Suche nach der globalen Macht unter Rückgriff auf verdinglichtes Wissen</strong></p>
<p>Jürgen Link macht darauf aufmerksam, dass Sarrazin zu Mitteln verdinglichter Intelligenz Zuflucht nimmt: Er reduziere Wissen auf quantifizierendes Wissen und primär Mathematik und Naturwissenschaften und Technik (neben einigen ausgewählten sozial- und kulturwissenschaftlichen Fächern). Zu fragen sei deshalb: Warum dann aber auch noch Goethe?<br />
Verdinglicht sei Sarrazins Auffassung von dominanter Erblichkeit, als ließe sich Intelligenz messen wie Fieber mit dem Thermometer. Auf dem Hintergrund seiner Normalismutheorie zeigt Link, dass es sich bei „Deutschland schafft sich ab“ um ein Manifest des Protonormalismus handelt.</p>
<p>Christoph Butterwegge spricht von einer Sinnkrise des gegenwärtigen Kapitalismus angesichts der Ökonomisierung, Kulturalisierung, Ethnisierung und Biologisierung des Sozialen. Er verweist auf Westerwelles Wohlfahrtsstaatskritik und Sarrazins Hetze gegen den Sozialstaat. Der Neoliberalismus begünstige Standortnationalismus, Sozialdarwinismus und Wohlstandschauwinismus. Das seien ideologische Ablenkungsmanöver der Herrschenden gegenüber den  Krisen und eine Gefahr für die Demokratie.</p>
<p>Jörg Kronauer zeigt, dass und weshalb sich Sarrazin um den deutschen Staat sorgt. Sarrazin beklage die mangelnde Gebärfreudigkeit insbesondere der deutschen akademischen Frauen und insgesamt das deutsche Bildungsniveau angesichts des Strebens Deutschlands, eine globale Macht darzustellen. Er greife in eine nationalistische Debatte ein, die zurzeit von den deutschen Eliten geführt werde. Immerhin äußere Sarrazin Zweifel, ob die Form der Demokratie geeignet sei, diesen Missständen zu begegnen.</p>
<p>Nora Räthzel widmet sich Sarrazins Elitekult, was in der bisherigen Debatte kaum aufgegriffen worden sei. Es gehe um die Angst der Eliten vor dem Verlust der ökonomischen, politischen und kulturellen Vorherrschaft im Norden. Sarrazin schüre mit seinen verquasten „Beweisführungen“ diese Angst vor dem globalen Machtverlust. Sie werde auf eine Angst vor dem Süden im Inneren umgelenkt. Als Hilfe werde die Elitebildung angeboten. So entstehe eine doppelte Ermächtigungsphantasie, mit der die Angst vor dem globalen Machtverlust verdrängt werden kann.</p>
<p><strong>Phantasievoll auf die Schüppe nehmen: Interventionen und Perspektiven</strong></p>
<p>Charlotte Misselwitz möchte den Spieß auf intelligente und humorvolle Weise umdrehen und mit Diskurstaktiken wie Zuspitzungen, Umkehrungen, Ironisierung etc. gegen „die Gesellschaftsgruppe Sarrazin und Banker“, die sie als Parasiten bezeichnet, kritisch vorgehen. Sie nennt dieses Verfahren auch „narrative Spiegelung“. Die Parasiten sollen nicht allein durch bestimmte Zuschreibungen entlarvt werden, sondern durch die Anwendung solcher Zuschreibungen auf sich selbst, was dann Humor sei. Das sei besser als nur rationale Argumentation, die deshalb wenig nütze, weil einmal übernommene Vorurteile durch sachliche Korrektive kaum zu brechen seien, da diese keine emotionale Wirkung hätten. Erst wenn das Denken mit dem Gefühl einhergehe, komme es zur Einsicht. Das ist ein Beispiel für eine Diskurstaktik, die die Position Sarrazins klar benennt, den Spieß des Bezeichneten gegen den Bezeichnenden umkehrt. So kann gezeigt werden, wer die wirklichen Schmarotzer und Parasiten sind und wie überspitzt und unwissend die vorgetragene Kritik sei.<br />
Gabriel Kuhn und Regina Wamper nehmen die Diskussion um Meinungs- und Pressefreiheit auf. Sie argumentieren, es gehe dabei um die Grenzen und zugleich um die Verteidigung der Meinungsfreiheit. Insbesondere die Rechte fordere sie, um alles unverantwortlich herausschreien zu können. Die Rechte sehe immer dann die Meinungsfreiheit in Gefahr bzw. abgeschafft, wenn rassistische, sexistische, antisemitische, klassistische oder andere ausgrenzende Diskurse in Frage gestellt werden.</p>
<p><strong>Fazit: Diabolisches Geschwätz</strong></p>
<p>Man wird diesem Buch mit seinen 16 Artikeln von meistenteils recht jungen Autor­Innen nicht in jedem Punkt zustimmen wollen. Doch es leistet einen wichtigen und äußerst verdienstvollen Beitrag, der die leidige Debatte um Integration auf einen neue Stufe führen wird. Es entlarvt diesen Diskurs als diabolisches Geschwätz.</p>
<p>Die Frage, wie es zu diesem Sarrazin-Hype angesichts der Tatsache, dass dieser eigentlich nichts Neues sagt, kommen konnte, lässt sich nur beantworten, wenn man die Strategie dieses Diskurses herausarbeitet, also die Frage beantwortet, worauf sich dieser Diskurs stützt und worauf „er“ (also dieser Diskurs) hinaus will: Herrschaft. Sarrazin verbindet seine auf den ersten Blick nur populistische Kritik an den Nutzlosen, die er auch schlicht bei der Bildzeitung abgeschrieben haben könnte, einerseits mit den gängigen Rassismen, greift aber zugleich auf verbreitetes Bildungswissen antiquierter Provenienz zurück, was auch solche Menschen anlockt, die ihr Wissen aus dem 19. Jahrhundert und dem Nationalsozialismus bezogen haben. Er verbindet das (antiquierte) „Wissen“ des zumeist reichen deutschen Bildungsbürgers mit ihrem angeblichen legitimen Anspruch und das Recht auf den Besitz, das Verfügen über Herrschaft. Dieser Diskurs will eine andere Regierung, Demokratie ist ihm fremd. Er plädiert für die einer Elite. Damit erweist sich Sarrazin nur als Sprachrohr eines Diskurses, dem des deutschen Bildungsbürgertums als herrschender Elite, die um ihre Privilegien bangt.</p>
<blockquote><p>Sebastian Friedrich (Hg.)<br />
<strong>Rassismus in der Leistungsgesellschaft. Analysen und kritische Perspektiven zu den rassistischen Normalisierungsprozessen der „Sarrazindebatte“</strong><br />
2011 Münster: edition assemblage<br />
262 S., 19,80 Euro</p></blockquote>
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		<item>
		<title>„Das hat doch nichts mit uns zu tun!“</title>
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		<pubDate>Wed, 23 Nov 2011 15:28:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>rvr</dc:creator>
				<category><![CDATA[DISS-Journal]]></category>
		<category><![CDATA[antiislamischer Rassismus]]></category>
		<category><![CDATA[Breivik]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Norwegen]]></category>
		<category><![CDATA[Terror-Diskurse]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Anschläge in Norwegen in deutschsprachigen Medien. Von Ekaterina Jadtschenko, Marc Jacobsen und Regina Wamper. Erschienen in DISS-Journal 22 (2011). Zweifellos war die Berichterstattung über die Anschläge in Norwegen für die journalistische Zunft eine große Herausforderung. Der Druck, Nachrichten zu produzieren, wissen zu müssen, was warum passiert und das am [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Die Anschläge in Norwegen in deutschsprachigen Medien. Von Ekaterina Jadtschenko, Marc Jacobsen und Regina Wamper. Erschienen in DISS-Journal 22 (2011).</em></p>
<p><strong>Zweifellos war die Berichterstattung über die Anschläge in Norwegen für die journalistische Zunft eine große Herausforderung. Der Druck, Nachrichten zu produzieren, wissen zu müssen, was warum passiert und das am besten, bevor es jemand anders weiß, hat hier sicherlich großen Einfluss auf die anfänglichen Deutungen der Tat als „islamistische Terroranschläge“ gehabt. Und so schnell ein Ereignis bewertet werden muss, so schnell ist es auch wieder vergessen – nur Wochen nach den verheerenden Anschlägen.</strong></p>
<blockquote><p>Regina Wamper / Ekaterina  Jadtschenko / Marc Jacobsen (Hg.)<br />
<strong>„Das hat doch nichts mit uns zu tun!“ Die Anschläge in Norwegen in deutschsprachigen Medien</strong><br />
edition DISS Band 30<br />
Münster: Unrast<br />
ISBN 978-3-89771-759-6<br />
178 S., 18 Euro<br />
erscheint im November 2011im Unrast-Verlag</p></blockquote>
<p>Für uns waren die Berichte zu den norwegischen Anschlägen Anlass, die Wirkmächtigkeit herrschender Deutungsmuster zu analysieren.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/%e2%80%9edas-hat-doch-nichts-mit-uns-zu-tun%e2%80%9c/#footnote_0_1026" id="identifier_0_1026" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Diese Analysen sind in Band 30 der edition DISS nachzulesen, der von Regina Wamper, Ekaterina Jadtschenko und Marc Jacobsen unter dem Titel: &bdquo;Das hat doch nichts mit uns zu tun!&ldquo; Die Anschl&auml;ge in Norwegen in deutschsprachigen Medien herausgegeben wird. Das Buch erscheint im November 2011 im Unrast-Verlag M&uuml;nster.">1</a></sup> Denn diese Deutungsmuster sind es, die es uns plausibel erscheinen lassen, dass Terroranschläge etwas mit dem Islam zu tun haben müssen. Sie geben vor, dass extreme Rechte nicht vernetzt agieren und / oder dass Rassismus sich durch Steuerung und Begrenzung von Migration zurückdrängen ließe. Und die diskursiven Effekte dieser Deutungsmuster sind es schließlich, die Rassismus reproduzieren, rechte Gewalt verharmlosen, Feindbilder und Bedrohungsgefühle aufbauen oder verstärken.</p>
<p>Das alles sind natürlich keine genialen Erfindungen der Medien oder gar einzelner JournalistInnen. Auch diese bewegen sich innerhalb gesellschaftlich dominanter Diskurse, ihr Wissen ist diskursiv vermittelt. Problematisch wird es dort, wo Objektivität als Grundlage von Berichterstattung behauptet wird. Denn dass es diese nicht gibt, hat uns die Berichterstattung zu den norwegischen Anschlägen wieder einmal gezeigt.</p>
<p>Alle Zeitungen arbeiteten mit Externalisierungen des Täters und der Tat. Publikationsorgane, die sich der „politischen Mitte“ zuordnen, verlagerten den Täter in die politische Rechte. Die politische Rechte wiederum wies Breivik entweder zurück zur Mitte, rechnete ihn dem je anderen Spektrum innerhalb der extremen Rechten zu oder vermutete Verschwörungen. Konservative sahen ihn als aus dem sozialdemokratischen Idyll erwachsen, Linksliberale stellten Nähen zum Konservatismus her. „Das hat doch nichts mit uns zu tun!“ auf diese Formel lässt sich die Argumentationsstrategie bringen. Während zu Recht konstatiert wird, dass Breivik sich in rechten Milieus bewegt hat und offenkundig deren Ideologien vertritt, wird eine Auseinandersetzung mit zentralen Aussagen in Breiviks Ideologie im je eigenen politischen Spektrum abgewehrt. Mit der eigenen Berichterstattung haben diese Überzeugungen nichts zu tun, allenfalls mit der der anderen.</p>
<p>Aus Breiviks schriftlichen Erklärungen fanden nur einzelne Ideologiefragmente mediale Aufmerksamkeit. Bedauerlich still blieb es beispielsweise um Breiviks Frontstellung gegen die Linke und um seinen Hass auf die sogenannte „political correctness“. Dabei wurde eben diese Argumentationsfigur quer durch die deutsche Medienlandschaft zuvor während der von Sarrazin angeheizten Integrationsdebatte bedient.</p>
<p>Diese Debatte und der in ihr auflodernde antimuslimische Rassismus hatten zweifellos etwas zu tun mit der anfänglichen Deutung der Ereignisse als „islamistischer Terrorismus“. Nach seiner Festnahme wurde Beivik zum „Antiislamisten“, seine Anschläge wurden als Reaktion auf „muslimischen Extremismus“ und als gegen „Islamismus“ gerichtet gewertet.</p>
<p>Auf diese Weise werden Schuldumkehrdiskurse bedient. Breivik richtete sich aber nicht gegen „Islamismus“, seine Anschläge waren keine Reaktion auf „muslimischen Extremismus“. Breiviks Rassismus richtet sich gegen Muslime und Muslima allgemein, denen freilich gemeinsame Eigenschaften zugeschrieben werden. So funktioniert Rassismus. Die Rede vom „Antiislamismus“ hingegen suggeriert, dass Rassismus etwas zu tun habe mit dem Verhalten der von ihm Betroffenen. Diese Figur hat in Deutschland allerdings Tradition. Anfang der 1990er hat man Flüchtlingen eine Mitschuld an rassistischen Pogromen wie denen von Rostock-Lichtenhagen, Hünxe und Hoyerswerda gegeben. Die Änderung des Asylrechtes sollte dementsprechend vorgeblich für ein Ende von rassistischen Morden sorgen. Doch gebrannt hat es weiterhin, berichtet wurde darüber allerdings nur noch selten. Auch während der Berichterstattung über Norwegen wurden rassistische Topoi bedient und die Ursächlichkeit für Rassismus vielfach in der Migration und bei den MigrantInnen gesucht.</p>
<p>Des Weiteren wurde in den Zeitungen eine Innen/Außen-Dichotomie vermittelt, über die die Anschläge als von Innen kommend beschrieben wurden, entgegen „islamistischen“ Anschlägen, die von Außen kämen. Dies suggeriert, dass der Islam in all seinen Facetten nicht zum Innen, zu „uns“ gehört. „Islamismus“ wird damit zu einem Problem, das in europäischen Gesellschaften nicht existiert, ganz als ob es keine europäischen Muslime und Muslima gäbe.<br />
Stattdessen wurde das Feindbild Islam auch nach Bekanntwerden der Motive des Täters aufrechterhalten. Manche Zeitungen gingen gar Breiviks Thesen von einer Islamisierung Europas nach und untersuchten den Islam und dessen Einfluss in Norwegen. Damit ließen sie sich auf die Gedankenwelt des Täters ein.</p>
<p>Während „Islamismus“ weiterhin als weltumspannende Gefahr galt, wurden Breiviks Motive nicht in internationale vernetzte Kontexte eingebettet und nur selten von Terrorismus gesprochen. Während „Islamismus“ mit internationalen Netzwerken assoziiert wird, eine Gefahr der Vielen sei, wurde Breivik zum irren Einzeltäter.<sup><a href="http://www.diss-duisburg.de/2011/11/%e2%80%9edas-hat-doch-nichts-mit-uns-zu-tun%e2%80%9c/#footnote_1_1026" id="identifier_1_1026" class="footnote-link footnote-identifier-link" title="Dass sich diese Sichtweise auch auf die Wahrnehmung von Kriminalit&auml;t auswirkt, ist in einer Untersuchung des DISS bereits 1998 analysiert worden. Vgl. Margret J&auml;ger / Gabriele Cleve / Ina Ruth / Siegfried J&auml;ger (1998): Von deutschen Einzelt&auml;tern und ausl&auml;ndischen Banden. Medien und Straftaten, M&uuml;nster: Unrast-Verlag.">2</a></sup> Beim „islamistischen Terror“ werden andere Deutungsmuster bemüht: Handelt es sich um „islamistische“ Täter, dann scheint es irrelevant zu sein, ob sie als Teile einer Organisation handeln oder „auf eigene Faust“. Anders im Fall Breivik: Er wird automatisch als Einzeltäter gesehen.</p>
<p>Auch die Einzeltäterthese bei rechten Anschlägen hat Kontinuität. Ob nun beim Anschlag auf das Oktoberfest von 1980, ob bei den Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte Anfang der 1990er Jahre, als vernetzt galten extrem Rechte nicht, gleich ob sie in Parteien oder Kameradschaften organisiert sind oder waren. Während zudem „Islamismus“ als politische Motivation, als politische Feindbestimmung verstanden wird, wurden Breiviks Motive in den Bereich des Pathologischen gerückt. So mussten seine Ansichten keiner grundsätzlichen Kritik unterzogen werden. Es ging um die Abwehr der eigenen Verantwortung für die entsprechenden Diskurse. Denn wenn Breivik schlicht verrückt ist, können Nationalismus, Rassismus, Antifeminismus auch weiterhin ohne Bedenken ihren publizistischen Ausdruck finden.</p>
<p>Es bleibt festzuhalten, dass rassistische Implikationen in Islam- und Migrationsdiskursen so „renitent“ sind, dass dieses Ereignis nicht bewirkte, diese grundlegend zu hinterfragen. Interessant ist aber nicht nur, was in den Zeitungen gesagt wurde, was also sagbar war, sondern auch, was nicht sagbar war. Breiviks Antimarxismus und Antifeminismus spielten eine deutlich untergeordnete Rolle.</p>
<p>Nicht nur in extrem rechten Medien waren einige AutorInnen besorgt, die eigene ‚Meinungsfreiheit‘ könne in Zukunft mit Verweis auf Breiviks Taten eingeschränkt werden. ‚Meinungsfreiheit‘ meint hier, aus einer privilegierten Perspektive weiterhin ungeniert rassistische Aussagen tätigen und abwertend über Muslime und Muslima sprechen zu können. ‚Meinungsfreiheit‘ meint hier zudem immer die eigene individuelle Freiheit. Nicht gefordert wird, dass auch diejenigen diskursive Partizipationsmöglichkeiten haben sollen, über die abwertend gesprochen wird, denen keine Stimme zukommt. Es wird eine Trennung von Sprechen und Handeln angenommen. Diese Trennung allerdings gilt nur für das Eigene. Bei der als feindlich konstruierten Gegenseite wird ein Zusammenhang allerdings von Sprechen und Handeln konstatiert. Hass-Prediger gibt es auf der eigenen Seite nicht. Diese heißen dann: Mutige Tabubrecher und Verteidiger der Meinungsfreiheit. Dem Islam kommt in dieser Weltsicht Hate-Speech zu, dem Westen Free-Speech. Die Rede von der eigenen Meinungsfreiheit ist in dominanten Diskursen dazu geeignet, Rassismus sagbar zu machen: „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“ Dass auch über Medien vermittelte Diskurse subjektivieren, Weltsichten prägen, Subjekte produzieren, das weist man im „Westen“ von sich.</p>
<p>An diese Deutungsmuster schlossen sich in einigen Medien Diskussionen um Schuld und Mitverantwortung an. Aber auch hier wurde selten das eigene kritisiert. Mitschuld tragen die Rechten, die an den Rändern. Hegemonialer Rassismus spielte eine untergeordnete Rolle, von der sogenannten Sarrazindebatte war kaum die Rede.</p>
<p>Dass sich die extreme Rechte von Politically Incorrect bis zur NPD im Aufwind sieht, ist bei diesen Diskurskonstellationen kein Wunder. Die erste Befürchtung der Rechten, rassistische Aussagen in Zukunft nicht mehr ganz so ungeniert äußern zu dürfen, wich nach dem ersten Schreck oft bald einer Radikalisierung und einem trotzigen: „Jetzt erst Recht!“ Und auch in der extremen Rechten proklamierte man: „Das hat doch nichts mit uns zu tun!“ Für die einen ist Breivik allzu Israel-freundlich, die anderen hingegen lehnen seine offene Militanz ab, die sie als Ausdruck von Wahnsinn begreifen, vor dem sie selbst gefeit seien.</p>
<p>Trotz solcher ernüchternder Resultate der Analysen bleibt zu hoffen, dass die Anschläge in Norwegen zumindest langfristig den diskursiven Kontext verrücken konnten. Dass also Rassismus, die rassistische Konstruktion des Islam als Feindbild, dass ausgrenzende und menschenfeindliche Aussagen, dass rechte Positionen ‚nach Oslo’ nicht mehr so leichtfertig hervorgebracht werden können.</p>
<ol class="footnotes"><li id="footnote_0_1026" class="footnote">Diese Analysen sind in Band 30 der edition DISS nachzulesen, der von Regina Wamper, Ekaterina Jadtschenko und Marc Jacobsen unter dem Titel: „Das hat doch nichts mit uns zu tun!“ Die Anschläge in Norwegen in deutschsprachigen Medien herausgegeben wird. Das Buch erscheint im November 2011 im Unrast-Verlag Münster.</li><li id="footnote_1_1026" class="footnote">Dass sich diese Sichtweise auch auf die Wahrnehmung von Kriminalität auswirkt, ist in einer Untersuchung des DISS bereits 1998 analysiert worden. Vgl. Margret Jäger / Gabriele Cleve / Ina Ruth / Siegfried Jäger (1998): Von deutschen Einzeltätern und ausländischen Banden. Medien und Straftaten, Münster: Unrast-Verlag.</li></ol>]]></content:encoded>
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