Sonderheft (Mai 1999)
Im Auge des Tornados
DISS-JOURNAL / KULTURREVOLUTION

 

 

Dokumente

aus der Kooperation In der Krieg-Friedensfrage zwischen Diskurswerkstatt Bochum und den Grünen im Bundestag

 

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Einleitung

(gleichzeitig kurze Kenntnisnahme vom kurzen Abschied der Fraktion Ludger Volmer/Angelika Beer von der Deeskalations-Strategie)

(Jürgen Link)

Im folgenden veröffentlichen wir einige Dokumente aus der langjährigen Zusammenarbeit zwischen der diskurswerkstatt bochum/kultuRRevolution und der allgemein als links bezeichneten, bis kurz vor dem Regierungseintritt auf eine intelligente Deeskalationsstrategie eingeschworenen Gruppierung der Grünen im Bundestag um Ludger Volmer und Angelika Beer. Bereits seit dem Golfkrieg hatten wir punktuell zusammengearbeitet, persönlich befreundet waren wir teils schon länger, und insbesondere seit der Braunschweiger Tagung der Grünen am 11.9.1993 (s. mein damaliges Papier in diesem Heft) leisteten wir für die Gruppe (gegen Mißverständisse: gratis) eine Art alternativer »Beratertätigkeit«.Auf der Braunschweiger Tagung wurde der erste Vorstoß der »Wüstenstürmer« in den Grünen, deren »Vordenker« bereits damals Achim Schmillen war (später Assistent und Berater des heutigen Außenministers), zunächst noch einmal gestoppt. Schmillen, der den »Länderratsbeschluß« vom 11.9.1993 (mit ersten wüstenstürmerischen Pferdefüßen) wesentlich formuliert hatte, hatte dem Konzept einer intelligenten Deeskalationsstrategie nichts entgegenzusetzen und sah bei all seiner forschen Jugendlichkeit ausgesprochen »alt« aus.Allen Anwesenden wurde damals klar, daß seines krausen rhetorischen Pudels Kern genau das war, was seit dem 24. März 1999 auf dem Balkan gespielt wird: NATO-Eskalationsstrategie pur.

Wer sich unsere Dokumente anschaut (die also den jetzigen Tornado-Humanisten sämtlich bekannt waren), wird vielleicht denken, daß wir eine außerordentliche prognostische Fähigkeit besessen haben müßten - in Wirklichkeit ist es umgekehrt: alle, die sich über die heute mit dem Balkankrieg eingetretene Realität überrascht zeigen, müssen Jahre bzw. Jahrzehnte lang eine außerordentliche Verdrängungs- und Selbstblendungsfähigkeit besessen haben, weil nahezu alle hegemonialen deutschen Instanzen und Figuren seit Jahren ihren absolut sturen Willen, mit der Bundeswehr unter allen Umständen Großmachtkriege führen zu wollen, egal was die finanziellen, kulturellen und psychologischen Kosten sein mögen, über alle Kanäle verbreitet haben. Steuer-, Renten- und Hochschulreformen konnten bis zur nächsten und dann wieder bis zur übernächsten Wahl usw. warten - die »Kampfeinsätze« der Bundeswehr wurden auf erweiterten Sondervorstandssitzungen, Sonderländerratssitzungen und notfalls Sonderparteitagen durchgepeitscht: »keine Schnellschüsse« bei der Rentenreform - bloß beim Schießen. Es war also wirklich kein Kunststück, diesen Tornado-Hasen in Richtung Balkan laufen zu sehen. Der springende Punkt unserer Zusammenarbeit mit Ludger Volmer,Angelika Beer und anderen, die nun durch deren Einsteigen in den Tornado frühzeitig und einseitig beendet wurde, war im Rückblick der: sie stimmten mit unserer politischen Analyse in den Knackpunkten überein (Ludger Volmer unterzeichnete z.B. die IIDS), haben es aber fast nie versucht, unsere Diskurs-Vorschläge (Formulierungen,Argumente, Kollektivsymbole, Vergleiche) im Bundestag zu erproben. Es war einzig diese Tatsache, die mir persönlich ein schlechtes Auspiz zu sein schien - und tatsächlich hat nun ihr plötzlicher Sprung in den Tornado einmal mehr gezeigt, daß die »Formen« letztlich vielleicht wichtiger als die »Inhalte« sind (die Einsicht des Empedokles bei Hölderlin).

Dieser gleichzeitig wüste wie unverwüstliche Wille auf Deubelkommraus zu neuerlichen deutschen Großmachtkriegen ist eine durchaus »irrationale«, aber um so mächtigere, überwältigendere Tatsache. Die jeweiligen »zwingenden Gründe« haben gewechselt zwischen Ölzufuhr, Hungerhilfe, »Sonderweg«phobie, Flüchtlingsverhinderung vor Ort und Menschenrechten und werden weiter wechseln, sind also »Rationalisierungen« im psychoanalytischen Sinne: der Wille selbst scheint wieder einmal die lange Friedenszeit inzwischen langweilig zu finden und zielt auf die Wieder-holung heulender Bombenalarmsirenen, panisch in die Keller rennender Kinder, zerbombter Städte mit »Brandfackeln« am Horizont, eingeknickter Brücken, breit rollender und alles überrollender Panzerformationen, endloser Flüchtlingstrecks, Gasgeruch in der Luft. Es war kein Witz, daß den Realos auf allen Ebenen der Grünen der »Durchmarsch« gestattet wurde, und daß noch die Überrollten sich in die »Durchmarschierer« verliebten. Es ist eine sich selbst unbewußte, aber um so leidenschaftlichere, schmachtend sehnsüchtige Verliebtheit in Ultimaten, Katastrophen, Notstände, »schmalste Zeitfenster« (Angelika Beer), deren krisenmanagerhafte Mentalität offenbar im Raumschiff Bonn für den Tornado geübt worden war. Nein, diese Grünen haben die Ökologie nie ernst gemeint, weil sie bis heute nicht begriffen haben, daß der Hightechkrieg eine Risiko-Technologie ist (Zusatz: gewollte Zerbombung eines Chemiekomplexes, gewollte Freisetzung von Giftgas gegen Belgrad am 18. April! und »Grüne« tragen sogar das noch weiter mit!), und zwar die riskanteste - bis heute nicht begriffen haben, daß in jedem Hightechkrieg ein GAU-Risiko von 10 Prozent plus x im Tornado mitrast, und daß sie also mit ihrem »verantwortungsethischen« Ja zu dieser Kriegssorte gleichzeitig ein Ja zu AKWs und Gentechnofabriken mit GAU-Risiken von 10 Prozent plus x herausposaunen. (Daß unsere Freunde gerade dieses für Grüne wesentliche Argument nie aufgegriffen hatten, war uns keinesfalls entgangen - wir hofften, noch Zeit zu weiterer Überzeugungsarbeit zu haben).

Wir haben nicht Ludger Volmer und Angelika Beer (die mit ihren Köpfen ja bis etwa drei Monate vor der Wahl vollständig von der zwingenden Richtigkeit der Deeskalationsstrategie überzeugt waren), sondern die »rechten« Grünen vor dem Einstieg in den Tornado gewarnt (s.u.) - weil, wie wir sagten, wer auch immer erst einmal im Tornado sitzt, keine Zeit mehr haben wird für noch so schüchterne Deeskalationsüberlegungen. Wer im Tornado sitzt, hat nämlich überhaupt keinerlei Zeit mehr, keinerlei »Zeitfenster«, er kann nichts anderes mehr tun als mitrasen, er kann vor allem nicht mehr aussteigen. Weil es kein besseres Realsymbol der Eskalationsstrategie gibt als den Tornado, haben wir Ludger Volmer und Angelika Beer empfohlen, dieses Symbol zum Zentrum ihrer Stellungnahmen und Reden zu machen. Daß sie auch diesen »Tip« nicht befolgt haben, ist uns ebenfalls nicht entgangen. Offensichtlich waren der Tornado und die »Bilder«, die er nun einmal - direkt und indirekt - produziert, ihre allerunbewußteste Liebe.Als Fischer ihnen vorschlug: Seid keine Frösche, steigt mit ein, sind sie mit reingeklettert und sitzen jetzt direkt am Bombenschacht. Wie wir es ihnen vorausgesagt haben, sind sie da nicht mehr erreichbar vom Boden, z.B. von unsereins aus - (auch für so etwas wie Freundschaft ist der Tornado rein technisch kein geeignetes Vehikel). Vermutlich hatte ihnen Fischer versprochen, wenn sie mit einsteigen würden, könnten sie ja bremsen, wenn es ihnen anfängt zu schnell zu gehen. Inzwischen dürften sie wissen, daß der Tornado kein Auto ist und keine Bremse besitzt: Wenn in der Hektik internationale Eisenbahnzüge oder Flüchtlingstraktoren ins Fadenkreuz geraten sind, ist es für jedes Nachdenken zu spät. Jetzt wollen sie wenigstens die UNO und die Russen »zurück ins Boot holen« - man fragt sich bloß wie, wo sie selber das Boot verlassen haben und im Bombentornado über den Balkan rasen? Und unsere alte Freundschaft? »Ein Anruf von Milosevic genügt« (Fischer) - sie haben bei uns nicht angerufen vorm Einsteigen - und jetzt sind sie eben nicht mehr ansprechbar, jetzt werden ihnen die Kommandos sehr ultrakurzfristig mitgeteilt - o ja, die Zeitfenster im Tornado zählen in der Tat bloß nach Sekunden: so fair wollen wir durchaus dem Tornado gegenüber sein, in dem sie sitzen.

 

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Stand: 10. August 2006