Sonderheft (Mai 1999)
Im Auge des Tornados
DISS-JOURNAL / KULTURREVOLUTION
Zu diesem Heft
Karl Kraus schwieg nach dem 1. August vier Monate und schrieb dann am 5. Dezember 1914 in der Nummer 404 der »Fackel«: »Erwarten Sie von mir kein eigenes Wort. Weder vermöchte ich ein neues zu sagen; denn im Zimmer, wo einer schreibt, ist der Lärm so groß, und ob er von Tieren kommt, von Kindern oder nur von Mörsern, man soll es jetzt nicht entscheiden. Wer Taten zuspricht, schändet Wort und Tat und ist zweimal verächtlich. Der Beruf dazu ist nicht ausgestorben. Die jetzt nichts zu sagen haben, weil die Tat das Wort hat, sprechen weiter. Wer etwas zu sagen hat, trete vor und schweige!« Die Taten in diesem dritten deutschen Krieg dieses Jahrhunderts sind dem Stand der Technik entsprechend bereits »Bilder«, und so schreien die, die heute nichts zu sagen haben, im Bundestag: »Schauen Sie doch bloß dieses Bild an!« Wer auf Kommando dazu ausgesuchte Bilder anschauen muß, dem ist Schweigen verordnet, das dementsprechend keine Demonstration mehr sein kann. Alle sitzen sie vor dem Fernseher und schweigen, die für sie ausgesuchten Bilder anschauend und den Bildzeigern samt ihren Tornados hohe Zustimmungsraten schenkend. »Ja, die Bilder sind schrecklich, es sind Tote und Vertriebene darauf, das beweist also, daß nur die Tornados die Toten und Vertriebenen haben verhindern können.« Was es dazu zu sagen gäbe, hat keinen Ort in den technisch produzierten Sprechblasen, wo die da oben ganz allein das Sagen mit den Bildern haben.
Wenn das heutige massenhafte Schweigen also auch kein Zeichen von Resistenz ist, so umgekehrt auch nicht generell von bedingungsloser Zustimmung. Vielleicht gibt es noch die Chance, daß das zu Sagende wenigstens von einigen weitergesagt wird: Bitte weitersagen! Zu sagen sind die Grundelemente einer neuen Lage, insbesondere in Deutschland.
Erstes Element: Zu den drei bisherigen Weltgendarmen (USA, England und Frankreich) ist nun Deutschland als der vierte hinzugekommen. Dieser vierte kann aber nicht vermeiden, sehr bald der zweite zu werden: wegen seiner weit überlegenen Wirtschafts- und Finanzkraft, seiner riesigen Bevölkerung, seiner großen Armee, insbesondere seiner ungemein starken Panzerwaffe. Sicher fehlen noch einige Elemente wie etwa Flugzeugträger: Aber dieser Krieg zeigt eben, daß solche letzten Lücken jetzt zügig gefüllt werden müssen (dabei fragen wir nicht nach den Kosten, es geht schließlich nicht um Arbeitslosenhilfe). »Wir« sind also jetzt Nummer 2 in der am 24. März 1999 begonnenen Kriegsphase, die erst beendet sein wird, wenn die Hegemonie der Supermacht, der G7 und der NATO (also des Westblocks) auf der ganzen Welt und von der ganzen Welt ohne Bedingungen anerkannt sein wird. Deshalb sagen Schröder und Fischer schon jetzt vorsorglich: dieser Krieg sei unvermeidlich gewesen und sie »hofften«, daß solche Kriege in der Zukunft »so selten wie möglich« bzw. »nicht allzu häufig« usw. geführt werden müßten.
Wie selten bzw. wie häufig? Das hängt mit dem zweiten wesentlichen Element der neuen Lage zusammen: Jedes Land, das sich hinfort noch die Option eines Rests nationaler Souveränität und den Luxus einer u.U. vom Westblock unabhängigen Politik leisten möchte, braucht ab jetzt imperativ Atomwaffen. Ab jetzt sind Atomwaffen die einzige Versicherung gegen Tornado-Bombardements. Das haben die Regierungen Indiens und Pakistans umgehend so formuliert. Es wird also der große Run auf Atomwaffen einsetzen, was sehr viele neue Krisen- und Kriegsherde schaffen wird. Es wird mehr und mehr bombardiert werden müssen - ab jetzt immer auch mit deutschen Tornados.
Drittes Element: Die militärische Logik des Westblocks folgt der Logik einer globalisierten »flexible response«, d.h. einer globalisierten Eskalations-Strategie mit nach oben offener Leiter von Eskalationsstufen. Schon hat Wesley Clark am 17. April in Tirana angekündigt, er werde »alles vernichten, was für Milosevic einen Wert besitzt«. Schon am 18. April, einem Sonntag, ließ er einen Chemiekomplex bei Belgrad bombardieren und nahm damit die Gasvergiftung eines Teils der Bewohner einer europäischen Hauptstadt billigend in Kauf. Die Gegenseite wird das als Eskalation in den C-Waffenbereich registriert haben (nicht ohne eine gewisse Berechtigung). Dieser C-Waffenakt wurde von den deutschen Grünen mitgetragen und mitverantwortet, offensichtlich als Beispiel einer »umweltschonenden Kriegsführung«. Sicherlich besitzen z.B. auch die serbischen Arbeiter einen hohen Wert für Milosevic, um nur diesen weiteren Faktor zu nennen. Seinerzeit im Golfkrieg war es der damalige Vizepräsident Quaile, der eine Eskalation in den ABC-Bereich ganz explizit nicht ausschloß. Auch unser Fischer muß das wissen, weil er sich erinnern müßte, wie er, als er kurz nach seinem Regierungseintritt und noch etwas unerfahren den faux pas beging, den Verzicht der NATO auf atomare Erstschläge zu fordern, sofort vom ganzen versammelten Westen als »sonderweg«süchtig abgekanzelt wurde.
Derweil eskaliert erst einmal dieser erste wieder rundum deutsche Krieg, und dieser erste ist wie jeder Krieg Positivist: er falsifiziert Hypothesen. Erste falsifizierte Hypothese: Die Tornados mit ihren Bomben schützen die Leute im Kosovo zügig und durchgreifend vor Verfolgung, Vertreibung und Tod. Zweite falsifizierte Hypothese: Je härter wir mit den Tornados zuschlagen, um so schneller ist der Krieg zu Ende. Dritte falsifizierte Hypothese: Deutschland mußte mit Tornados voll dabeisein, um dann später das Schlimmste verhindern und eine politische Lösung vermitteln zu können. Weitere Hypothesen auf dem Prüfstand dieses Krieges: Es wird keine Eskalation zu Panzerschlachten geben; es wird keine Versumpfung zu einem deutschen Vietnam auf dem Balkan geben; und schließlich: Der Endsieg im Hightechkrieg ist absolut sicher. Wie sagte Popper (der solche Kriege herbeiwünschte und sich nun im Grabe ärgert, daß er sie nicht erleben durfte): »Laßt Hypothesen sterben statt Menschen« - wie man jetzt sieht, schließt das eine das andere nicht aus. Der Krieg ist ein besserer Positivist als Popper
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