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DISS-JOURNAL 3(1999) DISS intern
Sarah Könneke / Margret Jäger: DISS-Workshop "Von deutschen Einzeltätern und ausländischen Banden" Daß auch die Berichterstattung in der Presse rassistische Vorbehalte in der Bevölkerung schüren und verfestigen kann, ist mittlerweile kaum noch umstritten. Umstritten ist aber die Bedeutung dieser Berichterstattung wie auch die Mittel und Wege, wie sich eine Ausländer diskriminierende Berichterstattung denn nun verhindern oder doch zumindest abmildern läßt. Letzteres war der Gegenstand eines Workshops, zu dem das DISS zum 30.9.98 Journalistinnen und Medienwissenschaftler eingeladen hatte. Den Hintergrund bildete dabei eine Studie, die wir Ende 1997 (im Auftrag des MASSKS NRW) durchgeführt haben. Sie beschäftigte sich mit der Berichterstattung über kriminelle Delikte in Print-Medien. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie über solche Straftaten berichtet wird und ob sich die Berichte und Reportagen über Straftaten deutscher und ausländischer Täter (oder Beschuldigter) unterscheiden. Die Analyse zeigte, daß letzteres der Fall ist. Straftaten ausländischer Personen werden zumeist drastischer und brutaler geschildert als solche von deutschen Tätern - die auch nicht ohne sensationelle Absicht dargestellt werden. So mußten wir konstatieren, daß die Berichterstattung über Kriminalität von Ausländern - die häufig bereits mit dem Terminus der "Ausländerkriminalität" belegt wird - das rassistische Klima in Deutschland weiter zu verfestigen und zu verstärken geeignet ist. Doch was tun? Befinden sich Journalistinnen, die tagtäglich über solche Vorgänge zu berichten haben, hier nicht in einer Zwickmühle, aus der sie sich kaum befreien können? Wie sollen sie über solche Straftaten berichten, ohne daß rassistische Sichtweisen gestärkt werden? Um solche Effekte zu verhindern oder abzumildern, haben die Mitarbeiterinnen des oben genannten Projekts (Margret Jäger, Ina Ruth, Gabriele Cleve und Siegfried Jäger) Vorschläge erarbeitet, die auf dem Workshop diskutiert wurden. Wir haben damit auch den Versuch gestartet, die Verknüpfung von Analyseergebnissen mit den Erfordernissen der Praxis bewußt zu gestalten. Im wesentlichen beziehen sich die vorgelegten und diskutierten Vorschläge auf folgende Problemkomplexe: Es sollte jeweils geprüft werden, ob der Sachverhalt, über den berichtet wird, es notwendig macht, die straffällige Person als nicht-deutsch zu charakterisieren. Es zeigt sich, daß dies in vielen Fällen nicht notwendig ist und daß bereits dadurch rassistische Effekte vermieden werden können, in dem die Person nicht als Ausländer wahrgenommen wird. Des weiteren sollten Wörter und Texte vermieden werden, die einen negativen Klang haben bzw. erzeugen und die - auch weil dies so ist - auf ein Ausländerproblem anspielen. Die Rede von der 'Mafia' oder von der 'organisierten Kriminalität' z.B. muß nicht zwangsläufig bedeuten, daß wir es hier auch mit Ausländern zu tun haben. Trotzdem wird diese Verbindung nahegelegt, weil diese Begriffe sehr häufig in einem ausländerspezi-fischen Zusammenhang genutzt werden. Auch der "Drogendealer" (im Unterschied zum Drogenkonsumenten) gehört in diese Reihe. Schließlich sollte darauf geachtet werden, daß - wenn der vorliegende Sachverhalt es sinnvoll erscheinen läßt, auf die Herkunft des Täters zu verweisen - keine Klischees (positive wie negative) bedient werden. Ein solches Klischee ist zum Beispiel die Wahrnehmung türkischer oder moslemischer Frauen als unterdrückte Wesen, die es mit patri-archalen Männern zu tun haben. Dieser Aufforderung nachzukommen, ist sicherlich nicht einfach. Fundierte Kenntnisse über die gelebten Einwanderungskulturen sind hier vonnöten und können nicht von heute auf morgen erworben werden. Das verweist darauf, daß es in der Journalisten-Ausbildung nicht ausreicht, ein bißchen Landeskunde zu betreiben. Ingrid Müller-Münch von der Frankfurter Rundschau setzte sich auf dem Workshop in ihrem Referat ausführlich mit unsere Vorschlägen auseinander. Prinzipiell sah auch sie - wie die anwesenden Journalistinnen auch - einen Handlungsbedarf in dieser Frage. Auch sie glaubt, daß die Berichterstattung in diesem Feld zu wünschen übrig läßt und daß unsere Vorschläge im Prinzip auch dazu geeignet sind, hier Abhilfe zu schaffen. Allerdings dürfe in keinem Fall die Pressefreiheit angetastet werden. Dieser Eindruck könne jedoch durch solche Vorschläge schon erweckt werden. Insofern machten die Ausführungen deutlich, daß der Diskurs über Political correctness doch sehr stark in den journalistischen Alltag eingedrungen ist. Darauf wird bei der überarbeitung der Vorschläge zu achten sein. Ein weiterer Diskussionspunkt rankte sich um die Frage, auf welche Weise negative Assoziationen, die mit bestimmten Begriffen, z.B. dem des Drogendealers, verändert werden können. Anders als beim Terminus "Asylant", bei dem es sich um eine Neuschöpfung handelt, kann hier nicht auf andere Begriffe, die nicht so belastet sind, z.B. Flüchtling, zurückgegriffen werden. Auch hier zeigte sich, daß insgesamt hier nur ein Sensibilisierungsprozeß Abhilfe schaffen kann. Es ist wichtig, daß wir innerhalb des journalistischen Bereichs die Erkenntnis verbreiten, daß der diskursive Kontext, in den hinein geschrieben bzw. gesprochen wird, ein Teil der Wirklichkeit ist und von den Verfassern immer mit berücksichtigt werden sollte. Da dieser in Deutschland besonders stark rassistisch unterfüttert ist, ist bei der Berichterstattung über Straftaten, die die Diskriminierung von Einwandern vermeiden will, besondere Sorgfalt am Platz.
Der Projektbericht (inklusive der Vorschläge) liegt als Buch vor (Von deutschen Einzeltätern und ausländischen Banden) und ist beim DISS zu beziehen (242 S., 28 DM).
DISS-Projekt in Gelsenkirchen-Bismarck / Schalke-Nord Stadtteiluntersuchung als Diskursanalyse Seit November 1998 arbeiten wir an einem neuen Projekt, das vom MASSKS in Auftrag gegeben wurde: "Analyse des öffentlichen Diskurses über den Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck/Schalke-Nord". Der Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck bzw. Schalke-Nord gehört zu den Stadtteilen im Ruhrgebiet, die von Strukturwandel, Arbeitslosigkeit und hoher Zuwanderungsquote geprägt sind. Der Wohnraum ist billig, aber nicht sehr schön; graue Fassaden, schmutzige Straßen und 'Grünflächen' (wenn vorhanden) und leerstehende Geschäfte prägen das Bild des Stadtteils. In Bezug auf Erneuerung tut sich hier ein Teufelskreis auf: Aufgrund des ohnehin schlechten Images der Stadtteile und der offensichtlichen Probleme, die in diesem Stadtteil bestehen, bleiben die Investoren aus, Geschäfte müssen schließen, Menschen, die es sich leisten können, ziehen weg, und nur die, die auf billigen Wohnraum angewiesen sind, bleiben dort. So findet sich eine hohe Anzahl an Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängerinnen - eingeboren und eingewandert - in diesen Stadtteilen. Das Umfeld, in dem sie sich befinden, vergrößert zudem ihre Perspektivlosigkeit. Dies wiederum verstärkt das schlechte Image des Stadtteils im öffentlichen Diskurs: Dort möchte man nun wirklich nicht wohnen. Was kann nun getan werden, um die Bewohnerinnen dieser Stadtteile aus ihrer doppelten "Außenseiterrolle" herauszuholen und das Umfeld so zu gestalten, daß ein Miteinander-Leben in diesen Stadtteilen für alle Beteiligten konfliktfrei gestaltet werden kann, ohne sich auf Wohnraumerneuerungen und Straßenbegrünungen zu beschränken? Um diese Frage beantworten zu können, müssen verschiedene Felder untersucht werden, die in dieser Thematik miteinander verzahnt sind: Der öffentliche Diskurs über den Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck/Schalke-Nord, der politischen Diskurs, sowie der Alltagsdiskurs über/in diesem Stadtteil. In Vorab-Gesprächen mit verschiedenen "Sozialmanagerinnen" (Mitarbeiterinnen der RAA - Regionale Arbeitsstellen für ausländische Kinder und Jugendliche, des Vereins ausländische Mütter und Kinder, der GAFöG - Gelsenkirchener Arbeitsförderungsgesellschaft sowie die Rektorin einer Grundschule) wurde deutlich, daß die hohe Arbeitslosenquote in den beiden Stadtteilen, die daraus entstehenden finanziellen Engpässe sowie Perspektivlosigkeiten als Hauptquelle für Konflikte - nicht nur zwischen Eingeborenen und Eingewanderten - gesehen werden. Darüberhinaus ist vorgesehen, mit Politikern und Politikerinnen der Stadt Gelsenkirchen Gespräche zu führen, um ihre Sicht der aktuellen Situation und der Entwicklung im Stadtteil einzuschätzen, bzw. herauszufinden, welche Möglichkeiten sie sehen, um bestehende Konflikte und Probleme kurz-, mittel- und langfristig zu lösen. Zudem soll ein Teil der Presseberichterstattung der letzten Jahre (WAZ und taz) untersucht werden, um etwas über das Bild der Stadtteile in ausgewählten Printmedien zu erfahren. Das Kernstück der Untersuchung bilden jedoch Tiefeninterviews mit Bürgerinnen und Bürgern des Stadtteils, die anhand der Kategorien eingeboren/eingewandert, männlich/weiblich und alt/jung ausgesucht werden. Dabei werden die bereits erprobten Leitfäden der BrandSätze-Interviews und die der Interviews zum völkischen Nationalismus soweit modifiziert, daß die Interviewten auch zu ihrer besonderen Situation im Stadtteil, in dem sie wohnen, Stellung nehmen: Welche Konflikte sehen sie in ihrem Stadtteil, wen machen sie für diese Probleme verantwortlich, wie beurteilen sie bisher gelaufene Projekte zu Verbesserung ihres Stadtteils und welche Lösungsmöglichkeiten sehen sie für aktuelle Probleme? Ziel der Untersuchung ist, aufgrund der gewonnenen Ergebnisse mögliche Handlungsansätze zur Lösung bestehender Konflikte im Stadtteil Gelsenkirchen-Bismarck/Schalke-Nord zu ermitteln. Wir verstehen diese Untersuchung als eine Pilotstudie, die nach Ablauf der 5monatigen Laufzeit später auch auf EU-Ebene weitergeführt werden soll.
Das DISS im Internet
Seit Oktober 1996 gibt es das DISS in der neuen virtuellen
Dimension des Internet. Die Seiten sind zu finden unter
http://members.aol.index/dissdui/index.htm.
Viel Platz in den www-Seiten des DISS ist den Publikationen gewidmet. Es gibt verschiedene Zugriffsmöglichkeiten zu den Schriften des DISS und seiner MitarbeiterInnen, die hinter den links 'Publikationen' und 'Bibliothek' zu finden sind. Unter 'Publikationen' befinden sich Kurzbeschreibungen und auch attraktive Abbildungen der Titelseiten von DISS-Büchern eingegliedert in Themenbereichen wie Rassismus, Biopolitik, Diskursanalyse, oder auch Militarismus und Soziale Ausgrenzung. So kann man sich vor dem Kauf einer DISS-Veröffentlichung gut informieren. Bei einigen Büchern ist es sogar möglich, in der DISS Internet Bibliothek den Volltext des Vorworts zu lesen, das oft eine ausführliche Zusammenfassung des Inhalts der einzelnen Beiträge enthält. Ansonsten findet man in der Bibliothek 3 Bücher im Volltext, einige Artikel und Aufsätze und ein link zu Volltextfassungen der bis jetzt erschienenen Ausgaben des DISS-Journals. Bemerkenswert ist die weitreichende Auswahl der links zu anderen Internet-Seiten. Die Sammlung von antifa Internet-sites ist beeindruckend lang - da tut sich offensichtlich was - und auch auffallend, nicht nur überregional sondern auch international: über NRW und Berlin hinaus zu österreich, Frankreich, den Niederlanden, bis hin zu außereuropäischen Gruppen in Kanada und den USA. Es bleibt auch nicht bei antifa sites: Die anderen Rubriken bieten Möglichkeiten, sich in den Bereichen Friedensbewegung, Datenschutz, Linke Infos im Netz, politische Mailboxnetze und ausgewählte Zeitungen und Zeitschriften einzuklicken.
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