DISS-JOURNAL 2/98

 

 

 

Ursula Kreft:

Nie mehr arbeitslos!

Was kein Politiker mehr zu sagen wagt, das verspricht der neue Bericht an den Club of Rome: Die Arbeitslosigkeit wird abgeschafft, radikal und vollständig, und zwar für alle Menschen von 18 bis - man höre und staune - 78 Jahren.

Unter dem Titel "Wie wir arbeiten werden" ist der Bericht, verfaßt von dem Ex-Manager Giarini und dem Ökonomen Liedtke, nun auf Deutsch erschienen. Club-Mitglied Ernst Ulrich von Weizsäcker lieferte ein begeistertes Vorwort, und die meisten Medien kommentierten positiv: Die Vorschläge seien visionär, aber machbar, eine sozialverträgliche Alternative zum ansonsten unvermeidbaren "amerikanischen Weg" zu Billiglöhnen und wachsender Armut. Vor allem das sogenannte "Drei-Schichten"-Modell, tatsächlich ein zentrales Element des Berichts, hat gute Chancen, sich in der Debatte zu etablieren - als geschickte Lösung, mit der man Millionen Erwerbslose integriert, ohne die Kosten wesentlich zu erhöhen.

Für ihr Zukunftsmodell gliedern Giarini und Liedtke alle gesellschaftliche Arbeit, wo und wie auch immer sie geleistet wird, in drei Schichten. Was traditionell als normale Erwerbsarbeit gilt, erfassen die Autoren als "zweite Schicht" - eine zunächst überraschende Degradierung, aber durchaus effektvoll. Denn nun muß - quasi natürlich und organisch - auch eine "erste Schicht" existieren, als notwendige Grundlage gewissermaßen. Die Autoren sprechen denn auch von einer "Basisschicht der Arbeit" - und weisen damit der "ersten Schicht" geradezu elementare Bedeutung zu. Was die Autoren "erste Schicht" nennen, erinnert zunächst an ein gigantisches ABM-Programm: Der Staat garantiert darin jedem und jeder von 18 bis 78 Jahren eine Arbeit von 20 Wochenstunden, bezahlt in der Höhe eines Mindesteinkommens, das eine "bescheidene Existenz" sichert. Als Beschäftigte der "ersten Schicht" sehen die Autoren nicht nur Arbeitslose. Vielmehr soll das gesamte Arbeitsleben dadurch "flexibler" werden: In jeder Lebensphase, vom Studium bis zur Rente, sollen Menschen in der "ersten Schicht" erwerbstätig sein. Hinzu kommt schließlich die "dritte Schicht": Sie erfaßt Tätigkeiten, deren Marktwert entweder nicht berechnet wird (z.B. Hausarbeit, Krankenpflege und Kindererziehung in der Familie) oder nicht berechenbar ist (z.B. ehrenamtliches Engagement in Vereinen). Solche unbezahlte Arbeit wollen die Autoren erheblich aufgewertet sehen; sie werde zuwenig anerkannt und von den Ökonomen vernachlässigt.

Endlich scheint hier akzeptiert, was Gewerkschaften und Feministinnen fordern: das Recht auf Arbeit für alle und die ökonomische Würdigung der Hausfrauen-Tätigkeit. Überdies sparen die Autoren nicht an Philosophie und politisch korrekten Forderungen: Besonders den Alten, den Jugendlichen und den Frauen gilt ihre Sorge; über die "erste Schicht" sollen diese Gruppen besser integriert werden. Denn "Arbeit" sei nicht nur Geldverdienen, sondern "der augenfälligste und grundlegendste Ausdruck unserer Persönlichkeit und unserer Freiheit". Kurz gesagt: "Wir sind zuallererst das, was wir tun". Vor allem die Familienarbeit und die Ehrenämter in der "dritten Schicht" erhalten Ehre, Würdigung und Lob im Übermaß. Von Bezahlung ist allerdings nicht die Rede. Auf vielen Seiten entfaltet der Bericht einen erheblichen philosophischen Charme - solange man ihn nicht im Detail liest.

Ihre "zweite Schicht" (die klassische Erwerbsarbeit) wünschen sich Giarini/Liedtke erheblich flexibler als bisher und völlig frei: "Der einzelne kann frei entscheiden, ob und wieviel er auf dieser Ebene arbeiten möchte." In der "zweiten Schicht" ist dem Staat jede Einflußnahme, die über vage "Rahmenbedingungen" hinausgeht, strikt untersagt. Die Arbeitsmarktpolitik des Staates konzentriert sich allein in der "ersten Schicht", hier allerdings mit geballter Macht. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Schicht als Sammelsurium von staatlich organisierten Teilzeitjobs zu Billiglöhnen, vielleicht in Höhe der deutschen Sozialhilfe, vielleicht darunter. Dazu werden alle Sozialleistungen - Arbeitslosengeld, Sozialhilfe etc. - vollständig abgeschafft und die freiwerdenden Gelder in die "erste Schicht" geleitet. "Es wird keine Bezahlungen mehr für das Untätigbleiben geben", fordern Giarini und Liedtke, "sondern Unterstützungen für das Tätigbleiben." Wer - "aus welchen Gründen auch immer" - seine Arbeitskraft nicht in der "ersten Schicht" bereitstelle, werde keine Unterstützung erhalten. So schmiegt sich die Zukunftsvision des Club of Rome elegant an die Debatten der Gegenwart: an die Programme in den USA, die jede staatliche Fürsorge als Anreiz zur Faulheit diskreditieren, an die "Sozialmißbraucher"-Kampagne in der BRD.

Immerhin: Auch ein niedrig bezahlter 20-Stunden-Job könnte für manchen Arbeitslosen eine Chance sein, seine Qualifikation zu erhalten oder sich weiterzubilden - doch dies ist keineswegs beabsichtigt. "Man muß dabei akzeptieren", schreiben Giarini/Liedtke, "daß die Tätigkeiten der ersten Schicht in vielen Fällen nicht den individuellen Vorlieben entsprechen werden". Persönliche Wünsche und berufliche Qualifikation können und sollen hier ausdrücklich keine Rolle spielen. Die Jobs der "ersten Schicht" sind vorzugsweise solche, von denen die Autoren annehmen, daß sie dem Gemeinwohl dienen, aber keine besondere Qualifikation erfordern. Sie entstehen zum Beispiel dort, wo heute Kriegsdienstverweigerer ihren Dienst verrichten: in Altenheimen, in Krankenhäusern und im Umweltbereich, aber auch in den kommunalen Diensten, wo sie unter anderem zur Sicherheit der Städte beitragen sollen. Wer sich fragte, wie denn das Konzept der zero tolerance gegen Bettler, Graffitti-Spayer und sonstige unerwünschte City-Benutzer finanziert werden könnte, ohne teure Wachleute zu beschäftigen, der findet hier eine wohlfeile Lösung. Ganz nebenbei können auf diese Weise nicht nur die Arbeitslosen-Zahlen, sondern zugleich die Lohnkosten in arbeitsintensiven Bereichen sinken . Die Autoren propagieren die Jobs der "ersten Schicht" dann auch als "billigere Alternativlösung" zu teuren Arbeitsplätzen im öffentlichen Dienst und empfehlen sie besonders wegen der "Kostenexplosion im Gesundheitswesen".

Den Vorwurf, er wolle einen modernen Arbeitsdienst installieren, konnte Liedtke in Interviews souverän parieren: Es werde doch niemand gezwungen, einen Job in der "ersten Schicht" anzunehmen. Wer dieses Angebot des Staates ablehne, könne sich ja Arbeit in der "zweiten Schicht" suchen oder sich ehrenamtlich in der "dritten" betätigen. Tatsächlich ist die "erste Schicht" weder mit einem Arbeitsdienst noch mit dem ABM-Konzept vergleichbar, da Übergänge zur Vollzeit-Erwerbstätigkeit fehlen. Der Bericht produziert vielmehr einen neuen, eigenständigen Niedriglohn-Sektor, einen staatlich organisierten und kontrollierten Quasi-Arbeitsmarkt, der überzählige Arbeitskräfte systematisch erfaßt und unmittelbar dorthin lenkt, wo gerade Bedarf besteht. Wären Giarini und Liedtke nicht des Kommunismus unverdächtig, könnte man beinahe vermuten, hier entstehe eine Enklave der Planwirtschaft im Neoliberalismus. Tatsächlich sind die Autoren jedoch überzeugt, daß Arbeit in großen Mengen unerledigt und unbeachtet überall herumliegt und ein ungeheurer Bedarf an Arbeitskräften besteht. Aus dieser Sicht existiert Arbeitslosigkeit nicht - es fehlt lediglich ein Markt, der Angebot und Nachfrage zusammenbringt. Die "erste Schicht" schafft den gesellschaftlichen Raum für einen neuen Markt zu neuen Bedingungen, und der Staat wird sein wichtigster Unternehmer.

Darüber hinaus präsentiert sich die "erste Schicht" jedoch als psychosoziales Konzept, das Arbeitslosigkeit (besser: den Ausschluß vom Markt) vorrangig als mentales Problem, als Verlust des Selbstwerts definiert. Der 20-Stunden-Job will nicht als schlichter Broterwerb, sondern als sozialtherapeutische Maßnahme gesehen werden. Grundlage dieses Konzepts sind jene negativen Folgen der Erwerbslosigkeit, die als psychosoziale Belastungen seit langem bekannt sind: das Gefühl der Erwerbslosen, deklassiert und ausgegrenzt zu sein, und die oft wiederholte Sorge, hier entstehe ein "sozialer Sprengsatz", der eines Tages "explodieren" könnte. Mit der "ersten Schicht" bieten Giarini und Liedtke über den neuen Markt hinaus ein Integrationskonzept, die zwanglose und gewaltfreie Entschärfung des Sprengsatzes gewissermaßen. Die bisher Ausgegrenzten erhalten einen eigenen gesellschaftlichen Bereich, hochgeehrt als elementare "Basisschicht der Arbeit". Zwar lebt man hier vom Existenzminimum, doch der Mangel an Geld soll ja durch psychosoziale Zuwendungen ausgeglichen werden - man dient dem Gemeinwohl, man ist re-integriert und darf sich aufgewertet fühlen. Wer nur lange genug als Drückeberger beschimpft wurde, wird diese Zuwendung dankbar empfangen.

 

 

 

 

Dorothee Obermann:

Doppelte Lottchen wie du und ich

Wie das Klonen von Menschen in den Medien zur Normalität wird

 

Bild-Unterschrift:

Ein Welt-Ereignis, dokumentiert in der WAZ (14.3.98): der erste Kuschelpulli aus der Wolle des Klonschafs "Dolly", vorgeführt von Holly Wharton (12), der stolzen Gewinnerin des Strickmuster-Wettbewerbs, den das Roslin-Institut und die Mukoviszidose-Gesellschaft veranstalteten.

"Sie würden sie für eineiige Zwillinge halten", fuhr Jeannie fort, "und sie haben ja auch tatsächlich eine identische DNS, aber alle acht wurden von verschiedenen Müttern geboren! Ich beschäftige mich schon seit längerem mit Zwillingsforschung. Als ich bei meiner Arbeit auf Zwillinge stieß, die nicht die gleiche Mutter hatten, konnte ich mir zunächst überhaupt keinen Reim darauf machen. Ich ging der Sache nach und kam dann dieser schändlichen Geschichte auf die Spur."

Eine Szene aus Ken Folletts Thriller "Der dritte Zwilling". Jeannie, eine Wissenschaftlerin, entlarvt darin eine Gentechnologiefirma, die Menschen klont. Was Follett noch als Science-fiction präsentiert, rückt näher: In den Medien wird die bisher noch ablehnende Haltung gegen das Klonen langsam aufgeweicht. Klonierte Menschen werden allmählich in das Alltagsbild eines jeden eingefügt.

Mit dem Klon-Schaf "Dolly" verkündeten im Februar `97 nach längerer Geheimhaltepolitik Wissenschaftler um den Embryologen Ian Wilmut in Roslin, daß sie aus einer einfachen Körperzelle eines erwachsenen Schafes einen identischen lebensfähigen Nachkommen erzeugt haben. Die Methode sei auch auf den Menschen anwendbar. Das Roslin Institut beantragte das Patent dieser Klonierungstechnik beim Menschen. "Dolly" löste eines der gewaltigsten Medienechos in der Geschichte der Gentechnik aus. Nach anfänglichen Horrormeldungen über geklonte Schönheitsköniginnen und Diktatoren änderte sich die Berichterstattung: Nun erschienen Beiträge, die sich bemühten, die Angst der Bevölkerung vor einer geklonten Zukunft abzubauen. Einige der als Experten zitierten Molekularbiologen betonen in ihren Beschwichtigungsversuchen immer wieder die "Natürlichkeit" des Klonens. So ist Klonen nach Ansicht von Jens Reich "keine faustische Phantasmagorie, sondern eine weitverbreitete Form der spontanen Vermehrung von Lebewesen" (DIE ZEIT, 07.03.1997).

Als Beleg werden in der Regel eineiige Zwillinge angeführt - womit sich die Argumentation den von Forschern geklonten Menschen zuwendet. €hnlich eineiigen Zwillingen seien Klon und Spender einfach zwei Menschen mit identischem Erbgut, die statt der Laune der Natur der Schöpfungslust der Wissenschaft entsprungen seien. Ein doppeltes Lottchen löse zwar in seiner Umwelt immer ein wenig erstaunte Neugier aus, aber niemand fürchte sich. Der Vergleich mit Zwillingen suggeriert den LeserInnen, daß sie auch vor Klonmenschen und damit vor dem Klonieren keine Angst haben müssen. Nicolai Schirawski bringt es auf den Punkt : "Klone sind genauso normale Menschen wie Zwillinge" (Peter-Moosleitners-Magazin 7/1997). Diese Diskussion ist fatal, weil "Natürlichkeit" zwar vordergründig als gesellschaftliche Norm gesetzt, letztendlich aber instrumentalisiert wird, um einen technisch-künstlichen Prozeß als natürlich zu deklarieren und entsprechend in den Diskurs einzuschleusen. Die Zauberformel für gesellschaftliche Akzeptanz lautet dann: Klonen ist natürlich, das heißt "normal" und somit legitim.

Tatsächlich beinhaltet der Prozeß dieser künstlichen Schöpfung jedoch immer die Möglichkeit der Manipulation und Selektion. Klaus Haefner preist die Klonierung bereits als Möglichkeit, Kosten im Gesundheitsbereich zu reduzieren: "Da sich praktisch niemand ein krankes Kind wünscht, wird eines der ersten Kriterien für die Auswahl eines zu klonierenden Individuums `gute Gesundheit' sein" (FR 3.4.1997). Haefner fokussiert hier die Züchtung von "gesunden Menschen" - die Grenzen zwischen Thriller und Realität verwischen mehr und mehr. 22 prominente Wissenschaftler aus aller Welt haben bereits die "Erklärung zur Verteidigung der Klonierung und der Integrität wissenschaftlicher Forschung" (Volume 17, Free Inquiry Magazine Number 3, 1998) unterschrieben. Darin heißt es: "Wir sehen weder inhärente ethische Dilemmas, höhere nicht menschliche Tiere zu klonen. Noch ist es für uns klar, daß zukünftige Entwicklungen des Klonens von menschlichem Gewebe oder selbst des Menschen moralische Probleme schaffen, die von der Vernunft nicht gelöst werden können". Ethisch-moralische Bedenken werden so der scheinbaren "Rationalität" der (Natur-)Wissenschaft unterworfen und aus der Welt geschafft. In Ken Folletts Thriller gelten die Klone übrigens als Idealmenschen, denn sie sind "gesund, aggressiv, intelligent und blond".

 

 

 

 

Siegfried Jäger:

Linke essen Diskurs auf

 

Während einige besorgte Linke befürchten, "Diskurs essen Realität" auf oder gar den ganzen Rest der Linken (wie die Jungle World am 12.3.1998), möchte ich eher behaupten: Linke essen Diskurs auf. Weshalb das? Ganz einfach: Weil er ihnen schmeckt! Und er schmeckt ihnen, weil sie mit Diskurstheorie und Diskursanalyse eine ganze Menge machen können, um gesellschaftliche Zusammenhänge deutlich und fundiert kritisierbar zu machen und bereits dadurch einen Beitrag zu ihrer Veränderung leisten.

Demgegenüber steht die Ansicht, Wirklichkeit würde im Bewußtsein von Menschen, die unter kapitalistischen Verhältnissen leben, nur verfälscht, verschleiert oder vernebelt wahrgenommen. Vertreter dieser Wahrheit zielen an, diesen Schleier zu durchdringen, zur wirklichen Wahrheit vorzudringen und diese dann - wie auch immer: per Revolution oder sonstwie - in eine neue Wirklichkeit umzusetzen. Und einige dieser Vertreter meinen, "Diskurs essen Linke auf", weil sich die Linken an Michel Foucault orientieren und dieser ein böser Heideggerianer oder gar ein die philosophische Peitsche schwingender Nietzsche-Jünger sei. Dem ist zwar nicht so, so wenig wie Helmut Kohl Marxist ist, weil er einen Satz von Marx zitieren kann. Doch es ist ja etwas unheimlich, wenn jemand behauptet, die Realität sei gar nicht so, sondern die Diskurse seien wichtig, meist in der Prägung: sie seien allein wichtig - was Foucault natürlich niemals behauptet hat. Wie dem auch sei und wieviel nachzuholende Lektüre sich hier auch bemerkbar machen mag - Linke essen Diskurs auf. Weil er ihnen schmeckt. Und das tut er deshalb, weil sie selbst (und natürlich andere auch) auf die Diskurse Einfluß nehmen können, tätig werden können und sie nicht auf den St.-Nimmerleinstag warten müssen, an dem das Kapital den Löffel freiwillig abgibt oder von einer nicht zu sehenden revolutionären Subjektivität in die Knie gezwungen wird. Da bliebe ja nur: sich am Rande des Abgrunds einigermaßen einrichten oder sonstwie zu überwintern.

Aber darüber wollte ich eigentlich gar nicht sprechen, sondern über die erstaunliche Tatsache, daß Diskurstheorie und Diskursanalyse sich unaufhaltsam größerer Beliebtheit zu erfreuen beginnen - bei Soziologen, Psychologen, Pädagogen und anderen Sozialwissenschaftlern und auch bei politisch interessierten Menschen allgemein, und sogar - wer hätte das gedacht - bei Sprachwissenschaftlern. Der Grund: Sie alle haben mit Fluten von Texten zu tun, sie alle haben gemerkt, daß das blinde Anhäufen von Texten und Daten kaum Erkenntnisse zeitigt, insbesondere wenn man ihnen mit quantifizierenden Verfahren zu Leibe rücken möchte. Sie haben - zumindest viele von ihnen - haben gemerkt, daß dies nur zu weiteren Anhäufungen und oft unsinnigen Korrelierungen führt, die im wahrsten Sinne des Wortes nichts-sagend sind. Von der Diskursanalyse Foucaultscher Prägung versprechen sie sich, daß sie den "Fluß von `Wissen` durch die Zeit" zum Sprechen bringen kann; mit anderen Worten, daß sie Entwickungen beschreiben und kritisierbar und damit veränderbar machen können, ohne auf die Barrikaden zu gehen, die dann doch mit lockerer Gewaltanwendung von der Straße gefegt würden.

Das gilt zwar nicht für alle, denn es ist ja nicht immer üblich, einen Gedanken zu Ende zu denken, weil dies zu unangenehmen gedanklichen Konsequenzen führen könnte. Sei's drum! Wichtig ist, daß wir zusehen können, wie sich ein politischer und wissenschaftlicher Paradigmenwechsel anbahnt, der vielseitige Aufmerksamkeit erfährt. Sozialwissenschaftler inklusive Psychologen greifen zu den neuen Instrumentarien und wenden sie an, wie etwa Mark Terkessidis in seinem Buch "Psychologie des Rassismus" (Opladen 1997) oder die Soziologin Hannelore Bublitz bei ihrem Projekt "Kulturkrise". Auch Pädagogen greifen das neue Paradigma auf, wie etwa die Heidelberger Pädagogin Ingrid Dietrich in ihrem Buch "Voll integriert? Zuwanderer-Eltern berichten über Erfahrungen ihrer Kinder mit Schule in Deutschland" (Hohengeren 1997). Und natürlich auch die Sprach- und Sozialwissenschaftler in unserem Institut, deren Projekte sich seit Jahren auf Konzepte angewandter Diskurstheorie berufen, unterstützt und angeregt von den Kulturwissenschaftlern der Bochumer Diskurswerkstatt um Jürgen Link, die seit den frühen 80er Jahren ganze Serien interessanter Diskursanalysen vorgelegt haben (die übrigens in Teilen der Sprachwissenschaft bisher leider kaum zu Kenntnis genommen werden).

Doch auch andere Ansätze bringen sich zur Geltung: So Franz Januscheks Konzept einer "Arbeit an Sprache", die auf Bewußtseinsveränderung durch ebendiese drängt, oder Dietrich Busses Foucault- und Pecheux-Rezeption, durch die er die Bornierungen einer auf Wort, Satz und Text fixierten Sprachwissenschaft zu überwinden trachtet. Während Busse in seinem Buch "Textinterpretation" von 1992 erst noch die Grenzen einer textfixierten Semantik aufzeigen kann und muß, zeigen seine neueren Arbeiten, wie sich diese durchbrechen lassen, wenn Texte als Teile von Diskursen verstanden werden, in denen das "Weltwissen" vorliegt, das erforderlich ist, um Texte zu verstehen und interpretieren zu können. Mir scheint: Diskurs essen auch Sprachwissenschaft auf! Und Sprachwissenschaftlern beginnt der Diskurs zu munden. Ich finde das sehr ermutigend.

 

 

 

 

Brigitta Hunke:

Trauerarbeit im Männerbund

 

Wie bewußtlos und beflissen völkisch-konservative Vorgaben mittlerweile apportiert werden, zeigten die Nachruforgien für Ernst Jünger im Februar 1998. Die Ikone teutonischer Männlichkeit war kaum verschieden, da kondolierten Kanzler Kohl und Bundespräsident Herzog. Sie regten zur kollektiven Trauerarbeit im Männerbund an.

Bereits Anfang der neunziger Jahre war im deutschen Feuilleton die Tendenz zu beobachten, den kriegsgeilen Käfersammler zu rehabilitieren, um ihn auf der Suche nach identitätsstiftenden Vorbildern einzuverleiben. Plötzlich war alles nicht mehr so schlimm mit Jünger. Keinesfalls sei er ein Faschist gewesen, eher ein "Anarch", in jedem Fall eine "Jahrhundert-Gestalt", war nun in fast allen überregionalen Blättern zu lesen. Konkrete Blicke in das Jünger-Werk wurden dabei immer seltener.

Lediglich in der Frankfurter Rundschau blieb das Feuilleton zunächst weitgehend tapfer und berichtete noch 1994 beispielsweise über eine wissenschaftliche Fachtagung. Dort hatte der Historiker Elliot Neamann davor gewarnt, Jünger in die "extraterristische Sphäre zu entlassen". Am Text hatte er gezeigt, wie Jünger den Historikerstreit von 1986 bereits kurz nach dem Ende des Faschismus in der Lesart Ernst Noltes vorweggenommen hatte. Auch beim Schweigen über Auschwitz hatte sich Jünger exponiert und somit wesentlich zum Gründungsmythos der Bundesrepublik beigetragen: "Jüngers Waldgänger- und Anarchentum nach 1945 als versteckte Anweisung zum deutschen Überwintern in den Kältezonen der Schuld zu lesen, gibt den Schlüssel, um zu verstehen, daß die seit einiger Zeit zu beobachtende Wiederkehr Jüngers als Ikone des deutschen Jahrhunderts und die Ausfütterung des regierungsamtlichen deutschen Selbstverständnisses mit den Thesen Noltes, Hillgrubers und Stürmers Parallelen bilden"1, referierte damals die FR.

Doch nur ein Jahr später, zum Hundertsten von Jünger, war es schwierig, Kritik überhaupt noch zu finden. Was Thomas Assheuer 1995 für die Frankfurter Allgemeine Zeitung feststellte, war allgemeiner Tenor: "Eine vollständige Redaktion warf sich vor Ernst Jünger in den Staub wie einst der Untertan vor dem Kaiser"2. Auch 1998 funktionierte der obrigkeitsstaatliche Unterwerfungsgestus. Wie schon 1995 hatten zum Sudeln im braunen Matsch immerhin die obersten Repräsentanten des Landes aufgerufen. Was schert im Journalismus schließlich heute noch wissenschaftliche Erkenntnis, der hauseigene Artikel oder gar die eigene Einstellung von gestern. Mann geht auch in der FR mit der Zeit. In seinem Kondolenz-Kommentar überschlug sich Wolfram Schütte geradezu über die "Jahrhundert-Gestalt"3, wahlweise nun auch verehrt als der "abenteuerliche Anarchist"- aus der Selbstbezeichnung Jüngers, dem "Anarch", wird glatt der "Anarchist". An Jünger-Texten kann Schütte das nicht belegen. Dafür arbeitet er mit Anspielungen, unternimmt beispielsweise den absurden Versuch, Jünger positiv mit Elias Canetti und Thomas Mann zu vergleichen. Das ist mindestens aus ästhetischen, noch mehr aus politischen und humanitären Gründen ehrverletzend für die vom Naziregime Verfolgten.

Doch diese Geschmacklosigkeit liegt ganz auf der Linie des staatlichen Oberhauptes deutscher Männerbündler. So ließ sich Roman Herzog zu der emphatischen Luftblase hinreißen, Jünger sei ein "einzigartiger Zeuge der Zeit"4 gewesen. Für Schütte wird Jünger am Ende seiner Grabrede gar ein "furchtlos-neugieriger Intellektueller". Nichts Neues, dafür etwas dezenter formuliert, hatte dann im Feuilletonteil des gleichen Tages der Germanist Harro Segeberg mit "Wege und Irrwege einer Epochenaneignung" beizutragen. Die Bewunderung kaum beherrschend, versucht dieser nun Jünger links von Kohl zu verorten, mutmaßt im Werk "sinnzentrierte Tiefendeutungen" und verleiht ihm deshalb das Label "surrealistischer Traum-Forscher".

Wie wenig intellektuelles Deutungsvermögen und historische Kenntnis bzw. Verantwortung im journalistischen Milieu Ende der neunziger Jahre noch verbreitet sind, war dann auch von FAZ bis taz nachzulesen. Eine Woche nach der Anti-Gleichstellungskampagne widmete die Zeit ihr Dossier "Der beste Feind der Moderne"5 dem "Stahlgewitter". Thomas Assheuer bemühte sich zwar, in der Atmosphäre des allgemeinen Jubels über die neu entdeckte Identitätsfigur subversiv mit philosophiegeschichtlicher Einbettung das unheilvolle Geistesumfeld der konservativen Revolution zu beschreiben. Doch fehlte ihm diesmal der scharfe Blick. Trotzdem hebt sich die kritische Zurückhaltung wohltuend gegen das Manöver des Kollegen Richard Herzinger in der gleichen Ausgabe ab. Der ist nun auch endgültig beim Zeitgeist angekommen, 1997 sogar mit einem ganzen Buch "Die Tyrannei des Gemeinsinns". Darin strickt er die Masche des Nonkonformismus, entdeckt die "subversive Kraft des Egoismus" und rechnet lauthals, als sei es seine Erfindung, mit der "moralischen Korrektheit" ab. So wird auch nachvollziehbar, warum er naßforsch versucht, Ernst Jünger als "spät entdeckte Leitfigur" der Linksintellektuellen zu entdecken. In diesem einigermaßen absurden Unterfangen fallen dann Namen wie Frank Schirrmacher und Peter Sloterdijk sowie die der Bockssänger Hans-Jürgen Syberberg, Heiner Müller, Günter Figal und Heimo Schwilk. Botho Strauß bekommt gar den Zusatz "ehedem ein Darling der Linken" verpaßt.

Erstaunlicherweise durfte aber auch eine Frau das Dahinscheiden der patriarchalen Leitfigur mit dem Piepmatz auf der Schulter kommentieren, nämlich Brigitte Sauzay, die frühere Dolmetscherin von Mitterand. Der hatte den Kanzler 1984 ins geschichtsträchtige Verdun eingeladen. Kohl kam damals mit Ernst Jünger im Schlepptau. Angewidert erinnert sich Sauzay an Jünger und daran, wie sie damals ihrem Präsidenten direkt die Meinung gesagt hatte: " Ich mag die `Stahlgewitter' nicht, hasse den Krieg, glaube nicht, daß er den wahren Menschen offenbart. Ich kann diesen virilen Elitismus nicht leiden. Noch schlimmer ist `Auf Marmorklippen', das als antifaschistisches Buch gepriesen wird und nichts anderes ist als eine Apologieder Diktatur, das Hohelied auf eine Welt voller Verachtung für die Schwachen, den Pöbel".

Lediglich in der Wochenzeitung Freitag war in den Tagen danach die erste große kritische Analyse eines Deutschen in den überregionalen Blättern zu lesen, eine ohne wenn, aber und rhetorische Tricks: "Stahlgewitter mit Erdbeeren"6. Der Autor Rudolf Walther hält es wie die Französin mit dem dichten Lesen, also der altmodischen Textarbeit und arbeitet so insbesondere die "katastrophalere Wirkung" von Jüngers politischer Publizistik heraus. Diese kritische Betrachtung der Werkedition Jüngers, der nach und nach Pamphlete wie "In Stahlgewittern" politisch entschärft hat, zeigt, wie mit dem sukzessiven Umschreiben dieser "Urtexte" die Jünger-Gemeinde auch ihre Uminszenierungsstrategie verfeinert hat, bis aus dem Waffenanbeter schließlich der Widerständler wurde. Doch auch beim Freitag geht's mittlerweile ausgewogen zu. Direkt in der Spalte nebenan durfte Michael Braun die Jünger-Kritik gleich am Anfang mit dem Mantra in die Schranken verweisen: "Auch posthum wird er sie nicht bestehen können, die Probe auf politische Korrektheit". Und dann arbeitet dieser, Karl Heinz Bohrer zitierend, heraus, Jünger habe an der "Weiterentwicklung der Metapher des Schmerzes" gearbeitet. Natürlich kommt Braun ohne Textbelege aus.

Noch existieren in der Frankfurter Rundschau aber auch Nischen für den Widerspruch. Einige Tage nach den unsäglichen Lobeshymnen schuf die verantwortliche Redakteurin der Dokumentenseite Platz für die erste längere wissenschaftliche Analyse, die in überregionalen deutschen Zeitungen überhaupt erschienen ist. Redakteurin und Autor lassen schon mit der Überschrift "Die Schule des männlichen Fundamentalismus"7 keine Zweifel aufkommen. In seinem Beitrag betreibt Bernd Weisbrod eine ganz andere Metaphernanalyse. Ebenfalls ganz traditionell am Text widmet er sich den "exaltierten Zuständen des Tötungsrausches", dem der "Egomane" Jünger in seinen einschlägigen Pamphleten wie "In Stahlgewittern" verfallen ist. Der "ungeheure Vernichtungswille" liegt für ihn klar im Werk, wie er unter anderem an folgender Textstelle herausarbeitet: " Unter allen erregenden Momenten des Krieges ist keine so stark, wie die Begegnung zweier Stoßtruppführer zwischen den engen Lehmwänden der Kampfstellung. Da gibt es kein Zurück und kein Erbarmen. Das weiß jeder, der sie in ihrem Reich gesehen hat, die Fürsten des Grabens mit harten, entschlossenen Gesichtern, tollkühn, geschmeidig vor und zurück springend, mit scharfen blutdürstigen Augen, Männer die ihrer Stunde gewachsen waren"8.

Dieses "wollüstige Schreiben" ist für Weisbrod durchgängig: "Jeder Satz ein Anschlag, so geht es weiter, jedes Wort ein obszöner Erguß. Was hier strömt, (...) es ist die aggressive Angst-Lust". Und er läßt keinen Zweifel: "Jüngers Texte sind Bekenntnisschriften für einen historischen Männlichkeitsentwurf, der seinen letzten, den quasi-religiösen Grund im `Wille zum Opfer' als `rettende Tat' finde. (...) Der starke Staat gegen die weibische Gesellschaft, der soldatische Männerbund gegen die demokratischen Parteien, die männliche Autorität gegen den weichlichen Frieden, die ganze Republik war ihnen wie ein `Dolchstoß der Frau in den Rücken des Mannes'". Und Weisbrod definiert auch dessen historische Verantwortung: "Ernst Jünger war gewiß nicht der einzige, der daran arbeitete, dem `Phallus goldene Tempel zu errichten`. (...) Aber Jünger war der einzige, der in der `Wiederentdeckung der Gewalt`, im Gemetzel des Grabens, in diesem `auf die Spitze getriebene(n) Mannestum` (...) die `männliche Form der Zeugung erfand`. (...) Hierin liegt seine Bedeutung, nicht seine Größe". Dieses Ergebnis kann bei einer genauen Textanalyse, ohne patriarchale Empfindungen, eigentlich auch nur herauskommen.

Und spätestens nach dieser Art von Lektüre kann die mystische Chiffre des orgiastischen Mordgetümmels in "Ithaka" von Botho Strauß nur noch als Plagiat gelesen werden. Auch die kulturellen Wurzeln des Ekels vor der sexuell bewußten Frau sind nun viel besser nachvollziehbar. Doch die FR-Dokumentenseite war gerade gedruckt, da hatten auch die Spiegel-Mannen ihr Trauern über den "Anarch des Jahrhunderts" (Der Spiegel, 23.02.1998) bereits in Zeilen gegossen. Jünger habe zwar "dem Nationalsozialismus von Herzen den Sieg" gewünscht und sogar Augstein weiß, "Antisemit war Jünger wohl". Aber auch das macht nichts, sie phantasten ihn in die oberste Etage des Jenseits: "Von Jahr zu Jahr weniger umstritten, wird der Tote nun endgültig ins Pantheon erhoben werden."

 

Fußnoten:

1 Frankfurter Rundschau, 7.10.1994

2 Thomas Assheuer: Die Angst des Denkers vor dem Neuen, in: Die Zeit, 7.11.1997

3 Frankfurter Rundschau, 18.02.1998

4 Zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.1998

5 Die Zeit, 20.02.1998

6 Freitag, 20.02.1998

7 Es ist eine verkürzte Fassung des Aufsatzes von Bernd Weisbrod: Ernst Jünger: In Stahlgewittern, in: Wilfried Barner (Hg.): Querlektüren, Göttingen 1997, S. 168-186.

8 Dieses Zitat stammt aus "In Stahlgewittern", S. 244, zitiert nach Weisbrod, Frankfurter Rundschau, 21.02.1998

 

 

 

 

Aus dem Tagebuch einer Sozialdetektivin:

Die Fälle der Karla Kowalski

Das Geheimnis des Gartenzwergs

 

Ich hockte mal wieder in Gerda's Schlemmerstübchen, als ein muskulöser Schatten auf meine Currywurst fiel. "Hallo, Karla Schätzchen", sagte Grundmann, "Interesse an einem Auftrag? Morgen früh. Netter kleiner Job, schnelles Geld." Grundmann geht nicht mehr selbst auf Kontrolle. Er läßt fünfzehn Greifer für sich laufen, pflegt seinen Waschbrettbauch und kassiert ab. Seine Greifer laufen für 60/40. Wenn bei Grundmann mal der Bizeps platzt, geb ich eine Runde Sekt aus. Aber als freie Sozialdetektivin kannst du im Umgang nicht wählerisch sein und mußt die Aufträge nehmen, wie sie kommen. "Also was ist, Karla? Sagen wir 50/50." "Ich mach's für 70/30", sagte ich. "Ist quasi vor der Haustür, bei Kevelaar. Letztes Angebot."

Der Morgen war kühl und diesig, Aprilwetter, als ich durch die Felder zum Spargelhof Kevelaar fuhr. Natürlich für 50/50. Gegen einen, der mit Vornamen Guido W. heißt, hast du keine Chance. Nasse Kohlfelder links und rechts, dann Kartoffeln und Rüben, noch mal Rüben, dann zur Abwechslung wieder Kohl. Kurz vor der Einfahrt zum Spargelhof geriet ich in eine dieser Prozessionen. Mindestens hundert Leute lagen platt auf dem Asphalt und beteten ihre Litanei ab: "Herr, schenk uns Arbeit. Herr, erbarme dich." Hupen oder aussteigen ist nicht ratsam, denn manchmal dreht einer durch und schlägt dir seine Geißel-Peitsche gegen die Beine. Am besten wartet man, bis sie weiterpilgern.

Ich wollte gerade anfahren, als ein kleiner bärtiger Mann in mein Auto spähte. Er zwinkerte unverschämt und öffnete schnell seine Faust, und für Sekunden sah ich, was auf der Handfläche lag: ein winziger, pfeiferauchender Gartenzwerg mit roter Mütze. Diese Arbeitspilger sind bekanntlich irre, aber harmlos. Trotzdem war ich so erschrocken und unruhig, daß ich auf dem Spargelhof sofort raushüpfte und um den Wagen lief. Der Kleine hatte mir nicht die Reifen zerstochen, aber auf dem Kotflügel prangte eine fingerlange frische Schramme. Dieser Job fing schlecht an.

Der Spargelbauer, ein ausgemergelter Typ mit Baseball-Kappe, hörte sich mißmutig mein Sprüchlein an: "Sozialdetektei Kowalski? Na gut." Dann prockelte er mit dem kleinen Finger im Ohr, studierte in Ruhe das Ergebnis seiner Tiefenbohrung und sagte mürrisch: "Vier Leute sind überfällig, alle anderen pünktlich angetreten." Während ich die Listen vom Amt durchging, kam die Kolonne mit Kisten und Spargelstechern aus dem Schuppen. Noch immer wird mir schlecht, wenn ich an die Erdwälle denke, mit bleichen Stangen gefüllte Massengräber, acht Hektar Erdwälle bis zum Horizont und ich mitten drin. Sechs Wochen bücken, dann war ich zermürbt und reif für die Umschulung zum Greifer. "Haben Sie kein Mitleid, wenn Sie die armen Hunde abgreifen?" sagte der Bauer. "Genausoviel wie Sie, wenn Sie den Lohn unter 4 Euro drücken", sagte ich, wendete meine Karre und ließ ihn stehen.

Ein gewisser Szepinski, wohnhaft in Meiderich, stand als erster auf meiner Liste. Während ich seine Klingel traktierte, wurde nebenan die Tür eine Handbreit geöffnet und eine alte Frau linste heraus. Wenn ich zu Szepinski wollte, der wär garantiert im Garten. Ich liebe hilfsbereite Nachbarinnen in Kittelschürzen. Beim Spargel krank gemeldet, aber zu Hause beim Umgraben erwischt, das ist geradezu ideal - bringt ihm acht Wochen Alg-Sperre und mir eine nette Provision. Auf der Fahrt zum Schrebergarten kam endlich die Sonne raus. Ein klarer, sauberer Fall, dachte ich.

Der Schrebergarten "Bienenfleiß", wo Szepinski nach Auskunft der Nachbarin die Parzelle 117 beackerte, war ein Genuß für jeden Ordnungsfetischisten. Hart gestutzte Koniferen-Bataillone bewachten weiße Häuschen. Erdbeeren standen brav in Reih und Glied, und sogar die versprengten Löwenzähne benahmen sich anständig. In vielen Parzellen lagerten Gartenzwerge mit roter Mütze, Pfeifchen in der Hand, und auf dem Pfeiler des Eingangstors ruhte der General dieser Invasionsarmee: ein Riesenzwerg, vom großen Zeh zum Mützenzipfel glatt ein Meter lang.

Ich ging querdurch, aber das Gelände schien menschenleer. Kein Szepinski in Sicht. Das Vereinshaus war verriegelt, aber unten stand ein Fenster offen, und ich dachte, es könnte nicht schaden, einen kurzen Blick zu riskieren. Vielleicht war Szepinski ja drinnen damit beschäftigt, eine neue Zwergen-Lieferung auszupacken. Kaum hatte ich reingesehen, da wußte ich endlich, was meine Oma meinte, wenn sie rief: Mich trifft der Schlag! Auf einem großen Tisch lagen Papp-Tafeln mit Sprüchen: "Zerschlagt die Arbeitspflicht!" und "Fairer Lohn ist Menschenrecht!" Daneben ein Transparent: "Wer Spargel sticht und sich nicht drückt, der ist verrückt!" Ein Stützpunkt der berüchtigten Arbeitsscheuen Zellen. Und ich war direkt hineingestolpert.

Sofort weg hier, war mein erster Gedanke. Mein zweiter war: Wenn ich die AZ fasse, bin ich saniert. Aber dazu brauchte ich Zeugen, am besten amtliche. Ich sprintete zum Eingangstor, vorbei an dem Riesenzwerg, der mir jetzt höchst wachsam schien, geradezu lebendig und mit beweglichen bösen Augen. In einer Nebenstraße fand ich die Polizeiwache, besetzt mit einem dicklichen älteren Sheriff. Er las Sport im Westen und knackte dabei Erdnüsse. Als ich meine Geschichte herausgestammelt hatte, schüttelte er den Kopf: "Na sowas. Dann wollen wir uns die Sache mal ansehen." Er wuchtete sich hoch, versorgte umständlich Zeitung, Nußschalen und Brille und brachte mich auch sonst zur Verzweiflung. Zum Schluß hängte er noch ein Schild raus: "Mittagspause. Bitte warten".

Als wir das Vereinshaus endlich erreichten, stand die Vordertür einladend offen. Drinnen saßen fünf Schrebergärtnerinnen, alle so um die 50, bei Kaffee und Kuchen. Die Damen waren reizend, boten Torte an und fanden die Durchsuchung zum Schreien komisch. Mir war zum Heulen. Von Tafeln und Transparenten keine Spur. Der Sheriff begleitete mich bis zum Eingangstor. Als ich den Riesenzwerg auf seinem Pfeiler hocken sah, bin ich dann wohl etwas ausgerastet. "Ich schwöre Ihnen, die Sachen waren da. Dieser eklige Zwerg hat mir nachspioniert, und dann haben die mich verarscht." "Aber Frolleinchen", sagte der Sheriff, "der Zwerg, der lebt doch nicht. Bestimmt arbeiten Sie zuviel. Dann sieht man manchmal Sachen, die's nicht gibt. Nun gehn Sie mal nach Hause und schlafen bißchen." "Ich muß noch den Szepinski und drei andere Leute kontrollieren." "Ach, der Szepinski", sagte er nachdenklich, "um den kümmere ich mich, großes Ehrenwort. Und die drei anderen erwischen Sie morgen."

Da fuhr ich nach Hause, legte mich aufs Sofa und zog mir Krieg der Sterne 1 bis 3 und mehrere Gläser Glenfiddich rein. Meine Provision belief sich übrigens auf exakt null Euro. Die drei anderen tauchten noch am selben Nachmittag beim Spargelbauern auf. Szepinski reichte ein Attest rein: Allergie gegen Birkenpollen und Gräser, für landwirtschaftliche Tätigkeiten ungeeignet.

 

 

 

 

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