Sonderheft (Mai 1999)
Im Auge des Tornados
DISS-JOURNAL / KULTURREVOLUTION

 

 

Sabine Christiansen:

»Wie soll dieser Krieg nur enden?« ARD 11.4.1999

Stellungnahmen (Ausschnitte)

Christiansen: Jean-Claude Juncker [Ministerpräsident Luxemburg], wie lange, glauben Sie, wird er [der Krieg] noch dauern?

Jean-Claude Juncker: Wenn es auf schwierige Fragen eine einfache Antwort geben würde, dann würde ich Ihnen die jetzt geben.

C.: Was glauben Sie was haben Sie im Gefühl? Glauben Sie. daß es möglich sein wird ihn innerhalb - sag ich mal - kürzerer Zeit zu beenden, oder daß es doch ein längeres, in Anführungsstrichen, »Abenteuer« ist, auf das wir uns alle eingelassen haben?

J.: Also ich kann weder das eine noch das andere ausschließen. denke aber, daß man während der militärischen Einsätze, zu denen es keine Alternative gibt, doch das Primat der Politik nicht aus den Augen verlieren sollte. Wir brauchen ja nicht nur Natoeinsätze, wir brauchen auch das aktive Tun der Politik. Jeder von uns lädt jeden Tag dadurch, daß er immer noch 'ja' sagt, schwere Schuld auf sich. Man ist nicht schuldfrei in diesem Krieg, aber man würde auch schwere Schuld auf sich legen, wenn man unschuldig bleiben würde. Das ist der Konflikt, das ist unser Dilemma. Hier braucht es ein Nebeneinander von Natoeinsätzen und aktiver Friedenspolitik, die das endgültige Balkanbild nicht aus den Augen verlieren darf

C.: wenn die ja

J.: wenn die ja dies ist ein jahrzehntelanger Prozeß

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J.: Die Dinge sehen hier anders aus als dort. Clausewitz hat gesagt vor langer Zeit, daß Krieg sich planen läßt, daß er sich aber immer anders entwickelt als man denkt, und daß aus der Nähe betrachtet die Dinge anders liegen als von fern besehen.

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Walter Stützle [Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium]:

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Nur eins darf nicht in Vergessenheit geraten - Sie haben gefragt, wie lange der Krieg dauert. Dies ist kein Krieg, den die Nato gegen Jugoslawien führt, dies ist ein Krieg, den Herr Milosevic gegen sein eigenes Volk führt - und nur er kann wissen, wie lang er das noch machen will: deswegen kann ich dem Ministerpräsidenten nur zustimmen - es läßt sich nicht sagen, wie lange es dauern wird, weil niemand ein(en) Einblick hat in dieses offensichtlich für unsere Gedankenwelt unzugängliche Gehirn und ich denke, wenn wir aus der Geschichte - zumal aus der deutschen Geschichte - irgendetwas gelernt haben müssen, ist, wir können nicht zuschauen, wie vor unserer Haustür gemordet wird - und ich stimme Herrn Juncker vollkommen zu - ich bin sehr dankbar, daß er das so offen gesagt hat - jeden Abend fragt man sich, ob man nicht ein Stück mitschuldig wird, denn das sind keine leichten Entscheidungen, die zu treffen sind

C.: aber man weiß natürlich dann auch

St.:aber man weiß natürlich dann auch aber man wird natürlich noch viel schuldiger, wenn man einfach zuschaut.

 

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Stand: 10. August 2006