DISS-JOURNAL 2/98

"Krimskrams"

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Journal-Glosse:

Dear Fred,

Best thanks für die £ 50, ditto für den Spiegel 12/98, ein Blatt mit mancherlei Sottisen. Zum 150. Manifest-Jubiläum schreibt da ein Fritjof Meyer: "Das Sofortprogramm des Kommunistischen Manifests ist de facto...", nein, nicht gescheitert, sondern "beinahe verwirklicht". Im "Schlaraffenland einer 'kommunistischen Gesellschaftsordnung'" werde nämlich jedem nach seinen Bedürfnissen zugeteilt und (wörtlich): "Das gilt auf niedrigstem Niveau in Deutschland bereits für Sozialhilfeempfänger, eine Errungenschaft mit Anziehungskraft." Das kömmt heraus bei diesen Skribenten (auf niedrigstem Niveau, indeed): daß der Pauper, den das Kapital verworfen, schon very comfortably, ergo "kommunistisch" logiere, wenn ihm nur ein Almosen zufalle - morgens Bettlergroschen jagen, mittags in Mülltonnen fischen etc. Dabei fraternisiert der Kerl mit dem Manifest und den MEW und macht sich zum Arbeiterführer. Der Wohlstand für alle sei garantiert, "wenn sich die Proletarier in Shareholder verwandeln". War schon Sozialismus als Elektrifizierung plus Sowjetmacht eine stinkende Phrase von diesem Wladimir, ist der Meyersche Kommunismus aus Sozialhilfe plus Aktiendepot eine tolle Narrheit und Lumperei. Wer als Lehrling, rät Meyer, täglich den Preis für zwei Päckchen Zigaretten in Aktien investiere, könne am Ende seines Arbeitslebens über ein Millionen-Depot verfügen - "falls keine Weltwirtschaftskrise dazwischenkommt". Ja falls. Und falls der Lehrling sein Arbeitsvermögen lebenslang verkaufen kann. Und falls das exorbitante money, das derzeit an Börsen verdient wird, nicht erst noch in realen Unternehmen erwirtschaftet werden müßte. Man lese seriöse Analysen zur derzeitigen bubble economy, und man wird das Ende ahnen. Soviel für heute. Meine Karbunkel dauern fort during the last two weeks. Man liegt eng und naß in Highgate. Hoffe, Du liegst besser.

Salut. Dein K.M.

 

 

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Kurzmeldungen

 

Millennium

Sekten begehen Selbstmord, El Nino sendet Tornados und Hurrikanes, Helmut Kohl gewinnt die Bundestagswahl: Das ENDE ist nah. Wie aber wird ER zur Erde herniederfahren, zu richten die Lebendigen und die Toten? Was die geheime Offenbarung des Johannes nicht verrät, weiß die BILD-Zeitung: "Turiner Leichentuch - Winzige Gen-Spur gesichert - Wissenschaftler diskutieren schon: Kann man Christus klonen?" Seit 2000 Jahren ist der HERR also als DNS mitten unter uns und wird jetzt dank moderner Wissenschaft wieder zum Leben erweckt. Es bleiben aber Fragen: Ist ein Klon-Christus überhaupt berechtigt, das Endgericht (Offb. 20,11) zu leiten, und stimmt unter diesen Umständen noch die Prophezeihung, daß der DAX ins Bodenlose stürzt ("In einer einzigen Stunde war der große Reichtum dahin." Offb. 18,17)? DIE ZEIT (8.4.1998) hat dafür Indizien entdeckt, denn möglicherweise ist die Stunde genau Mitternacht am letzten Tag 1999. Die Computer drehen durch, weil sie 2000 nicht von 1900 unterscheiden können. Eine "weltweite Rezession" ist da. Also stürzen die Börsenkurse. Und was machen die Börsianer? "Von ferne werden sie dastehen aus Furcht vor ihrer Qual und rufen: "Wehe, wehe, du große Stadt Babylon, du mächtige Stadt - in einer einzigen Stunde kam dein Gericht." (Offb. 18,10) So sei es.

 

 

Uschi Obermeier verjagt Juliane Weber

Es war der große Vorsitzende Mao-Tse-Tung, der einst sagte: "Der Stein, den sie gegen uns erhoben haben, wird auf ihre eigenen Füße zurückfallen." Das war einerseits eine Warnung an alle Imperialisten und ihre Lakaien, andererseits eine tröstende Botschaft an die revolutionäre Jugend, an Joschka und Gerhard zum Beispiel. Zwar: Che ist tot, Rudi ist tot und sogar die RAF hat sich aufgelöst. Aber nun - "pünktlich zum 30jährigen Dienstjubiläum der Revolte von 1968" - übernimmt "die Generation von Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit, von Apo und Woodstock die politische Macht an Rhein und Spree, dann vertreibt Uschi Obermeier Juliane Weber aus dem Kanzleramt" (Der SPIEGEL 11/1998). Gerhard und Joschka, "die gesammelte Lebenserfahrung von mehr als drei Jahrzehnten abenteuerlicher Achterbahnfahrt zwischen "revolutionärem Kampf" und "neuer Mitte", zwischen ganz unten und ganz oben", sie treffen sich, damit "eine zweite Raketenstufe gesellschaftlicher Modernisierung zündet." Gerhard, Joschka und Uschi, die Kieselsteine des Historischen Materialismus, nun werden sie erhoben, um irgendjemand auf die Füße zu fallen. Zwei, drei, viele Legislaturperioden lang.

 

 

Rituale der Macht

Leute, die regieren wollen, müssen sich ab und zu den Regierten zeigen und zum Beispiel Autobahnen eröffnen oder in Bergwerke einfahren, unerfreuliche und für alle Anwesenden peinliche Rituale, aber notwendig. Wird nämlich der Körper des Regierenden längere Zeit nicht in Aktion gesehen, entsteht das Gerücht, er sei regierungsunfähig, marode oder tot. Bedauernswerte Greise wie Johannes Paul und Mao schleift man deshalb halbtot auf Balkone und stößt sie in eiskalte Flüsse. Andere wandern bis aufs rohe Fleisch über die Dörfer oder springen aus Flugzeugen. Im April wurde wieder mal ein solches Ritual im TV zelebriert: Ein leicht ergrauter Herr im Turner-Leibchen hetzte stundenlang voll speed durch die Straßen, bis seine gefolterten Muskeln kreischten und seine gequälten Lippen, nach einer Hungerkur bereits geschrumpft, sich endgültig einklappten, als habe er das Gebiß verloren. Immerhin: Joschka Fischer hat seinen ersten Marathonlauf überstanden und öffentlich bewiesen, daß er fit ist. Jetzt noch eine Autobahn eröffnen, dann sind die 5 Mark Sprit-Preis glatt vergessen. Und dann Vize-Kanzler sein.

 

 

 

 

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