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DISS-JOURNAL 3(1999) "Krimskrams"
Würgende Berge Malerische Morde meldet zur Zeit die deutsche Wirtschaft. Der rot-grüne Wahlsieg ist "Gift für den Arbeitsmarkt", sagt die Wirtschaftswoche (22.10.1998). Brutaler liebt es das Handelsblatt: Lafontaine foltert die Wirtschaft (Karikatur vom 3.11.1998). Der Preis für den schönsten Mord geht aber an die Mittelstandsvereinigung der CDU / CSU. Bei den Steuerplänen der Koalition handelt es sich um eine Reform, "die dem Mittelstand durch einen Berg zusätzlicher Belastungen den Hals zuschnürt." (WAZ, 20.10.1998)
Robin Hood und die Millionärsgattin "Sollen ein Armer und ein Reicher gleichviel vom Staat bekommen?" fragte die BILD-Zeitung am 27. Oktober ihre Leser. Oskar Lafontaine antwortet. Er nimmt den Reichen und gibt den Armen. Nur noch "wirklich Bedürftige" sollen Arbeitslosenunterstützung bekommen. "Es ist nicht einzusehen, daß ein hochvermögender Unternehmer den Ehepartner beschäftigt, ihm dann kündigt und dann Leistungen der Arbeitslosenversicherung in Anspruch nimmt." Ein langer Klassenkampf geht damit zu Ende. Bereits 1986 geißelte Franz Josef Strauß im Bayernkurier die "mitverdienende Arztgattin", die Stütze kassiert und uns alle auslacht. Schluß damit! Reißen wir die Perlenketten von den Hälsen der Gattinnen! Perlen zu Almosen!
Global Players Eine neue Management-Methode kündigt sich an. Der Rheinische Merkur fragte den Chef der Obi-Baumärkte und Mitglied des Bundes Katholischer Unternehmer Manfred Maus: "Können Unternehmen, die weltweit operieren, von der katholischen Kirche lernen." Maus: "Ich finde, daß die Kommunikation unser größtes Problem ist, das wir in jeder Großorganisation haben. Auch die Kirche hat es. Die Kirche muß als Serviceeinrichtung gesehen werden. Sie erbringt eine Dienstleistung, die Millionen Menschen auf der ganzen Welt dringend brauchen. Wir können von der Kirche eine ganze Menge lernen. Es ist die älteste und größte Marketing-Organisation der Welt." Vielleicht kommt es sogar zur Fusion. Maus: "Die Kirche als globale Institution hätte große Möglichkeiten, sich mit den Unternehmen gemeinsam für die menschlichen Grundwerte einzusetzen und sie zu vermitteln."
Fortschritte der Wissenschaft Vom Ameisenforscher Edward O. Wilson ist ein Buch über die "Einheit des Wissens" erschienen. Im Interview mit der Welt (5.11.1998) erklärt der Soziobiologe, was die Geistes- und Sozialwissenschaften falsch machen und wie die Biologie helfen kann: Es gehe um "epigenetische Regeln: durch die Evolution herbeigeführte Regelmäßigkeiten der geistigen Entwicklung, die dazu führen, daß sich gewisse kulturelle Vorlieben entwickeln." Wie haben wir uns das vorzustellen? Der 69jährige Ameisenforscher bringt ein Beispiel, "das Phänomen, daß ältere Männer versucht sind, mit jüngeren fortpflanzungsfähigen Frauen eine Beziehung einzugehen. Darüber haben wir uns immer gewundert. Jetzt beginnen wir zu erkennen, was die Grundlage für dieses Verhalten ist. Und wir können verstehen, was einen Clinton bewegt (...)."
Vom Netz zum Trampolin Wie sich manche Sozialdemokraten den Umbau des Sozialstaates vorstellen, verkündet seit der Wahl Bodo Hombach. Sein "aktivierender Sozialstaat" appelliert nicht so plump an unser aller schlechtes Gewissen wie die Formel vom "schlanken Staat". Der Staat fordert nicht, er gibt - z.B. den Arbeitslosen eine "zweite Chance". Hombachs Sozialstaat soll nicht länger "soziales Netz" sein, das die Leute auffängt und in dem sie sich wie in einer "Hängematte" räkeln. Das Netz soll zum "Trampolin" werden. Es soll Arbeitslose in den Arbeitsmarkt katapultieren. Das Bild hinkt natürlich: der Trampolinspringer kehrt bekanntlich immer wieder zum Ausgangspunkt seines sportiven Tuns zurück. Eine "dritte Chance" gibt Bodos Sozialstaat aber nicht. Wer nicht nicht springen kann, ist selber schuld.
Senioren-Power "Schluß mit der täglichen Knochenmühle und das eigene Vermögen arbeiten lassen. Davon träumen viele. Doch wann reicht es zum Ausstieg", fragt die Wirtschaftswoche (12.11.1998) und bereichert unseren Wortschatz: Woopies (Well-off older people) - Jahreseinkommen vor Steuern: 143.000 DM brauchen 1,7 bis 2,3 Millionen Mark. Reisen, Neuwagen und Zweitwohnsitzt sind dann weiterhin drin. Opals (Older people with affluent lifestyle) haben ein Jahreseinkommen ab 303.000 DM und benötigen 4,9 Millionen Mark. Dafür bekommen sie "Sportwagen, First-Class-Urlaub und Champagner satt". Jollies (Jet-setting oldies with loads of loot) haben ein Einkommen von 1,6 Millionen Mark. Damit ist "ein Lifestyle der Kategorie erste Sahne gewährleistet." Das nötige Kleingeld zum Ausstieg: 19,5 bis 25,5 Millionen Mark. Was die Wirtschaftswoche verschweigt: Man kann auch mit wesentlich weniger Geld der Lohnarbeit entfliehen. Da wären z.B die Ewoks (Elderly women living on kitekat) mit einem Jahreseinkommen von 5.000 DM. Oder die Bops (Bridge-jumping oldies without Pflegeversicherung). Sie sind die sparsamste Aussteigergruppe.
Fortschritte der Bevölkerungsstatistik Aus der Statistik wissen wir, daß das Waldsterben auch im Wochenbett stattfindet. Der Lebensbaum ist jetzt schon arg zerzaust. 2040 werden wir dann vom Rentnerberg erschlagen und müssen in die Urne. Wer sich damit tröstet, daß es einen bis 2040 sowieso erwischt, sollte ins Handelsblatt schauen (4.11.1998). Dort mahnen uns leckere Waldfrüchte zur Rentenreform: "Von der Pyramide zum Pilz entwickelt sich der Altersaufbau in Deutschland im Jahre 2010. Damit daraus kein Spaltpilz wird, gehört die Altersvorsorge zu den zentralen Aufgaben von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft."
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