DISS-JOURNAL 2/98

Rezensionen

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Frank McCourt
Die Asche meiner Mutter
Irische Erinnerungen
München 1996, Luchterhand
48 DM; TB ab Mai 1998 bei Goldmann 20 DM

Ein kleiner irischer Junge, der seine ersten Lebensjahre in den USA verbringt, kehrt mit seiner Familie nach Irland zurück. Der Vater, ein notorischer Säufer und Faulenzer, der seine Kinder nachts weckt, sie strammstehen und patriotische Lieder singen läßt, verspricht seinen Angehörigen ein besseres Leben in der Republik. Die Familie zieht in die Slums von Limerick, wo der Vater, weil er aus dem Norden Irlands stammt, einen schweren Stand hat. Die Mutter, auf Fürsorgeunterstützung angewiesen, entwickelt sich im Laufe der Erzählung zu einer lethargischen Person, die an nichts mehr glaubt.

In seiner Biographie schildert Frank McCourt, wie er und seine Geschwister, ständig hungernd und krank, die Schulzeit im streng katholischen Limerick zu meistern versuchen. McCourt erzählt von seiner Kindheit und Jugend, von Ausgrenzung und Entbehrungen in einem unprätentiösen, teilweise humoristischen Stil: "Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit." (g.c.)

 

 

 

Uta von Winterfeld / Adelheid Biesecker / Barbara Duden / Meike Spitzner (Hg.)
Vom Zwischenruf zum Kontrapunkt
Frauen, Wissenschaft, Natur
Bielefeld 1997, Kleine Verlag, 35,80 DM

"Das Experiment `Männerwissenschaft' kann als gescheitert bezeichnet werden", so Margot Gebhardt-Benischke in ihrem Grußwort zum Kongreß "Frauen - Wissenschaft - Natur". Im lesenswerten Kongreßreader versuchen Frauen aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen kritische Ansätze zur modernen Wissenschaft ebenso zu entfalten wie ein gemeinsames Nachdenken darüber, welche Wissenschaft und welches Naturverständnis Frauen selbst entwickeln wollen. Bei ihrer Suche nach Arbeitsweisen und Inhalten, besser nach den "Nicht-Inhalten", nach dem, was im männlich geprägten Wissenschaftsalltag verloren und ignoriert wird, spüren sie durchaus konstruktive Mißverständnisse, Konflikte und Möglichkeiten auf. Das Buch gibt einen guten Überblick über verschiedene Ströme einer feministischen Wissenschaftskritik. Der hier verfolgte interdisziplinäre Ansatz ist motivierend und lohnenswert. (d.o.)

 

 

 

Ursel Fuchs
Gentechnik - Der Griff nach dem Erbgut
Eine kritische Bestandsaufnahme
Bergisch Gladbach 1996, Lübbe Verlag GmbH, DM 14,90

"Wissenschaft selbst ist Macht" schrieb Francis Bacon, Begründer der modernen Naturwissenschaften. Wie wahr dieser Ausspruch ist, zeigt die rasante Entwicklung der Gentechnik. Die Journalistin Ursel Fuchs fragt in ihrem Buch "Gentechnik - Der Griff nach dem Erbgut" nach: "Welche Wissenschaft wird da - mit unseren Steuergeldern - gefördert?" Zu jeder Facette der Gentechnologie bringt sie eine Bestandsaufnahme und kritische Nachfrage. Vom Humangenomprojekt bis zum Genfood, von der Bioethik-Konvention bis zur Standortdebatte und von der Keimbahnmanipulation bis zur Reproduktionstechnologie befragt sie politisch Verantwortliche und (wissenschaftliche) Experten. Sie zeigt Mißstände und Strategien der Akzeptanzbeschaffung auf. Dabei bringt sie die Sachverhalte in leicht lesbarem Stil auf den Punkt. Eine umfangreiche und ausgewogene Adressenliste ermöglicht den LeserInnen, sich weiter, unabhängig von der Autorin, über Gentechnik zu informieren. (d.o,)

 

 

 

autonome a.f.r.i.k.a gruppe / Luther Blissett / Sonja Brünzels:
Handbuch der Kommunikationsguerilla
Jetzt helfe ich mir selbst.
1997, Verlag Libertäre Assoziation - Schwarze Risse - Rote Strasse, 29,90 DM

Das AutorInnenkollektiv der "autonomen a.f.r.i.k.a. gruppe", die in den vergangenen Jahren durch einige gegendiskursive Aktionen auffiel, definiert den Kern ihres Werkes wie folgt: "Kommunikationsguerilla will die Selbstverständlichkeit und vermeintliche Natürlichkeit der herrschenden Ordnung untergraben. Ihre mögliche Subversivität besteht zunächst darin, die Legitimität der Macht in Frage zu stellen und damit den Raum für Utopien überhaupt wieder zu öffnen." Das "Handbuch der Kommunikationsguerilla" teilt sich in drei Ebenen: In der ersten werden Kommunikationsguerilla-Gruppen wie z.B. die "Kommune 1" dargestellt und diskutiert. Zweitens gibt es einen Überblick über die Aktionsformen der Kommunikationsguerilla mit Anwendungsbeispielen, z.B. über "Fake & Fälschung". Das Ganze wird drittens verbunden mit einer theoretischen Auseinandersetzung zu den Themen "Kulturelle Grammatik & Subversion", "Prinzipien & Methoden", "Praxen & Anlässe" und "Wann ist Kommunikationsguerilla?" Eine geschlossene Theorie zur Weltveränderung kann und will das Werk nicht liefern. Wer aber daran arbeiten will, der kann sich mit diesem Handbuch einen wertvollen Rat- und Ideengeber anschaffen. (th.e.)

 

 

 

Mark Terkessidis
Psychologie des Rassismus
Opladen 1997, Westdeutscher Verlag, 54 DM

Mark Terkessidis analysiert Rassismus als überliefertes Wissen, dessen Ursprünge bis in die Zeit des frühen Kolonialismus zurückreichen. Rassismus wird hier nicht länger als Vorurteil gegen "ethnische Minderheiten", also als individuelle Fehldeutung, (miß-)verstanden, sondern als historisch gewachsener selbstverständlicher Wissensbestand moderner Gesellschaft untersucht. Terkessidis sieht dieses "rassistische Wissen" eng verknüpft mit den sozialen Institutionen des Arbeitsmarktes, der Staatsbürgerschaft und der nationalen Kulturen, die die Ungleichheit zwischen Einheimischen und Einwanderern immer wieder aufs neue reproduzieren. Diese Institutionen schließen aus, indem sie einschließen.

Das Buch ist auch deshalb hilfreich, weil es die wichtigsten Theorien über die Ursachen des Rassismus darstellt, sich mit unterschiedlichen Definitionen des Rassismusbegriffs auseinandersetzt, der Genese des rassistischen Wissens genau nachspürt und die Verankerung dieses Wissens in den jeweiligen historischen Institutionen bis in die Gegenwart hinein untersucht. Es zeigt, daß "Rassistisches Wissen (...) den einzelnen auf 'einleuchtende' Weise die Differenz zwischen 'uns' und'ihnen' in Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Praxis (erklärt)." Der Umgang mit diesem "Wissen" hat schwerwiegende gesellschaftliche Folgen: "Indem die Individuen dieses Wissen verwenden, desartikulieren sie die Rolle der 'Interessengemeinschaft' in der Herstellung dieser Differenz und legitimieren die Position der Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen. Die Erklärungen sind daher sicher falsch, eine Täuschung sind sie jedoch keineswegs" - weil sie als Wahrheit gelten und als gültige und damit über jeden Zweifel erhabene Wahrheiten die Gesellschaft prägen.

Mark Terkessidis treibt die Diskussion um Rassismus, seine Genese und seine gesellschaftliche und politische Bekämpfung deutlich voran, doch er versucht ganz bewußt keine endgültigen Klärungen. Abschließend schreibt er: "Vor uns steht weiterhin die unendlich mühsame Aufgabe, eine Gesellschaft zu verwirklichen, die in der Lage ist, einzubeziehen, ohne auszuschließen. Hinter dieser Forderung verbirgt sich keine Utopie, die Unterschiede auslöscht, sondern lediglich der Wunsch nach einem Ort, von dem man (...)'meine Bleibe' sagen kann, ohne zu erröten." Terkessidis bietet eine sympathische, sich selbst nicht schonende Analyse, die für jede weitere Diskussion über die Möglichkeit demokratischer Gesellschaft unverzichtbar ist. (s.j.)

 

 

 

Ossietzky
Zeitschrift "gegen die Normalität":
man darf gespannt sein

Ossietzky heißt die Zweiwochenschrift für Politik/Kultur/Wirtschaft, die seit Anfang des Jahres erscheint und die eigentlich anders heißen sollte - nämlich "Weltbühne". Und sie sieht auch so aus wie die "alte" Weltbühne Carl von Ossietzkys, der den Faschismus bekämpfte, dem 1936 der Friedens-Nobelpreis verliehen wurde, der seit 1933 im KZ saß und 1938 an den Folgen der Haft gestorben ist. Die neue Zeitschrift stellt sich bewußt in die Tradition der "Weimarer" "Weltbühne" - "damit die künftige Berliner Republik nicht den Weg der Weimarer Republik geht".

Der Name "Weltbühne" konnte aus rechtlichen Gründen nicht verwendet werden; so trat der Name des Herausgebers an seine Stelle: Ossietzky, ein Name, durch den die Qualitätslatte sehr hoch gelegt ist und der einen Anspruch anmeldet, dem gerecht zu werden nicht leicht sein dürfte, den Anspruch, wie Kurt Tucholsky das Bemühen der "alten" Weltbühne beschrieb, "ausTeutschland Deutschland zu machen". Man darf also gespannt sein.

Herausgegeben wird das alte neue Blatt von Rolf Gössner, Arno Klönne, Otto Köhler, Reinhard Kühnl und Eckart Spoo - unter Mitarbeit von Daniela Dahn, Dietrich Kittner und Peter Turrini. Das stimmt hoffnungsvoll!

Mir liegt die Nummer 3 vom 1. März 1998 vor. Beim ersten Blättern stört kein Foto, keine Karikatur, kein Firlefanz. Schlichtlayout - zumindest für mein durch die neuen Techniken verwöhntes Auge. Kurze Artikel von 1 oder 2, selten drei Seiten, die man schnell zwischen anderen Aktivitäten liest, Glossen, Kommentare und schön bissige Kritik, so etwa Eckart Spoos "Kandidat Schröder", der so endet: "Falls aber aus der Kanzlerschaft (für Schröder) doch nichts werden sollte, wird Schröder jedenfalls geholfen haben, die Politik zu zementieren, die so dringend durch eine soziale und demokratische Politik abgelöst werden müßte." Punkt! Das sitzt! Die aufgeführten Taten, Schröders Techtelmechtel mit Wirtschaft, Industrie und Medienriesen erschrecken wohltuend, wenn man sie als so geballte Ladung serviert bekommt. Gerhard Klas startet seinen Kommentar zur "Antidiskriminierungspolitik" furios wie folgt: "Durch ein weitreichendes internationales Abkommen soll die Diskriminierung von Ausländern unterbunden werden - nämlich die von ausländischen Investoren, Finanzanlegern und Aktionären." Na denn! Das macht doch neugierig auf mehr, oder?

PS. Nachdem ich diese Notiz verfaßt habe, erhalte ich einen Brief von Arno Klönne, der fragt: "Vielleicht hat das DISS ja mal etwas, das in die Zeitschrift paßt ..." Klar!

Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur, Wirtschaft, 36 Seiten DIN A 5, 4,50 DM. Zu beziehen über "Ossietzky." Redaktion und Verlag Eckart Spoo, Gretchenstraße 36, 30161 Hannover,(s.j.) Jahresabo 100.- DM

 

 

 

Frauenuniversität im Internet

Die "Women's International Electronic University" ist ein internationaler, unabhängiger Dachverband. Das Ziel: Frauen durch den Einsatz von Computer-Modem-Technologie, durch die Förderung multikultureller Kommunikation, durch den Aufbau einer Basis für gemeinsames Lernen und Forschen und durch die Durchführung gemeinsamer Projekte besser auszubilden. Die Kurse werden meist auf Englisch über Computermodem angeboten. Die Schwerpunkte der women's studies sind Informationstechnologie, Kurse zu mehreren Wissenschaften und die Vermittlung von "Lebenspraxis", ein Bereich, der unterschiedliche Themen von Körper/Gesundheit bis zur Ökonomie beinhaltet. Die wissenschaftlichen Kurse umfassen Politik- und Sozialwissenschaften, Sprachen, Theologie und Literaturwissenschaften, jeweils aus feministischer Perspektive. Die Teilnehmerin erhält am Kursende ein Abschlußzertifikat. Die Teilnahme ist bei einigen Kursen kostenpflichtig. Inhalte und Kosten findet frau auf der jeweiligen web-Seite oder im Cyber-Log. Der Förderverein Virginia Woolf Frauenuniversität e.V. ist als deutsche Kontaktadresse angegeben (http://www.uni-oldenburg.de/eu-net/virginia woolf-ev/).

[Gibt es natürlich nicht - versuchen Sie bitte: http://www.uni-oldenburg.de/eu-net/].

Women's studies brauchen ein Modem, einen Internet-server und bei einigen Kursen einen web browser- dann kann es losgehen: http://www.wvu.edu/~womensu/  (d.o.)

 

 

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