DISS-JOURNAL 3(1999)

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Tagung zum Gentechnikdiskurs

Modell der "Konfliktpartnerschaft" endet als Nabelschau im Schutz der "Wagenburg"

Unter dem Label "Konfliktpartnerschaft: Gentechnologie als Herausforderung zu einer neuen Diskussionskultur" veranstaltete die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg in Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum für Technik und Arbeit am 12. und 13. November diesen Jahres eine Tagung. Die Tagung bezog die von der Industrie geförderte Mannheimer Ausstellung "Gen-Welten. Leben aus dem Labor?" und deren Resonanz in den Medien in die Diskussionen mit ein. In Vorträgen und Workshops sollte der Frage nachgegangen werden, ob Diskursmodelle Wege aus Kommunikationsblockaden und Fehleinschätzungen zwischen Gegnern und Befürwortern der Gentechnologie anbieten können. Die starke Polarisierung der beiden Gruppen in Wagenburgen sollte überwunden, zumindest aber hinterfragt werden. Kritische Gruppierungen, wie die Grünen, die durch die Mannheimer Ausstellung eine alternative Führung anbieten, waren nicht vertreten.

Ein wesentlicher Schwerpunkt der Tagung war die Rolle der Medien in Gentechnikdiskursen. Michael Emmerich, der seit Jahren über den aktuellen Stand der Genforschung in der Frankfurter Rundschau berichtet, moderierte ein Streitgespräch zwischen Wissenschaftlern, Journalisten und Vertretern der Industrie über die Frage, ob Medien aufklären oder manipulieren. Die Vertreter der Wirtschaft und Industrie reproduzierten den Standpunkt einer gentechnikfeindlichen Berichterstattung in den bundesdeutschen Medien. Ein Standpunkt, der durch Akademiestudien bereits widerlegt wurde (vgl. Hampel, Renn; Kurzfassung der Ergebnisse des Verbundprojekts "Chancen und Risiken der Gentechnik aus der Sicht der öffentlichkeit", Mai 1998). Dr. Jens Katzek, der jüngst vom BUND zur Saatzuchtfirma Kleinwanzleber wechselte, kritisierte entsprechend, daß die Medien Horrorvisionen ungeprüft an die Verbraucher weitergeben und somit zur Polarisierung zwischen den Gruppen beitragen würden. Zudem hätten es Umweltverbände wie Greenpeace auf schnelle Schlagzeilen abgesehen. Ein Diskurs müsse statt durch solch Knüppeln und Scheppern durch gute Argumente und Offenheit gekennzeichnet sein. Wie die Machtverhältnisse in diesem geforderten scheinbar "rationalen" und "herrschaftsfreien" Gentechnikdiskurs verteilt sein sollten, verdeutlichte dann Prof. Dr. Saedler vom Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln, das den I. Freisetzungsversuch in der Bundesrepublik durchführte. In den USA sei es löblicherweise üblich, daß Journalisten Wissenschaftlern ihre Artikel zur Korrektur zuschicken würden. Die journalistische Seite gab indirekt diese Autoritätsstellung der Naturwissenschaften wieder. Selbst dem kritisch eingestellten Journalisten Dr. Ludger Weß gelang es nicht, die vordergründigen Fakten der (Natur-) Wissenschaften kritisch zu reflektieren. Bereits zu Beginn dieses Streitgesprächs kritisierte Prof. Dr. Siegfried Jäger in seinem Eingangsstatement das hier deutlich werdende paternalistische Selbstverständnis, nachdem kluge Wissenschaftler eine störrische und teilweise unwissende Bevölkerung nach Maßgabe der vorausgesetzten Vernunft aufzuklären habe. In der derzeitigen Debatte um Gentechnik gehe es daher nicht um einen offenen rationalen Diskurs im Habermasschen Sinne, sondern um - im Wortlaut der Akademie für Technikfolgenabschätzung - die Durchsetzung der "Zustimmung zu gentechnischen Verfahren und Produkten" (Hampel, Renn, a.a.O. S. 27). Hierbei komme den Medien eine wichtige Funktion zu.

In einem der vier Workshops sollte dann die Frage nach der Macht der Medien vertieft werden. Ein Fernsehbericht des SWR Baden-Baden, der die fünf Verbund -Ausstellungen "Gen-Welten" kritisch auf das von ihnen übermittelte Menschenbild und eugenische Tendenzen hinterfragt, diente als Einstieg in die Diskussion. Mangels Moderation verkam die Diskussion dann zu einem reinen Austausch gekränkter Eitelkeiten und Befindlichkeiten, während der Begriff der Macht nicht weiter differenziert wurde. Die Ausstellungsverantwortlichen des Gen-Verbundes klagten über die ihrer Ansicht nach unberechtigte und unfaire Medienschelte. Eine Mitarbeiterin der Mannheimer Ausstellung suchte den Grund der "Mißverständnisse" in der Beschaffenheit der Exponate. Sie hätten in ihrer Ausstellung nur das gezeigt, was ist. Was sei daran unkritisch?

Hier wird bereits der Fetisch der objektiven (Natur-)Wissenschaft deutlich, dem der Workshop insgesamt frönte. Entsprechend wurde im folgenden die Funktion des Wissenschaftsjournalismus auf die einseitige Rolle des akzeptanzorien-tierten übermittlers und kritiklosen Dolmetschers zwischen Wissenschaft und Laien reduziert. Es ist daher nicht erstaunlich, daß der einzig interessante und informative Beitrag von Dr. Deziderio Sonje von der Universität Hohenheim über das journalistische Umfeld ohne Resonanz verhallte. Sonje wies nach, daß Journalisten, die über das Thema Gentechnik berichten, sich auf ein homogen befürwortendes Informationsnetzwerk stützen. Als Experten befragen sie Befürworter der Gentechnik, während kritische Bürgerinitiativen und Umweltverbände keine Rolle bei ihrer Meinungsbildung spielen. Contra-Positionen würden nur für den dramaturgischen Aufbau des Artikels genutzt. Soviel zumindest zur Frage der Macht über Diskurse!

Abschließend ist zu sagen, daß es den Veranstaltern nicht gelungen ist, neue Wege der Kommunikation und Konfliktlösung aufzuzeigen. Das Diskursprojekt zeichnete sich durch große Wirtschaftsnähe aus. Die Diskussionsstrukturen waren zugunsten der Befürworter ausgerichtet und an "Akzeptanzbeschaffung" und nicht an einem "herrschaftsfreien" Diskurs orientiert. Auf diese Weise werden Kritiker von Diskursmodellen abgehalten. Eine Konfliktpartnerschaft ohne Partner kann der Leiter der Abteilung Diskurs der Akademie für Technikfolgenabschätzung, nur weiter hoffen lassen, daß es auch "positiv (... sei [D.O.]), sich auf sich Alleine zu beziehen" (Wachlin, 12.11.1998, Mannheim). Die eigentliche Frage, ob wir den Weg in eine sozialdarwinistisch ausgerichtete Bio-Gesellschaft befürworten oder nicht, ging in der Nabelschau und Rhethorik unter.

Dorothee Obermann

 

 

 

 

VIA Fachtagung 1998

Migration und gesellschaftlicher Wandel

War es Zufall oder politische Weitsicht, daß der "Verband der Initiativgruppen in der Ausländerarbeit" -VIA e.V. seine diesjährige Fachtagung unter dem Titel "Migration und gesellschaftlicher Wandel" in eine Zeit legte, in dem eine neue Regierung mit der erklärten Absicht antritt, auch im Bereich der Migrationspolitik weitreichende Veränderungen herbeizuführen? Eine eher rhetorische Frage; denn zum einen scheint es mit den "Veränderungen" nicht weit her zu sein, wenn man sich die Koalitionsvereinbarungen der beiden Regierungsparteien näher anschaut. Zum anderen besteht weiterhin dringend Handlungsbedarf in den Komplexen, die auf der Fachtagung näher behandelt wurden:

Die Migrantenfamilie als Sozialisationsinstanz im Wandel der Gesellschaft; Ausländische Jugendliche und Fundamentalismus; Kriminalität und Gewalt; Ausländische Jugendliche in Schule und Ausbildung; Migranten auf dem Arbeitsmarkt.

Die Fachtagung, auf der Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Praxis und von Behörden diskutierten, wurde unter dem Eindruck eines Gespräches konzipiert, das VIA mit den Fachabteilungen "Familie" und "Jugend" des BMFSFJ führte. Darin äußerten die Behördenvertreter ihre Sorge über verschiedene Aspekte der Integration von Migranten in unsere Gesellschaft. Vor allem hinsichtlich ausländischer Jugendlicher besteht die Herausforderung, ihnen gesellschaftliche Perspektiven zu eröffnen, ihre Schulbildung zu stabilisieren und die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern.

VIA hat bundesweit 125 Mitgliedsgruppen, die in verschiedenen Arbeitsbereichen der Migranten- und Flüchtlingsarbeit aktiv sind. Auf der Tagung wurde beschlossen, in Zusammenarbeit mit einzelnen Mitgliedsgruppen modellhafte Projekte zu entwerfen, die in einzelnen, besonders problematischen Bereichen der Einwanderungspraxis wirksam werden sollen. Darüber hinaus werden in Kürze konkrete Gespräche mit Behörden stattfinden. Dabei soll herausgefunden werden, welche Möglichkeiten einer kontinuierlichen Zusammenarbeit bestehen bzw. welche neuen Wege beschritten werden können, um gemeinsame Projekte zu initiieren.

Anfang kommenden Jahres wird eine Publikation herauskommen, die die Fachtagung dokumentiert. Ein Fachverlag hat bereits Interesse an der Herausgabe bekundet.

 

Weitere Informationen gibt es bei:
VIA e.V., Heinz Soremsky, Tel. 02065-53346, eMail: VIA-BUND@t-online.de

 

 

 

 

 

Veranstaltungsreihe des Oldenburger Sprachbüros

Raus aus der Uni!

Das Oldenburger "Sprachbüro" hat 1998 im dritten Jahr seine öffentliche Vortragsreihe mit dem (nicht ganz unzweideutigen) Titel "Unsere Sprache am Ende des 20. Jahrhunderts" gestaltet. Ein Thema war dieses Jahr "Hetze oder Political Correctness". Eingeladen waren Siegfried Jäger ("Von deutschen Einzeltätern und ausländischen Banden. Medien und Straftaten. Vorschläge zur Vermeidung diskriminierender Berichterstattung") und Brigitta Huhnke ("Sprachliche Sensibilisierung oder Gedankenpolizei? Die Diskussion über Political Correctness").

Es ist nicht ganz einfach, ein außer-akademisches Publikum zum Besuch eines diskursanalytischen Vortrags im sehr gepflegten Ambiente des Oldenburger Kulturzentrums PFL zu motivieren. Aber der Saal war in beiden Fällen sehr gut gefüllt. Zeichen dafür, dass Diskursanalyse auch in der öffentlichkeit mehr und mehr zur Kenntnis genommen wird? Leider wohl eher nicht, denn das von uns angepeilte Publikum - Leute aus Gewerkschaften, Politik oder Journalismus - war kaum erschienen. Auch das Interesse an den von uns angebotenen eintägigen Workshops mit den ReferentInnen war eher enttäuschend.

"In diesen Workshops haben die Teilnehmenden aus den jeweiligen Berufsfeldern die Möglichkeit, wichtige Verfahren der Sprach- und Diskursanalyse selbst zu erlernen, zu erproben und auf ihre beruflichen Alltagsprobleme anzuwenden."

Vielleicht lag es daran, dass die einschlägigen Leute im September allzu sehr mit Wahlkampf- und Wahlkampfberichterstattung zu tun hatten. Wir lassen uns aber nicht entmutigen: Diskursanalyse hätte keine Existenzberechtigung, wenn sie nur eine akademische Mode im Bereich der "Kulturwissenschaften" bliebe und deren Adepten sie vergäßen, sobald sie einen außerakademischen Dauerarbeitsplatz ergattern. Also: Auf in die nächste Runde!

Es bleibt das Ziel des Sprachbüros, die sprachliche Sensibilität über den politischen Bereich hinaus in allen Praxisfeldern zu stärken. Verstrickungen in Diskurse lösen sich nur auf, indem sie bewusst werden. Betrachten und reflektieren, was einem gesagt wird und was man selber sagt: die Methoden dazu sind recht gut entwickelt, aber noch nicht alle können sie auch anwenden.

übrigens: Von einigen Oldenburger Sprachbüro-Leuten ist jetzt der neueste OBST-Band 57: "Sprache und/oder Gewalt?" publiziert worden. Gerade die subtile Gewaltausübung unter dem Deckmantel sprachlicher Verständigung (von der antiken Rhetorik über die moderne Medienberichterstattung bis hin zu "TV-Duellen" und "Toleranz"-Diskursen) geht die Themenpalette. Bestellungen (DM 20.-) am besten direkt an: OBST-Redaktion, Gotenstr. 26, 26121 Oldenburg

(E-mail: diskfors@hrz1.uni-oldenburg.de).

Franz Januschek

 

 

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